Deutschrock in den Achtzigern Nichts zu lachen

Deutschrock in den Achtzigern: Nichts zu lachen Fotos
WDR/dpa

"Karl der Käfer wurde nicht gefragt": Anders als die Helden der Neuen Deutschen Welle verstanden die Deutschrocker der Achtziger keinen Spaß. Ihre Textzeilen wogen schwer wie Blei. Doch im Rückblick ist ihre Betroffenheitslyrik vor allem eins - urkomisch. Von

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Es gab sicher spaßgetriebenere Zeiten als nun gerade die Achtziger: Nato-Doppelbeschluss, Ronald Reagan, Kohls "geistig-moralische Wende", Volkszählung und natürlich Tschernobyl, Tschernobyl, Tschernobyl. Schwer wie Blei lag das Weltgeschehen auf dem Leben. Und war das Private gerade mal nicht politisch, dann regierten Sinnsuche und Selbstreflexion - Existenz war harte Arbeit, kein Lollipop.

Zumindest kann einem das heute so vorkommen, wenn man sich anhört, was damals die Leute in die Plattenläden trieb. Denn Anfang, Mitte des Jahrzehnts hatte ein Konglomerat von Menschen die westdeutsch-musikalische Macht übernommen, dem nichts ferner lag, als einfach mal so loszurocken: "Kristallnaach" beschworen Bap, "Kein Land, auf das ich schwöre", war Wolf Maahns Statement, "Starker Mann, was nun?", hielt Ina Deter dagegen.

Der Deutschrock der Achtziger erhob sich aus den Trümmern, die die gerade in Kalauern gestorbene Neue Deutsche Welle hinterlassen hatte. Die Protagonisten der Bewegung waren gestandene Männer und Frauen um die und über 30, sozialisiert meist in der Protestkultur der Siebziger, noch mit dem Matsch von Gorleben und Brokdorf an den Schuhen, die Haare nass von den Fontänen der Wasserwerfer.

"Fünftausend Bäume die heut' sterben soll'n, ein Blatt Papier erklärt warum. Zehntausend Menschen, die das nicht mehr woll'n, wir bleiben nicht mehr länger stumm", sangen Grobschnitt. Eine regelrechte linke Lindenstraße hätte man aus dem Deutschrock-Ensemble aufbauen können: Der ehemalige Sozialarbeiter Klaus Lage gab den Rock-Schimanski mit SPD-Parteibuch, der tagein, tagaus vergeblich gegen Jobabbau ("Monopoli") und Ausländerfeindlichkeit ("Istanbul") kämpfte und nur zwischendurch etwas Schwäche in den Armen einer, natürlich, starken Frau zulassen konnte ("1001 Nacht", "Mit meinen Augen"). Als Texter diente ihm übrigens zeitweise der SPD- und PDS-Politiker Diether Dehm, der Lage mit Metaphern wie "Das Telefon schweigt wie gefrorenes Holz" versorgte.

Gegenpart in der Runde war Ina Deter, die in der Deutschrock-Lindenstraße mit Sicherheit eine von Lages Frauen geworden wäre. Sie durfte in ihren Songs nicht nur ungestraft Männer als "Typen" und "Macker" bezeichnen, sondern zog auch nachts um die Häuser, Spraydose in der einen und Weißweinglas in der anderen, um nach dem Mann zu fahnden, den so viel Frauenpower und Empfindsamkeit nicht in die Flucht trieben.

Heinz-Rudolf Kunze dagegen hatte in der Szene die Sonderstellung, dass er so ziemlich der einzige war, dessen Songs auch beim Knutschen im Jugendzimmer funktionierten. Außerdem konnte man in den Pausen herrlich gemeinsam schweigen und beim Blick auf die Nut-und-Feder-Decke über seine tiefsinnigen Texte nachsinnieren - auch wenn man selten verstand, was einem der Metaphern-Overkill eigentlich sagen wollte ("Wie war das, Mond, wie wird man so? Warum scheust du die Sonne? Schielst du vielleicht zur Venus hin, der spröden bleichen Nonne?", aus "Brille"). War die Liebe dann vorbei, trauerte man mit "Sehnsucht" von Purple Schulz und die Neue Heimat ("Regen fällt, kalter Wind, Himmel grau, Frau schlägt Kind").

Und dann gab es noch die Band, die sie alle überstrahlte: Sage und schreibe sieben Nummer-eins-Alben lieferten Bap hintereinander ab - und das, obwohl die Kölschrocker einen derart breiten Slang kultivierten, dass Nicht-Rheinländer ohne Übersetzung chancenlos waren. Bap waren überall dabei, wo Finger in die Wunde gelegt werden mussten: Faschismus ("Kristallnaach"), Jugendarbeitslosigkeit ("Diss Naach"), Stadtumwandlung ("Südstadt verzäll nix"), Nachrüstung ("Zehnter Juni") - es gab Zeiten, in denen man kaum eine Talkshow einschalten konnte, ohne dass dort ein mies gelaunter Wolfgang Niedecken Lösungen für so ziemlich jedes Problem präsentierte. Allerdings, das muss man der Band lassen: Sie nahm in ihrer Rundumkritik auch das eigene Milieu nicht aus ("Müsliman", "Rot-wieß-blau querjestriefte Frau") und schuf nebenbei einige der schönsten Liebeslieder, die der Achtziger-Deutschrock zu bieten hatte ("Vun mir uss Kitsch", "Eins für Carmen").

