Zeitzeugen der Nachkriegszeit Brennnesselsuppe und scharfe Munition

Knappe Lebensmittel, blühender Schwarzhandel: Eric Keppel floh mit seiner Familie gegen Kriegsende vor der Roten Armee. Hier erzählt er von dem langen Weg aus Ungarn in ein neues Leben in Frankreich.

privat

1944 flieht der siebenjährige Eric Keppel, geboren in Kolozsvár (Cluj Napoca, Klausenburg), mit seinen Eltern und dem älteren Bruder Max vor der Roten Armee gen Westen. Aus Nordsiebenbürgen, damals Teil des von den Nazis besetzten Staates Ungarn, schlagen sie sich über Österreich bis nach Deutschland durch und erleben das Kriegsende im Frühjahr 1945 in Oberfranken.

Von dort aus gelangen sie in die französische Besatzungszone und leben zeitweise in einem Sammellager für Flüchtlinge und Vertriebene ("Displaced Persons"). Vater István, ein Architekt, findet Arbeit in einer Kaserne in der Pfalz. Mutter Margit, geborene Prokop, darf mit Eric im Mai 1948 nach Frankreich ausreisen. Vier Monate später ist die ganze Familie in Paris wiedervereint.


Im August 1945 hört die Mama im Radio, dass die Demarkationslinie der sowjetischen Besatzungszone über Nacht in das Hinterland von Coburg verlegt wurde, nur 30 Kilometer von uns entfernt. Voller Panik beschließt sie, dass wir so schnell wie möglich weiter nach Westen flüchten müssen, am besten nach Frankreich.

Im Handumdrehen hat sie unsere Abreise organisiert. Im Hauptbahnhof der oberfränkischen Stadt Lichtenfels drängen sich Tausende Flüchtlinge. Alle wollen Richtung Westen, manche warten schon seit vier oder fünf Tagen. Niemand weiß, wann ein Zug ankommen wird und wohin man fahren kann. Wir bauen eine Burg aus Koffern und stellen uns darauf ein, hier länger campieren zu müssen.

Fotostrecke

11  Bilder
Odyssee durch Europa: "An die früheren Elendstage will ich gar nicht mehr denken"

Plötzlich stürzt die Mama außer Atem auf uns zu: "Schnell, Kinder, ein Transport wird in wenigen Minuten abfahren. Ich habe schon Plätze reserviert, der Zugführer wird uns helfen.…" Im Holzwagen hat sich ein Dutzend Flüchtlinge eingerichtet. Die Kinder dürfen oben auf dem Gepäckhaufen sitzen. Wir verbringen die gesamte Fahrt an der Lüftungsluke, mit herrlichem Blick auf die sonnenüberflutete Landschaft. In Fenne bei Saarbrücken steigen wir schließlich aus, denn der Zug fährt nicht weiter.

Für etwa ein halbes Jahr kommen wir in einem Zimmer im Bahnhofsgebäude unter. Anfangs gibt es kaum etwas zu essen, wir haben ständig Hunger. Die Mama sammelt morgens Brennnesseln und kocht daraus eine eklige Brühe. Erst später wird es wieder Brot und Kartoffeln geben.

Auf dem Bahnhof geht es immer aufregend zu. Die Amerikaner haben angefangen, ihre Truppen wieder nach Hause zu schicken. Die Transportzüge halten oft in Fenne, wo die Soldaten aussteigen und auf dem Bahnhofsgelände in kleinen Gruppen essen. Wir stromern herum, weil wir wissen, dass sie freundlich sind und gern Leckereien verteilen. So bekommen wir oft Bonbons, Schokolade, Ananas und anderes geschenkt.

Hunger und Enge im DP-Lager

In Februar 1946 herrscht plötzlich Aufregung. Die französischen Besatzer entscheiden, dass Ost-Flüchtlinge und Vertriebene, sogenannte Displaced Persons (DPs), nur noch in Sammellagern leben dürfen. Mit dem Zug werden wir nach Pirmasens in Rheinland-Pfalz geschickt.

