Diamantenmine Mirny Edelsteine aus der Eishölle

Diamantenmine Mirny: Edelsteine aus der Eishölle Fotos
Gregor Sailer

In einem Fuchsbau in Sibirien stieß der Geologe Jurij Chabardin 1955 auf Diamanten - eine Entdeckung von größter Bedeutung für die Sowjetunion. Der Staat ließ mit Düsentriebwerken ein gigantisches Loch in den Boden schmelzen. Doch Schmucksteine gab es aus dieser Mine nur als Abfallprodukt. Von

  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 9 Kommentare
  • Zur Startseite
    3.5 (25 Bewertungen)

Die Kälte ist erbarmungslos. Öl gefriert. Alte Autoreifen zerbröckeln an den Felgen. Stahlträger brechen wie Zahnstocher. Gregor Sailer sorgte sich vor allem um sein Equipment, als er im Februar 2011 nach einem achtstündigen Flug von Moskau in Mirny landete: "Ab minus 50 Grad wird es für das Filmmaterial gefährlich, das zerbröselt mir dann einfach." Minus 50 Grad sind keine Seltenheit im sibirischen Winter, während eines Schneesturms kann es sogar noch kälter werden. Das Städtchen Mirny besuchte Sailer auf der Jagd nach Motiven für seinen Fotoband "Closed Cities".

Von einer Stadt möchte der Österreicher im Zusammenhang mit Mirny aber gar nicht reden. Er spricht lieber von einem "urbanen Konstrukt innerhalb eines Sperrgebiets". Denn Mirny ist ein Ort, an den man nur mit den Flugzeugen gelangen kann, mit denen die Arbeiter transportiert werden, ein Ort am Rande eines gigantischen Lochs. Es hat einen Durchmesser von rund 1200 Metern, eine Zahl, die kaum einen Eindruck von den enormen Dimensionen des klaffenden Abgrunds vermitteln kann. Zwei Stunden braucht ein Lkw von ganz unten nach ganz oben. Direkt daneben liegt der Flughafen von Mirny. Der direkte Überflug des Lochs ist verboten, denn der Abgrund erzeugt tückische Abwinde. Sie sollen schon Helikopter hinab gezogen haben, nach ganz unten, wo sich in mehr als einem halben Kilometer Tiefe ein kleiner Grundwassersee befindet, der meist gefroren ist.

Nordöstlich des Lochs erstreckt sich die kleine Stadt Mirny. Industrieanlagen, sozialistische Plattenbauten, 40.000 Einwohner, 250 Kilometer bis zur nächsten Stadt, ansonsten keine Straßenverbindung in die Außenwelt. Ohne das Loch gäbe es diese Stadt nicht, und womöglich hätte es ohne dieses Loch auch die Sowjetunion nicht so lange gegeben. Dabei war es ursprünglich nur ein gewöhnlicher Fuchsbau am Rande eines kleinen Flusses. Das Tier muss dort den Sommer 1955 verbracht haben, bis ein junger Geologe namens Jurij Chabardin seine Ruhe störte, nervös Bodenproben nahm - und völlig begeistert über Kurzwelle nach Moskau funkte: "Ich rauche die Friedenspfeife! Ich rauche die Friedenspfeife!" Frieden (russisch: Mir) war das Codewort dafür, dass Chabardin auf eine Diamantenmine gestoßen war. Später sollte die Stadt ihren Namen von diesem Codewort ableiten.

Permafrost oder Morast-Ozean

Seit Jahrzehnten hatten Stalins Forscher in Sibirien nach Diamanten gesucht. Schon in den dreißiger Jahren waren Geologen zu dem Schluss gekommen, dieses spezielle Gebiet in Sibirien weise eine ähnliche Beschaffenheit auf wie die Böden in Namibia und Südafrika, auf denen der übermächtige De-Beers-Konzern die größten Diamantenminen der Welt betreibt. Eine Nadel im Heuhaufen wäre leichter gefunden als vergleichbare Vorkommen in den deprimierenden Weiten der völlig unerschlossenen sibirischen Ödnis.

Doch die Sowjetunion brauchte Diamanten. Rohe Diamanten für die Industrie, etwa als Bohrköpfe oder Werkzeuge. Jederzeit, so Stalins Befürchtung, könne ihnen der Monopolist De Beers den Hahn abdrehen. Erst Chabardins Fund im Jahr 1955 konnte diese Befürchtungen zerstreuen - nachdem mehrere andere Expeditionen bereits an den klimatischen Verhältnissen gescheitert waren. Der arktische Winter in dieser Gegend dauert sieben Monate, und im kurzen Sommer verwandelt sich die Landschaft in einen Ozean aus Morast.

Diamanten waren von enormer strategischer Bedeutung für die Russen, und entsprechend entschlossen gingen sie in Mirny ans Werk: Mit Dynamit und der Hitze zweckentfremdeter Düsenstrahltriebwerke wurde der Permafrostboden gesprengt oder so weit aufgeweicht, dass mit einem Abbau begonnen werden konnte. Die Fabrik zur Weiterverarbeitung wäre im Sommer im Schlamm versunken und wurde deshalb zwanzig Kilometer entfernt auf sicherem Grund gebaut. Für die Häuser der Arbeiter und Ingenieure wurden Pfeiler in den Boden getrieben.

