Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Deutschland in den Achtzigern Meine erste Reise zum Klassenfeind

Deutschland in den Achtzigern: Meine erste Westreise Fotos
Siegfried Wittenburg

Einmal von der DDR in die BRD reisen! Eigentlich hätte Siegfried Wittenburg noch bis Dezember 2017 auf einen Pass warten müssen. Doch im April 1988 öffnete sich für ihn einen Spalt breit der Eiserne Vorhang. Das ist seine Geschichte.

Als meine Eltern 1977 ihr "Passierscheinalter" erreicht hatten und von ihrem ersten Besuch bei Verwandten in der Bundesrepublik in die DDR zurückkehrten, erzählten sie Unglaubliches. Ich mochte den Erzählungen nicht recht folgen und blendete den Umstand lieber aus, noch bis zum Jahr 2017 auf einen Reisepass mit Ausreisevisum warten zu müssen. Doch neun Jahre später wurde meinem Arbeitskollegen die Reise in den Westen zu einer Silberhochzeit genehmigt.

Anschließend erzählte er, dass nach Passieren der Grenze der Interzonenzug ruhiger fuhr und das Gras grüner wurde. Für mich war das der Auslöser, ebenfalls einen Antrag zur Besuchsreise beim "Klassenfeind" zu stellen.

Ein naher Verwandter schickte mir ein amtlich beglaubigtes Dokument, das die Richtigkeit seines 50. Geburtstages bestätigte. Dieses fügte ich einem formlosen Antrag bei, den ich zuerst beim Leiter des Kollektivs einreichte. Der Antrag beinhaltete den Zeitraum der geplanten Reise, die Erklärung, dass ich dafür einen Teil meines Jahresurlaubs in Anspruch nahm und dass ich allein ohne weitere Angehörige reiste, also ein Pfand in Form meiner Ehefrau in der DDR hinterlegte.

Der Meister in unserem Betrieb hatte anschließend die Aufgabe, diesem Antrag eine Beurteilung hinzuzufügen, die im Kollektiv beraten wurde, was er zwar stöhnend, aber nicht zu meinem Nachteil ausführte. In dieser Beurteilung formulierten das Kollektiv und der staatliche Leiter, dass ich meine Arbeit gewissenhaft erledigte, Mitglied des Freien Deutschen Gewerkschaftsbunds war und am Kampf um den Titel "Kollektiv der sozialistischen Arbeit" teilnahm. Das hieß, dass ich beim Subbotnik mitmachte, nicht bei den gemeinsamen Theaterbesuchen fehlte und bei der Brigadefeier ein lustiger Geselle war, der auch mit den Frauen tanzte.

Der Antrag und die Beurteilung gingen zunächst auf die innerbetriebliche Reise. Der Reihe nach folgten die Befürwortung des Abteilungsleiters, des Fachdirektors und des Bereichsleiters. Danach war der APO-Sekretär, also der SED-Abteilungsparteiorganisator an der Reihe, obwohl ich gar keiner Partei angehörte. Dieser fand anhand meiner Kaderakte heraus, dass ich noch einer Sperrfrist unterlag, also möglicher Mitwisser irgendwelcher Geheimnisse sein könnte. Zum Schluss unterschrieb der Betriebsdirektor meinen formlosen Antrag mit dem Vermerkt: abgelehnt.

Neuer Versuch

Etwa zwei Jahre später versuchte ich es noch einmal. Inzwischen hatte ich den Betrieb gewechselt. Es war mir peinlich, meinen Chef zu fragen, ob ich in die "BRD" reisen darf. Mein Chef war Herzchirurg, Professor und Leiter einer Uni-Klinik, international aktiv und unter seiner Verantwortung ging es oft um Leben und Tod. Auf meine Frage hin nickte er nur und sagte, ich solle damit zu seiner Sekretärin gehen. Die Chefsekretärin nahm den Antrag ohne eine Bemerkung entgegen, leitete ihn routinemäßig weiter und bereits nach kurzer Zeit erhielt ich die von den Behörden gewünschte Unbedenklichkeitsbescheinigung.

