Zeitzeugen der Nachkriegszeit Mit der Seifenkiste zur Demokratie

Die Mutter repariert Nylonstrümpfe der GI-Frauen, der Sohn trägt die "Stars and Stripes" aus: Diether Sieghart landete 1946 im bayerischen Moosburg und lernte als Elfjähriger den "American Way of Life" lieben.

privat

Diether Sieghart wurde 1934 in Petershofen/Petrkovice (bis 1939 Tschecheslowakei, bis 1945 Oberschlesien, heute Tschechien) geboren. Wenige Tage vor Kriegsende starb sein Vater bei einem russischen Panzerangriff. Im Frühjahr 1946 wurde der Elfjährige mit seiner Mutter und den vier kleinen Geschwistern aus der Tschechoslowakei vertrieben, per Viehwaggon ging es nach Bayern. In Moosburg landete die Familie in einer verschimmelten Wohnung.

Als wir eingezogen waren, sagte unsere Mutter: "Bitte schwärmt aus und versucht, irgendwo Hausrat zu bekommen, damit wir kochen und essen können." Die Müllkippen waren unsere ersten Anlaufstellen.

Neben alten Tellern und rostigen Töpfen fand ich dort die Sprungfeder einer Matratze. Schnell versah ich sie mit einem geschnitzten Holzgriff, um damit Eischnee und Schlagsahne herzustellen. Mutter sagte mit einem traurigen Lächeln: "Wir haben doch weder Eier noch Sahne!" Dieses erste Bastelstück hob sie bis zu ihrem Tod auf.

Nach wenigen Tagen erfuhren wir, dass die Amerikaner in Moosburg die Jugend- und Kulturorganisation GYA (German Youth Activities) aufbauten. Ziel: Über die Jugendlichen wollten die Amerikaner der deutschen Bevölkerung Demokratie und den "American Way of Life" näherbringen.

Alles kostenlos und bestens organisiert

Es gab dort verschiedenste Sportangebote wie Boxen, Softball und Baseball, Klettern und Kunstradfahren. Zudem Sprachkurse und Fotolabors mit kompletter Einrichtung, Werkstätten für Flugzeug-Modellbau, Holz- und Textilarbeiten, einen literarischen Zirkel und Filmvorführungen. Sogar Ausflüge für Jugendliche ins Gebirge und Fahrten zu Sportwettkämpfen wurden angeboten, alles kostenlos und bestens organisiert.

Alexandra Frank / Alexander Hirl / DER SPIEGEL

Am Schwarzen Brett des GYA entdeckte ich, dass ein Zeitungsjunge mit Fahrrad zum Austragen der Zeitschriften "Stars and Stripes" und "New York Herald Tribune" gesucht wurde. Ich bewarb mich bei Herrn Hannemann, einem am GYA-Projekt beteiligten Deutschen, musste ihm aber mitteilen, dass ich für mein erstes Fahrrad am Schrottplatz noch nicht alle Teile gefunden hatte. Und wir zu arm seien, um ein neues Fahrrad zu kaufen.

Er besprach die Situation mit US-Kollegen und stellte mir dann Geld für ein Guericke-Rad zur Verfügung, das ich abstottern durfte. Stolz und glücklich war ich damals. Die Zeitungen kamen sehr früh mit einem US-Lieferwagen. Noch vor meinem Schulunterricht musste ich alle Villen und Wohnungen abfahren, in denen US-Offiziere einquartiert waren, dort die Zeitungen abgeben und am Monatsanfang kassieren.

Wenn Offiziere ihren Einsatzort verlegten oder in die USA zurückmussten, kamen die bezahlten Zeitungen weiter bei mir an, ich konnte sie an Soldaten gegen Script-Dollars frei verkaufen. Das waren wichtige Zusatzeinnahmen zusätzlich zur Sozialhilfe, später zur Witwen- und Waisenrente.