Unser Lager ist eine heruntergekommene ehemalige Kaserne der Wehrmacht. Hier leben Polen, Rumänen, Ungarn, Griechen und andere Menschen, die nicht in ihre Ursprungsländer zurückkehren wollen, aus Angst vor den Kommunisten. Anfangs wohnen wir zu sechst in einem sehr kleinen Zimmer. Die Mama schafft es aber schnell, für unsere Familie ein Einzelzimmer zu bekommen. Wir schlafen in zwei Etagenbetten. Für einen Tisch und Kocher bleibt kaum Platz.

Die Verhältnisse sind erbärmlich. Der Schwarzmarkt blüht, Gangsterbanden schaffen es, aus der Versorgung des Lagers für sich Profit zu schlagen. Die Lebensmittelrationen werden plötzlich auf etwa ein Zehntel der ursprünglichen Menge reduziert. Manche munkeln, die französische Lagerführung stecke mit den Schwarzmarktbanden unter einer Decke.

Alle träumen von Auswanderung und lernen Fremdsprachen. Der Papa ist das anerkannte Multisprachtalent und spielt den Oberlehrer. Jeden Abend versammeln sich drei bis vier Erwachsene in unserem Zimmer. Wir Kinder werden ermuntert mitzulernen. So komme ich zu meinen ersten Französischkenntnissen.

Die Mama näht jetzt schicke Kleider für Polinnen. Die Geschäfte laufen prächtig, sie weiß nicht mehr, wie sie alle Aufträge erledigen soll. Wir schwimmen plötzlich im Wohlstand! Neben Brennnessel-Gemüse haben wir durch den Schwarzmarkt genug zu essen, während die monatlich ausgeteilten offiziellen Rationen immer kleiner werden.

Spielen mit Handgranaten

Waffen und Munition gibt es in den Kellern der Gebäude in Hülle und Fülle: Die frühere Wehrmacht-Kaserne wurde bis zuletzt als Ausbildungslager benutzt und dann zu Kriegsende im Chaos verlassen. Durch die Luken kriechen wir hinunter, es stinkt entsetzlich.

Wir nehmen Kugeln, Patronen und Handgranaten mit, um abseits des Lagers "Krieg" zu spielen. Besonders beliebt: Leucht- und Platzpatronen in ein Feuer werfen und warten, bis es knallt. Eines Tages bekommt der Bruder eine Platzpatrone ins Knie. Wir kriegen mächtigen Ärger mit der Mama.

Im Prinzip dürfen die Insassen das Lager nicht verlassen. Aber jeder kennt den Trick, um unbehelligt nach Pirmasens zu gelangen: Man muss den polnischen Wachen höchstens zwei oder drei Zigaretten geben.

Ein französischer Offizier erfährt, dass der Papa Diplom-Architekt ist und Französisch spricht. Auf diese Weise findet er eine Stelle als ziviler Bauingenieur in einer Kaserne der französischen Armee in Baumholder in der Pfalz. Am 16. Mai 1946 können wir das Lager endlich für immer verlassen. Der Papa arbeitet nun im Planungsbüro der Kaserne. Jeden Tag steht er frühmorgens auf, um mit dem Zug acht Kilometer hinzufahren, abends kommt er sehr spät nach Hause.

Nur die Ohren aufmachen, nicht den Mund

In der Kaserne gibt es eine Zwergschule für Kinder der französischen Offiziere. Die Mama beschwatzt die Lehrerin, Madame Lacroix, bis sie meinen Bruder und mich als "Gasthörer" aufnimmt. In Herbst 1946 fängt für uns der Unterricht an. Wir dürfen ganz hinten Platz nehmen und mithören. Es wird uns eingebläut, nicht zu mucksen: nur die "Krautohren" aufmachen, nie den Mund. Beim ersten Stören fliegen wir raus!

Nach ungefähr vier Wochen werden wir zum ersten Mal von Madame Lacroix abgefragt. Da niemand in der Klasse eine kniffelige Grammatik-Frage beantworten kann, kommen die zwei dummen Flüchtlingskinder von hinten an die Reihe. Sie staunt nicht wenig, als wir die richtige Antwort heraussprudeln. Ab diesem Tag sind wir vollwertig anerkannte Schüler und werden bald von den Familien unserer neuen Freunde eingeladen. Ich steige zum Schulbesten auf, auch Max wird immer ganz oben glänzen.

Der Papa wird von der Kaserne in Naturalien bezahlt. Wenn er samstags von der Arbeit nach Hause kommt, schwer beladen mit Lebensmitteln und einem riesigen Kanister Weißwein, sieht er aus wie ein fröhlicher Schwarzmarkt-König. Um für gute Stimmung zu sorgen, verteilt die Mama einen Großteil der Viktualien an die Nachbarn im Dorf. Samstagabend geht es in unserem Wohnzimmer zu wie auf einem Basar.

1947 bereitet die Mama unsere Emigration aus Deutschland vor. Die politische und wirtschaftliche Lage ist zu der Zeit katastrophal. Es sieht so aus, als würde das Land niemals wieder auf die Beine kommen. Leider ist es uns aber kaum möglich, legal nach Frankreich oder in einen anderen Staat zu übersiedeln.

Voraussetzung für eine Emigration nach Frankreich ist, dass sich eine Familie bereit erklärt, uns aufzunehmen und zu versorgen. Auf der Suche nach einer solchen Empfangsfamilie fahren wir mit dem Zug in Städte wie Köln, Frankfurt und Saarbrücken. Sie sind nur noch Ruinenfelder - allein in den Außenbezirken sieht man unzerstörte Häuser.

In Köln überqueren wir einmal den Rhein über eine fürchterliche Behelfsbrücke. Vor Angst stehen mir die Haare zu Berge. In Frankfurt am Main übernachten wir in einem ehemaligen unterirdischen Luftschutzbunker vor dem Hauptbahnhof. In den Gängen ist ein riesiges Matratzenlager eingerichtet, das unendlich lang erscheint.

In April 1948 hat die Mama gute Aussichten auf eine Einreisegenehmigung für Frankreich - allerdings nur mit einem Kind. Wenn alles klappt, will die Mama von Frankreich aus versuchen, den Papa und Max im Rahmen einer Familienzusammenführung nachzuholen.

Alle wollen weiter nach Westen

Mit der Mama fahre ich nach Freiburg im Breisgau, wir werden in einem Transitlager für Emigranten einquartiert. Im Vergleich zu Pirmasens ist es luxuriös - saubere Betten, Duschen, gutes Essen. Wir können uns frei bewegen, allerdings sind die Tage mit Behördengängen ausgefüllt. Die Wartezeiten sind lang, weil so viele Menschen das Land verlassen wollen.

Nach etwa zehn Tagen Schlangestehen erhält die Mama endlich Einlass und verkündet mir danach freudestrahlend: "Es hat geklappt! Ein Zug fährt noch heute Abend nach Paris, wir müssen schnell unsere Sachen packen."

Am 21. Mai 1948 kommen wir frühmorgens in Paris an. Als die Basilika Sacré-Coeur, die ich schon von Bildern kenne, majestätisch auf der rechten Seite auftaucht, läuft es mir kalt den Rücken herunter. In wenigen Wochen, ja sogar Tagen, werde ich zum begeisterten Franzosen, zum Pariser. Die Erinnerung an Deutschland verblasst immer mehr, an die früheren Elendstage will ich gar nicht mehr denken.

