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Deutschlands erstes Retortenbaby Oliver, 4150 Gramm, Wunderkind

Deutschlands erstes Retortenbaby: Oliver, 4150 Gramm, Wunderkind Fotos
Wolfgang Rindt

Medienstar aus der Petrischale: 1982 wurde Deutschlands erstes Retortenbaby geboren. Mehr als zwei Jahre hatte Tatjana Kniewald in einem Team von Spezialisten für diese Sensation gearbeitet. Die Biologin wurde von Reportern gejagt und von Bedenken geplagt. Dann kamen die Muttergefühle. Von

Manchmal war Wolfgang Rindts Beruf traurig. Er arbeitete in der Frauenklinik Erlangen, fotografierte und filmte zur wissenschaftlichen Dokumentation ungewöhnliche Geburten: siamesische Zwillinge, einmal sogar ein Kind mit zwei Köpfen, das nach sieben Tagen starb. Am Schlimmsten waren für ihn die Totgeburten. Dann zog sich Wolfgang Rindt nach der Arbeit seine Joggingschuhe an und rannte und rannte, bis er die Bilder, die er gemacht hatte, aus seinem Kopf bekam.

Am 16. April 1982 musste er nicht losrennen. Dieser Tag ist dem 66-Jährigen noch heute als etwas Wundervolles im Gedächtnis geblieben, er erinnert sich an die "aufgeregte, aber großartige Atmosphäre" im Ärzteteam, an die Reporter, die die Klinik belagerten, an die große Erleichterung und den Sekt, als alles gelungen war: Oliver war per Kaiserschnitt geboren: ein kerngesundes Baby, 53 Zentimeter groß und stattliche 4150 Gramm schwer.

Und doch kein gewöhnliches Baby. Denn Oliver war das erste Kind in Deutschland, das "in vitro" - im Reagenzglas - gezeugt worden war. Seine Geburt 1982 war eine medizinische Sensation, sie schürte Hoffnungen bei Tausenden kinderlos gebliebenen Eltern, entfachte hitzige Debatten unter Theologen und löste eine beispiellose Medienhysterie aus.

Medienliebling wider Willen

Das "Wunderkind von Erlangen", wie die Presse jubelte, war ein Medienstar wider Willen. "300.000 Mark für den Namen des Retortenbabys" titelte die Nürnberger "Abendzeitung" wenige Tage vor der Geburt und behauptete, Verleger seien bereit, so viel Geld für den geheim gehaltenen Namen des Kindes auszugeben. Das ZDF war live mit im Kreißsaal, der Sender hatte sich mit Einverständnis der Eltern die Exklusivrechte für eine Dokumentation gesichert. Und Klinikfotograf Wolfgang Rindt verkaufte ein Foto des Kindes exklusiv an die Zeitschrift "Quick".

"Sie boten mir am Telefon 2000 Mark für das Bild", erinnert er sich. "Ich habe geschnauft, weil das damals für mich unglaublich viel Geld war." Das oberfränkische Schnaufen wurde in der Verlagsleitung fälschlicherweise als Ablehnung interpretiert. "Sofort erhöhten sie auf 3000 Mark", lacht Rindt, "wahrscheinlich hätten sie noch viel mehr gezahlt."

Dabei galt der Fall in der Frauenklinik der Universität Erlangen monatelang als streng geheim. "Die Unterlagen der Familie wurden jeden Abend extra in einen Safe gesperrt", erinnert sich Tatjana Kniewald, damals Biologin in dem neunköpfigen Spezialistenteam um den Gynäkologen Siegfried Trotnow. Im Januar 1982, drei Monate vor dem Geburtstermin, ging das Klinikum an die Öffentlichkeit. Dann brach der Sturm los.

Jagd auf das "Wunderkind"

"Eine Boulevard-Zeitung rief an und wollte den Namen des Kindes wissen", berichtet Kniewald. "Der Reporter drohte mir, mein ganzes Leben zu durchleuchten und alles Unangenehme ans Licht zu zerren, wenn ich nicht reden würde." Doch Kniewald schwieg - und hoffte, dass nichts von dem Kredit bekannt werden würde, den sie gerade aufgenommen hatte.

Nur der Name Langensendelbach, Heimatort der künftigen Eltern des Retortenbabys, sickerte an die Öffentlichkeit. Blitzschnell war das verschlafene Nest nördlich von Erlangen deutschlandweit bekannt. Reporter befragten die örtlichen Metzger und Bäcker, doch die Langensendelbacher schwiegen eisern oder wussten nichts. Schließlich versuchte die Klinik, für Ruhe zu sorgen, indem sie die Bildrechte exklusiv vergab. Außer ZDF und "Quick" waren alle raus aus dem Poker um Oliver.

30 Jahre später ist diese Aufregung kaum mehr nachvollziehbar, die künstliche Befruchtung ist zur Routine geworden. Weltweit wurden vermutlich bisher etwa 4,5 Millionen Retortenbabys zur Welt gebracht, allein in Deutschland sind 121 Zentren für die In-vitro-Fertilisation (IvF) registriert. Doch 1982 berührte und polarisierte die Menschen die künstliche Befruchtung wie kaum ein anderes Thema. Ein Kind aus dem Reagenzglas, das klang, je nach Standpunkt, nach Horror, Gotteslästerung, menschlicher Hybris - oder der segensreichen Technik der Zukunft.

Eine "Jahrhundertgeburt"

Zwar war dem britischen Gynäkologen Patrick Steptoe und dem späteren Medizin-Nobelpreisträger Robert Edwards schon 1978 die erste künstliche Befruchtung gelungen: Louise Browns Geburt wurde als "Jahrhundertereignis" gefeiert.

