Deutschland - Kroatien Vom Aufbaugegner zum Rivalen

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Dieses Duell hat es in sich: Die deutsche Nationalelf trifft in ihrem zweiten EM-Spiel auf Kroatien. Seit sich die Kicker beider Nationen 1941 zum ersten Mal gegenüberstanden, war immer wieder die Politik am Ball - Verschwörungstheorien inklusive. Von Ralf Klee und

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Sommer 1941. Der Zweite Weltkrieg tobt, Hitler-Deutschland hat Jugoslawien unterworfen. Ein kroatischer Satellitenstaat entsteht, der Despot Ante Paveli? gelangt mit seiner faschistischen Ustascha an die Macht - und Berlin nimmt Sportbeziehungen mit dem "Unabhängigen Staat Kroatien" auf. Im Propagandaministerium misst man dem Sport eine besondere Bedeutung bei: zur kulturellen Betreuung der Heimatfront und als Narkotikum gegen Bombenangriffe und alltägliche Kondolenzanzeigen in den Zeitungen. Deutschland unterhält intensive Sportkontakte zu neutralen oder verbündeten Staaten wie Schweden, Schweiz, Spanien, Italien oder Ungarn.

Es ist eine Gratwanderung, denn Erfolg auf dem Rasen ist für die Fußballer beinahe Pflicht. Unter dem Eindruck der Schlappe gegen Schweden schreibt Joseph Goebbels 1942 in sein Tagebuch, "daß es in der heutigen Zeit töricht sei, ein Fußballspiel durchzuführen, dessen Ausgang aller Voraussicht nach mit einer Niederlage von uns enden musste."

Damit ist in den ersten Spielen gegen Kroatien nicht zu rechnen. Am 15. Juni 1941 treffen die Mannschaften in Wien aufeinander. Die problematische Zusammenführung von Spielern aus dem "Altreich" und der "Ostmark" zu einer schlagkräftigen Truppe scheint endlich gelungen. Mit Schmaus (Vienna), Sesta, Mock (beide Austria), Urbanek, Hanreiter und Hahnemann (alle Admira) laufen gleich sechs "Wiener Sängerknaben" auf, so viele Österreicher wie noch nie. Die Kroaten gelten als technisch versiert. Trotzdem überrascht es, dass sie durch ihren Star Franjo Wölfl in Führung gehen und bis zur Pause ein 1:1 halten. Was dann mit ihnen passiert, weiß niemand. Ein konditioneller Einbruch? Am Ende steht es 5:1 für Deutschland. Die Propaganda hat etwas zu schreiben.

Warme Decken für den Kampf an der Kickerfront

Am 18. Januar 1942 treffen die Teams erneut aufeinander - im verschneiten Zagreb. Diesmal hat Reichstrainer Sepp Herberger sogar noch mehr Spieler aus Wien angefordert. Insgesamt sind es acht. Lediglich Helmut Jahn, Ed Conen und der aufstrebende Fritz Walter stammen aus dem Altreich. Neben den Spielern ordert Herberger aus Wien auch noch einen Satz Wolldecken, Südosteuropa wird seit Wochen von einer Kältewelle umklammert. Und so geht die Großdeutsche Nationalelf gut gewärmt in ihr Länderspiel, während sich die Landser vor Moskau ohne Winterkleidung die Gliedmaßen abfrieren. Ein deutscher Luftwaffensoldat ist in Zagreb mit dabei und schießt bei dieser Gelegenheit die vermutlich ersten Farbaufnahmen beider Mannschaften.

Herbergers Mannschaft hat auf dem schneebedeckten Boden einen schweren Stand. Die Balkankicker erweisen sich vor heimischer Kulisse als extrem kampfstark, geraten nur durch ein unglückliches Eigentor ihres Verteidigers Brozovic in der 44. Minute in Rückstand. In der zweiten Hälfte stellt Karl Decker vom 1st Football Club Vienna den 2:0-Endstand her. Solche Siege braucht Deutschland, vor allem wenn sich die Wehrmacht, wie vor Moskau, zurückziehen muss.

Im November 1942 sieht die militärische Lage prekär aus. Bei Stalingrad kämpft die deutsche Wehrmacht in "treuer Waffenbrüderschaft" mit Rumänen, Ungarn, Italienern und Kroaten gegen die Rote Armee. Die Sowjets werden den Ring um Stalingrad bald schließen.

Bombensieg, der vorletzte

Von der sich abzeichnenden Tragödie merkt man in Stuttgart nichts. Die Stadt am Neckar ist festlich geschmückt und bereitet sich auf das Länderspiel gegen Kroatien vor. Der Delegation aus Zagreb wird ein herzlicher Empfang bereitet. Franjo Wölfl und das erst 18-Jährige Talent Zlatko "Tschik" ?ajkovski - später erfolgreicher Bayern-Trainer - lachen in die Objektive der Fotoapparate. Zum offiziellen Zeremoniell gehört ein Treffen mit dem Oberbürgermeister Dr. Strölin und ein gemeinsames Dinner im Ratskeller. Aufgetischt werden schwäbische Spätzle und eine deftige Linsensuppe. Ob das steife Bankett und die derben Hülsenfrüchte Schuld sind, dass den Kroaten auch das dritte Länderspiel in die Hose geht? Vor 45.000 Zuschauern werden sie beim 1:5 von den Deutschen förmlich auseinander genommen.