Abfallprodukt Schmuckdiamanten

Die Arbeit lohnte sich: Im gleichen Maß, wie das Loch immer tiefer wurde, wurde die Sowjetunion ein immer größerer Anbieter auf dem weltweiten Diamantenmarkt. So groß, dass selbst De Beers die Konkurrenz der geheimnisvollen sibirischen Mine zu fürchten begann, wo bald auch klassische Schmuckdiamanten produziert wurden - als Abfallprodukt der Rohdiamantenförderung für die Industrie.

Auch nach dem Ende der Sowjetunion wurde in Mirny eifrig weiter gefördert. Das Loch selbst ist zwar seit dem Jahr 2001 geschlossen, weil die Wände nachrutschten und es zu aufwendig wurde, sie abzustützen. Doch der Betrieb läuft in Minen unter Tage weiter.

Betreiber der Minen ist heute die Firma Alrosa, deren Haupteigentümer wiederum der Staat ist. Genau genommen betreibt Alrosa nicht nur die Minen, sondern auch die Stadt. Und den Flughafen, der nur von Firmenjets angeflogen wird - wodurch die Stadt für so manchen "Gastarbeiter" schon zur Falle geworden ist. "Ist die Arbeit", so Sailer, "nicht getan, gibt’s eben keinen Flug zurück nach Moskau."

Bei seinem Besuch im Frühjahr 2011 war Sailer ein äußerst einsamer Tourist. "Es gibt Menschen, die um die Welt reisen und sich große Löcher anschauen", sagt Sailer, aber: "In Mirny habe ich keinen gesehen." Dafür sah er eine Stalin-Büste, die erst 2005 unter Beisein von 3000 Bürgern enthüllt wurde. Die Zeit scheint in Mirny nicht stehenzubleiben, sie läuft rückwärts. Sailer berichtet auch von einem unterschwelligen Druck durch den russischen Inlandsgeheimdienst FSB, der seine Schritte dezent überwacht habe und am Ende auch die Fotos zensierte, die Sailer vor Ort machte.

Es waren nicht seine größten Probleme in dem entlegenen Ort: Sailer erlebte Mirny als keineswegs ungefährliches "Wildost-Städtchen" im Diamantenrausch, mit äußerst rauen Sitten, einem illegalen Schwarzmarkt für die Edelsteine und Kneipen, in denen es schon gefährlich sein könne, "unbewaffnet auf die Toilette zu gehen". In das Loch selbst stieg Sailer nicht hinab: "Ich war schon froh, es überhaupt bis in die Stadt geschafft zu haben." Und nach dem, was er in Mirny erlebte, war er am Ende zumindest ebenso froh, es auch wieder aus der Stadt heraus geschafft zu haben.

Zum Weiterlesen:

Margit Zuckriegl, Walter Moser, Wencke Hertzsch (Autoren) und Gregor Sailer (Künstler): "Closed Cities". Kehrer Verlag, Heidelberg 2012, 300 Seiten und 151 Farbabbildungen. Deutsch/Englisch.

Das Buch erhalten Sie bei Amazon.

Artikel bewerten
3.5 (25 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 9 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Ernst Schuberth 02.01.2013
Ich habe in den 90er Jahren Mirny auf Einladung der Schulverwaltung besuchen können, um Lehrerfortbildung machen zu können. Damals war allerdings die offene Mine noch in Betrieb. Ein Russlanddeutscher sprach mich an und erzählte von den Anfängen des Abbaues. Er nahm mich auch in das Dorf, wo er 70km von Mirny entfernt wohnte. Von den Lebensbedingungen machen wir uns kaum Vorstellungen.
2.
Eduard Schechter 03.01.2013
Diese Mine ist echte Umweltkatastrophe. Der Schicht der Permafrostbodens ist sehr dünn, im Sommer fliest Wasser von Boden in dieser riesige Loch und Umgebung verdüstert sich. Diese Mine wieder zu schließen ist unmöglich. Aber selbst Förderungstechnologie ist einzigartig. Diamant ist in Gestein mithilfe Röntgenstrahlung zur Lichtstrahlung gezwungen, mit Lichtdetektor entdeckt und mit Luftpumpe geschossen.
3.
Reinhard Lange 03.01.2013
Man sollte sich mal die gut bebilderten Berichte von Enrico Kramer über sein Praktikum in Mirny im Jahre 2010 aus dem Internet herunterladen (PDF). Dazu muss man bei Google nur die Stichworte "Enrico Kramer" und "Mirny" eingeben. Statt einer arlamistischen Reportage kann man dort etwas über das Leben in einer normalen russischen Stadt mit freundlichen Menschen lesen sowie über die positiven Erfahrungen während des Praktikums beim Diamantenproduzenten ALROSA.
4.
Anton Bruckner 03.01.2013
Foto 11In Mirny sind im sibirischen Winter mit Temperaturen von minus 50 Grad keine Seltenheit. Sie lassen Öl gefrieren und alte Autoreifen zerbröseln - da scheint dieses Wohnhaus für die Arbeiter nur mäßigen Schutz zu bieten." aber die Fenster sind geöffnet
5.
Tom Doyle 03.01.2013
Ist voll abgefahren dieser Ort. Weiss vielleicht jemand wie man als Tourist Mirny besuchen könnte?
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen