Zeitzeugen der Nachkriegszeit "Es hat keine 30 Sekunden gedauert, bis ich dem Führer untreu wurde"

Not und Trümmer, GIs und Kohleklau: "Erinnern Sie sich an die Nachkriegszeit?", fragten wir. Das Echo war riesig, jetzt erzählen die Zeitzeugen - auf einestages und in der neuen Ausgabe von SPIEGEL GESCHICHTE.

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Heinrich Kalbitzer, Jahrgang 1936, mailt aus Australien: Wie köstlich das Brot schmeckte, das seine Mutter beim Bauern aus der Jauchegrube geklaubt hatte. Es machte die Familie eine ganze Woche lang satt.

Rosemarie Seeger (Jahrgang 1930, Bochum) beschreibt, wie ein russischer Kommandant ins Schlafzimmer ihrer Eltern stürmte. Wo er - wohl auf der Suche nach Alkohol - in einem Zug eine Flasche Parfüm austrank. Marke: "Soir de Paris".

Detlef H. Schnetzer (Jahrgang 1941, Hamburg) schildert, wie grauenvoll es war, als Kind in der Aula zu sitzen. Dort zeigten englische Soldaten den Schülern Aufnahmen aus Konzentrationslagern: Asche und Skeletteile, Haufen von Brillen, Schuhen, Gebissen.

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Deutschland nach '45: Trümmerfrauen, Schwarzmarkt, Flüchtlinge - eine Zeitreise

"Haben Sie die Jahre von 1945 bis 1949 erlebt?", fragten wir im November 2017 per Zeitzeugen-Aufruf - die Resonanz war überwältigend. In kurzer Zeit erreichten uns mehr als 500 Briefe und Mails, auch aus Frankreich, Kanada, den USA, Irland, Schweden oder von den Westindischen Inseln. Herzlichen Dank! Wegen der vielen Einsendungen war es uns nicht möglich, jedem persönlich zu antworten, dafür bitten wir um Verständnis.

Schmerzhafter Prozess

Oft hatten Töchter, Söhne, Enkel den Aufruf entdeckt und waren darüber mit ihren Eltern und Großeltern ins Gespräch gekommen. Die fassten sich ein Herz und schickten ihre Erinnerungen und Fotos, Tagebuchaufzeichnungen, Briefe, Gedichte und Rezepte aus der für sie so prägenden Zeit.

In die Vergangenheit abzutauchen, war mitunter kräftezehrend und schmerzhaft. Dennoch freuten sich zahlreiche Menschen, dass endlich mal jemand die Älteren zum Zurückschauen ermuntert.

"Ich möchte mich für den Aufruf bedanken", schrieb etwa Fabienne Pradella aus Mainz. "Die daraufhin von meiner Oma festgehaltenen Erinnerungen sind die letzten, die sie aufschreiben konnte, und sehr wertvoll für mich und die gesamte Familie." Pradellas Großmutter Gisela, Jahrgang 1924, verstarb im Januar 2018.

Wie die Menschen die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg erlebten, steht in der neuen Ausgabe von SPIEGEL GESCHICHTE, das Heft 1/2018 ist ab sofort erhältlich. Zudem werden in den kommenden Wochen auf einestages in loser Folge Zeitzeugen zu Wort kommen; mit manchen haben wir Videos gedreht.

Tödliches Spiel mit dem Kriegsschrott

Sie erzählen von Hunger und Kälte, vom Schwarzmarkt und ihren Nöten als Flüchtlingen. Oder auch von der enormen Faszination, die Kriegsschrott und alte Munition damals auf Kinder ausübten: ein äußerst riskantes, mitunter tödliches Spiel. Dazu schrieb uns etwa Hero Paul Gerken (Jahrgang 1934, Hamburg):

"Ein beliebter 'Spielplatz' war eine Sammelstelle für ausgediente Kriegsfahrzeuge am Alexanderfeld. Vom Motorrad bis zum Tiger-Panzer reichte das Angebot. Letzterer war leider nicht zugänglich, weil wir die schwere Luke nicht aufbekamen. So begnügten wir uns mit einem Leichtpanzer, dessen Geschützturm schon offen und per Handkurbel zu bewegen war. Explosives? Fehlanzeige! So viel Glück hatte ein Nachbarjunge nicht; er hatte auf dem Hof des Lehrerseminars an der Peterstraße mit Freunden Handball gespielt. Der Ball war eine Handgranate."

