Zeitzeugen der Nachkriegszeit Was ist mit Vater passiert?

Verschollen an der Ostfront: Wie so viele Kinder seiner Generation wuchs Alfred Lange-Schmeiss ohne Vater auf. Bis heute treibt ihn die Frage um, wo der Wehrmachtssoldat Bruno Lange starb - und wo er begraben liegt.

privat

Alfred Lange-Schmeiss, Jahrgang 1943, kehrte als Kleinkind kurz nach Kriegsende mit seiner Mutter aus Thüringen nach Essen zurück. Die Heimatstadt lag in Trümmern, die elterliche Wohnung war geplündert. Von dem Vater fehlte seit Sommer 1944 jede Spur.

Das Feldpostpäckchen kam aus Bonn-Duisdorf, ohne Datum. Der Absender lautete: "Kampf-Marschbatl. 1036, 4.Kp. z. Zt. Marschkp.6.G.u.A.B.78". Darunter stand "Abwicklung", das Wort war unterstrichen.

Die Sendung enthielt ein paar persönliche Sachen meines Vaters sowie einen kurzen Brief. Er sei bei den Abwehrkämpfen am 8.7.1944 versprengt worden, hieß es. Keine Ortsangabe, keine näheren Umstände, keine Grußformel am Ende.

"Von einer Bestätigung über den Empfang der eigenen Sachen bittet die Kompanie Abstand zu nehmen." Eine unleserliche Unterschrift, zwei Gradbezeichnungen: Hauptfeldwebel, Stabsfeldwebel. Den Schmerz meiner Mutter konnte ich nur erahnen.

"Ich fürchtete zu ersticken"

Einige Monate später war der Krieg beendet. An einem Abend voller Hoffnung brachen wir ins Unglück auf. Von Thüringen aus, wo wir bei Verwandten untergekommen waren, machten wir uns mit meiner Großmutter zunächst zu Fuß auf den Rückweg nach Essen.

Mit einer Brücke, die wir in der Dunkelheit unterqueren mussten, verbindet sich meine erste Kindheitserinnerung. Ein russischer Soldat patrouillierte darauf. Keinen Mucks sollte ich von mir geben, wurde mir eingeschärft. Meine Mutter war eine aparte junge Frau. Unter keinen Umständen sollte sie von den Russen entdeckt werden. Ich fürchtete zu ersticken, als mir meine Großmutter mit ihrer Hand unendlich lange den Mund verschloss. Vergebens, wir wurden entdeckt.

Fotostrecke

11  Bilder
Ein Gedicht als Lebenszeichen: "Der Krieg ist hart, mein liebes Kind"

40 Jahre später sprach meine Mutter nur ein einziges Mal andeutungsweise über das, was dann geschah. Sie sprach leise, dann stockend, plötzlich schimmerten ihre Augen feucht. Eine gefühlte Ewigkeit hielt ich sie tröstend in meinen Armen.

"Nomade zwischen zwei Orten"

Die Ankunft in Essen war unerfreulich. Unsere Möbel waren teils gestohlen, das silberne Essbesteck war unauffindbar, der Kohlenkeller ausgeräumt. Fremde Menschen hatten sich im Haus einquartiert und Zuflucht gesucht. Wärmende Fürsorglichkeit konnte mir meine Mutter in all dem Chaos nur unzureichend geben.

Ihre kleine Tochter war während des Krieges, nur wenige Wochen alt, an den Folgen eines Bombenangriffs gestorben. Ihr Mann war irgendwo im Osten verschollen. Eine Schwester meines Vaters sollte mich deshalb vorerst bei sich aufnehmen. Schotten in Oberhessen hieß der neue Fluchtpunkt.

Die Tante war wunderschön und mehrmals geschieden. Im Gegensatz zu meiner konservativ-bürgerlichen Mutter führte sie ein unkonventionelles Leben. Fast ein Jahr verbrachte ich in Schotten, danach war ich wie ein Nomade zwischen beiden Orten unterwegs. Bei meinen Zugreisen von und nach Essen trug ich ein Pappschild um den Hals, auf dem geschrieben stand, wo ich umsteigen musste. Irgendjemand würde sich schon um mich kümmern.

Auch an den Hunger der Menschen und die Knappheit von Nahrungsmitteln in der Nachkriegszeit kann sich Alfred Lange-Schmeiss bis heute gut erinnern.

Mit zweieinhalb oder drei Jahren brachte ich meine Mutter zum Weinen, als ich unbedacht ein kostbares Hühnerei zerstörte. In den Trümmern eines Nachbarhauses hatte ich etwas gefunden, das wie ein Stein aussah: weiß, oval und unwirklich leicht. Dieses Etwas zerbrach, als ich es meiner Mutter spielerisch zuwarf. Unter Tränen erklärte sie mir dann, was ich gerade getan hatte.

