Forscherin Dian Fossey Rächerin der Gorillas

Mehr als die Menschen liebte sie Menschenaffen. Dian Fossey rettete Gorillas in Ruanda und verfolgte Wilderer ohne Gnade. Bis sie selbst mit einer Machete bestialisch ermordet wurde.

Von

Dian Fossey Gorilla Fund International

Ihr Leichnam sah entsetzlich aus. Erschlagen lag die weltberühmte Gorillaforscherin Dian Fossey im Pyjama neben ihrem Bett, in ihrem eigenen Blut. Der Mörder hatte ihr Gesicht diagonal mit einer Machete gespalten. Die Mordwaffe lag neben ihr, als Fosseys Angestellte sie am Morgen des 27. Dezember 1985 in ihrer Hütte fanden.

Irgendwann in der tiefschwarzen Dschungelnacht muss der Täter durch das 3300 Meter hoch gelegene Karisoke-Forschungscamp an ihr Häuschen herangeschlichen sein, um sich auf die Amerikanerin zu stürzen. Sie hatte eine Pistole, aber die erreichte sie nicht mehr.

Fossey lebte damals seit 18 Jahren im Grenzgebiet zwischen Zaire (heute Demokratische Republik Kongo) und Ruanda. Die Tochter wohlhabender kalifornischer Eltern, die eigentlich ein BWL-Studium für sie vorgesehen hatten, hatte ihr Leben ganz den Berggorillas verschrieben. Tag für Tag ging sie in die nebligen, regennassen Wälder, kletterte durch Schluchten und an Berghängen entlang, immer auf der Fährte ihrer Lieblinge. Sie beobachtete sie beim Essen, Schmusen, Spielen und führte akribisch Buch.

Als sie 1967 mit ihrer Arbeit an der Südflanke des erloschenen Vulkans Visoke begann, existierten in der Region nur noch wenige hundert Exemplare. In ihrem Zusammenleben mit den Menschenaffen erlebte Fossey, wie bedroht die Tiere waren. Im Wald stieß sie auf Fallen und begegnete Wilderern. Deren Drahtschlingen waren zwar für Waldantilopen bestimmt, es verfingen sich aber auch Gorillas darin.

Ihr Lieblingsgorilla: am Silvestertag getötet

Die Amerikanerin hatte keinerlei Verständnis für die Jäger. Schon in den ersten Jahren stellte sie eigene Patrouillen parallel zu denen des Nationalparks auf, um die Wilderei einzudämmen. Ihre Methoden waren rabiat. Fossey ließ Wilddiebe fangen und verhörte sie persönlich, zerstörte ihre Waffen und erschreckte sie mit Totenkopfmasken und Feuerwerkskörpern. Alles schien erlaubt, wenn es den Gorillas half.

Trotz dieser Konflikte war Fosseys erstes Jahrzehnt mit den Menschenaffen wohl ihre glücklichste Zeit. Besonders Forschungsgruppe 4 liebte sie innig. Über einen Sommertag 1977, an dem sich die Tiere um den Anführer Onkel Bert in ihren Tagesnestern fläzten, schrieb Fossey: "In diesem Augenblick hätte ich nicht gewusst, wo ich lieber gewesen wäre als inmitten von Gruppe 4, ebenso zufrieden mit der Sonne und der Abgeschiedenheit der Gorillas."

Von klein auf sah sie das Gorillamännchen Digit heranwachsen. Er war der Wächter der Gruppe 4 und stand meist auf Posten, während die anderen Tiere dösten oder Futter suchten. Fossey und Digit kamen sich sehr nahe. Die Aufnahmen der beiden, aneinandergeschmiegt auf dem Waldboden, gingen dank der National Geographic Society, die auch ihr Forschungscamp finanzierte, um die Welt.

