Deutschlands erste Boygroup Rock'n'Roll im Kinderzimmer

Kreeeiiiiiiiisch! Schon 30 Jahre vor Tokio Hotel brachte eine deutsche Boygroup junge Mädchen um den Verstand. Ende der Siebziger waren The Teens die beliebteste Band der BRD, dann begann der Abstieg. Den musikalischen Sargnagel komponierte ein damals kaum bekannter Songwriter - Dieter Bohlen.

Tina Krüger

Von Sascha Schmidt


Der Wahnsinn beginnt beim "Großen Preis". Die Show mit Wim Thoelke ist in den siebziger Jahren eines der absoluten Highlights westdeutscher TV-Unterhaltung mit Einschaltquoten von über 50 Prozent. Die Kandidaten sitzen in futuristisch anmutenden Kugeln und werden vom Showmaster mit Fragen zu ihrem Spezialwissen traktiert.

Es ist ein Abend im Spätherbst 1978, als Thoelke, ein als musikalischer Trendsetter vollkommen unverdächtiger Entertainer, ein kleines Stück Popgeschichte schreibt: Er kündigt eine neue Band an: The Teens. Jung, unbekümmert und mit einem Hüftschwung bewaffnet, bei dem sich die meisten Zuschauer der Samstagabend-Show wohl den Ischias-Nerv eingeklemmt hätten. Die Jungs nutzen ihre Chance: "Ich glaube, wir sind durch eine Papierwand auf die Bühne gesprungen", erinnert sich Bassist Alexander Möbius 30 Jahre später. Und dieser Sprung bringt im wahrsten Sinne des Wortes den Durchbruch für die fünf Berliner Teenager, deren Sänger Robby Bauer damals gerade mal 13 Jahre alt ist - Deutschlands erste Boyband ist geboren.

Dabei waren die Anfänge alles andere als vielversprechend. "Grauenhaft, absolut grauenhaft", erinnert sich Produzent Norman Ascot an die erste Begegnung mit den Teens. "Die konnten nicht mal ihre Gitarren stimmen." Als Freunde ihn fragen, ob er die Band nicht produzieren wolle, lehnt er empört ab: "Was soll ich denn mit Kindern?" Ascot ist zu dieser Zeit in der deutschen Schlagerszene eine große Nummer: "Sieben Fässer Wein" von Roland Kaiser geht genauso auf sein Konto wie etliche andere Hits von Schlagergrößen wie Mary Roos oder Bernhard Brink. Doch als die "Kinderband" ihm ein zweites Mal angeboten wird, knickt er ein. "Da habe ich mich abends hingesetzt und 'Gimme, Gimme, Gimme Your Love' geschrieben", füttert Ascot den Rock'n'Roll-Mythos vom Erfolg, der über Nacht kommt. "Der Rest ist Geschichte!"

Die Abenteuer der Adoleszenz

Blitzlichtgewitter, Dauerkreischen und ohnmächtige Mädchen begleiten fortan Sänger Robby Bauer, die Gitarristen Uwe Schneider und Jörg Treptow, Drummer Micha Uhlich und Alexander Möbius am Bass durch die Pubertät. Drei Jahre lang hinterlassen sie mit ihrem stampfenden School's-Out-Rock überall, wo sie hinkommen, gebrochene Mädchenherzen und eifersüchtige Altersgenossen. "Es haben sich Szenen wie bei den Beatles abgespielt", erzählt Bassist Möbius. "In Spanien kamen auf dem Weg zur Halle 400 Mädchen auf uns zugestürmt, da hatte ich zum ersten Mal echte Angst." Wo die Teens auch auftauchen - überall erwarten sie Teenie-Girls im Kreisch-Delirium.

"An unserer Musik kann es nicht gelegen haben, die war ja nicht gerade revolutionär", schmunzelt Möbius heute. "Die Bravo hat bestimmt 70 Prozent zum Erfolg der Band beigetragen", schätzt auch Produzent Ascot. "Man könnte die Starschnitte und das ganze Gedöns bis zu Decke stapeln. Es gab sogar eigens für jeden Musiker ein ganzes Heft. Das ist unglaublich, was damals abgelaufen ist." Für das Zentralorgan der deutschen Jugend sind die Teens natürlich ein gefundenes Fressen. Kaum älter als die Leserschaft, lassen sich an ihnen alle Abenteuer der Adoleszenz durchexerzieren. Wer von den Jungs noch solo ist und wer nicht - für Unterstufenmädchen wird diese Diskussion zum Dauerbrenner. Und das Kreischen wird immer lauter.

