Dianas 10. Todestag Das Biest, das aus der Kälte kam

Dianas 10. Todestag: Das Biest, das aus der Kälte kam Fotos
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Sie war ein Medienstar, das am hellsten funkelnde Juwel in der Krone der britischen Monarchie. Sie war aber auch ein egomanes, narzisstisches Luder. Zehn Jahre nach dem Tod Dianas entsteht jenseits von Ikonenkult endlich ein komplexes Bild der Prinzessin von Wales. Von

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Und wenn sie nicht gestorben wäre? Wer Diana für den Inbegriff des Banalen und den Kult um die 1997 zu Tode gekommene Prinzessin für hysterisches Gedöns hält, wird sich folgendes Szenario kaum ausmalen wollen: Was, wenn Diana heute noch unter uns weilte?

Im Jahr 2007 lebte sie wahrscheinlich in den USA. Sie hätte eine weitere gescheiterte Ehe hinter sich, diesmal mit einem Hollywood-Mogul. Sie wäre - als eine Art blonder Gegenentwurf zu Larry King und Oprah Winfrey - Gastgeberin einer Talk-Show namens "The Princess' Hour" und würde mit Gästen wie John Travolta, Paris Hilton oder Colin Powell Wimpern klimpernd über Belangloses plaudern. Dianas karitatives Schlachtfeld 2007 hieße Darfur, dort hätte sie jedoch Charity-Trittbrettfahrer wie Angelina Jolie und Bono wegzubeißen. Sie gäbe jährlich ein ausführliches TV-Interview, hauptsächlich, um ihrem Ex-Mann Charles, dem armen Tropf, imagezersetzend in die Suppe zu spucken.

Die Realität ist heute weitgehend Diana-bereinigt. Was im Gedenkjahr 2007 aufflackert, ist keine "Dianamania" mehr. Es sind reflexartige Versuche, einen verstaubenden Mythos aufzupolieren. Herrschte unmittelbar nach dem Tod der Prinzessin noch eine kitschverkleisterte kollektive Schockstarre, untermalt von Elton-John-Geklimper, wurden schon kurze Zeit später munter die Messer gewetzt, die Ikone zu sezieren. Diana, stilisiert zur sieche Erdbewohner knuddelnden, tragischen Schönheit? Das war vorgestern. Heute angesagt: "Di-Bashing", zu Deutsch: Hau die Di.

Von einer Gaga-Sippe zur nächsten

Speerspitze dieser neuen Diana-Exegese ist Ex-"Vanity Fair"-Chefredakteurin Tina Brown, die zum Auftakt des Gedenkjahres eine scharfsinnige Biografie der dornengespickten englischen Rose vorlegte. In ihren "Diana Chronicles" zeigt Brown die labile Adlige als komplexe, charismatische und durchgeknallte Highpower-Persönlichkeit. "Shy Di", belehrt uns Ms Brown, war kein Bambi, sie war ein Biest. Allerdings eines, das aus der emotionalen Kälte einer dysfunktionalen Familie kam und aus deren Schoß zur nächsten Gaga-Sippe stolperte. Ein hoffnungsloser Fall, von Anfang an.

Diana, die als Kind ihre Nannys piesackte und später ihre Stiefmama mit Schmackes die Treppe runterschubste, wurde von einem alten, allerdings auch ziemlich abgewirtschafteten britischen Adelsgeschlecht hervorgebracht. Außer standesgemäßer Exzentrik boten die Spencers Dramen, die einer griechischen Tragödie würdig wären: Dianas Mutter Frances, ausgelaugt von einem der Dynastie-Sicherung dienenden Gebärmarathon, verließ - Skandal! - ihren Gatten. Im Sorgerechtsprozess ergriff Frances' Mutter Ruth Fermoy, die ihre Tochter seinerzeit mit Earl Spencer verkuppelt hatte, gegen sie Partei. Diana, acht Jahre alt, bekam ihre Mama fortan kaum noch zu Gesicht. Die intrigante Lady Fermoy war es, die Jahre später die Vermählung ihrer Enkelin mit dem britischen Thronfolger Charles betrieb. Diana, willig und verknallt, machte mit. So wurde das marode Märchen von der scheuen Kindergärtnerin geschmiedet, die 1981 in Baiser-Optik ihren Traumprinzen heiratete.

