Deutschland nach 1945 "Ich konnte nichts wiedererkennen"

Aus der Idylle ins Trümmerchaos: Barbara Sieghart war während des Kriegs in die beschauliche Nordpfalz evakuiert worden. Als sie 1945 ins zerstörte Ludwigshafen zurückkehrte, brach für die Neunjährige eine Welt zusammen.

imago/Leemage

Das Kriegsende erlebt Barbara Sieghart (geborene Mothes), Jahrgang 1936, in dem beschaulichen Städtchen Kirchheimbolanden in der Nordpfalz. Als das Mädchen im September 1945 in ihre zu 80 Prozent zerstörte Heimatstadt Ludwigshafen zurückkehrt, erleidet sie einen Schock. Zum Trost wird eine kleine Metallschachtel: Die Neunjährige entdeckt das Relikt aus unbeschwerten Vorkriegstagen unter einem Trümmerberg.

Die Schulen in Deutschland, die seit Kriegsende geschlossen waren, wurden im Herbst 1945 wieder für die Kinder geöffnet. Ich sollte in die vierte Klasse aufgenommen werden, auch meine kleine Schwester Rotraud sollte jetzt zur Schule kommen. Und unsere Familie musste natürlich wieder zurück in unsere alte Wohnung ziehen, die zwar beschädigt, aber noch bewohnbar war.

Wir Kinder ahnten noch nicht, welch ein Schock es für uns sein würde, aus der heilen und geschützten Welt des unbeschädigten kleinen Städtchens Kirchheimbolanden in die Trümmerlandschaft Ludwigshafen zu kommen.

Laut Anordnung hatten sich alle Kinder am ersten Schultag in ihrer alten Schule zu melden. Die Familie beschloss, mich allein auf den Weg zu schicken - meine Mutter und Schwestern sollten per Lastwagen mit ein paar Möbeln und Hausrat nachkommen. Ich würde sie dann zu Hause vorfinden, wenn ich aus der Schule zurückkäme.

"Guten Morgen" statt "Heil Hitler"

Ich frage mich heute noch, wie ich es damals, als gerade neunjähriges kleines Mädchen, fertiggebracht habe, diese Fahrt von Kirchheimbolanden nach Ludwigshafen zu bewältigen. Einmal angekommen, musste ich in der mir völlig fremden Trümmerlandschaft den Weg zu meiner Schule suchen, die tatsächlich den Krieg überstanden hatte. Das war mühsam - mehr als zwei Jahre waren seit meinem letzten Schulbesuch vergangen.

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Deutschland nach '45: Trümmerfrauen, Schwarzmarkt, Flüchtlinge - eine Zeitreise

Es ging vorbei an vielen Ruinen. Die Trümmer waren inzwischen weggeräumt, aber die Straßen hatten ihr Aussehen stark verändert. Als wir Kinder in der Wittelsbachschule ankamen, stellten wir fest, dass kaum noch Fensterscheiben in den Fenstern waren, stattdessen waren die Fenster mit "Pappendeckeln" verklebt. Die Wände des Klassenzimmers waren beschädigt - die vielen Luftangriffe hatten ihre Spuren hinterlassen. Es war ein großer Raum mit über 50 Kindern.

Da es keine funktionierende Heizung mehr gab, behielten alle ihre Mäntel und Schals an, teilweise auch die Mützen. Der Lehrer war noch der Herr Weyand, den wir in der ersten Klasse gehabt hatten. Aber jetzt sagte er: "Guten Morgen, Kinder", und nicht mehr "Heil Hitler", wie damals.

Mindestens ein Drittel der Schüler waren Flüchtlingskinder aus Schlesien, Ostpreußen und anderen deutschen Ostgebieten. Man hörte das sofort an der Sprache. Nach kürzester Zeit brachten wir Läuse und Flöhe nach Hause, später kam auch noch Krätze dazu, ebenso wie alle möglichen Sorten von Würmern. Kurz: Ich erinnere mich an diese Zeit nur mit großem Schaudern. Es hat Monate gedauert und unangenehmste Therapiemethoden mit sich gebracht, bis wir diese Seuchen alle überstanden hatten.