Proll verdrängt Pathos

Sogar ihr eigenes Woodstock hatte die Deutschrock-Szene der Achtziger: Das Anti-WAAhnsinns-Festival, nur wenige Wochen nach dem Reaktor-GAU von Tschernobyl, an der Baustelle der atomaren Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf. Mit 120.000 Besuchern immer noch eins der größten Konzerte aller Zeiten in Deutschland und mit einem Line-Up, in dem alles vertreten war, was Rang und Namen hatte - neben Bap noch Purple Schulz, Udo Lindenberg, Anne Haigis, Rio Reiser oder die Rodgau Monotones. Wolf Maahn hatte schon vorher mit "Oh Tschernobyl, das letzte Signal vor dem Overkill" den Beweis erbracht, dass die besten Absichten nicht selten zu den schlimmsten Songs führen.

Und dann tauchte in Wackersdorf noch jemand auf, der schon die nächste Stufe des Deutschrock darstellte: Ein dreißigjähriger Mann aus dem Ruhrgebiet, der zwar schon einige Alben veröffentlicht hatte, aber vor allem als Schauspieler bekannt war und erst im Jahr davor mit "Männer" seinen ersten Hit gelandet hatte: Herbert Grönemeyer. Gemeinsam mit Acts wie Westernhagen (der den größten Teil der Achtziger in schlimmster Erfolglosigkeit verbrachte und erst ganz am Ende des Jahrzehnts das Comeback schaffte) oder Pur sollte er eine Art nächste Generation der Deutschrocker bilden.

Dagegen sank der Stern der meisten Achtziger-Veteranen langsam, aber stetig. Zum Problem wurde nicht nur der heilige Ernst und das Pathos der meisten Beteiligten, sondern auch die Tatsache, dass man musikalisch oft noch tief in den Siebzigern steckte und sich neuen Einflüssen weitgehend verweigert hatte: Bands wie die Ärzte und die Toten Hosen drückten nun auf einmal mit Punk von der Spaß- und Prollseite, während die Ersten am Horizont schon Trends wie deutschen HipHop oder die Hamburger Schule erkennen konnten. Allen gemein: Man nahm sich nicht so ernst. Spätestens mit der Wiedervereinigung war der Polit- und Befindlichkeitsrock der Achtziger tot. So wie die Zeit, die ihn hervorgebracht hatte.

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1.
Thomas Colshorn 16.09.2008
Nur mal als Hinweis: Das Lied "Pegasus" von Heinz-Rudolf Kunze stammt nicht vom ´85er-Album "Dein ist mein ganzes Herz" sondern von "Halt" (2001). Hat also mit den Achtzigern nichts zu tun.
2.
Norbert Bußmann 16.09.2008
Die zum Foto von Heinz Rudolf Kunze veröffentlichte Textzeile aus dem Lied "Pegasus" stammt vom Album "Halt" aus dem Jahr 2001. Auf der Platte "Dein ist mein ganzes Herz" aus dem Jahr 1985 gibt es den Titel "Du wirst kleiner, wenn Du weinst." Hier kommt eine Textzeile, die besser zum passt: "Ich hab nie gesagt, Du mußt, um mich zu mögen, mich ganz verstehen. Ich hab nie gesagt, ich mag Dich gerne leiden sehen. Du wirst kleiner, wenn Du weinst."
3.
Nik Nier 16.09.2008
Hm. Peinlich ist da bestimmt vieles, "urkomisch" finde ich die genannten Beispiele eigentlich weniger. Und dann sind sachliche Fehler im Text, z.B. hat Herr Kunze 1985 auf dem Album "Dein ist mein ganzes Herz" bestimmt keinen Song "Pegasus" gehabt (sondern die Suchmaschine klärt mich auf, dass dieses Lied von 2001 ist!), und auch das angeführte "Brigitte" ist nicht aus den 80ern, erst recht nicht aus den frühen, um die es hier geht, sondern von 1996. Ist das alles nur zusammengegoogelt (dann würde ich mir damit etwas mehr Mühe geben) oder waren Sie in den 80ern wirklich "dabei"?
4.
daniel m. porcedda 16.09.2008
Sicher wurden in den 80ern etliche Liedertexte verbrochen, deren Aussagen nicht unbedingt tiefschürfende Weisheiten waren. Aber dies ist ein Bestandteil von gesungener Musik seit Menschen überhaupt singen. Immerhin haben sich in den 80ern doch eine ganze Reihe Künstler mit aktuellen Themen kritisch auseinandergesetzt. Das würde der heutigen deutschen Musikszene sicher auch gut stehen, denn die zu besingenden Problemfelder auf unserem Globus sind kaum geschwunden, haben eher in Quantität und Gefahrenpotenzial zugelegt. Zu bemämgeln war an der 80er Rockmusik vor allem die Musik selber. Der Hinweis im Artikel auf stylistische Elemente der 70er ist jedoch leicht abwegig. Nun ja, 1978/1979 gehört ja auch irgendwie in die 70er. Ansonsten ist der deutsche 80er-Rock meilenweit vom Rock der 70er, vor allem der ersten Hälfte des Jahrzehnts, entfernt. Fazit: Texte sowohl als auch; Musik vorwiegend qualitativ vernachlässigbar.
5.
Jochen Diestel 16.09.2008
Auch der zitierte Grönemeyer-Text stammt keineswegs aus "Onur", sondern aus "Selbstmitleid" und damit von 1998. Hat mit den Achtzigern also genauso wenig zu tun, wie der zitierte Kunze-Text.
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