Jahrzehnte hatten die Forscher investiert, um das Geheimnis des künstlich erzeugten Lebens zu begreifen: Der Zeitpunkt der Eizellen-Entnahme war entscheidend, Hunderte Versuche misslangen, künstlich befruchtete Eizellen teilten sich nicht, in die Gebärmutter verpflanzte Embryonen lösten keine Schwangerschaften aus. Doch nach dem Erfolg veröffentlichten Steptoe und Edwards ihre Vorgehensweise nicht.

Deshalb forschten weltweit Teams unter Hochdruck an verbesserten Methoden und machten die jeweils ersten Retortenbabys in ihrer Heimat zu kleinen Nationalhelden: Dunga in Indien (1978), Elisabeth in den USA (1981), Amandine (1982) in Frankreich.

Erst Mäuse, dann Menschen

Auch in der Bundesrepublik arbeiteten seit Ende der siebziger Jahre Spezialisten in Kiel, Lübeck oder Erlangen an der neuen Technik - und der Traum, kinderlosen Eltern ihren Lebenswunsch erfüllen zu können, zog auch Tatjana Kniewald in seinen Bann.

Eigentlich hatte sich die Biologin vorgenommen, in Brasilien gegen die Abholzung der Regenwälder zu kämpfen und ein bisschen die Welt zu verbessern. Für diese Mission hatte sie sogar ihrem Sohn Adrian den zweiten Vornamen Ramiro gegeben. Ein portugiesischer Name, dachte sie, würde Adrian den Start in Brasilien erleichtern.

Doch dann fand ihr Mann im Frühjahr 1979 diese unscheinbare Zeitungsannonce, "Zytologie-Assistentin gesucht" stand da, und wenig später hatte Tatjana Kniewald alle idealistischen Träume von Brasilien und den Regenwäldern über Bord geworfen: Sie war tatsächlich als Biologin in das Team des renommierten Erlanger Gynäkologen Siegfried Trotnow aufgenommen worden!

Monatelang experimentierte Kniewald nun mit Mäusen, sie zeugte im April 1981 Deutschlands erste Mäuse im Reagenzglas, "Achill" taufte sie das erste Mäusekind. Sie wartete, bis die künstlich gezeugten Tiere wieder Nachwuchs bekamen, um auszuschließen, dass die künstliche Befruchtung zu genetischen Schäden geführt hatte. Dann wendete sie die Technik an den Eizellen von Maria W. an.

"Wir machen kein Leben"

"Ein wenig Bedenken hatte ich ja schon", gesteht Kniewald 30 Jahre später. Was, wenn das Kind später doch an Behinderungen leiden würde? Wenn es sich zu einem schlimmen Verbrecher entwickeln würde? Wäre das dann einfach eine bösartige Laune der Natur - oder ihre Schuld? Kniewald sprach mit einem Moraltheologen. Schließlich festigte sich ihre Einstellung: "Wir machen das Leben nicht, sondern schaffen nur die Vorrausetzungen dafür."

Und so machte sie im Herbst 1981 aus ihrem Labor jenen historischen Anruf beim Gynäkologen Trotnow, der der erste Schritt auf dem Weg zur späteren Sensation wurde: "Herr Professor, Eizelle gefunden!". Wenige Minuten zuvor hatte Trotnow Maria W. Follikelflüssigkeit per Laparoskopie aus dem Eierstock abgesaugt. Danach beträufelte Kniewald die Flüssigkeit mit etwa 200.000 Samenzellen von Vater Peter W.

Schon 20 Stunden später sah sie, dass die Befruchtung erfolgreich war. Jeden Tag wurde die Eizelle nun in eine neue Kultur gelegt, "Windelwechseln" nannte Kniewald das. Nach drei Tagen wurde die Zelle in die Gebärmutter verpflanzt, zwei Wochen später stand fest: Nach sieben langen Jahren, in denen Maria W. auf Nachwuchs gehofft hatte, war sie nun endlich schwanger.

Ein ganz normales Kind

Aber auch Kniewald war tief berührt. Für sie war es später fast so, als ob sie einen zweiten Sohn bekommen hätte, ein Ultraschallbild besitzt sie heute noch. In dem Moment seiner Geburt zwang sie sich aber, ihre Gefühle zu zügeln: "Das ZDF-Team hatte mir extra ein Mikrofon an die Bluse gesteckt", sagt sie. "Sie hofften auf Emotionen, aber ich schwieg. Ich wollte diesen großartigen Moment nicht kaputtmachen."

30 Jahre später wirkt es fast so, als habe sich Oliver nie ganz von dem Rummel um seine Geburt erholt. Ein Wunschkind, dessen Existenz seine Eltern immer wieder moralisch rechtfertigen mussten - etwa, als sich Deutschlands renommierteste Theologen 1982 auf einem Kongress ("Ist menschlich erlaubt, was medizinisch möglich ist?") die Köpfe heißredeten. Ein Kind, das seinen furchtbar technischen Beinamen nie wieder loswerden sollte: Oliver ist das "Retortenbaby" - lebenslang.

Und so schweigt er seit drei Jahrzehnten, trotz etlicher Anfragen hat Oliver noch nie ein Interview geben. Man weiß von ihm, dass er im Schützenverein ist, als Installateur gearbeitet hat und dass es ihm gutgeht. Und vielleicht ist genau das der größte Erfolg der Erlanger Spezialisten: Sie haben ganz normalen Eltern ein ganz normales Kind geschenkt.

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