Mit Granatsplittern gespickt wie ein Rehrücken

Nur mühsam gewöhnten wir uns an das Leben in der Trümmerstadt. Allzu viel hatte sich verändert: Früher war unser Viertel ein angenehmer Ort gewesen, ein schattiger Platz, breite Straßen, auf denen wir Kinder Rollschuh fahren konnten. Viele Bäume, breite Trottoirs, auf denen wir Ruderrenner-Wettkämpfe austrugen. Es war schön, damals. Aber wie sah Ludwigshafen jetzt aus! Ich konnte nichts wiedererkennen. Ruinen, überall Ruinen und Schutthaufen.

Alexandra Frank / Alexander Hirl / DER SPIEGEL

Als wir die Wohnung betraten, waren wir entsetzt. Fast alle Fenster waren kaputt, die fehlenden Scheiben, durch den Luftdruck zerstört, waren durch Pappe ersetzt und verklebt. Es sah sehr unschön aus. Und dann die schönen Möbel im Herrenzimmer, der Bücherschrank, der Schreibtisch, die Kommode - poliertes kaukasisch Nussbaum, auf das Mutti so stolz gewesen war - alle waren sie mit Granatsplittern gespickt. "Gespickt, wie ein Rehrücken", sagte Mutti.

Schatz unterm Trümmerberg

Nach einer kurzen Eingewöhnungszeit in unserer alten Wohnung in der Lisztstraße wollten wir Kinder endlich die Ruine unseres Großelternhauses ansehen. Welche schönen Erlebnisse hatte ich dort gehabt! Alle meine Lieblingsspielsachen und Kinderbücher hatten sich dort befunden, auch mein wunderschöner uralter Kaufladen und meine alte Kinderküche mit den kleinen Porzellanpuppen.

Eines Tages marschierten wir also mit unserem Vater dorthin. Das Haus war von einer Brandbombe getroffen worden. Das Dachgeschoss, alle Fensterrahmen und Türen, sowie das hölzerne Treppenhaus waren ausgebrannt, der ganze Vorgarten glich einer einzigen Schutthalde. Und dieser entsetzliche Brandgeruch, der dort überall wahrnehmbar war!

Der Anblick war für uns Kinder ein furchtbarer Schock. Wir hatten ja zwei Jahre lang in einer heilen Welt gelebt, und solche schlimmen Bilder waren uns gottlob erspart geblieben. Ich brach in Tränen aus, als ich die ganze entsetzliche Wirklichkeit begriff. Wir Kinder fingen an, in den Schuttbergen zu wühlen, ob denn nicht doch irgendetwas von unseren Schätzen in den Trümmern zu finden sei.

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Rückkehr ins zerstörte Ludwigshafen 1945: Heimat in Trümmern

Und wirklich - es grenzte fast an ein Wunder - sah ich, als die Sonne plötzlich ein paar Strahlen schickte, dass unter verschiedenen verkohlten Brocken etwas blinkte. Ich wühlte so lange, bis ich das blinkende Etwas in der Hand hielt: Es war eine metallene Zigarettenschachtel, von der Hitze etwas blau verfärbt, aber nicht verformt.

Ich konnte das Schächtelchen öffnen - es befanden sich die schönsten Perlen darin, die meine Großmutter für ihre Bastel- und Stickarbeiten gesammelt hatte! Ich weinte vor Freude, dass wenigstens dieses kleine Andenken an schöne, frühere Zeiten erhalten geblieben war.

"Oben ohne" im Bombentrichter

Als 1946 endlich der Sommer ins Land kam, trauten wir uns zum ersten Mal seit vielen Jahren, unsere geliebten Kieselstrände am Rheinufer der Park-Insel aufzusuchen. Die Strände waren allerdings nicht wieder zu erkennen: Das ganze Rheinufer war zerwühlt von Minenlöchern und Bombentrichtern. Es war eine absolute Kraterlandschaft - und doch gab es genügend freie Flächen, auf denen man ein Badetuch ausbreiten konnte.

Meine Mutter und ihre Freundin suchten aber gerne die Bombentrichter auf, um sich dort ein Plätzchen einzurichten, wo sie sich "oben ohne" von der Sonne bescheinen lassen konnten. Dort konnte man sie nicht ohne Weiteres einsehen, nur wir Kinder wussten, wo sie war.

