Deutschlands erster Pilotenschein Lizenz für einen Luftikus

Kleiner Hopser, große Wirkung. 1910 machte August Euler als erster Deutscher den Pilotenschein. Fortan prägte der Fliegerpionier die Entwicklung der Luftfahrt. Dabei träumte er von der Fliegerei als Friedensbringer - und machte das Flugzeug am Ende doch zu einer Tötungsmaschine.

dpa

Er selbst bezeichnete die Prüfung sein Leben lang als "Hopser": Starten, fliegen - und vor allem auch wieder sicher landen. Und dann hatte er ihn in der Tasche. Den ersten Flugzeugführerschein in Deutschland, ausgestellt am 1. Februar 1910. August Heinrich Euler, eine der schillerndsten Persönlichkeiten der frühen deutschen Luftfahrtgeschichte und nun offiziell und amtlich der "erste Pilot Deutschlands".

Ausgestellt wurde die Lizenz von der "Fédération Aéronautique" und vom "Deutschen Luftschiffer-Verband" nach peniblen Vorgaben. Drei geschlossene Rundflüge von mindestens fünf Kilometern nach dem Plan und Willen des Piloten - "ohne den Boden zu berühren". Nach jeder Runde musste sicher, "ohne Defekt und Bruch" gelandet-, und der Motor angehalten werden. Und das nicht mehr als 150 Meter weit von dem Punkt entfernt, der dafür festgelegt worden war. All das war damals weiß Gott keine Selbstverständlichkeit. Hans Grade, Freund und ebenfalls Flugpionier, wird gerne mit dem Satz über seinen ersten Flug aus dem Jahr 1908 zitiert: "Vor mir mein erster Bruch, hinter mir mein erster Flug."

Die Fliegerei war auch 1910 vor allem eins: ein Abenteuer für Wagemutige. Zwar lag der Flug der Gebrüder Wright am 17. Dezember 1903 schon mehr als sieben Jahre zurück und im Juli 1909 hatte Blériot bereits den Ärmelkanal überflogen. Doch die abenteuerlichen Konstruktionen, die da mühsam vom Boden abhoben, waren eher eine zirkusähnliche Belustigung großer Zuschauermengen, als ernstzunehmendes Transportmittel. Am Himmel dominierte der Zeppelin. Er symbolisierte den eigentlichen Fortschritt in der Luftfahrt.

Die Fliegerei als Friedensstifter

August Euler sah das anders. Für ihn gehörte dem Flugzeug die Zukunft. Und er, der gebürtige Westfale, würde in Deutschland daran maßgeblichen Anteil haben. "Meine Verdienste um die Entwicklung der deutschen Flugtechnik sind zwar noch nicht anerkannt", schrieb Euler bereits wenige Jahre nach dem Erhalt seines Pilotenscheins sehr selbstbewusst. "Ich habe aber die Gewissheit, dass die Geschichte gerecht sein wird; man wird in 100 Jahren nicht von der Entwicklung der deutschen Aviatik sprechen können, ohne meinen Namen nennen zu müssen."

Euler war nicht nur Flugpionier und Pilot. Er dachte als erfolgreicher Unternehmer, Erfinder und Ingenieur und später als Politiker und erster Leiter des Reichsluftamtes in sehr viel größeren Dimensionen: Euler träumte von einer friedensstiftenden, länderverbindenden zivilen Luftfahrt. Deshalb baute er 1909 nicht nur die ersten Flugzeuge in Lizenz in seiner eigenen Firma, sondern errichtete auch gleichzeitig einen der ersten Flugplätze mit mehreren Hangars in Deutschland. Der Platz in Darmstadt-Griesheim trägt heute noch stolz seinen Namen.

Dort baute er auch gleich die erste deutsche Flugzeugführerschule für die Ausbildung seiner Piloten und künftigen Käufer von Euler-Flugzeugen und nahm als erster deutscher Flugpionier auf der ersten "Internationalen Luftschiffahrtausstellung" im Juli 1909 in Frankfurt (ILA) teil. Euler alsolvierte mit drei Euler-Maschinen, die seine Flugschüler flogen, zudem den ersten deutschen Überlandflug am 16. August 1910 von Frankfurt über Mainz nach Mannheim.

Spektakuläre Flüge vor tausenden von Zuschauern

Wenig später gründete er die erste deutsche Luftpostverbindung. Der Pilot war Leutnant Ferdinand von Hiddessen, die Flugstrecke war Frankfurt - Darmstadt - Worms - Mainz - Frankfurt - mit 20.000 Luftpostkarten an Bord. Ein kleiner Hopser für Eulers berühmtestes Flugzeug, die Flugmaschine Nummer 33 mit dem sympathischen Namen "Gelber Hund", aber ein Meilenstein in der Geschichte der deutschen Luftfahrt. Es war die erste amtliche Flugpost der Welt, zu dessen fünfzigsten Jubiläum die Bundespost eine Sondermarke herausgab.

