Deutsches Liedgut "Der Schlager hat sich selbst entmannt"

Schlager war mal Mainstream - wieso gibt es heute keine Melodien für Millionen mehr? TV-Showmaster und Musikkenner Götz Alsmann spricht im Interview über Willy Brandts Liebe zu Heino, den Sozialrevolutionär Udo Jürgens und verrät, wieso die Toten Hosen eigentlich eine Schlager-Combo sind.

dpa

einestages: Herr Alsmann, die Comedian Harmonists, Zarah Leander, Caterina Valente, Udo Jürgens - das sind allesamt Schlagerstars des vergangenen Jahrhunderts. Für die Jetztzeit will einem nicht so recht einer einfallen. Im Haus der Geschichte in Bonn eröffnet jetzt auch noch eine große Ausstellung unter dem Titel "Melodien für Millionen - das Jahrhundert des Schlagers". Ist das ganze Genre Schlager reif für's Museum?

Alsmann: Im SPIEGEL wurde mal ein Artikel über einen Schlagersänger angekündigt als "Bericht aus einem Paralleluniversum". Da ist heute etwas dran. Wer Ende der sechziger Jahre als ganz normaler Rundfunkhörer jedweden Alters das Radio anmachte erfuhr, dass es sowohl die Rolling Stones als auch Roy Black gibt, er erfuhr von Mantovani und Louis Armstrong. Wenn man heute das Radio anmacht, erfährt man das eben gar nicht mehr. Das Formatradio hat dazu geführt, dass die Mehrheit keinen Anteil mehr nimmt an der Entwicklung der populären Musik. Wer nicht schon bekehrt ist, wird von der Predigt erst gar nicht erreicht.

einestages: Was ist eigentlich der Unterschied zwischen einem Hit und einem Schlager?

Alsmann: Wie Sie Ihrer Frage messerscharf zugrundelegen, ist Schlager die deutsche Übersetzung des englischen Worts "Hit". Eigentlich müsste es aber richtig "Treffer" heißen. Schön sind ja immer die Pressetexte der Plattenfirmen: "Morgen erscheint der neue Hit von Soundso" - ob es ein Treffer wird, muss sich da ja noch zeigen. Meine Definition von Schlager jedenfalls wäre: Jede Form von Unterhaltungsmusik in deutscher Sprache. Auch wenn man hierzulande jahrzehntelang vom "amerikanischen Schlagersänger" Frank Sinatra lesen konnte.

einestages: Und wann erlebte die deutsche Treffermusik ihren Urknall?

Alsmann: Die Geschichte des Schlagers beginnt eigentlich mit der "silbernen" Operette Anfang des 20. Jahrhunderts - mit Komponisten wie Paul Linke in Berlin und Franz Lehar in Wien. Mit Lehars "Lustiger Witwe" spaltete sich 1905 die ernste Musik von der Unterhaltungsmusik ab, oder auch umgekehrt. Ab da hat der Schlager ungefähr im Zehn-Jahres-Rhythmus den jeweilis aktuellen Musiktrend aufgegriffen: In den zwanziger Jahren die Comedian Harmonists mit ihrem mehrstimmigen Gesang; in den Dreißigern kam Rudi Schuricke mit seinen Tangos groß raus, in den Vierzigern dann plötzlich Evelyn Künnekes jazzorientierte Sachen - und so weiter. Es klang alles immer ganz anders, und das einzige Bindeglied war und ist die deutsche Sprache.

"Wir haben das irgendwie als Punkrock aufgefasst"

einestages: Gibt es heutzutage denn überhaupt noch richtige Schlager? Interpreten wie Dieter Thomas Kuhn und Guildo Horn schwanken doch irgendwo zwischen Epigonentum und Karrikatur.

Alsmann: Das ist nach meiner Definition alles Schlager, wie auch die Toten Hosen und Reinhard Mey! In den siebziger Jahren gab es in Frankreich einen Plastic Bertrand - wir haben das hier irgendwie als Punkrock aufgefasst, und so verstand er sich vielleicht auch selbst. Aber für die Franzosen war er in erster Linie ein ulkiger, putzig aussehender Chansonnier.

einestages: Schlager mit subversiven Inhalten kann man sich hierzulande wirklich schwer vorstellen. Sozialkritik kommt in dem Genre doch eher selten vor, und wenn, dann in massenkompatibler Form wie bei Udo Jürgens' "Ehrenwertem Haus".