Nur auf einer Tour kehrt Stille ein. Als einer der ersten westdeutschen Acts dürfen die fünf Freunde in der DDR auftreten. "Ich habe schon gestaunt, als wir auf die Bühne kamen und da lauter Erwachsene saßen", erzählt Möbius. "Die hatten die Karten von ihren Betrieben als Auszeichnung bekommen und haben höchstens höflich applaudiert. Merkwürdige Auftritte. Da sitzt so ein Mittdreißiger und auf der Bühne hüpfen 15-jährige Jungs herum - das entbehrte nicht einer gewissen Komik." Im Westen dagegen hatten die Fans weniger Berührungsängste. Um sich vor ihren überschwänglichen Fans zu schützen, hatten alle Bandmitglieder Geheimnummern: "Bevor wir die hatten, klingelte bei uns wirklich 18 Stunden am Tag das Telefon."

Lohnsongschreiber Dieter Bohlen

Das Ende kommt nach drei Jahren - in etwa die übliche Erfolgsspanne bei Teenie-Bands. Eingeleitet wird es ausgerechnet von Dieter Bohlen. Als unbekannter Lohnsongschreiber ist Bohlen Anfang der Achtziger noch weit vom Pop-Titanentum entfernt und bietet seine Lieder an wie Sauerbier. Auch die Teens sind alles andere als begeistert, als sie seine Demosongs hören. "Wir haben uns totgelacht", weiß Möbius noch, "da war auch schon der später für Modern Talking so stilprägende Fistelgesang zu hören." Der Titel, den Bohlen dann doch zur Geschichte der Teens beisteuern darf, heißt "New York". Es ist die letzte Single der Teens, die es noch in die Charts schafft und dort in den hinteren Regionen verkümmert. Ein musikalischer Sargnagel.

Als die Hallen für die Tournee der Teens 1982 nicht mehr ausverkauft sind, endet der Spuk so schnell wie er begann. Nach über vier Millionen verkauften Platten ist mit dem Ende der Pubertät auch die Karriere vorbei - absehbar, denn schließlich war das Verfallsdatum schon im Bandnamen enthalten. Doch nicht alle trauern den "Spree City Rollers", so einer der Spitznamen der Band, hinterher. Für Möbius bedeutet die Trennung mehr Erleichterung als Katerstimmung: "Ich hatte die Nase gestrichen voll und wollte nur noch meine Ruhe haben."

Bei einem Comeback-Versuch vor wenigen Jahren ist er dann auch gar nicht mehr dabei. "Das letzte Mal habe ich die anderen bei der Beerdigung von unserem Gitarristen Jörg Treptow gesehen - ein sehr trauriger Anlass." Treptow starb im Juni 2007 nach einem Unfall. Doch der frühe Ruhm holt Möbius, der später mit der Band "Big Light" weitere Pop-Erfolge feiert, manchmal immer noch ein: "Wenn die Leute meinen Namen hören, kommt schon mal die Frage: 'Sag mal, kann das sein, dass du bei den Teens warst?' Und dann erzählen sie meist einen Schwank aus ihrer Jugend." Er lächelt. "Aber mit dem zeitlichen Abstand kann ich das ganz gut ertragen." Und er würde alles noch einmal so machen wie damals? Naja, nicht ganz genauso. "Mit dem Wissen von heute würde ich erstmal eine Merchandising-Firma gründen und mich um den T-Shirt-Verkauf kümmern. Dann hätte ich wahrscheinlich ausgesorgt!"



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insgesamt 7 Beiträge
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Uwe Biermann, 11.02.2009
1.
Ich kann mich an die genannte Sendung noch sehr gut erinnern. Ich war damals 11 und am nächsten Tag in der Schule waren wir alle hin und weg. "Der Große Preis" war allerdings seinerzeit keine Samstagabendshow sondern lief aller 4 wochen Donnerstag um 19:30 Uhr.
C.F. Romberg, 11.02.2009
2.
"Konzert-Trophäe: Im Dezember 1980 in Osnabrück wurde für einen Teens-Fan ein Traum wahr - er konnte die Playlist der Band ergattern." die Schreibfehler in dieser Liste sind echt krass. Englisch schien nicht ihre Stärke zu sein, LOL...
Reinhard Schmidt, 11.02.2009
3.
Liebe Leute, was soll diese arrogante, hochnäsige Dumpfbackenbezeichnung "Unterschichtenmädchen" eigentlich? Muß die Freude derjenigen, die das damals miterlebt haben wirklich in solche, nicht auszurottenden, Schubladen gepresst werden? Hier ist eine Entschuldigung an die damaligen Teenies überreif!! Oder hat sich hier ein "Unterschichtenjournalist" ausgetobt? Voll krass,eyh.
Ingo Kirsch, 11.02.2009
4.
>Liebe Leute, >was soll diese arrogante, hochnäsige Dumpfbackenbezeichnung "Unterschichtenmädchen" eigentlich? Nicht so voreilig Herr Schmidt. In einer klassenlosen Gesellschaft gäbe es so etwas nicht. Aber wenn man die Klassen 5-7 (oder so ähnlich) besucht dann wird man eigentlich von allen Menschen UnterSTUFENschüler(in) genannt. Nicht nur von Unterschichtjournalisten...
Emil Sirakov, 12.02.2009
5.
Deutschlands erste Boygroup waren die "Comedian Harmonist".
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