Am Silvestertag 1977 erwischten die Wilderer Digit, schnitten ihm Hände und Kopf ab. Als Fossey seinen geschändeten Kadaver sah, brach ihr das Herz. Ab diesem Tag habe sie "in einem abgekapselten Teil meiner selbst" gelebt, schrieb sie später. Doch Digits Tod sollte erst der Anfang sein.

Die Frau, die allein im Wald lebt

Ein halbes Jahr später starben Gruppenoberhaupt Onkel Bert und das Weibchen Macho durch Gewehrkugeln. Um die toten Gorillas trauerte Fossey wie um Familienmitglieder. Ihre Antwort hieß Selbstjustiz. Fern der Zivilisation ließ sie ihre Truppen die Einheimischen fangen. Sie verprügelte die Wilddiebe und machte ihnen Todesangst. Fossey soll auch Kinder entführt haben, einen Jungen sogar für sechs Wochen.

Aus der Tierliebhaberin, die mangels wissenschaftlicher Fähigkeiten keine Tierärztin werden konnte, war erst eine Verhaltensforscherin und zuletzt eine erbarmungslose Menschenjägerin geworden. Ihre grenzenlose Empathie für die Gorillas brachte sie nie für die menschlichen Bewohner der Berge auf. Ihr ruandischer Beiname Nyiramachabelli, die Frau, die allein im Wald lebt, wurde zum Schimpfwort.

Einer der Ersten, die Fosseys Leiche sahen, war ihr Assistent Wayne Richard McGuire. Der amerikanische Doktorand blieb danach noch ein halbes Jahr in der Station. Dann gaben die ruandischen Behörden bekannt, er sei des Mordes verdächtig. McGuire floh in die USA und beteuerte seine Unschuld. In Abwesenheit und ohne echte Beweise wurden er und ein ehemaliger lokaler Mitarbeiter Fosseys wegen Mordes verurteilt. Der Ruander soll sich in seiner Zelle erhängt haben.

Fossey war wiederholt bedroht worden. Die weiße Frau mit dem Affentick, dem unbeherrschten Auftreten und der kolonialen Attitüde - die Wilderer müssen sie ebenso gehasst haben wie umgekehrt. Freunden schrieb sie jedoch, das Leben in den Bergen, in Kälte und Feuchtigkeit mache ihr nichts aus. Trotz der Drohungen habe sie keine Angst.

Ihre Mitarbeiter wussten: Das war nur die halbe Wahrheit. Launisch, herrisch und abends oft sehr betrunken sei die Nyiramachabelli gewesen. "Die Europäer in Kigali nannten sie Queen Kong oder Joan Wayne", schrieb SPIEGEL-Reporter Erich Wiedemann 1989. Wie sie sich vor Camp-Besuchern versteckte oder in Verkleidung davonschlich, damit niemand außer ihr die Gorillas finden konnte, erzählte Fossey in ihrer Autobiografie "Gorillas im Nebel". Unter dem gleichen Titel erschien 1988 mit Sigourney Weaver ein Hollywood-Film, der ein weltweiter Erfolg wurde.

Begraben an der Seite von Digit

Ein lieber Gast war ihr der Student Ian Redmond. Er forschte als Parasitologe im Camp und ging für Fossey auf Wilderer-Patrouille. Und wenige Tage nach ihrem Tod war Redmond noch einmal im Karisoke-Camp. Am Tatort habe er den Durchschlag eines Briefs an ihn gefunden, erzählte er einem Fernsehteam. Darin berichtete sie, ein gefangener Wilderer habe Gold aus dem Kongo geschmuggelt.

Der Schmuggel über die nur wenige hundert Meter entfernte Grenze war und ist nicht ungewöhnlich und wird oft von offizieller Seite gedeckt. Redmond mutmaßte, Fosseys Brief von Mitte Dezember 1985 könnte von der Zensur aussortiert worden sein.

War Fossey also zufällig Goldschmugglern im Weg? Hatte der Mörder mit den Behörden zu tun, die später den Doktoranden McGuire verurteilten - wegen der hellen Haare in Fosseys toter Faust? Haare, die eigentlich von Fossey stammten und abgeschnitten waren? Oder war es doch eine späte Rache der Wilderer?

