Deutschlands erste Talkshow Urschwall im TV-Universum

Deutschlands erste Talkshow: Urschwall im TV-Universum Fotos
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Kinski bepöbelte das Publikum, Inge Meysel erzählte, wie sie ihre Unschuld verlor: Vor 40 Jahren startete Deutschlands erste Talkshow "Je später der Abend". Schon damals ging es darum, Stars und Sternchen zum Seelen-Striptease zu bewegen. Den überraschendsten legte Romy Schneider hin. Von

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Wer über den Äther dabei gewesen ist, hat noch jede Nuance des Gegurres im Ohr. "Sie gefallen mir, Sie gefallen mir sehr," hauchte die mit schwarzer Mütze bewehrte Leinwandgöttin Romy Schneider und rückte zu ihrer Rechten ein Stück weit zum Ex-Bankräuber Burkhard Driest vor, dem Brutalo-Charmebolzen in Lederjacke. Dann ließ sie ihre Hand auf seinen Arm hinüber gleiten. Am nächsten Tag durfte sich das Fernseh-Talk-Volk das Maul zerreißen: Hat sie hernach mit dem aufregenden Kerl... oder hat sie nicht?

Die Schöne und der Driest war wohl eines der ersten, zumindest der nachhaltigsten Stücke aus dem Talk-Tollhaus. Der Balzplatz: "Je später der Abend", die erste unter der Bezeichnung "Talkshow" ausgestrahlte Sendung im Deutschen Fernsehen. 1974 war das, ein Jahr, nachdem das experimentelle Format beim WDR seinen Einstand gefeiert hatte. Der bundesweite Start folgte im Dezember 1973.

Dompteur der Plauschpremiere mit oft mäßigem Show-Biss war Dietmar Schönherr - eigentlich Schönherr Edler von Schönleiten - Schauspieler, Hörfunkdramaturg und gerade kurz zuvor als Moderator mit seiner innovativ-provokanten "Wünsch dir was"-Reihe aus dem Fernsehprogramm verbannt, weil eine Spielkandidatin nur knapp dem Tod durch Ertrinken in einem Studio-Pool entgangen war.

"Das Ganze ist eine Rederei"

Für das neue Format bedienten sich Schönherr und sein österreichischer Ideengeber Peter Hajek bei überaus erfolgreichen amerikanischen Vorbildern: Johnny Carson und Dick Cavett, herausragend lockere Verbalakrobaten, hatten sich mit ihren prominent bestückten TV-Schwatzbuden in den harten Quotenschlachten des US-Fernsehens durchgesetzt. Warum also sollte man in Deutschland das ganze Phrasendrescherprogramm nur den Politischen wie dem "Internationalen Frühschoppen" überlassen, sagten sich Schönherr und Co.

Es galt, auch im deutschen Fernsehen den Boulevard zu entdecken, ohne allerdings die allzeit bereiten TV-Moralisten zu vergrämen; sich zu den Sinnlichen wie den Übersinnlichen vorzutasten, Gefühle umzugraben, aufgepumpte Bedeutung auch mal bloßzustellen. So der Plan.

"Zoom" sollte das Feierabendformat ursprünglich heißen. Doch der Titel war anderweitig besetzt und so musste "Frühschoppen"-Moderator und WDR-Fernsehdirektor Werner Höfer ran, der den Titel "Je später der Abend" erdachte.

In der Einstandssendung am 18. März 1973 mit der Krimi-Autorin Irene Rodrian, dem Dramatiker Franz Xaver Kroetz und dem Starjuristen Rolf Bossi musste Dietmar Schönherr dem Publikum noch erklären, worum es sich bei dem Talk-Begriff überhaupt handelt: "Ehrlich, wir haben das auch nicht so genau gewusst. Talk kommt von to talk, reden, das Ganze ist also eine Rederei." WDR-Redakteur Hans-Joachim Hüttenrauch hingegen tönte schon von einem beabsichtigten Seelen-Strip: "Wir wollen die Gäste bis an die Grenze des Möglichen entblättern."

Schönherr statt Schlaftablette

Doch während die Amerikaner ganz lässig einfach alles gaben und dabei auch Tränenblindes und Seelenblähungen nicht aussparten, kam der sonst so eloquent-sympathische Schönherr in seiner Rolle als Gesprächsmeister meist leicht ranzig daher. Forsches Fragen, ungefilterte Wissbegier, ein bisschen was fürs öffentliche Staunen - Fehlanzeige. Auch nach einigem Warmlaufen gab es eher tote Sätze en gros als lebendige Neugier en detail, weniger souveränes Nachhaken als oft tastendes, allzu behutsames Abfragen.

Nach zwei Jahren schon hieß es: dead man talking. Für Schönherr war Schluss, doch das dürfte ihm gar nicht so ungelegen gekommen sein. Denn gute Rollen warteten immer auf den Schauspieler. Außerdem erwarb er sich später durch ein politisch motiviertes Sozialprojekt die ehrenvolle Bezeichnung, er sei "der Albert Schweitzer von Nicaragua". Das las sich um einiges besser als die Schmähung eines "Welt"-Kritikers: "Wer den späten Schönherr hat, darf getrost auf die Schlaftablette verzichten."

Dennoch - ganz in Frage stellen wollte die ARD die Rederei noch nicht. Man darf dabei nicht vergessen, dass in den späten siebziger Jahren - also einiges bevor die Kanalschwemme so richtig geflutet wurde - die Quoten-Guillotine noch kein sehr tödliches Instrument war. Also durften - ebenfalls in Zwei-Jahres-Intervallen - bei "Je später der Abend" mit Hansjürgen Rosenbauer und Reinhard Münchenhagen weitere Talk-Frischlinge ran. Doch auch sie konnten die Sendung nicht dauerhaft im Programm etablieren. 1978 wurde bei "Je später der Abend" das Licht ausgeknipst.

"Maul halten"

Trotz aller inhaltlicher Biederkeit blieb vom Urahn des deutschen Talks dennoch mehr in Erinnerung als der legendäre Auftritt der Romy-Sissi. Denn unter den vielen Gästen, denen auch der allerbeste Moderator nichts Mehrdimensionales hätte entlocken können, gab es auch ein paar rare Typen, die die Geduld des Zuschauers mit ein bisschen Adrenalinausschüttung belohnten.

So erfüllte die umschattete menschliche Tretmine Klaus Kinski - Zitat: "Ich bin so voll von Liebe" - alle in ihn gesetzten Erwartungen, indem er den Talkmaster Münchenhagen "Herrn Münchhausen" nannte und schließlich einen Zuschauer aufforderte, "das Maul" zu halten, bevor er lautstark für den Rausschmiss des Zwischenrufers plädierte.

Inge Meysel, die Quasselstripperin schlechthin, setzte das Niveau noch etwas tiefer an und plauderte am 1. Mai 1974 munter von ihrer Entjungferung vor 30 Jahren. "Mit 21 war ich ein richtiger Spätzünder."

"Leut' schwätze halt gern"

Punk-Poetin Nina Hagen hingegen beließ es trotz aller in sie gesetzten Schockerwartungen bei einem schrillen Trällerauftritt und der gehauchten Kollegenschelte: "Viele Sänger sind sehr arrogant." Einen wesentlichen Schritt weiter ging sie dann erst bei einem österreichischen Talk, als sie 1979 in der eigentlich seriösen Diskussionssendung "Club 2" zum Thema Jugendkultur unaufgefordert Masturbationstipps gab und diese durch entsprechende Gesten veranschaulichte.

"Je später der Abend" aber hatte das Talk-Format in die deutsche Guckkasten-Welt gebracht. Und obwohl der sprichwörtliche Spätzünder schließlich radikal entschärft wurde, zeitigte er eine explosive Nachwirkung. Je aufgeblähter der elektronische Flohmarkt wurde, desto mehr wucherten derartige Plauderrunden ins Programm. Vom ekligen Nachmittags-Talk mit Abwrackgästen bis zum wahren Talk-Bündel als allabendliche Sättigungsbeilage zum Fernsehkoma.

Und weil es nun mal für alles und jedes eine Statistik gibt, so will ein Mediendienst für diese Form von Mund-Art festgehalten haben: 85 langlebige Talk-Formate sollen bis dato zwischen Flensburg und Freilassing ausgestrahlt worden sein. Wie meinte doch dereinst Bundespräsident Theodor Heuss: "D' Leut' schwätze halt gern."

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1.
P.C. Corey 18.03.2013
Man wünscht sich heutzutage solche Sendungen !
2.
Klaus Vogler 18.03.2013
Soll das eine Entschuldigung für Sonntag Abend bei "DAS" sein? Als Moderator hätt ich sie...na, wie heisst sie noch... is´auch egal, gefragt, warum sie überhaupt gekommen ist.
3.
Diana Seeland 19.03.2013
Kein Vergleich! Damals gab es Talkmaster, die diese Berufsbezeichnung verdienten. Die Gäste waren weitaus interessanter und hochkarätiger. Es ging um Kultur und nicht um Alltagsthemen mit den üblichen Verdächtigen . All das kann man mit der Lupe heute suchen....
4.
Martin Groher 20.03.2013
Ich erinnere mich an eine Sendung mit Leni Riefenstahl, der dort durch einen weiblichen Talkgast richtig Kontra gegeben wurde, so dass die Riefenstahl kurz davor war, das Studio zu verlassen. Das hat so richtig gezündet! Später hat man sie dann ja nur noch in Watte gepackt. Auf jeden Fall sind heutige Talkshows nicht mehr mit den Anfängen dieses Formats in D zu vergleichen, da ging es nicht nur um neues Buch/neue DVD/neue CD sondern um Provokation.
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