Deutschland-Österreich Nazis in der Abseitsfalle

Deutschland-Österreich: Nazis in der Abseitsfalle Fotos

Es war die größte deutsche Fußballblamage aller Zeiten: Um die WM 1938 aufzurollen, fusionierten die Nazis nach dem Anschluss Österreichs die beiden Nationalteams. Doch das Möchtegern-Dreamteam von Reichstrainer Sepp Herberger erlebte ein Desaster. Von Jörg Schallenberg

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"Eins und zwei und drei und vier und fünf und sechs und sieben und acht!" Der Reporter des Fachblattes "Fußball" war vor Begeisterung gar nicht mehr zu stoppen, als er am 16. Mai 1937 seinen Bericht aus Breslau in die Redaktion schickte. Mit 8:0 hatte die deutsche Fußball-Nationalmannschaft gerade Dänemark vom Platz gefegt, eigentlich ein starker Gegner. Doch es war nicht nur die Höhe des Sieges, sondern die begeisternde Spielweise, die die Truppe um den fünffachen Torschützen Otto Siffling als "Breslau-Elf" in die Fußball-Geschichte eingehen ließ - und zu einem der Topfavoriten für die Weltmeisterschaft im folgenden Jahr in Frankreich machte.

Wer sollte diesem Dreamteam überhaupt gefährlich werden? Fußballmutterland England nahm nicht an Weltmeisterschaften teil. So blieben vielleicht noch Ungarn oder Italien - und natürlich Österreich. Die Alpenländler spielten seinerzeit den wohl technisch beschlagensten und kunstvollsten Fußball in Europa, auch wenn sie darüber manchmal das Gewinnen vergaßen. Ganz im Gegensatz zu den Deutschen, die wenig von der Kurzpasszauberei ihrer Nachbarn hielten, sondern kraftvoll und athletisch auftraten, schnell und zielstrebig kombinierten und von den taktischen Winkelzügen des listigen Reichstrainers Sepp Herberger profitierten. Und während die Österreicher längst als "Professionals" Geld verdienten, bekamen die Deutschen nicht einmal ihren Verdienstausfall ersetzt, wenn sie für Länderspielen nominiert wurden, denn Berufsfußballertum galt im Nationalsozialismus als dekadentes Übel. Kurzum: Unterschiedlicher konnten zwei Fußballphilosophien kaum beschaffen sein.

Doch dann kam die Fußballrevolution über beide Länder - in Knobelbechern. Am 12. März 1938 marschierte die deutsche Wehrmacht in Österreich ein, einen Tag später wurde das Land mit dem "Gesetz über die Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich" annektiert und zum Landesteil "Ostmark" heruntergestuft. Zum Entsetzen von Reichstrainer Sepp Herberger sollten nun auch in der Fußball-Nationalmannschaft des "Dritten Reichs" Spieler aus der "Ostmark" und dem "Altreich" gemeinsam auflaufen - obwohl sich Österreich wie das Deutsche Reich für die WM qualifiziert hatten und beide Titelchancen besaßen. Doch schon am 28. März 1938 wurde der Österreichische Fußballbund beim Weltverband per Telegramm "als erloschen" gemeldet.

"Die Geschichte erwartet das von uns"

Wenige Tage vor dem Beginn der WM 1938 trat die neue "großdeutsche" Auswahl erstmals in einem Testspiel gegen den englischen Proficlub Aston Villa an. In der Elf standen fünf Österreicher und sechs Deutsche. Eigentlich. Nur existierte diese Unterscheidung für den "Reichssportführer" Hans von Tschammer und Osten nicht mehr. Trainer Herberger allerdings war klar, dass das Zusammenmischen der unterschiedlichen Stile sportlich betrachtet Irrsinn war. Anfang April 1938 fragte er beim Reichsbund für Leibesübungen vorsichtig an, ob man nicht doch mit zwei getrennten Mannschaften zur WM fahren könne. Doch Fritz Linnemann, Leiter des "Fachamts Fußball", herrschte ihn an: "Seppl, sind Sie verrückt? Der Reichsführer wünscht ein 6:5 oder 5:6! Die Geschichte erwartet das von uns!"

Sechs Deutsche, fünf Österreicher oder umgekehrt - das sollte nach dem Willen der NS-Sportfunktionäre das zahlenmäßige Verhältnis zwischen ostmärkischen "Scheiberl"-Artisten und reichdeutschen Tempofußballern sein. Herberger fügte sich, und so trat am 4. Juni in Paris eine Mannschaft an, die von den Namen her die wohl klangvollste Elf der Welt darstellte - und doch nicht einen Moment lang zusammenpasste.

Im Tor stand Rudolf Raftl (Rapid Wien), die Verteidiger waren Paul Janes (Fortuna Düsseldorf) und Willibald Schmaus (Vienna Wien), als Läufer kamen Andreas Kupfer, Albin Kitzinger (beide FC Schweinfurt 05) und Hans Mock (Austria Wien) zum Einsatz, im Sturm spielten Ernst Lehner (Schwaben Augsburg), Rudolf Gellesch (Schalke 04), Josef Gauchel (TuS Neuendorf, heute TuS Koblenz), Wilhelm Hahnemann (Austria Wien) und Hans Pesser (Rapid Wien).

Düpierte Kicker aus dem "Altreich"

Zunächst schien die WM dennoch ganz im Sinn der "Großdeutschen" zu laufen. Im Achtelfinalspiel gegen Außenseiter Schweiz ging die Herberger-Elf durch Gauchel in Führung. Doch Sekunden vor dem Halbzeitpfiff entwischte der Schweizer Stürmer Lauro Amado demVerteidiger Schmaus und legte seinem Kollegen Trello Abegglen zum Ausgleich auf. Weil es auch nach Verlängerung noch 1:1 stand, wurde ein Wiederholungsspiel angesetzt - Elfmeterschießen gab es noch nicht.

Trainer Herberger erschien das Ergebnis geradezu als Erfolg angesichts der chaotischen Vorbereitung. Bei einem sogenannten Vereinigungsspiel am 3. April 1938 hatten die Österreicher die Reichsdeutschen fast schwindlig gespielt. Weil aber beiden Teams offenbar von höherer Seite nahegelegt worden war, Rücksicht zu nehmen, ließen die Spieler aus Wien demonstrativ die besten Gelegenheiten aus. So hatte der legendäre und am Ball perfekte Mittelstürmer Matthias Sindelar, im Strafraum völlig freistehend, demonstrativ in Richtung Eckfahne gezielt. Am Ende gewann die "Ostmark" 2:0; Sindelar weigerte sich forthin standhaft, für "Großdeutschland" anzutreten.

Noch bevor es zur WM ging, hatten sich die düpierten Kicker aus dem "Altreich" mit einem 9:1 in einem verbissen geführten Trainingsspiel revanchiert. Die gegenseitige Verachtung für österreichische "Schönspieler" beziehungsweise altdeutsche "Leichtathleten" vergiftete die Atmosphäre in der Mannschaft - wie natürlich auch der erbitterte Konkurrenzkampf der vielen in ihren Ländern längst etablierten Stars um die Plätze im WM-Kader. Für das Wiederholungsspiel gegen die Schweizer musste Herberger das ohnehin nicht eingespielte Team erneut umbauen, weil der Rapid-Wien-Stürmer Pesser im ersten Match vom Platz gestellt worden war. Da der Coach zwei weitere Neue bringen wollte, dadurch aber nur noch drei Österreicher in seiner Aufstellung hatte, änderte er die Aufstellung am Ende wegen der 6:5-Doktrin gleich auf sechs Positionen.

Grandiose Blamage im Hexenkessel von Paris

Dennoch galt die zusammengewürfelte Truppe in der Öffentlichkeit als haushoher Favorit. Und tatsächlich spielten die Austro-Germanen gegen die Schweiz eine halbe Stunde lang groß auf. Schon nach einer Viertelstunde lag die Elf durch einen Treffer von Hahnemann und ein Eigentor mit 2:0 vorn. Doch dann gelang den Eidgenossen der Anschlusstreffer - und Herbergers künstliche Gebilde fiel auseinander. Wieder und wieder ließen sich die Schwarzweißen nach unüberlegten Angriffen einfach auskontern, am Ende siegten die Schweizer mit 4:2 Toren, vehement angefeuert vom nazifeindlichen französischen Publikum und 15.000 Schweizer Fans. Deutsche Anhänger waren kaum angereist, da Reichsbürger wegen des chronischen Devisenmangels nur zehn Mark ins Ausland ausführen durften - damit aber kam man kaum bis nach Paris und ins Prinzenparkstadion.

Das gerade neuerstandene Großdeutschland in der ersten WM-Runde ausgeschieden - welch eine grandiose Blamage. "Wir haben in einem furchtbaren Hexenkessel verloren, wo sich alles gegen uns verschworen hatte", rechtfertigte sich Herberger gegenüber den wütenden NS-Sportfunktionären. "Glauben Sie mir, es war eine furchtbare Schlacht, es war kein Spiel mehr." In seinen persönlichen Aufzeichnungen allerdings gestand der Erfolgstrainer ein, dass die großdeutschen Fußballfantasien mit einem solchen Desaster enden mussten. Schlechter als die am grünen Tisch erfunden Elf von '38 sollte eine deutsche Mannschaft nie wieder bei einer WM abschneiden.

Herberger selbst holte sich den Titel doch noch, 16 Jahre und einen Weltkrieg später als Bundestrainer der "Helden von Bern". Besonders im Halbfinale der WM 1954 trumpfte das Team der jungen Bundesrepublik da mit einem 6:1-Sieg groß auf. Der Gegner hieß Österreich.

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1.
felix po 24.06.2008
http://www.youtube.com/watch?v=6TuhnILMQ_s
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