Dr. Friedebert Becker vom "Kicker" bemüht sich sogleich um eine politische Einordnung: "Wir werden es in Erinnerung behalten, das Länderspiel Deutschland-Kroatien. Das Kriegsländerspiel von Stuttgart. 1942. Es ist notwendig, dies gelegentlich zu betonen. Denn dann erfasst man den 5:1-Sieg erst richtig in seinem vollen Wert und tieferen Sinn. Man konnte freilich in diesen schönen zwei Stunden mit unserer Nationalelf vergessen, in welcher Zeit wir leben; das ist wohl das allerbeste Kompliment für sie. Dass sie trotz allem solches leistet, ist ein größeres Wunder als Bombensiege in Friedenszeiten."

Kroatiens Verbandspräsident Petek gibt sich gelassen und sagt, was die deutsche Führung vom ihm erwartet: "Nach meinen Eindrücken von heute ist Deutschland im Begriff, sich die Spitze im europäischen Fußball zu erobern." Ob der "Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda" diese Worte nicht gehört hat? Fest steht, dass die Nationalelf nur noch eine Partie absolviert. Nach einem 5:2 gegen die Slowakei wird der Länderspielbetrieb eingestellt.

Ruppiges Wiedersehen nach Kriegsende

Nach dem Krieg verschwindet Kroatien als eigenständiger Staat von der Landkarte, wird eine von sechs Teilrepubliken der "Föderativen Volksrepublik Jugoslawien", die bei den Olympischen Spielen 1948 in London die Silbermedaille gewinnt. Mit Deutschland will zunächst keiner mehr spielen. Sein nächstes Länderspiel trägt der DFB erst 1950 aus. In der Folgezeit trifft die deutsche Auswahl bei großen Turnieren oft auf Jugoslawien, fast immer siegen die Adlerträger: 1954 (1:0), 1958 (1:0), 1962 (0:1), 1974 (2:0), 1976 (4:2) und 1990 (4:1).

Anfang der neunziger Jahre stürzen Extremisten Jugoslawien in einen Bürgerkrieg, Nationalist Franjo Tudjman ruft die unabhängige Republik Kroatien aus. Eine der ersten Amtshandlungen des Präsidenten nach der Unabhängigkeit: Er stellt den Aufnahmeantrag beim Weltfußballverband Fifa. Deutschlands frühe diplomatische Anerkennung bringt der Bundesrepublik in Kroatien viele Sympathien ein. Als Kroatien allerdings im EM-Viertelfinale 1996 mit 1:2 gegen Deutschland verliert, ist es mit den Nettigkeiten vorbei. Die Partie in Manchester ist überaus ruppig. Vor allem die Kroaten gehen mit enormer Aggressivität vor und sorgen für das "schmutzigste Spiel, das ich je erlebt habe" (Christian Ziege). Dennoch fühlen sich die Kroaten vom Schiedsrichter benachteiligt. So sieht Igor Stimac wegen wiederholten Foulspiels Gelb-Rot, während Jürgen Klinsmann nach einem üblen Tritt weiter spielen darf.

Die Revanche gibt es zwei Jahre später bei der WM in Frankreich. Zwar zeigen die Deutschen in Lyon in der ersten Hälfte ihre vielleicht beste Turnierleistung, doch ein grobes Foul von Christian Wörns an Davor Suker bringt in der 40. Minute die Wende. Wörns fliegt vom Platz, und die hochmotivierten Kroaten triumphieren nach Toren von Robert Jarni, Goran Vlaovic und Davor Suker klar mit 3:0. Der sportlichen Klatsche folgen verbale Ohrfeigen. Stimac tönt: "Wir sind einfach die besseren Fußballer." Und Bundestrainer Berti Vogts bemüht peinliche Verschwörungstheorien: "Vielleicht ist der deutsche Fußball zu erfolgreich. Die anderen können kratzen, beißen, spucken, gegen uns werden die Karten gezogen. Ich weiß nicht, ob es eine Anordnung gibt."

"Kroatische Ritter"

Präsident Tudjman posaunt in laufende Fernsehkameras: "Diese Jungs sind jetzt kroatische Ritter. Die ganze Nation ist mit ihnen. Sie haben dafür gesorgt, dass das kleine Kroatien jetzt in der Welt mehr respektiert wird." Tudjman hat Übung darin, den Sport zu instrumentalisieren und erklärt die erfolgreichen Kicker kurzum "zu Trägern nationaler Würde". Die Kroaten kosten den Augenblick des Sieges aus. Ein Funktionär überreicht einem weinenden deutschen Fan nach dem Spiel ein besonderes Präsent: "Komm her, Svabo. Ich schenk dir meinen Schachbrett-Schal, damit du uns nicht vergisst!"

Seither wird genau hingehört und jeder Zwischenton sensibel registriert, wenn sich die einen über die anderen äußern oder umgekehrt. Die meisten Spieler der beiden aktuellen Teams kennen sich. Mit Josip Simunic (Hertha BSC Berlin), Ivan Rakitic (Schalke 04), Ivica Olic (Hamburger SV), Ivan Klasnic (Werder Bremen), Robert Kovac und Mladen Petric (beide Borussia Dortmund) stehen allein sechs Bundesliga-Profis im 23-köpfigen kroatischen EM-Kader. Petric unterstellt den Deutschen mangelnden Respekt: "Sofort nach der Auslosung haben sie schon vom Viertelfinale gesprochen und sich in einer leichten Gruppe gesehen. Man könnte sagen, die Deutschen sind ziemlich arrogant."

Für reichlich Brisanz bei der aktuellen Neuauflage des Duells ist gesorgt. Am Donnerstag trifft die Deutsche Nationalelf in ihrem zweiten EM-Vorrundenspiel in Klagenfurt auf das Team aus Kroatien.

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