Comics aus der Mülltonne

Herr Hannemann, der die Notlage unserer Familie erkannt hatte, beschaffte uns eine zweite Einnahmequelle: Vornehmlich für die Frauen der US-Offiziere, aber auch für wohlhabende Deutsche war ein Reparaturdienst für Nylonstrümpfe eingerichtet worden - unsere Wohnung war Annahme- und Abrechnungsstelle.

Neben Geldeinnahmen für den Zeitungsdienst gab es von den Frauen der US-Offiziere oft Geschenke wie Süßigkeiten und Konserven - begehrte Tauschobjekte. Als "Newspaper-Delivery-Boy" hatte ich Zugang durchs Gartentor und ging an meist kläffenden Hunden vorbei bis zur Haustür, um die Zeitung abzugeben oder einzustecken.

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Jugendprogramm der US-Besatzer: "Überwachen wir Siemens - aber vergessen wir die Schulen nicht"

Beim Rückweg schlich ich zur Mülltonne und holte Comics und Modezeitungen heraus, die ich gegen Pausenbrote, Obst und Bücher eintauschen konnte. Dass meine Mitschüler diese Bücher ihren Eltern entwendeten, ahnte ich, ohne jedoch ein so heikles Thema anzusprechen.

Stromlinienförmige "Leslie"

Neben den GYA-Kursen veranstalteten US-Soldaten noch andere Aktionen. So warfen sie aus Flugzeugen Geschenke und Süßigkeiten aller Art mit kleinen Fallschirmen über der Stadt ab. Wir Vertriebenen waren wenig begeistert, weil die Fallschirme meist in Gärten landeten, zu denen nur Einheimische Zutritt hatten.

Mehr Spaß bereiteten uns die von den Amerikanern ins Leben gerufenen Seifenkistenrennen: US-Familien übernahmen Patenschaften sowie die Kosten für Radsätze von Opel und freuten sich, wenn wir die Spendernamen auf die Fahrzeuge malten. Ich bastelte für meinen Bruder Wolfgang eine stromlinienförmige Soap-Box mit Federung der Hinterräder, wir tauften sie "Leslie".

Besonders wichtig war für uns die von den Amerikanern eingeführte Schulspeisung: Auf dem Schulhof des Domgymnasiums wurden in den Pausen oder gegen Mittag Haferflockenbrei mit Rosinen, Eintopf und Suppen ausgeteilt. Ich hatte von einer Moosburger Müllkippe einen Alu-Behälter organisiert, der etwa 1,5 Liter fasste. An der Außenseite war der schiefe Turm von Pisa eingraviert: die wunderschöne Arbeit eines Soldaten, der wohl in Italien im Einsatz war.

Wir Vertriebenen waren immer hungriger als unsere einheimischen Mitschüler. Häufig so hungrig, dass wir sie ansprachen: "Lass mich bitte einmal abbeißen", was uns große Überwindung kostete. Vor allem die ärmere Moosburger Bevölkerung unterstützte uns Vertriebenen sehr, aber auch wenige Wohlhabende. Von einem Bäckersohn bekam ich oft knusprige Semmeln gegen Mithilfe beim nächsten Test. Er soll es später bis zum Volksschulleiter gebracht haben, worüber ich mich wirklich freute.

Altnazis gegen "Amihuren"

Moosburger Radsportlern organisierten mit dem GYA auch Radrennen. Da wir "Newcomer" uns keine Rennräder leisten konnten, montierten wir die Schutzbleche und andere nicht benötigte Ausrüstungen von unseren Fahrrädern ab. Wochenlang trainierten wir auf der alten B11 zwischen Moosburg und Landshut. Und überlegten, ob und wie man sich mit Kaffee, schwarzem Tee und Traubenzucker in Form bringen könnte.

Bei einem Rennen setzte ich mich sogar gegen meinen Trainingspartner Bruno von Mengden durch und gewann als Erster in unserer Altersklasse. Als Preis hatten die US-Soldaten einen aus Schaffell hergestellten Fliegeranzug gestiftet. Ich konnte ihn später bei meinen Abiturvorbereitungen in einem eiskalten Zimmer gut gebrauchen.