Ich füllte bei der Meldestelle des Volkspolizeikreisamts das Formular für eine einwöchige Besuchsreise in die BRD aus. Ein Durchschlag ging an die Kreisdienststelle des Ministeriums für Staatssicherheit. Dort fand eine Beratung statt. Es gab Bedenken, denn meine Sperrfrist dauerte noch drei Monate. Die Teilnehmer der Beratung konnten sich nicht entscheiden. So erhielt ich zunächst per Einschreiben einen Einberufungsbefehl.

Am Folgetag war ich vollständig uniformiert und bewaffnet Reservist der Nationalen Volksarmee. Die Reserveübung dauerte zehn Tage und hatte das Ziel, die Mobilmachung für den Ernstfall im Konflikt der DDR mit der BRD beziehungsweise des Warschauer Pakts mit der Nato zu erproben. Einem Bekannten erzählte ich, dass ich in drei Wochen in den Westen zum Klassenfeind reisen wollte. Er sagte, dass die dreijährige Sperrfrist nach der Einberufung nun wieder von vorn begönne und ich mein Vorhaben vergessen könne.

Mit gepackten Koffern zur Meldestelle

Drei Wochen später erschien ich, wieder Zivilist, zum vereinbarten Termin bei der Einwohnermeldestelle im Volkspolizeikreisamt, um, so hoffte ich, meinen Reisepass in Empfang zu nehmen. Eine uniformierte Beamtin sagte nur kurz, ich soll am nächsten Tag um die gleiche Zeit wiederkommen. Das war der geplante Tag meiner Abreise. Ich unterrichtete meine Arbeitsstelle. Diese verzichtete auf eine Kollektivversammlung, eine Aussprache im Rektorat und auf ein politisches Gespräch darüber, wie ich mich als Bürger der DDR in der BRD zu verhalten habe.

Wiederum ging ich voller Spannung und Hoffnung, diesmal mit gepacktem Koffer, zum Volkspolizeikreisamt. Es fuhr nur ein Zug täglich von Rostock zum Grenzübergang Herrnburg und durch den Eisernen Vorhang hindurch weiter bis zu meinem Zielort Essen. Bis zur Abfahrt war es keine Stunde mehr. Ich erhielt den ersten Reisepass meines Lebens, sprintete zur Sparkasse, um 15 Mark der DDR gegen 15 DM als "Bewegungsgeld" zu tauschen, erreichte im letzten Moment die S-Bahn zum Hauptbahnhof, stellte mich am Fahrkartenschalter an die Schlange an, löste eine Fahrkarte, sprintete zum Bahnsteig, hörte die Trillerpfeife der Zugbegleitung und sprang in letzter Sekunde auf den abfahrbereiten Interzonenzug.

Nach 90 Minuten wurde es im vollbesetzten Abteil sehr ruhig. Der Zug rumpelte in den Grenzbahnhof ein. Graues Gebäude. Stacheldraht. Gitter. Schilder: "Grenzgebiet". Bewaffnete Uniformierte liefen geschäftig herum. Hunde bellten. Passkontrollen. Blick in die Augen, Blick in den Pass. Stempel knallten. Eine Frau wurde abgeführt. Nach einer gefühlten Ewigkeit passierte der Zug den Todesstreifen. Das Rumpeln ging in ein Gleiten über. Im Stadtgebiet Lübecks erschienen westliche Automarken, Kleingärten und Rasenflächen. Und, ich traute meinen Augen nicht: Das Gras sah tatsächlich grüner aus.

Umarmen, Tränen, Abschied

Nach sieben halb geschlafenen Nächten und Stippvisiten bei weiteren Verwandten und Freunden in Essen, Köln, Mainz, Frankfurt und Hamburg stand für mich abfahrbereit der Interzonenzug auf dem Hamburger Hauptbahnhof. Schwer bepackte Reisende aus der DDR stiegen ein. Sie verabschiedeten sich von ihren Verwandten. Umarmten sich. Tränen flossen. Nach 40 Minuten Fahrt in Richtung Osten wurde es im vollbesetzten Abteil wiederum sehr ruhig. Der Zug hielt auf dem Grenzbahnhof. Bewaffnete Uniformierte liefen geschäftig herum. Hunde bellten. Die Passkontrolle näherte sich. Die Stempel knallten wie Maschinengewehre. Aufatmen, als der Kontrolleur zum nächsten Abteil ging.