Alsmann: Aber speziell dieses Lied hat in Deutschland wahrscheinlich mehr bewirkt als zehn Bob-Dylan-Songs zusammen. Ich glaube, dass die Unmittelbarkeit der deutschen Sprache da mehr gewirkt hat als die ambitionierten Elaborate großer amerikanischer Song-Poeten, die im großen und ganzen über das studentische Publikum hinaus keine Wirkung gezeigt haben

einestages: Aber war der Schlager wirklich je Trendsetter? Oder hat er nicht im Gegenteil immer eher Trends breitgetreten?

Alsmann Der Schlager ist immer dem Trend etwas hinterhergelaufen. Die wirklich großen musikalischen Innovationen sind nur sehr selten hierzulande fabriziert worden. Als Bully Buhlan mit der RIAS-Bigband Anfang der Fünfziger seine klassischen Aufnahmen machte, da gab es natürlich den Swing schon etwas länger. Andererseits gab es hier bereits in den zwanziger Jahren einen Sänger namens Peter Rebhuhn, der lief dann später mit einer Visitenkarte herum, darauf stand "Deutschlands erster Sänger im Hot-Stil".

"Einer der Lieblingssänger von Willy Brandt war Heino"

einestages: Was unterscheidet Schlagerfans von normalen Menschen?

Alsmann: Dieses alte Klischee aus den Siebzigern, dass Linke Rockmusik hören und Konservative Schlagerfans sind, ist Unsinn. Einer der Lieblingssänger von Willy Brandt war Heino! Der frühere CDU-Verteidigungsminister Manfred Wörner war ein großer Rolling-Stones-Fan. In vielen deutschen Haushalten standen in den sechziger Jahren doch eine schicke Bossa-Nova-Platte, eine Scheibe von Udo Jürgens und eine LP von den Rolling Stones verhältnismäßig einträchtig nebeneinander im Regal.

einestages: James Last nicht zu vergessen ...

Alsmann: Durchaus! Man muss sich ja klar machen, dass die Udo-Jürgens-LPs dieser Zeit, so zwischen '66 und '70, wirklich eher in Zahnarzthaushalten gehört wurden, mit ihren teilweise schon sehr jazzartigen Arrangements. Oder nehmen wir Hildegard Knef.

einestages: Hat der Schlager im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts musikalisch nachgelassen? Kann es Howard Carpendale musikalisch noch mit Rudi Schuricke aufnehmen?

Alsmann: So um 1970 kamen Schlagerkomponisten ans Ruder, die ihr Handwerk nicht mehr bei Igor Strawinski oder Arnold Schönberg gelernt hatten. Peter Kreuder, Michael Jary, Friedrich Meyer - das waren ja Leute, die auf höchstem Niveau Musik studiert hatten und dann mit Lust Revuen oder Schlagerfilme komponierten. Sie wurden abgelöst von Leuten, die die zweiten Beatles sein wollten. Als ihre Rockkarrieren steckenblieben, machten sie sich mit ihrem völlig anderen musikalischen Hintergrund ans Komponieren von Schlagern. Auch die Textergeneration der Zwanziger und Dreißiger war ein völlig anderer Schlag als heute. Die kamen alle aus dem Kabarett; das waren pointensichere Textwitzbolde.

"Noch 1944 wurde in Deutschland Jazz-Musik produziert"

einestages: Was waren denn für Sie die Sternstunden des deutschen Schlagers schlechthin? Verraten Sie uns Ihre persönlichen drei besten Schlager aller Zeiten?

Alsmann: Oh, oh, oh (seufzt). Das ist so tagesformabhängig...

einestages: Anders gefragt: Gibt es das Jahrzehnt des Schlagers?