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Deutschland nach '45: Trümmerfrauen, Schwarzmarkt, Flüchtlinge - eine Zeitreise

Die Amerikaner machten sich mit ihren Aktionen, ihrer Musik und ihrem Einfluss auf die Jugend nicht nur Freunde. Es gab Altnazis in allen Kreisen der Bevölkerung, vor allem bei den wohlhabenden Bürgern und in den Vereinen. Als ich über Herrn Hannemann und einen sportbegeisterten US-Offizier das Angebot erhielt, dass die Amerikaner mit schwerem Gerät unsere geplante Aschenbahn am östlichen Ortsrand von Moosburg kostenlos bauen würden, war im Verein der Teufel los.

Amerika-Gegner zwangen uns jugendliche Leichtathleten, mit Schaufel und Spaten in mühevollster Arbeit die Aschenbahn und die Sprunggruben selbst auszuheben - und in Kauf zu nehmen, dass die Laufbahn nicht waagerecht, sondern mit leichtem Gefälle ausgebaut werden musste.

Andere diffamierten Frauen, die sich mit Amerikanern eingelassen hatten, als "Amihuren", selbst wenn es feste Beziehungen waren oder sogar zu Ehen führten. Unter den Verleumdern: Geschäftsleute, die unter anderem durch Schwarzhandel reich geworden waren, und einige, die im Moosburger Karneval reihenweise junge Mädchen mit Sekt und starken Alkoholika verführten und ihre eigenen Frauen betrogen.

Igel, in der Glut gegart

Neben Freizeitbeschäftigungen, GYA, Zeitungsaustragen und Strumpfreparaturdienst gab es noch wichtigere Aufgaben: Holz sammeln, in den Dörfern rund um Moosburg Lebensmittel hamstern sowie im Herbst "Fallobst-, Ähren-, Kartoffel- und Zuckerrübennachlese" auf den abgeernteten Feldern, mit Erlaubnisschein der Gemeinde.

Natürlich waren wir auch Schwarzfischer. Zunächst waren wir dort unterwegs, wo US-Soldaten mit Handgranaten Hechte ohne Angelschein und "Petri Heil" fischten und uns danach den Beifang an Weißfischen, Forellen und anderen kleinen Fischen überließen. Als die US-Verwaltung das verbot, lernten wir, mit den Händen zwischen den Ufersteinen Forellen zu greifen, mit mehrzackigem, selbst geschmiedetem Gerät in der Strömung stehende Fische aufzuspießen oder zu schnüren.

Ein französischer Kriegsgefangener zeigte mir, wie man Weinbergschnecken sammeln und zubereiten konnte, was allerdings äußerst mühsam war. Und Roma (wir nannten sie damals Zigeuner), die unter der Isarbrücke ihren Wohnwagen aufgestellt hatten, brachten mir bei, wie man Igel in Lehm packen und dann in der Glut garen konnte.

Erst als ich in einem Indianerbuch gelesen hatte, wie köstlich Bisam schmeckte, konnten wir uns überwinden, "Wasserhasen" auf die Speisekarte zu setzen. Es wurden köstliche Gerichte.

insgesamt 9 Beiträge
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Karl-Friedrich Giebel, 23.03.2018
1. Zuagroaste
Schöner Beitrag, aber was mir als Oberbayer aufgefallen ist: "Zuagroaster" ist kein Schimpfwort, sondern ein Status, schließlich sind die Leut ja zugezogen. Wird heut genauso benutzt, gerne auch noch für die nachfolgende Generation.
Michael Meert, 23.03.2018
2. Solche konkreten Erinnerung
sind ungeheuer wichtig - heute mehr denn je. Meine Mutter und Familie wurden aus dem Sudetenland vertrieben und haben fürchterlich darunter gelitten. Sie waren absolut keine Nazis gewesen oder in der BRD Revanchisten! Es war zum Teil skandalös, wie sie von den West-Deutschen behandelt wurden. In sofern sieht man heute bei dem Flüchtlingsthema: es ist wenig Fortschritt gemacht worden und die Anfälligkeit für nationalistische Parolen ist wieder höher denn je. Erinnert euch daran, wie diese Gefühle von der Politik ausgenutzt wurden und widersteht!
Jürgen Thiede, 23.03.2018
3. Fremdenfeindlichkeit ist nichts Neues
Ganz richtig, Herr Meert! Die Flüchtlinge und Vertriebenen wurden damals diskriminiert, obwohl sie Deutsche waren, nicht aus einem anderen Kulturkreis kamen und keine andere Sprache sprachen. Es ist immer dasselbe Muster, nach dem der Fremde ausgegrenzt wird, auch wenn er sich noch so passt.
Hubie hubel, 24.03.2018
4. Erinnerungen...
Ich selbst bin 30 Jahre alt. Meine Eltern waren beiderseits die jüngsten im Wurf. Ihre älteren Geschwister sind z.T. vor dem Krieg geboren worden. Mein Onkel, mittlerweile bald 81, erzählte mir vor ein paar Jahren auf einem Familientreffen von der Flucht aus Danzig in 1945. Er war das älteste von heute 7 Geschwistern. Am Bahnsteig in Danzig hatte ihm meine Oma aufgegeben auf seine kleine Schwester aufzupassen. Im Menschengedränge verlor er Sie und meine Oma war außer sich, sie gab ihm aus Verzweiflung eine Backpfeife. Er sagte, dass war das einzige mal, dass Sie ihn geschlagen hat. Gott sei Dank habe ich Sie noch kennen lernen dürfen als kleines Kind, und habe noch gute Erinnerungen an Sie und meinen Opa. Sie starben 1992 und '93. Als er mir die Geschichte erzählte, weinte er am Ende. Das gab mir Gänsehaut. Wenn ich jetzt daran zurückdenke, kommen mir wieder die Tränen. Nie wieder darf sich so ein Krieg und so ein Gesellschaftsmodell wiederholen! Ich wünschte, es würde jedem in diesem Land so gut gehen, dass er keine so drängenden, finanziellen Sorgen hat, die ihn täglich belasten. Es ist ab einem gewißen Maß Aufgabe der Politik dafür zu sorgen, dass es den (finanziell) 'Schwächsten' in der Gesellschaft nicht zu schlecht geht. Aber hirnlosen und verachtungswerten Rechten die Stimme zu geben, oder Leute zu unterstützen, die anderen Menschen Gewalt antun und diese in Angst versetzten, das ist erbärmlich. Egal ob man Hartz IV bezieht, gutes Geld verdient, oder sonstwo in der Gesellschaft angesiedelt ist. Nie wieder darf sich hier eine Gesellschaft manifestieren wie zwischen 1933 und 45! Deshalb ist es wichtig sich zu erinnern. Deshalb muss die Nazi Zeit ein riesen Thema bleiben in den Schulen. Nicht um Kindern Komplexe einzureden, sondern um aus den Fehlern unserer Vorfahren zu lernen und um die historische (nicht persönliche!) Verantwortung unseres Landes und unser selbst weiter zu tragen, wenn keine Zeitzeugen mehr leben. Wer sein Selbstwertgefühl (Höcke: 'Denkmal der Schande'...) dadurch verletzt sieht, der definiert sich über die falschen Merkmale.
Thomas Dunskus, 24.03.2018
5. Allgemein gültig?
Herr Meert(Anm. 2) - als ich, ein Berliner, im Jahre 1940 wegen der Luftangriffe nach Schlesien evakuiert wurde, war die Reaktion meiner Schulkameraden ähnlich wie das, was Sie damals in der BRD erlebt haben - Berliner Eckenscheißer war noch das Netteste. Aber wenn Sie nationalistische Parolen und die damit verbundene Politik als verwerflich ansehen, wie beurteilen Sie dann das Verhalten der Tschechen den Sudetendeutschen gegenüber in der Zeit 1945/46, als man die rechtmäßige deutsche Bevölkerung total enteignete und aus ihrer Heimat vertrieb? Bezieht sich Ihre Ermahnung "Erinnert euch daran, wie diese Gefühle von der Politik ausgenutzt wurden und widersteht!" auch auf die Tschechen?
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