Jahre später beobachtete ich, wie auf der Berliner Brücke in Essen Hafergrütze ausgeschenkt wurde. Ab und an suppte die Grütze über die hingestreckten Teller hinweg auf die Straße. Ein alter Mann legte sich flach auf den Bauch und leckte den Brei vom Asphalt auf. Dieses Bild ist in mir wie eingebrannt. Wenn ich daran denke, spüre ich noch immer ein Gefühl hilfloser Verlorenheit.

Goldschätze in Ruinen

Die zerbombten Häuser in Essen waren mir für viele Jahre Spielstätte, Zuhause und Fluchtpunkt. Ich war oft allein, weil meine Mutter arbeitete. Das Spielen in den Ruinen half mir dabei, das Gefühl der Verlorenheit abzumildern. Wie Goldsucher wühlten wir Kinder uns durch die Überreste der Gebäude. Beim Schrotthändler tauschten wir Metallstücke gegen Geld ein.

Schon mit einem Zehn-Pfennig-Stück, auch "Tacken" genannt, konnten wir uns Träume erfüllen. Nach Art der Raubtiere lernten wir früh, die gesichtete Beute blitzschnell zu sichern. Die älteren Kinder gingen dabei sehr rau vor. Der Stärkere war der Sieger.

Im hessischen Schotten kam Alfred Lange-Schmeiss in Kontakt mit amerikanischen Besatzungssoldaten, die ihm Schokolade schenken und seltsame Musik hören.
Fotostrecke

30  Bilder
Deutschland nach '45: Trümmerfrauen, Schwarzmarkt, Flüchtlinge - eine Zeitreise

Das Herannahen amerikanischer Fahrzeugkolonnen hörte meine Tante schon von Weitem und schlüpfte rasch in ein schwarzes, körperbetontes Kleid. Ich musste einen albernen, blau-weißen Matrosenanzug anziehen. Wenn schöne Frau mit mir, einem Zwerg mit blondem Lockenkopf, vor den Soldaten auftauchte, war uns deren Aufmerksamkeit sicher. Radebrechend scherzten sie mit der Tante - und ich wurde mit Süßigkeiten überhäuft.

Angst und Faszination zugleich

Bei einem ihrer Manöver sah ich einmal Zelte, die versteckt am Waldrand aufgestellt waren. Seltsame Netze tarnten Jeeps und Panzer, die Gesichter der Soldaten waren bemalt mit grünen und braunen Streifen. Die Panzer stießen dröhnend schwarze Abgase aus. Ich verspürte Angst, gleichzeitig auch Faszination.

Soldaten saßen um ein Feuer, und durch das Lager schwappte leise mir völlig fremde Musik. Es war Blues, wie ich erst Jahre später erfahren sollte. Die Soldaten luden mich an ihr Feuer ein und reichten mir eine wärmende Decke. Schnell zauberte einer von ihnen heißen Kakao herbei.

Obwohl ich nicht verstand, was gesprochen wurde, fühlte ich mich beschützt. Die Stunden vergingen, man brachte mir immer wieder Schokolade und Plätzchen. Glücklich und müde starrte ich in die Glut des Feuers.

Eher unsanft verlief dagegen meine Begegnung mit einem englischen Soldaten in Essen. Auf seine Frage, ob ich den Kölner Dom sehen wolle, antwortete ich neugierig und naiv mit "ja". Gellend schrie ich dann "ja, ja, ja", als er mich brutal an den Ohren hochzog und fragte, ob ich ihn jetzt sehe.

Das Schicksal des Vaters blieb in all den Nachkriegsjahren ungewiss. Auch auf der Liste der letzten Soldaten, die aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft freikamen, tauchte sein Name nicht auf.

Nach Jahren des Wartens keimte im September 1955 Hoffnung auf. Bundeskanzler Konrad Adenauer hatte die Freilassung der letzten Kriegsgefangenen erreicht. Es waren knapp Zehntausend. Nachts wurden im Rundfunk ihre Namen verlesen. Langsam, unendlich langsam, verrannen die Stunden. Irgendwann starb die Hoffnung.

Zum ersten Male bleiben meine Augen trocken

Meine Mutter schluchzte, weinte. Ich stimmte in ihr Weinen ein, wir umarmten einander schützend und liebevoll. Immer, wenn diese Erinnerung später in mir hochkam, stockte meine Stimme, die Augen wurden feucht.

Heute, mehr als 60 Jahre später, blicke ich beim Niederschreiben meiner Erinnerungen nachdenklich in die Ferne. Zum ersten Male bleiben meine Augen trocken. Auch meine Mutter und die Tante sind inzwischen gestorben.