Alsmann: Mitte der Dreißiger bis Mitte der Fünfziger war kompositorisch sicherlich die Hochzeit.

einestages: Ausgerechnet in der Nazizeit?

Alsmann: Ja, durchaus. Es wurde ja auch fröhlich gejazzt zu der Zeit. Noch 1944 wurde in Deutschland Jazz-Musik produziert. Das Jazz-Verbot bezog sich ja auf das, was die Nazis, die ja frei von Sachkenntnis waren, als Jazz verstanden, nämlich englischsprachige Musik. Und wenn dann Horst Winter und sein Quartett "Nacht im Kongo" herausbrachten, dann war das zwar unglaubliche Hot-Musik - aber die Nazis erkannten das nicht als Jazz, denn es hatte ja einen deutschen Titel.

einestages: Und bis wann gab der Swing dem Schlager Schwung?

Alsmann: Die große Zeit endet dann so Mitte, Ende der Fünfziger. Heinz Gietz war noch einer aus dieser Ära, der die ganzen großen Sachen für Bill Ramsey und Caterina Valente geschrieben hat. Zum Teil mit Joachim Fuchsberger als Texter - "Blumen für die Dame" zum Beispiel. Das waren schon großartige Lieder. Nicht ohne Grund sind die zum Teil auf Englisch nachgetextet worden - "Flowers for the Lady" war ein großer Erfolg in Amerika.

einestages: Ist diese Tradition denn endgültig abgebrochen?

Alsmann: Der Schlager teilte sich in den Siebzigern in einem großen Schisma auf in die volkstümliche Unterhaltungsmusik und in alles andere, was auch auf Deutsch gesungen wurde. So hat sich der Schlager selbst entmannt. Er hat allen anderen Stilrichtungen gesagt: Ihr seid Chanson, ihr seid Rock, ihr seid irgendwie komisch, ihr seid nicht das Richtige. Die Schlagerwelt hat damals einfach verabsäumt, Udo Lindenberg, die Band "Ihre Kinder" und die Liedermacher ins eigene Boot zu holen.

"Tom Jones - das wäre bei uns Udo Jürgens gewesen"

einestages:Udo Lindenberg in der ZDF-Hitparade bei Dieter Thomas Heck? Schwer vorzustellen.

Alsmann: Dieses Lagerdenken ist schon ein ziemlich deutsches Phänomen. In Frankreich sind immer auch die etwas anderen Künstler im "Olympia", dem Schlagertempel Nummer eins in Paris, aufgetreten. Die Engländer brachten in der Beat-Ära noch einen Tom Jones hervor - das wäre bei uns Udo Jürgens gewesen, der aber eben von der verhärteten Pop-Jugend den Älteren überlassen wurde

einestages: Hat der Schlager also doch nur noch Nostalgiewert? Oder geben Sie ihm eine Zukunft?

Alsmann: Ich glaube, dass der Bruch gerade wieder gekittet wird. Das ging los mit so einem Hauch Nostalgie, mit Max Raabe, Ulrich Tukur und auch ich darf mich hier wieder ins Feld führen. Im Laufe der vergangenen zwei, drei Jahre hat diese Musik eine sehr breite Öffentlichkeit erreicht - durch Alben, die wieder auf Pointen setzen, die mit akustischen Instrumenten und teilweise großem Orchester produziert werden. Und dann kamen Annett Louisan und Roger Cicero.

einestages: Und welchen Schlager pfeift Götz Alsmann am liebsten unter der Dusche?

Alsmann: Sie werden es nicht glauben - ich pfeife unheimlich gerne das Zeug, das ich selber singe. Heute morgen war es "Der blaue Montag" von Evelyn Künneke, das Eingangsstück meines letzten Albums.

Das Interview führte Hans Michael Kloth.



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Seite 1
Reinhard Koenen, 13.05.2008
1.
Eine zutreffende Darstellung von Götz Alsmann, Frage bleibt, warum es bei dieser Sterilität ab den 50er Jahren geblieben ist? Könnte man da einmal Vergleiche zu anderen Ländern wie Frankreich, Italien oder gar Brasilien anstellen?
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