Zu Hause gab es eines Tages große Aufregung. Meine kleinen Schwestern Rotraud und Birgit hatten in unserem ehemaligen Sandkasten im Hof gespielt, der von allen Mietparteien genutzt werden konnte. Rotraud wollte einen tiefen Graben mit ihrer kleinen Sandschaufel graben. Dabei stieß sie plötzlich auf etwas Metallenes.

Sie grub weiter und förderte noch mehr davon zutage. Schließlich holte sie ein komisches "Ding" heraus und brachte es zu unserem Papa. Das Ding war eine Pistole: In unserem Sandkasten lagerte eine ganze Waffensammlung.

40 Gramm pures Glück

Unsere Lebensmittelversorgung war eine einzige Katastrophe. Hier in der Stadt gab es etwas "Ordentliches" nur für die Leute, die Beziehungen hatten. Wir gehörten nicht dazu. Papa brachte aus der Fabrik ausgelaugtes Zuckerrüben-Gemüse mit, aus dem der Rübenzucker zuvor extrahiert worden war. Wir aßen das wochenlang, es schmeckte schauderhaft, und ich bekam manchmal Brechreiz davon.

Zwar hatte der Schularzt dafür gesorgt, dass ich eine "Sonderkarte" bekam. Aber ich erhielt nie meine Extra-Rationen, obwohl ich genau wusste, was mir zustand. Mutti bat mich flehentlich um mein Verständnis, dass Papa die Extra-Ration bekam - weil er sie nötiger als ich hätte. Vielleicht habe ich deshalb jetzt, im Alter, solche Probleme mit meinen Knochen.

Einen Schultag werde ich nie vergessen: Es war der Tag, an dem jedes Kind ein (schätzungsweise) 40-Gramm-Täfelchen Hersheys Milk Chocolat überreicht bekam: Ich war vom Glück überwältigt! Seit vielen Jahren schon hatte keiner von uns auch nur ein Stück Schokolade gesehen, geschweige denn gegessen. Ich brach nur ein kleines Stückchen ab, um zu kosten. Es war Bitterschokolade, zunächst ungewohnt für ein Kind - ich konnte mich durchaus noch an den Geschmack von Milchschokolade erinnern.

Mit geschlossenen Augen ließ ich mein Stückchen im Munde zergehen, den Rest brachte ich nach Hause, um es dort an meine kleinen Schwestern und an Mutti zu verteilen. Daheim erfuhr ich, dass meine Schwester Rotraud in der Volksschule ebenfalls bei der Schulspeisung Schokolade bekommen hatte. Die hatte sie aber - sofort vertilgt.

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Bernie59, 07.03.2018
1.
Ich meine gerade meiner Mutter , Jahrgang 37, erzählt noch einmal ihre Erlebnisse und ihre Sicht der Dinge. Mein Dank gilt auch dem SPON, welcher meine Stadt auf diese Art portaitierte. Was haben diese Kinder alles erleben müssen.
Steffen Kirmse, 07.03.2018
2. Heute war Jahrestag der Zerstörung
der alten Residenzstadt des Herzogtums Anhalt, der Stadt Dessau. Feuersturm, die Innstadt komplett vernichtet, mehr als 80 % Gesamtzerstöung. Über 500 Menschen starben, unersetzliche Kultürgüter gingen verloren; die Stadt hat sich niemals davon erholt. Das riesige Junkers-Flugzeugwerk blieb stehen, war ja auch nicht Ziel des Angriffes. In keinem Blatt war dazu etwas zu lesen heute.
Thomas Mayer, 07.03.2018
3. Danke
für die schöne Zeitzeugenerinnerung. Und heute bricht für manche eine Welt zusammen, wenn mal der Gehweg nicht gekehrt wurde. Mit welch mikrigen Problemchen sind wir doch heute fast schon gesegnet, verglichen mit den Problemen die unsere Eltern und Großeltern nach dem Krieg hatten
Christian Kubon, 08.03.2018
4. Kein Mitleid!
Jüdische Kinder wurden vergast - deutsche Kinder hatten keine Schokolade! Welch ein Hohn!
Michael Konrad, 08.03.2018
5. @Christian Kuban!
Was stimmt denn nicht mit Ihnen? Hier erzählt eine Frau, über Ihre Nachkriegszeit als Kind... Es geht nicht um Mitleid oder sonstiges sondern nur um dass was Sie erlebt hat. Wie es sich für ein kleines Kind angefühlt hat.
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