Außer einigen wenigen Fotos bleibt mir Vaters letzter Brief, geschrieben nahe Brest-Litowsk in einem Güterzug auf dem Weg zur Front. Und sein eigentliches Erbe an mich: eine vergilbte Postkarte mit einem Gedicht, das er sorgfältig mit schwarzer Tusche kalligrafiert hat.

Meinem kleinen Alfred

Wohl bin ich deinem Lachen fern
und seh' die hellen Augen nicht;
doch wohnet tief in meinem Geist
dein holdes Angesicht.

Der Krieg ist hart, mein liebes Kind:
Wenn fern von mir dein Leben blüht,
wo eine gute Mutter dir
dort singt dein reines Wiegenlied.

Bruno Lange gehört zu den zahlreichen Verschollenen des Zweiten Weltkriegs, deren Schicksal wohl nie mehr aufgeklärt wird. Nach Angaben des Deutschen Suchdienstes des Deutschen Roten Kreuzes beläuft sich ihre Zahl aktuell auf mehr als 1,2 Millionen Menschen. Wie der Suchdienst im Januar 2018 bekannt gab, werden die Nachforschungen in Absprache mit dem Bundesinnenministerium Ende 2023 eingestellt.

insgesamt 8 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Veit Meier, 11.02.2018
1. Hier...
...schon probiert? http://www.volksbund.de/graebersuche.html
bbrueggemann, 11.02.2018
2. So viel Schmerz
Auch meine Mutter - Jahrgang 1944 - hat ihren Vater nie kennen gelernt. Als sie geboren wurde, war er schon seit fast 2 Wochen tot. Das wusste meine Großmutter bei der Geburt zwar nicht, doch es ändert nichts an der Tatsache. Mein Großvater wurde nur 29 Jahre alt. Meine Großeltern waren weniger als 1 Jahr verheiratet und meine Großmutter wurde mit 21 Jahren zur Witwe. Der jüngere Bruder meiner Großmutter ist vermisst. Bis heute wissen wir nicht, was aus ihm wurde. Wir vermuten bzw. sind uns sicher, dass er tot ist. Er wurde nur 19 Jahre alt. Der 2. Weltkrieg hat - wie vermutlich jeder Krieg - mehrere Generationen betroffen. Die, deren Kinder starben. Die, deren Ehemänner starben. Die, deren Brüder starben. Die, deren Väter starben. Und die Kinder der Kiregskinder. Ich möchte nicht, dass mein Land Deutschland jemals wieder an einem Krieg beteiligt ist. Und ich kann es nicht verstehen, dass auf der Welt so viele Kriege geführt werden. Denn wir sind doch alle nur Mütter und Väter, Söhne und Töchter, Brüder und Schwestern, Ehemänner und Ehefrauen. Nichts kann so wichtig sein, dass dafür Menschen getötet werden. Nichts.
Stefan Claus, 11.02.2018
3. ..darum
sollten wir jeden Tag bewußt genießen, den wir nicht unter solchen Verwerfungen (vorsichtig formuliert) zu leiden haben. Und dafür sorgen, dass sie anderen und einem selbst erspart bleiben. Zu intensiv darf man nicht daran denken, wie unglaublich viele Menschen einen so sinnlosen und unergründlichen Verlust wie Herr Alfred Lange-Schmeiss ertragen müssen. Es hört nicht auf, nur die Orte wechseln. Wenigstens danke ich jedem Tag, an dem ich nachts vorm schlafengehen noch einmal die Hand meines kleinen Kindes halte, wenn es friedlich und satt schläft.
Mona Furth, 12.02.2018
4.
Ich habe Daten zum Verbleib des Bruders meiner Oma vor kurzem bei Volksbund gefunden. Dort kann kann kostenlos Kriegsgräber suchen...Schade, dass sie verstorben ist. Es hätte sie bestimmt interessiert.
Armin Heiderich, 12.02.2018
5. Hallo
Eine traurige Geschichte. ...die Bundesregierung sollte sich dafür einsetzen das so viel wie möglich aufgeklärt wird ....wo sind die Leute begraben die fürs Vaterland gekämpft haben und irgendwo in den weiten ihr Leben gelassen haben. Und nicht nicht immer nur so rumdrucksen und von Schuld und anderem Unsinn reden. Der Krieg ist jetzt schon mehr als 70 Jahre vorbei und ich bin Deutsch Patriotisch eingestellt und setze mich wo ich kann für meine Landsleute ein. Da kann reden wer will ..davon bringt mich keiner ab. Danke an den Spiegel für die Veröffentlichung dieser Geschichte .
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.