Maschinengewehrpatronen als Spielzeug (1947)

Maschinengewehrpatronen als Spielzeug (1947)

Lothar Sonntag (Jahrgang 1933, Hausach) berichtet dazu:

"In den verlassenen Stellungen rund um den Bahnhof lag immer noch genügend Flakmunition zum Spielen. Den 3,8-cm-Granaten wurden das Projektil herausgebrochen, die Pulverladungen auf einen Haufen geschüttet und angezündet. Manche Buben waren nicht schnell genug beim Weglaufen und verbrannten sich das Fell, einer meiner Klassenkameraden kam ohne Haare in die Schule, ein anderer überlebte die Explosion nicht."

Was sie als Kinder durchgemacht hatten, traumatisierte zahlreiche Menschen: "Es gab damals keine Psychologen oder irgendeine Hilfe, um die Erlebnisse zu verarbeiten", betont Erika Reinicke (Jahrgang 1934, aus Berlin). "Jeder musste selbst sehen, wie er damit fertig wurde - auch wir Kinder. Manche haben es nie geschafft."

"Männer in Röcken!"

Mit einer Mischung aus Furcht und Neugier beobachteten die Deutschen 1945 die einmarschierenden Siegermächte. Rudolf May (Jahrgang 1940, Lübeck) erinnert sich, wie verblüfft er beim Anblick schottischer Besatzungssoldaten war:

"Dann kam er, der Feind. Zuerst ein Panzer, auf dem Soldaten saßen. Dann ein Kübelwagen (später lernte ich, dass man das Jeep nennt) und danach zwei Männer in karierten Röcken, weißen Socken, blauen Jacken und einem Käppi auf dem Kopf. Männer in Röcken! Einer spielte Dudelsack, der andere führte eine weiße Ziege an der Leine. Keine Waffen. Nur dieser quäkende Sack, der aussah wie ein karierter Igel mit wenigen Stacheln. (...) Keiner war blutverschmiert oder trug sichtbar ein Messer. Ich war begeistert. Es hat keine 30 Sekunden gedauert, bis ich dem Führer untreu wurde."

Sabine Schneider (Jahrgang 1940, damals in Bayern) war begeistert von den rosafarbenen Fußsohlen eines Schwarzen - und den seltsamen Köstlichkeiten, die GIs Kindern zuwarfen:

"Da waren einmal die Jeeps, auf denen man manchmal sitzen durfte, vor allem die Buben waren darauf total scharf. Oder die Schwarzen, auch sie hatten wir noch nie gesehen. Einer von ihnen hat sich auf die Wiese neben dem Gemüsegarten von Fräulein Moritz gesetzt, seine hohen Stiefel ausgezogen und uns gezeigt, dass auch seine Fußsohlen so zauberhaft und leuchtend rosa waren wie seine Handflächen. (...) Unübertroffene Herrlichkeiten bekamen wir plötzlich zum Kosten. Welch eine Überraschung, die im Gaumen klebende Peanutbutter und die silberbraunen Büchsen mit dem braunglänzenden Schokoladensirup von Hershey. Der Gipfel der neuen Genüsse aber waren die Kaugummis."

Stalinschmiere statt Blutwurst

Besonders beeindruckend ist der Erfindungsreichtum in Zeiten äußerster Entbehrung. Alte Fallschirme wurden zu Unterwäsche, Fahnen zu Sommerröcken umgenäht, die leeren Mägen mit Brennnesseln und Löwenzahn betrogen. Und statt Blutwurst kam in der sowjetischen Besatzungszone "Stalinschmiere" auf den Tisch - hergestellt aus Speiseölresten und Hefeflocken.

Um zu überleben, warfen viele kurzerhand ihre moralischen Ansprüche über Bord: Wer konnte, fälschte Lebensmittelkarten, bettelte oder stahl. Um zu "hamstern", fuhren die Menschen aufs Land oder gingen "fringsen". So wie dieser Mann (Jahrgang 1936, Duisburg):

"Im Winter 1947 wurde ich zum Dieb. Ich klaute Kohlen! Vor der Fahrt durch den Duisburger Hauptbahnhof mussten die Züge langsam fahren. Das nutzten einige junge Männer, sprangen von einer Signalbrücke auf die Kohle in den offenen Waggons und öffneten die seitlichen Tore. (...) Einige Hundert Meter weiter kam der Zug dann in den Bahnhofsbereich. Hier rieselten aber immer noch einige kleine Kohlestücke aus den Waggons. Die habe ich, wie andere Kinder und Erwachsene auch, aufgelesen in kleine Säcke, die ich tragen konnte, und dann mit einem Bollerwagen zusammen mit meinem kleinen Bruder nach Hause geschafft."