Dabei fing auch alles für Euler mehr als bescheiden an. Der Historiker Christian Kehrt zitiert nicht ohne ein Augenzwinkern den Spott vieler Besucher der ILA 1909: "August, lass das Fliegen sein!", hieß es damals über die ersten "Hopser" Eulers und angesichts einer übermächtigen französischen und amerikanischen Konkurrenz. Doch am Ende konnte er sich gegen die Franzosen Latham und Rougier behaupten - mit der längsten Flugzeit von vier Minuten und 54 Sekunden.

Euler ließ sich dadurch nicht beirren. Zurück in Darmstadt musste schon bald die Polizei vor dem Eulerschen Flugplatzgelände für Ordnung sorgen. Tausende von Zuschauern kamen in Sonderzügen und fanden sich ein, um mitzuerleben, wie sich ein Flugapparat Eulers nach dem anderen in die Luft erhob.

Vom Fluggerät zur Kriegsmaschine

Im Oktober 1910 brach Euler mit seinem Dauerflug von drei Stunden, sechs Minuten und 18 Sekunden einen entscheidenden Rekord. Wenn ein Flugzeug sich noch nicht einmal drei Stunden lang in der Luft halten könnte, sei es für die Landesverteidigung wertlos, war die bis dato einhellige Meinung der deutschen Militärs, die das Flugzeug für eine zweifelhafte Waffe hielten. Angesichts der hohen und als gesundheitsschädlichen erachteten Geschwindigkeit und der ständig sich ändernden Flugbewegungen sei ein genaues Zielen mit einem Maschinengewehr etwa auf ein militärisches Ziel nicht möglich.

Euler entwickelte daraufhin das starre, mit der Flugzeugsteuerung gekoppelte Maschinengewehr und ließ es sich patentieren - lange bevor der 1. Weltkrieg überhaupt absehbar war. Auch stand für ihn schon lange fest, welche Bedeutung Flugzeuge für die Kriegsführung der Zukunft haben würden. "Man kann auch bereits einzelne Flugmaschinen als Zerstörungsmaschinen ausrüsten", befand er, "in welchem Fall ich sie nur mit dem Piloten fliegen lasse und an Stelle der beiden anderen Begleiter Sprengstoffe mitgeben würde, um Sie auf marschierende Truppenkörper, welche nicht durch Artillerie genügend nahe geschützt sind, herunter fallen zu lassen."

Ab 1914 produzierte Euler nur noch Kriegsflugzeuge. 500 Maschinen verließen bis 1918 die Hangars der Euler-Werke, vorwiegend Lizenzfertigungen. Doch Euler produzierte auch 30 verschiedene Flugzeugmuster, erwarb 73 Patente und 300 Gebrauchsmuster, einschließlich der Erfindung des Maschinengewehrs, das direkt vor dem Piloten auf dem Rumpf montiert war und durch den laufenden Propeller schoss.

Als der Krieg zu Ende war, besetzten französische Truppen den Darmstädter Flughafen. August Euler wurde bald daraufhin erster Leiter des neuen "Reichsluftamtes" und versuchte, trotz der strengen Bestimmungen des Versailler Friedensvertrages, die zivile Luftfahrt wiederzubeleben. Euler verfasste mehrere Denkschriften zu Fragen der Luftfahrt. Er verabschiedete das erste Deutsche Luftverkehrsgesetz und ließ die ersten zivilen deutschen Luftfahrtgesellschaften zu.

August Euler blieb bis ins hohe Alter der Fliegerei verbunden. In einem allerdings war Euler zu optimistisch. Nach Ende des Ersten Weltkriegs glaubte er weiterhin an die völkerverbindende Kraft der zivilen Luftfahrt. "Technik und Wissenschaft werden das Flugwesen bald soweit vervollkommnet haben", sagte der Pionier voraus, "dass menschlichem Ermessen nach in wenigen Jahren jeder Krieg verhindert werden kann, wenn die Anwendung der Luftfahrtmittel international geregelt ist." Diese hehre Vision Eulers sollte nicht in Erfüllung gehen. Bis heute.



insgesamt 2 Beiträge
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Markus Landgraf, 01.02.2010
1.
Zu erwaehnen waere noch das der sog. "August-Euler" Flugplatz in Darmstadt-Griesheim wegen klagen gieriger Anwohner seit mehr als 10 Jahren geschlossen ist. Wie immer hat man waehrend des betriebs des Flugplatzes billige Grundstuecke in dessen Naehe erworben und dann geklagt, was das zeug haelt, um bei Schliessung saftige Grundstueckspreiserhoehungen zu kassieren. Das geht fast allen Flugplaetzen in D so. August Euler dreht sich im Grabe rum!
Jens Rohrer, 07.02.2010
2.
@ Markus Landgraf: Ich finde Ihren Kommentar überaus unsachlich und überflüssig. Die Anwohner sind bereits durch die Überflugroute des Frankfurter Flughafens extremen Lärmbelastungen ausgesetzt. Darüber hinaus gibt es mit dem Egelsbacher Flugfeld in direkter Nähe eine Ausweichmöglichkeit. August-Euler wäre sicher einfach dorthin ausgewichen. Bitte informieren Sie sich demnächst etwas besser über die Umstände, bevor sie solche gehässigen Verdächtigungen aussprechen und Tote rotieren lassen.
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