Vater und Bruder kommen im September heimlich aus Deutschland nach. Der illegale Grenzübertritt hat allerdings Konsequenzen: Anfang 1949 eröffnet die französische Justiz ein Strafverfahren gegen den Diplom-Architekten Keppel. Er wird zu einem Bußgeld von 5573 Francs verurteilt, ersatzweise zu Gefängnis. Die Internationale Flüchtlingsorganisation IRO, eine Uno-Sonderorganisation, kommt uns aber zur Hilfe - und am 15. Juni 1949 wird er amnestiert.

Um in Frankreich leben und arbeiten zu können, besitzt Eric Keppel den so genannten Nansen-Pass, ein Dokument für staatenlose Flüchtlinge und Emigranten. Nach dem Abitur verlässt er Frankreich, um in Aachen zu studieren. 1974 wird der promovierte Kernphysiker und dreifache Vater in Deutschland eingebürgert.
insgesamt 6 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Gunnar Ganz, 01.04.2018
1. Es ist sehr löblich,
das SPON sich der Geschichte annimmt und uns in Erinnerung ruft, wie es am Kriegsende aussah.Honiglecken war es nicht! Wer zum Beispiel umsiedeln musste aus dem Baltikum,der fand sich im Warthegau und Posen wieder( 39) .Dank der Kriegsschäden war Wohnraum knapp. So weis ich zum Beispiel von einer Familie ( oder deren Teilen) das sie bei einem Feuerwehrmann in Lübeck unter kam-5 Personen auf etwa 20 Quadratmeter .Die Stadtverwaltung requirierte Zimmer! Nicht immer soll es vollends friedlich abgelaufen sein.....das Aufnehmen von Flüchtlingen.Nur eines muss auch gesagt werden: die ca12 Millionen Weltkriegsflüchtlinge hatten nicht viel gemein mit der heutigen Lage! Wer aufmerksam gelesen hat, sieht auch wie schnell Arbeit gefunden werden konnte,dank exzellenter Ausbildung.SPON sei dank für diesen Bericht!
Le Toubib, 01.04.2018
2. Nur eines:
So etwas sollte Pflichtlektüre der Menschen werden, die Flüchtlinge kategorisch ablehnen! Der Familie meiner Mutter ging es ähnlich, nur fand die Familie Unterkunft bei meinem Grossonkel in Hamburg. Aber ein Obdach alleine ernährt einen nicht! So verteilte sich unser Familiensilber unter Schwarzhändler in Hamburg und Bauern in Hamburgs Umgebung. dann endlich gab es CARE-Pakete. Und war das nicht alles schlimm genug gewesen, wurde meine Muter noch Ende der 1860er als "Flüchtlingsweib" beschimpft, weil sie Oberschwäbisch nicht zu 100 % verstand! Sie konnte als Tochter eines Gymnalialdirektors halt nur Hochdeutsch ...
Ludwig Kellner, 01.04.2018
3. Und warum
ist die Familie vor den Russen abgehauen? Bei uns (ich stamme ebenfalls aus Ungarn) waren die meisten, die mit den deutschen Soldaten geflohen sind, Mitglieder im Volksbund. Diese haben sich vehement für "Heim ins Reich" eingesetzt. Die anderen meinten, nichts befürchten zu müssen und blieben. Bis die Ungarn mit der Vertreibung begannen.
Alexander Gutmann, 02.04.2018
4. Geschichtsrevisionismus vom Feinsten
1. Ungarn war nicht von den Nazis besetzt gewesen, sondern Ungarn war selbst ein Hort des Nationalsozialismus und der Vernichtung. Das Regime von Miklas Horthy stand dem von Mussolini und Hitler in nichts nach. 2. Nordsiebenbürgen hat bis 1938 dem Königreich Rumänien gehört und wurde Mithilfe einer Kriegsdrohung Hitlers auf Wunsch Ungarns aus Rumänien herausgerissen.
Holger Schön, 02.04.2018
5. Pflichtlektüre
Genau. Gute Ausbildung, mit wenigem zufrieden sein, von unten anfangen und vor allem anderen: eigene Initiative um eine Existenz neu aufzubauen. Respekt.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.