Die Frauen und Männer, die auf unseren Aufruf reagierten, sind heute 75 Jahre und älter. Selbstverständlich sind ihre Erinnerungen stark subjektiv gefärbt - die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Thema "Nachkriegszeit" können sie keinesfalls ersetzen. Dennoch machen persönliche Erinnerungen die Zeitgeschichte ganz anders erfahrbar, als Bücher dies vermögen.

Was uns bei den vielen eingesandten Berichten besonders berührte: Erst jetzt haben sich manche zum ersten Mal getraut, ihre Geschichte aufzuschreiben - auch weil sich zuvor niemand dafür interessierte. "Ich gehörte zu den schweigenden Kindern, die niemand befragte", schreibt Hilde Mück (Jahrgang 1936, Mönchengladbach):

"Eltern wurden befragt. Kinder gehörten zu den Eltern und hörten schweigend zu. Viele Jahre sind vergangen. Es gibt kaum noch lebende Zeitzeugen. Die Kinder von damals sind an der Reihe, um zu antworten. Ich gehöre dazu und antworte gern."

insgesamt 23 Beiträge
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Ute Antje Seemann, 30.01.2018
1.
waren meine ersten englishen Woerter, die ich mit 4 Jahren lernte. Wir durften es den Eltern NIE erzaehlen, dass wir zur naechsten Kaserne liefen, und "bettelten"! auch vor den PX Laeden der englischen Besatzungssoldaten und ihren Frauen. BFN - british forces network hitparade ....
Thomas Jaeger, 30.01.2018
2.
Nicht alle hatten das Glück, die Nachkriegszeit in der Heimat verbringen zu können. Bewegende Zeitzeugenberichte aus der Kriegsgefangenschaft sammelt z. B. Udo Pörschke in seinem Buch. Auf jeden Fall auch lesenswert!
Reikhard Angendorff, 30.01.2018
3. So viele(s) einfach vergessen?
Was ist mit all den Millionen Flüchtlingen aus den Vertreibungsgebieten, wo sind deren Stimmen? Hans-Graf Lehndorff: "Ostpreußisches Tagebuch" - da würde sich das so ganz anders lesen. Die Einnahme der Stadt Königsberg durch die Russen und die heute unglaublichen Jahre danach. Erst 1947 war für ihn das unmittelbare Leiden vorbei durch Ausreise/Vertreibung, für noch Unzählige ging es noch lange lange weiter. Die Wolfskinder in Litauen, die versprengt durch die Lande und durch die Zeit irrten, teils noch bis in die 90er Jahre ihr wahres Zuhause suchten? Die verbliebenen Deutschen in Oberschlesien? Spielt alles keine Rolle bei so einem Thema? Hm.
erwin fortelka, 30.01.2018
4. Ich kann mir gut vorstellen,
....dass die Resonanz zu diesem Thema überwältigend war. Es gibt aber noch ein weiteres Thema zum Komplex "Nachkriegszeit" Ich bin sicher, es würde eine weitere Spiegel-Ausgabe ebenso füllen: "Flucht und Vertreibung". Schön, wenn die Redaktion das aufgreifen würde. Erwin Fortelka
Hans Braunwarth, 30.01.2018
5. Ich habe das
nicht selbst erlebt, selbst bin ich ein Schwabe (geb 1957, Familie in Langenau seit 1515). Aus den Erzählungen der Freunde meiner Eltern, meiner Schwiegereltern und anderer Freunde kann ich das Leid der Heimatvertriebenen gut nachvollziehen. Mit unendlichen Mühen geflohen und in die BRD/DDR gelangt wurden sie, von der ortsansässigen Bevölkerung, oft als Menschen 2. Klasse behandelt. Sie waren halt Flüchtlinge! Wie heute auch ist das Flüchtlingsdasein kein Zuckerschlecken, es gab/gibt jedoch einen Unterschied. Die Flüchtlinge damals wollten sich integrieren (auch wenn manche gar kein deutsch konnten ( zB wegen Verschleppung). Alle sprachen einen anderen Dialekt. Der Willle war da, es gab/gibt heute in Deutschland Kommunen die ihre Wirtschaftskraft aus dieser Zeit schöpfen. Heute kann man den Unterschied zwischen einem damaligen Flüchtling und einem Einheimischen nicht mehr erkennen. Ausser wenn ich extremen Dialekt spreche :-)
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