Sicher ist: Gut ging es Fossey zuletzt nicht. Krank sei sie gewesen und ohne Enthusiasmus, sagte ein französischer Fotograf, der wenige Tage vor ihrem Tod die letzte Aufnahme von ihr machte (siehe Fotostrecke). Fosseys langjähriger Angestellter Nemeye erzählte, am 26. Dezember habe sie noch Geschenke verpackt, für ihre auf Anfang 1986 verschobene Weihnachtsparty. An diesem letzten Abend habe sie nicht getrunken und sei früh zu Bett gegangen.

Dian Fossey starb im Alter von 53 Jahren. Man begrub sie so, wie sie es verfügt hatte: an der Seite ihres Lieblingsgorillas Digit, gleich neben ihrer Forschungsstation. Über ihrem bürgerlichen Namen steht auf dem Grabstein ihr Beiname in der Sprache Kinyarwanda: Nyiramachabelli. Die Frau, die allein im Wald lebt.

  • Christoph Titz, Jahrgang 1981, ist SPIEGEL-ONLINE-Redakteur im Ressort Politik (Ausland) und schreibt über das südliche Afrika.



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 13 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
stefan schaller, 27.12.2015
1. Mir gefällt sie!
Ein paar mehr von ihrer Sorte täte uns allen gut, uns Menschen und vor allem den Gorillas. Ich verstehe auch ihren Standpunkt, wonach es viel zu viele Wilderer gibt aber viel zu wenig Gorillas, also Erstere angegriffen und Letztere verteidigt werden müssen. Wenn eine schweigende Mehrheit dem Abschlachten der Gorillas zusieht muss ein einzelner aufstehen und sich wehren, manchmal auch mit rabiaten Methoden.
Gabriele Liebert, 27.12.2015
2. Nun ja ,
es ist relativ schwierig für Wilderer , die Gorillas schlachten oder verstümmeln , Sympathie aufzubringen . Vielleicht gäbe es keine Berggorillas mehr , wenn sie sich nicht so enthusiastisch eingesetzt hätte .
Lutz Winkler, 27.12.2015
3. es gib zu wenig Menschen wie
Frau Fossey und zu wenig Unterstützer für alle Tierarten. Erst wenn die meisten Arten ausgestorben sind wird der Mensch sehen was er angerichtet hat. Für alles ist Geld da nur für Tiere nicht, die haben keine Lobby. Schuld ist die Politik, auch in Deutschland die Entwicklungshilfe zahlen die nicht zweckgebunden ist und überall versickert. In Südafrika dürfen reiche Leute, Löwen in Gattern schießen und und und. Für Geld wird alles niedergemacht.
Walter Wolf, 27.12.2015
4. ohne die Menschen vor Ort, kann man die Gorillas nicht schützen
Die Art, wie Dian Fossey lebte, hat selbstzerstörerische Züge. Die Gorillas kann man nur retten, wenn den Menschen vor Ort Perspektiven aufgezeigt werden und die Geburtenrate in Afrika auf ein Normalmaß zurückgeführt wird. Ansonsten ist das ein Kampf gegen Windmühlen. So wird man nicht glücklich. Um das auszuhalten, muss man fast schon anfangen zu Trinken.
frank loescher, 27.12.2015
5. Wie
soll eine Spezies die sich gegenseitig selbst umbringt ,erschlägt, erschießt, mit Bomben bewirft, foltert und dazu noch ihre Umwelt vergiftet, in der Lage sein solche Minderheiten wie diese Gorillas zu schützen? Meine Hochachtung vor dieser Frau.......RIP! Solche Persönlichkeiten ohne Doktorgrad oder Jurastudium haben einen wesentlich gesünderen Menschenverstand als diese sogenannten geistigen Eliten und würden allen Regierungen dieser Welt gut tun!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.