Deutschlands erstes AKW Atomstrom, ja bitte!

Deutschlands erstes AKW: Atomstrom, ja bitte! Fotos
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Freudig und entspannt startete das energiehungrige Nachkriegsdeutschland vor 50 Jahren ins Atomzeitalter. Als in einer kleinen bayrischen Gemeinde der erste Meiler ans Netz ging, gab es keine Massenproteste - obwohl das AKW in der Nähe einer Metropole lag und sich die Defekte häuften. Von

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Das mit den Schafen, das ist totaler Quatsch, darauf besteht Alfred Reisert noch heute. Niemand habe eine Schafsherde auf das Werksgelände des ersten deutschen Atomkraftwerks Kahl südöstlich von Frankfurt gebracht, um dort die Tiere als Indikatoren für eventuell austretende Radioaktivität einzusetzen. Jedes Jahr, so hatte der WDR einmal berichtet, sei in Kahl ein Schaf getötet und danach aufmerksam medizinisch untersucht worden.

Ein Hirngespinst der Medien, sagt Alfred Reisert heute, genau 50 Jahre, nachdem am 17. Juni 1961 der Reaktor Kahl erstmals Atomstrom in das öffentliche Netz gespeist hat. Damals war die Kernenergie eine Technik, die Hoffnungen weckte und Jobs schuf. Es gab noch keine Massenproteste, kein Tschernobyl, kein Fukushima, kein kollektives Misstrauen. Für Menschen wie Reisert bedeutet die neue Energieform alles. Er gehörte zu den Pionieren, stieg im AKW Kahl bis zum Verantwortlichen für die Wartung der Maschinen auf, wechselte sein ganzes Berufsleben nie den Arbeitgeber. Und deshalb hat die Sache mit den Schafen durchaus Bedeutung für ihn.

"Es gab lediglich einen Bienenstock auf dem Werksgelände", stellt der heute 72-Jährige klar. "Der Honig wurde regelmäßig überprüft und an das Bayerische Ministerium für Strahlenschutz und Umwelt geschickt." Ebenso wie Proben aus dem Grundwasser und dem angrenzenden Main. "Außerdem hat man Kühen auf den Bauernhöfen der Umgebung Milch entnommen und diese untersucht." Und zwar im Umkreis von zwanzig Kilometern vom Reaktor. Niemanden habe diese Maßnahme damals beunruhigt, berichtet Reisert, "Angst war nicht zu spüren."

Keine Proteste gegen eine brisante Fracht

Ein halbes Jahrhundert später hat die schwarz-gelbe Bundesregierung nach der Katastrophe in Fukushima ihre eigene Politik konterkariert und in atemberaubendem Tempo den endgültigen Atomausstieg beschlossen. Skepsis und Ablehnung der Kernenergie gehören inzwischen zum politischen und gesellschaftlichen Grundkonsens: die Deutschen haben Angst vor einer Technik, die sich zuletzt in Japan als offenbar nicht beherrschbar entpuppte.

Kaum noch vorstellbar sind heute Szenen, wie sie sich 1960 in der Bundesrepublik abspielten. Etwa als im August ein US-Frachter aus San Fransisco in der niedersächsischen Kleinstadt Nordenham an der Unterweser anlegte. An Bord eine hochbrisante Fracht: 6,5 Tonnen Uranbrennstoff für den deutschen Reaktor Kahl. Problemlos und ohne Proteste konnten die Brennelemente in Spezialwaggons der Bundesbahn durch halb Deutschland kutschiert werden.

Oder im November 1960, als unter Aufsicht und Anleitung der Amerikaner deutsche Ingenieure zum Test die erste Kettenreaktion in Kahl in Gang setzten - dabei lag damals lediglich eine vorläufige Betriebsgenehmigung für das AKW vor. Niemand regte sich darüber auf, dass die endgültige Genehmigung erst Ende 1961 erteilt wurde - da speiste der Reaktor schon seit Monaten Atomstrom ins Netz.

In 29 Monaten ins Atomzeitalter

Ebenso ungewöhnlich war die schnelle Bauzeit. Nachdem die Briten bereits 1956 in Sellafield ihren ersten Meiler ans Netz genommen hatten, fürchteten die Deutschen, den technischen Anschluss zu verlieren. Die Bundesrepublik durfte bis zum Wiedererlangen ihrer Souveränität 1955 keine Atomforschung betreiben. Und so zogen der Energiekonzern RWE und die Bayernwerk AG kurz danach in nur 29 Monaten das erste deutsche Atomkraftwerk hoch.

Allerdings war die 34 Millionen teure Anlage für Forschungszwecke errichtet worden und daher relativ klein. Sie konnte lediglich etwa 16 Megawatt produzieren, gerade genügend Strom für eine Kleinstadt wie das nahegelegene Aschaffenburg. 25 Jahre, so die Planung der Betreiber, sollte dieser erste Langzeitversuch mit Kernenergie dauern. Unter den Parteien war nur eine mögliche Aufrüstung mit Atomwaffen umstritten, nicht aber die zivile Nutzung.

So startete nach den hitzigen Debatten um Wiederbewaffnung und Wehrpflicht in den fünfziger Jahren die Bundesrepublik nüchtern und gelassen ins Kernzeitalter. Als im Juni 1961 der erste Atomstrom ins Netz gespeist wurde, floss im Lagezentrum kein Sekt oder Champagner, berichtet Alfred Reisert. Aber ebenso wenig gab es Widerstand. "Die Menschen hatten viel mehr Vertrauen in die neue Technik", sagt er ein wenig bedauernd.

Ein AKW ohne Stacheldraht

Selbst die Bürger in dem kleinen unterfränkischen Dorf Großwelzheim, in dem der Reaktor gebaut wurde, seien ruhig geblieben. Neugierig spazierten die Anwohner zum Forschungsreaktor, Stacheldrahtzäune gab es anfangs nicht, das Tor zum Gelände wurde lediglich von einem Pförtner bewacht. Am ehesten wunderten sich die Menschen vor Ort noch darüber, warum denn der erste deutsche Meiler "AKW Kahl" hieß - obwohl er nicht in Kahl stand, sondern im angrenzenden Großwelzheim, einem Ortsteil der Gemeinde Karlstein am Main. Wie stolz die Bürger schon bald auf ihren Reaktor waren, zeigt sich an dem Bohrschen-Atommodell, das seit 1975 das Gemeindewappen ziert.

Dabei hätte es durchaus Anlass zur Kritik gegeben: Deutschlands erster Reaktor lag gerade einmal 20 Kilometer Luftlinie von der Wirtschaftsmetropole Frankfurt am Main entfernt. Bei einem Reaktorunglück wäre eine der am dichtesten besiedelten Regionen der Bundesrepublik unmittelbar betroffen gewesen. Doch solche Szenarien wurden öffentlich nicht durchgespielt. In dem fortschrittsgläubigen Nachkriegsdeutschland galt der Satz des CSU-Atomministers Siegfried Balke, wonach man "generell" sagen könne, dass die Kernenergie "kontrollierbar" sei.

Das änderte sich erst Mitte der siebziger Jahre. Auf einmal wunderten sich die Mitarbeiter in der bisher so ruhigen Atom-Idylle in Großwelzheim über ein paar Dutzend Demonstranten, die mit Plakaten vor dem Tor hin- und hermarschierten. "Wir haben immer mit ihnen diskutiert. Sie waren stets friedlich und man muss ihre Meinung ja auch respektieren", erinnert sich Reisert. Aber schon damals wurde bei solchen Gesprächen schnell klar, dass es in der Atomfrage wenig Spielraum für Kompromisse gab. "Die Gespräche endeten immer gleich: Wir haben argumentiert, dass Atomenergie sicher ist, und sie haben darauf bestanden, dass sie viel zu gefährlich ist."

Komplizierter Abbau

Dennoch blieb es, auch nach der Gründung der Grünen im Jahr 1980, am AKW Kahl relativ ruhig. Die Atomgegner suchten sich größere, angsteinflößendere Kraftwerke und machten sie zu Symbolen der Proteste, etwa das AKW Biblis. Dabei gab es auch in Kahl nach Angaben des Bundes für Umwelt und Naturschutz rund hundert Störungen. Etwa im Jahr 1968, als der Strom in der gesamten Anlage für zwei Minuten ausfiel und damit auch die Kühlung lahmlegte.

Alfred Reisert kann sich an diesen Vorfall zwar nicht mehr erinnern, bestätigt aber, dass es mehrmals zu Stromausfällen gekommen sei. Die wären aber stets harmlos gewesen, schließlich habe es für solche Fälle einen Dieselgenerator und die Notstromversorgung über Batterien gegeben. Noch heute, selbst nach Fukushima, glaubt er, dass die Kernenergie sicher sei - und der Atomausstieg in Deutschland grundfalsch. "Das war eine rein politische Entscheidung gegen Atomstrom, keine technische."

Dass der Ausstieg nicht mit der Stilllegung der Meiler endet, zeigte sich schon an Deutschlands erstem Kraftwerk: Als das AKW Kahl gebaut wurde, hatte niemand an die Zeit danach gedacht. 25 Jahre war der Forschungsreaktor in Betrieb, bis er 1985 vom Netz genommen wurde - 22 Jahre dauerte der komplizierte Rückbau, der sich als weit schwieriger als erwartet entpuppte und etwa 150 Millionen Euro verschlang. Der Stahlbeton des Reaktormantels war radioaktiv belastet und durfte daher nur mit ferngesteuerten Baggern abgerissen werden. Das gelang, nach Angaben des Hauptbetreibers RWE, völlig strahlungsfrei.

Die letzten Teile des historischen Meilers wurden erst Ende 2010 abgebaut. Alfred Reisert, damals schon längst Rentner, hat sich "mit Wehmut" das Ende seines alten Arbeitsplatzes angeschaut. Angst haben ihm nicht einmal die aufwendigen Abbauarbeiten gemacht. Bis heute lebt er in Großwelzheim.

Filmemacher Stefan Schnelle hat 2010 eine Dokumentation über das Kernkraftwerk Kahl produziert. Sehen Sie hier Impressionen vom Bau des Reaktors.

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