Ein weiterer Beamter riss die Abteiltür auf. "Zollkontrolle der DDR. Haben Sie irgendwelche Druckerzeugnisse bei sich?" Die Frage klang messerscharf und der Blick forschte in den Gesichtern der Reisenden. Alle Reisende im Abteil blickten nach unten und schwiegen. Mein Koffer war dreimal so dick wie bei der Ausreise. Voller Bücher, Zeitschriften und Schallplatten, die ich von meinem Begrüßungsgeld gekauft oder von Verwandten und Freunden geschenkt bekommen habe. Nach einer gefühlten Ewigkeit sagte meine Sitznachbarin kleinlaut: "Ich habe eine Bravo für meine Tochter." "Ach, behalten Sie's!" kam zur Antwort. Und die Abteiltür knallte zu.

Der Zug setzte sich in Bewegung. Die Häuser der Ortschaften zogen vorbei. Sie waren grau und verschlissen. Putz bröckelte, viele Fenster waren ohne Farbe. Ich dachte, dass sich etwas verändern müsse. Dringend. Meine Frau und ich erwarteten ein Kind.


Mehr Fotografien von Siegfried Wittenburg sehen Sie in der Online-Galerie "Fils. Fine Arts".

Zum Autor
  • Siegfried Wittenburg ist autodidaktischer Fotograf. In seinen Aufnahmen hielt der gebürtige Rostocker den Alltag in der DDR fest. 1986 wurde er als Leiter des Jugend-Fotoklubs "Konkret" entlassen, weil er sich einer Zensuraufforderung der SED widersetzte. Seit 2014 berichtet Wittenburg in Zeitzeugengesprächen mit Schülern vom Leben in der DDR.

Anzeige
  • Siegrfried Wittenburg:
    Leben in der Utopie

    Fotografien 1980-1996

    Mitteldeutscher Verlag; 160 Seiten; 19,95 Euro.

  • Bei Amazon bestellen.

Artikel bewerten
4.2 (236 Bewertungen)
Diesen Artikel...


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 35 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Zeitgeschichte
Uwe Gerig, 12.08.2014
Ein zeitgeschichtlich hochinteressanter Text, vor allem wegen der genauen Schilderungen der Antragstellung für eine Besuchsreise in den "Westen" und die bedrückenden Eindrücke auf der Hin-und Rückfahrt im Interzonenzug. Die Bildunterschriften zu den Fotos sind eigene, aufschlussreiche Geschichten. Den normalen WEST Alltag mit OST Augen auf diese Weise zu sehen und zu dokumentieren ist eine bewundernswerte Leistung.
2. so war er, der realexistierende Sozialismus in der DDR
Steffen Schmidt, 12.08.2014
Danke Herr Wittenburg! Hab mich vor sehr Kurzem etwas aufregen müssen, beim Lesen von "Einestages". Wurde heute wieder etwas gelindert. ;-) Das kann ein Stasi-Kind nicht nachvollziehen, dafür sehr sehr viele Leidensgenossen der ehemaligen DDR sehr wohl. Heute können wir darüber schmunzeln und es wirkt in der Rückschau auch beinahe erheiternd. Nur damals war es das nicht. Die nicht vorhersehbare Willkür hat manchen verzweifeln lassen. Bei Reisen von Westdeutschland in die DDR kannten die Schikanen ja ebenfalls keine Grenzen. Wohl die meisten haben ähnliche Erlebnisse parat, wir wollen es nicht vergessen!
3. ja genau...
Ralf Möller, 12.08.2014
..."das Gras war grüner" Im Westen war aber auch wirklich ALLES besser.
4. Bild Nr. 9
G. K., 12.08.2014
Sehr geehrter Herr Wittenburg, von Ihnen hätte ich erwartet die Bedeutung des Wortes "Agitation" zu kennen. Ich denke im Zusammenhang mit der erwähnten Glaubensgemeinschaft ist diese Bezeichnung ziemlich fehl am Platz. Auch heißt deren Zeitschrift nicht Leuchtturm sondern Wachturm. Das muss man nicht selbst Mitglied dieser Religion sein. mfg
5. Toller Beitrag!
Lisa Bellweg, 12.08.2014
Nichts zu meckern. Stimmt so.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH