Spektakuläre Deutschlandreise Zwei Männer und ein Riesenfußball

Spektakuläre Deutschlandreise: Zwei Männer und ein Riesenfußball Fotos
Verein zur Förderung gesellschaftlicher Integration und Solidarität/ Hubertus Wiendl

Zieh! 1932 begann für zwei junge Männer ein aufregendes Abenteuer: Mit einer gigantischen Kugel im Schlepptau wanderten sie 16 Monate lang durch Deutschland und legten rund 4000 Kilometer zurück. Ein Tagebuch und mehr als 900 Fotos dokumentieren eine Reise - die aus nackter Verzweiflung begann. Von Sarah Levy

  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 2 Kommentare
  • Zur Startseite
    4.7 (18 Bewertungen)

"…hoffentlich passiert uns nichts. Was wir da leisten ist unmenschlich. Durch diese Leistung hoffen wir, dass man uns als echte deutsche Sportmenschen ansehen wird."

Diese bangen Worte schrieb Jakob Schmid am 26. April 1933 in sein Reisetagebuch. Ein Jahr zuvor, im Mai 1932, war der arbeitslose Bäcker im Alter von 26 Jahren vor der wirtschaftlichen Tristesse seines Heimatorts Regensburg geflohen. Mit dem befreundeten Hafenarbeiter Franz Perzl begab sich Schmid 16 Monate lang auf eine abenteuerliche Reise quer durch Deutschland. Im Schlepptau: ein riesiger Fußball aus Holz.

Die hellbraun lackierte Riesenkugel war eine handwerkliche Meisterleistung aus Erlenholz und Eisenringen. In einem Innenraum von etwa zwei Metern Durchmesser schwebte, geschickt mit Kugellagern ausbalanciert, ein Schlafzimmer auf engstem Raum: zwei Matratzen, darunter Holzkisten mit dem Gepäck, darüber ein Kruzifix. Tagsüber zogen die fußballbegeisterten Bayern den 600-Kilo-Koloss mit Brustgurten hinter sich her, nachts diente die Kugel ihnen als Schlafstätte.

Ihr tägliches Brot verdienten die Männer mit dem Verkauf von Postkarten, auf denen sie mit dem Riesenfußball posierten. Sie waren allerdings nicht die einzigen, die sich in skurrilen Gefährten auf den Weg gemacht hatten.

Es war das Jahr 1932, Unzufriedenheit, Massenarbeitslosigkeit und politische Unruhen bestimmten den deutschen Alltag. Existenzängste und Langeweile trieben vor allem junge Menschen auf große Wanderschaft. Zeitungsartikel aus der Zeit berichten von Zeppelinen, Ozeandampfern und sogar einer Nachbildung des Ulmer Münsters, die von Hoffnungsvollen und Verzweifelten über den Asphalt einer sterbenden Republik rollten. Dort hofften sie zu finden, was sie in ihrer Heimat vergebens gesucht hatten: Arbeit, eine Perspektive, ein anderes Leben. So auch der Bayer Jakob Schmid und sein Gefährte.

Ein acht Kilo schweres Tagebuch - und 900 Fotos

Die Vagabunden mit dem Riesenfußball wurden in Fußballclubs, auf Marktplätzen und Volksfesten als Attraktion gefeiert. In Wirtshäusern, auf Ämtern und Polizeirevieren begegnete man den Hunger leidenden Wanderern hingegen häufig abweisend. Einmal wurden die Regensburger mit einer Schaufel bedroht, ein anderes Mal wollte man sie bestehlen. An allen Stationen der Reise führte Jakob Schmid akribisch Tagebuch. Fast täglich verfasste er kurze Notizen über Erlebnisse und Begegnungen und schoss mehr als 900 Fotos. Zudem sammelte er Postkarten, Wimpel und Schuldscheine, die er fein säuberlich einklebte. In eineinhalb Jahren wuchs sein Reisebuch zu einem acht Kilo schweren Wälzer heran.

Fast 80 Jahre verstaubte der Schatz auf dem Dachboden von Schmids Verwandten. Aus Angst, es würde Verstrickungen mit den Nationalsozialisten offenbaren, wagten sie erst 2010, das Tagebuch anzusehen. Überwältigt von der historischen Sammlung übergaben sie die Dokumente dem Regensburger Journalisten Hubertus Wiendl. Der begann bald darauf mit der Transkription der Sütterlin'schen Schnörkel und stellt das umfassende Zeitdokument nun Stück für Stück auf seiner Seite Ballonauten.de der Öffentlichkeit zur Verfügung.

Auf 342 eng beschriebenen und dicht beklebten Seiten berichtet Jakob Schmid darin von einer abenteuerlichen Wanderung: Über Dresden, Leipzig und Berlin marschierte der Bayer erst mit Franz Perzl, später mit einem anderen Regensburger namens Georg Grau, bis an die Ostsee, dann wieder südwärts in die Berge der Alpen und nach Baden-Württemberg. Rund 4000 Kilometer in 16 Monaten verlangten den beiden "Ballonauten", wie die Presse damals die Abenteurer nannte, einiges ab. Im oberpfälzischen Städtchen Pfreimd notierte Schmid:

"Was wird da noch werden, wenn es immer so schlecht bleibt. ... Mussten hier das Karten hausieren anfangen, da das Geld ausging. Es ist furchtbar, so von Tür zu Tür zu laufen, wer das noch nicht mitgemacht hat, kann es gar nicht verstehen, was das für eine Qual ist."

Die Qual endete immer nur für kurze Zeit. Auf ihrer Reise erlebten die beiden Regensburger die große Not, die 1932 in Deutschland herrschte. "[B]ei 12.000 Einwohnern ca. 3000 Arbeitslose" notierte Schmid im bayerischen Selb nahe der tschechischen Grenze. Er lebte von Tag zu Tag, fürchtete immer wieder, selbst arm und "mit Schande" in die Heimat zurückkehren zu müssen.

"Ein Überfallkommando rast durch die Stadt Chemnitz"

Schmids kurze Einträge sind wenig politisch, stets hoffnungsvoll und oft ein wenig naiv. Sie zeichnen das Bild eines deutschen Volkes, das das Vertrauen in die Politik verloren hat und in Armut und Chaos versinkt. In Chemnitz erlebten Schmid und Perzl im Juni 1932 hautnah mit, wie die Weimarer Republik langsam zerbrach. Er wurde Zeuge von NSDAP-Aufmärschen und Straßenschlachten zwischen Nazis und Kommunisten. Die politischen Zusammenhänge spielten im Tagebuch jedoch keine große Rolle. So notierte Schmid etwa: "Alle Tage soll es so zugehen, ein paar Tote, nun, das kann ja lustig werden. (…) Hallo, was ist da los, ein Überfallkommando rast durch die Stadt Chemnitz."

Auch in Schmids Fotografien ist der Umbruch Deutschlands zu beobachten. Zu Beginn seiner Reise knipste der Hobbyfotograf meist menschenleere Marktplätze und Gaststätten, fotografierte verarmte Arbeiter- und Bauernfamilien, misstrauisch dreinblickende Städter und andere Deutschlandfahrer, die in kuriosen Gefährten ihr Glück auf der Straße suchten. Später finden sich in Schmids Sammlung auch Aufnahmen von Hakenkreuzfahnen, uniformierten Nazi-Offizieren, sowie Postkarten mit nationalistischer Propaganda.

Schon im Juni 1932 besuchten die Deutschlandwanderer in Schönau vor Chemnitz eine Suppenküche der Nationalsozialisten. Schmid notierte an diesem Tag beiläufig:

"Von einigen Leuten der Nazis wurden wir eingeladen, dass wir in der Küche essen sollten. Wir meldeten uns auch an und bekamen ohne weiteres Essen. Es war erstklassig, die Leute, die dort essen dürfen, können sehr zufrieden sein."

Zu Hitlers Amtsantritt im Januar 1933 findet sich zwar kein Kommentar in Schmids Aufzeichnungen. Doch der effektvollen nationalsozialistischen Propaganda konnte sich der gelernte Bäcker offenbar nicht entziehen. Als der Riesenfußball im Juli 1933 durch Stuttgart rollte, fand dort gerade das 15. Deutsche Turnfest statt. Eifrig sammelte Schmid Broschüren, Postkarten und Wimpel des Turnfests in seinem Reisebuch. Die Seiten sind dicht beklebt mit nationalsozialistischen Symbolen und Darstellungen arischer Idealvorstellungen.

Am 14. August 1933, bei Ellwangen in Württemberg, zerbrach der Riesenfußball. Jäh endete damit die Reise von Jakob Schmid und seinem neuen Weggefährten Georg Grau, der im Herbst 1932 Franz Perzl abgelöst hatte. Es geschah, was Schmid befürchtet hatte: ohne seinen Begleiter und ohne Geld kehrte er nach Regensburg zurück. Seine abenteuerliche Reise mit dem Riesenfußball geriet schnell in Vergessenheit. 1945, in den letzten Kriegstagen, fiel Jakob Schmid als Wehrmachtssoldat. Nun, rund 80 Jahre nach dem Beginn seiner Odyssee, erzählt sein Tagebuch seine spektakuläre Geschichte.

Zum Weiterlesen und -sehen:

Mehr Informationen zu Jakob Schmids Reise finden Sie auf der Internetseite Ballonauten.de.

Artikel bewerten
4.7 (18 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Ada Zaurak 07.09.2012
danke Frau Levy, endlich mal ein interessanter nicht peinlich tendenziöser Beitrag hier.
2.
Ariane Winter 07.09.2012
Sachen gibt's ... Interessant und sogar irgendwie spannend. Danke!
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen