Deutschlands erster Fernsehkoch Mister Toast Hawaii

Deutschlands erster Fernsehkoch: Mister Toast Hawaii Fotos

Vom Schnitzelquäler zum Schleichwerber: Vor 55 Jahren lockte Deutschlands erster Fernsehkoch Clemens Wilmenrod die Bundesbürger mit Ketchup, Majo und Dosengemüse vor den Bildschirm. Seinen größten Erfolg verdankte er zwei Toastscheiben - und einer Giftschlange. Von

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Interview: Spitzenkoch Johann Lafer erklärt den Erfolg von Clemens Wilmenrod
H-a-w-a-i-i. Sechs Buchstaben, ein Versprechen. Nach gleißendem Sonnenschein, tiefblauem Meer, braun gebrannten Körpern. Nach Sorglosigkeit, Abenteuer, Erotik. Tausende Kilometer vom ausgebombten Deutschland entfernt, unerreichbar, eine Fata Morgana. Einer jedoch hat es geschafft, das flüchtige Glück einzufangen und auf Teller zu bannen: Clemens Wilmenrod. Er war es, der dem nach Exotik lechzenden Nachkriegsdeutschland den Toast Hawaii geschenkt hat.

Eine geniale Erfindung, schnell herzustellen, nahrhaft, lecker. Man nehme eine Scheibe Schinken, eine Scheibe Käse, einen Ring Dosenananas, presse das Ganze zwischen zwei Toastbrotscheiben - und fertig ist das Gericht, das wie kein zweites die Sehnsucht der Deutschen nach dem fernen Paradies verkörperte. Doch damit nicht genug. Wilmenrod bescherte den Deutschen nicht nur das fruchtige Schinken-Sandwich, sondern zauberte auch noch andere ferne Länder auf die Esstische.

Mit dem "arabischen Reiterfleisch" etwa, eigentlich einer stinknormalen Boulette. Oder dem "venezianischen Weihnachtsschmaus", vulgo paniertes Schnitzel. Doch da bekanntlich auch der Geist mit isst, schmeckt so ein arabisches Reiterfleisch einfach ungleich besser als ein gewöhnliches Fleischbällchen. Keiner wusste dies besser als Clemens Wilmenrod, Urahn von Biolek, Kerner und Co: Deutschlands allererster Fernsehkoch.

Gescheiterter Pianist, genialer Fernsehkoch

Am 20. Februar 1953 - das Fernsehen war gerade einmal acht Wochen auf Sendung, die Lebensmittelmarke erst vor drei Jahren abserviert - feierte der füllige Bonvivant mit dem Menjoubärtchen sein Debüt auf dem Bildschirm. "Bitte in zehn Minuten zu Tisch" hieß das fünfzehnminütige Fernsehküchen-Format: eine Revolution (die 1937 jenseits deutscher Grenzen mit dem weltweit ersten TV-Koch Marcel Boulestrine von der Londoner BBC ihren Anfang genommen hatte).

Ausgestrahlt zu besten Sendezeit, am Freitagabend um 21.30 Uhr, avancierte die im NWDR präsentierte Live-Show von Wilmenrod im Handumdrehen zur beliebtesten Sendung der Deutschen. Mit Zuschauerzahlen von bis zu drei Millionen toppte der Fernsehkoch zwischenzeitlich sogar die "Familie Schölermann", Deutschlands erste TV-Familienserie, die Einschaltquoten von 70 bis 90 Prozent einfuhr.

Ein Erfolg, den sich Wilmenrod in seinen kühnsten Träumen nicht auszumalen gewagt hatte, als er in dem zum Fernsehstudio umgebauten Hochbunker auf dem Hamburger Heiligengeistfeld vorstellig wurde. Schließlich war seine Karriere bislang wenig vielversprechend verlaufen. Geboren als Carl Clemens Hahn im Westerwald, besuchte der Müllersohn zunächst ein Konservatorium in Limburg an der Lahn. Ein berühmter Pianist wurde jedoch nicht aus ihm - genauso wenig wie ein erfolgreicher Mime, als der er sich nach seiner Schauspielerausbildung in Düsseldorf versuchte.

"Stell Dir vor, das Biest wäre ein Omelett gewesen!"

Ein Engagement hier, eines dort, nichts Halbes und nichts Ganzes. Dafür ließen ihm die sporadischen Auftritte genügend Zeit für sein Hobby, das Kochen und Brutzeln. Die Basis legten erste Nachhilfestunden bei seiner Schwester Gertrud, den Feinschliff erhielt Hahn bei einer französischen Gespielin - und die höheren Weihen bei seiner Ehefrau, der Wiesbadener Metzgertochter Erika Klink. Gemeinsam mit ihr saß der erfolglose Schauspieler einst auf der Couch, starrte in den Flimmerkasten - und hatte die Eingebung seines Lebens.

"Meine Frau und ich sahen einen Berliner Giftforscher mit einer Schlange hantieren - in Großaufnahme", zitiert der SPIEGEL 1959 den selbst gestrickten Wilmenrodschen Initiationsmythos. Völlig aufgekratzt habe er seine Frau nach Schluss der Sendung in die nächste Kneipe gezerrt und geflüstert: "Stell Dir vor, dieses Biest wäre ein Omelett gewesen!" Eilends ersann das Ehepaar ein Konzept für die Fernsehküche - und begeisterte sofort den Intendant des NWDR.

Als Clemens Wilmenrod - den Künstlername lieh er sich bei seinem Geburtsort im Westerwald - kochte, briet und bruzzelte sich der begnadete Selbstdarsteller fürderhin in die Herzen der Hausfrauen. Die Gunst der Profi-Köche jedoch blieb ihm versagt. Nicht einmal ein Huhn könne er tranchieren, warf man ihm empört vor, seine Kreationen aus Ketchup, Mayonaise und viel, viel Dosengemüse stießen zahlreichen Feinschmeckern bitter auf. Als Wilmenrod eines Abends vor laufender Kamera die sogenannte "Blitzgulasch-Suppe" kreierte und kurz angebratenes Fleisch in siedendes Wasser warf, ging ein Aufschrei des Entsetzens durch die Zunft.

"Bundesfeinschmecker" und "Bundesverbrauchslenker"

Doch provozierte Wilmenrod nicht nur mit seinen oft zweifelhaften Kochkünsten, sondern auch seinem Hang zur Schleichwerbung. Ungeniert hielt der Kochdarsteller Heinzelköche, Schneidboys und Bosch-Kühlschränke in die Kamera und kassierte dafür. Dank Wilmenrod hatte bald jede Hausfrau ihren Rumtopf im Keller - sehr zur Freude der Flensburger Rumfirma H.H. Pott. Auch den bis dato eher unpopulären Puter machte der TV-Koch salonfähig - nachdem ihm ein Geflügelfarmbesitzer aus dem Oldenburgischen mit 1000 Mark gewunken hatte, wie der SPIEGEL aufdeckte. Erbost geißelte das Nachrichtenmagazin den selbsternannten "Bundesfeinschmecker" als "Bundesverbrauchslenker"; der Sender musste reagieren.

Statt alle zwei Wochen durfte Wilmenrod ab September 1957 nur noch einmal im Monat aufkochen, ein halbes Jahr später wurde seine Show ins Nachmittagsprogramm verbannt. Nach 185 Sendungen hatte der Fernsehkoch am 16. Mai 1964 seinen letzten Auftritt im TV, drei Jahre später schoss sich Wilmenrod in einer Münchener Klinik in den Kopf - ausgerechnet Magenkrebs hatten die Ärzte bei ihm diagnostiziert.

Zum Zeitpunkt seines tragischen Todes waren längst andere TV-Köche in die Fußstapfen Wilmenrods getreten. Etwa die beiden Küchenprofis Franz Ruhm und Hans Karl Adam, die der Bayerische Rundfunk in den sechziger Jahren ins Rennen schickte. In der DDR bemühte sich seit 1958 Kurt Drummer, mit den wenigen verfügbaren Zutaten leckere Gerichte auf den Bildschirm zu zaubern.

"Ich hab da schon mal etwas vorbereitet"

Auch das ZDF sprang bald auf den kulinarischen Zug auf. Kochte ab 1967 zunächst Ulrich Klever auf - ein gelernter Journalist mit dem Fachgebiet Hunde, der seine Gerichte für die Kamera gern mit Haarspray verschönerte - löste ihn 1972 mit Max Inzinger der erste Profi-Koch im ZDF ab. Kaum jemand, der in den siebziger Jahren freiwillig die Kultsendung "Drehscheibe" verpasst hätte, in der der großgewachsene Bajuware die Gaumen der Zuschauer kitzelte.

Und das, ohne einen einzigen Kochlöffel in die Hand zu nehmen. "Ich habe da schon mal etwas vorbereitet", säuselte Inzinger in die Kamera, und schon ging's los. Während bei Wilmenrod noch die Butter spritzte und sich Fleischberge auftürmten, warb sein Pendant im ZDF - passend zum erstarkenden Gesundheitsbewusstsein - für ballaststoffreiche Ernährung, kaltgepresstes Olivenöl und frische Zutaten. Lockte TV-Gourmet Klever 1969 noch mit dem Kochbuch "Eisbein, Eisbein über alles" die Damen in die Buchläden, punktete Inzinger mit Titeln wie "Leichte Küche für schlanke Schlemmer" (1979) und "Öfter aber weniger" (1980) bei der figurbewussten Frau von Welt.

Bis 1982 stand Inzinger vor dem Herd der "Drehscheibe", später weihte er das Ostpublikum im DFF-Format "HAPS" in die kulinarischen Finessen ein. Nachdem 1992 ein Sendeprojekt mit Sat.1 geplatzt war, sank der Stern des einstigen Kochstars rapide. In die Schlagzeilen geriet Inzinger fortan nur noch mit Skandalmeldungen: Zwei Jahre Haft auf Bewährung wegen Konkursverschleppung 1994, 1000 Mark Strafe wegen versuchten Betrugs 1998, erneuter Betrugsprozess 2004 - Inzinger wurde vorgeworfen, gemeinsam mit zwei Geschäftspartnern ein Darlehen von umgerechnet knapp 350.000 Euro für ein Hotelprojekt auf Mallorca mit einem jährlichen Zinssatz von 20 Prozent erschwindelt zu haben.

Immer absurdere Bratenkämpfe vor der Kamera

Seither ist es still geworden um das ehemalige Zugpferd des ZDF; im bayerischen Ruhpolding, wo einst das Wirtshaus Max Inzinger seine Gäste verwöhnte, zeigt man sich ebenso wenig auskunftsfreudig wie beim gleichnamigen Küchenstudio. Doch auch wenn der Fernsehkoch in trübe Gewässer geriet - unsterblich prangt sein Mythos am Firmament der Zunft.

Ebenso wie Wilmenrod hat Inzinger alle geprägt, die nach ihm vor der Kamera um die Quote bruzzelten. Den quirligen Henssler ebenso wie den bulligen Mälzer, den jovialen Biolek ebenso wie den ziegenbärtigen Zacherl. Die beiden öffentlich-rechtlichen Fernsehkoch-Urahnen waren frühe Vorreiter eines Trends, der inzwischen kaum noch zu bändigen ist. Immer mehr selbst ernannte Gourmets liefern sich immer absurdere Bratkämpfe vor der Kamera - ein Ende des ebenso billigen wie lukrativen TV-Kochgeschäfts ist noch nicht abzusehen, warum nur?

Wohl, weil der Mensch es liebt, den anderen bei der Arbeit zuzuschauen. Weil die Ersatzbefriedigung - virtuelle Spitzenkost von der Mattscheibe - immer noch befriedigender ist, als die Fertigpizza in der eigenen Hand. Und weil der Mensch nun mal gern träumt. Von der eigenen Karriere als Chefkoch. Von fernen Ländern. Etwa von Hawaii.


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1.
Stephan Noe 05.04.2008
Man wird Clemens Wilmenrod nicht gerecht, beachtet man seine bahnbrechenden Texte nicht. So eitel er sich in seiner Sendund gebärdete, war er auch in der Sprache seiner Texte. Es gibt Nächte da träume ich davon, Alfred Biolek lese, nach mehreren Gläsern Wein, diese Juwelen kochliterarischer Ergüsse...... Als Beispiel mag der nachfolgende Text gelten, leider sind die Weke des C.W. längst vergriffen.... Gefüllte Erdbeeren Ich möchte mir das Messer an die Brust setzen und Sie herausfordern, mir zu sagen, ob Sie jemals von einer gefüllten Erdbeere gehört oder sie gar gegessen haben. Wenn Sie ja sagen, dürfte ich es an sich überleben, denn ich behaupte, dass die gefüllte Erdbeere eine Erfindung von mir ist. Sie entstand so: Einst saß ich in einem Café in Rom. Es war Frühling. Eine Bäuerin bot von der Strasse aus die ersten Erdbeeren an. Ich nahm einige und stellte sie auf den Marmortisch. Ganz in Gedanken drehte ich den Stiel aus der ersten Erdbeere heraus und fand, dass daran ein Pfropfen war, den ich mit herauszog. Er ließ einen kleinen Hohlraum zurück. Ich dachte: "Nanu, darin lässt sich doch etwas unterbringen". Der Traum von der gefüllten Erdbeere hatte begonnen. Ich wusste, dass mir eines Tages etwas einfallen würde, womit man sie füllen müsste. Lange Zeit kam ich nicht darauf. Oft dachte ich darüber nach, obwohl ich "Wichtigeres" zu denken hatte, doch wo kämen wir hin, wenn uns nicht die kleinen Freuden immer wieder erfrischten in diesem fragwürdigen Dasein. Dann eines Morgens im Bett, wo einem häufig die besten Gedanken kommen, da wusste ich es: ei8ne geschälte, süße Mandel muss in die Erdbeere hineingedrückt werden. Ich versuchte es sofort in meiner Küche und habe es seit der Zeit für mich und nun für Sie beibehalten. Lassen Sie sich bei Ihrem Konditor ein paar kleine Tortelettes (kleine Tortenböden) backen, und zwar aus Sahnebaiser-Masse. In diese Böden setzen sie 4-5 der gefüllten Erdbeeren und geben ein ganz klein wenig Schlagsahne darauf. Die Überraschung für Ihren Gast, der plötzlich auf eine Erdbeere mit einem Kern beisst, ist verblüffend. Aus: Clemens Wilmenrod, "Es liegt mir auf der Zunge" Hoffmann&Campe, 1954 (Seite 93)
2.
Klalus Dressel 23.03.2010
Das von C.W. kreierte "Reiterfleisch" war keineswegs eine "stinknormale Boulette". Hier seine Zutaten: 1/2 Pfund Rinderfleischhack, 1 Ei, Salz, Paprika, etwas Zucker, Tomaten-Ketchup, Joghurt (1/2 Tasse), Gewürzgürkchen, paar Scheiben Apfel, Perlzwiebeln, kleine Portion Meerrettich. Dies alles vermengen und kurz anbraten. Als Zugabe waren von C.W. grüne Bohnen vorgesehen.
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