Die Quintessenz dieser 15-jährigen Ehe brachte der britische "Observer" auf den Punkt: "Charles wurde schrullig und Diana bekloppt." Überfordert und überwältigt von ihrem neuen Job als meistfotografierte Frau der Welt, geschlagen mit einem Gatten, den es schon bald zu seiner Ex-Geliebten Camilla Parker Bowles zurückzog und geplagt von Verwandten mit dem Einfühlungsvermögen von Bulldozern, erkrankte Diana nach eigenem Bekunden an Bulimie und Depressionen. Dazu kamen Ferndiagnosen anderer - Narzissmus, Paranoia. An ihrer Opferrolle klebte Diana zeitlebens wie weiland Helmut Kohl am Kanzlersessel. Immerhin sagte sie über ihre während der Ehe angehäuften Juwelen später, die seien ein billiger Lohn für all "die Höllenjahre mit dieser Scheißfamilie".

In ihren Rachegelüsten und dem Wunsch, die mangelnde Eignung ihres Ehemanns als künftiger König zu dokumentieren, kannte die betrogene Diana - ihrerseits auch kein Kind von Traurigkeit - bald kein Halten mehr: Sie paktierte mit der Presse, um Charles ins Aus zu manövrieren und ihre eigene Rolle innerhalb der königlichen Familie, der "Firma", zu sichern. Die atemberaubende Schöne mit den großen blauen Augen und den Endlos-Beinen bezirzte Chefredakteure und Herausgeber, arrangierte mit den Paparazzi "zufällige" Schnappschüsse, die ihr Image als liebevolle Mami, als selbstlose Altruistin oder vom Gatten verschmähte, einsame Ehefrau zementieren sollten.

Die Taktik folgte einer schlichten Gleichung: Je heller Dianas Stern strahlte, umso zappendusterer sah es für den mit selbstgezüchtetem Broccoli parlierenden Charles aus. Noch im Sommer ihres Todesjahres, schreibt Tina Brown, steckte Diana den Paparazzi, wo die besten Turtel-Urlaubsschnappschüsse von ihr und Kurzzeit-Lover Dodi al-Fayed zu machen seien. Hinterher, beim Anblick der Bade-Fotos, beschwerte sie sich allerdings: Sie waren ihr zu "grobkörnig".

"Wir sind eine Seifenoper"

Während sich Diana tatkräftig ein Netzwerk aus Kontaktleuten in der Presse schuf - darunter ein Reporter ihres Leib-und-Magen-Boulevardblatts "Daily Mail", der von ihr mit Exklusivgeschichten versorgt wurde, in denen die Prinzessin als weichgespülte Heldin reüssierte -, erlitt Charles eine Public-Relations-Schlappe nach der nächsten. Als er sich - offenbar in einem Versuch, die Diana-Taktik des brutalstmöglichen Seelenstriptease zu adaptieren - 1994 in einem TV-Interview als Ehebrecher outete, erntete er ob dieser Geständigkeit keine Sympathien, sondern wurde zum Paria. "Wir sind eine Seifenoper", jammerte Charles, als er damals nach der Funktion der Königsfamilie gefragt wurde.

Für die Windsors galt, was US-Journalist Bob Woodward im Hinblick auf die Clintons konstatiert, nur mit umgekehrten Rollen: "Hillary denkt über jeden Journalisten: 'Er ist ein Arschloch.' Bill denkt: 'Er ist ein Arschloch - aber ich kriege ihn auf meine Seite.'" Im Hause Windsor gab Diana den Bill, Charles machte die Hillary.

Gierig und zwanghaft las Diana alles, das über sie geschrieben wurde. Und wehe, es war nicht genehm. So plauderte Schwägerin Fergie in ihrer Autobiografie aus, sie habe sich, nachdem sie sich ein Paar Schuhe von Diana lieh, Warzen an den Füßen zugezogen. Diana sprach nie wieder ein Wort mit ihr. Sie mag mitfühlend und hilfsbereit gegenüber Menschen in Not gewesen sein, im Umgang mit Beratern, Freunden und Familie war sie manipulativ, egoman, berechnend - und höllisch nachtragend. "Diana", bilanziert die britische Boulevard-Bulldogge Piers Morgan, "lebte auf dem Planeten Diana."

Doch Diana überschätzte sich, glaubte, die abgebrühte Boulevard-Presse kontrollieren zu können. Weit gefehlt: Je mehr Diana von sich preisgab, etwa in der 1992 auf ihre Initiative hin entstandenen Biografie "Diana - ihre wahre Geschichte" oder 1995 in dem TV-Interview der BBC, als sie mit dem waidwunden Blick einer Schmierenkomödiantin die Bettgeheimnisse ihrer Ehe lüftete, umso schlimmer bedrängten sie die Paparazzi. Nach ihrer Scheidung 1996 war die brutalste Phase der Jagd auf Diana eröffnet, zumal sie - aus Angst, ausspioniert zu werden - auf den Begleitschutz königlicher Sicherheitsbeamter verzichtete.

Seit dem Unfall im Pariser Autotunnel in der Nacht zum 31. August 1997 wurde - vor allem auf Initiative des britischen Establishment-Hassers Mohamed al-Fayed, Vater des getöteten Dodi - mit Genuss an Verschwörungstheorien gestrickt. Wer hat Diana auf dem Gewissen? Der britische Geheimdienst MI5? Dianas Schwiegervater Prinz Philip? Ein internationales Waffenhändler-Kartell? In der Realität, die Tina Brown so detailversessen wie plausibel nachzuzeichnen versucht, könnte es banaler zugegangen sein: eine hechelnde Pressemeute, ein im Umgang mit ihr ungeübter und deshalb panisch reagierender Dodi, der seinen betrunkener Chauffeur zur verantwortungsloser Eile antreibt, eine nicht angeschnallte Prinzessin. Der Rest ist Kult-Geschichte.

Doch zehn Jahre nach Dianas Hinscheiden scheinen Quintessenz und Strahlkraft ihres Wirkens trübe. Events wie das Gedenkkonzert am 1. Juli im Londoner Wembley-Stadion wirken merkwürdig blutleer und belanglos. Die britische Monarchie ist trotz vorübergehender Totalsolidarisierung der trauernden Untertanen mit Volkstribunin Diana ungefährdet. Es geht anscheinend ganz gut ohne Di. Wenn sich die stoische Queen auch ein paar PR-Strategien ihrer Schwiegertochter angeeignet haben mag - zu einer leutseligen Plaudertasche macht die Monarchin keiner mehr.

"Thank you"

Als man Elizabeth II. 1979 die Nachricht überbrachte, ihr Lieblingsonkel und einige seiner Familienangehörigen seien bei einem IRA-Attentat getötet worden, reagierte sie mit den Worten: "Thank you." Selbstbloßlegung à la Di, die vor 23 Millionen britischen TV-Zuschauern beschrieb, wie sie sich in postnataler Depression die Seele aus dem Leib kotzte - niemals! Aber zwecks Sympathienfang gibt es ja hilfreiche Kinofilme wie Stephen Frears' "The Queen".

Mit Diana wurde der Prototyp des medialen Giga-Stars generiert - unter tatkräftiger Mithilfe Dianas. War sie also tatsächlich mehr Rumpelstilzchen denn Märchenprinzessin? Heute wird die blaublütige Blondine so heftig verteufelt, wie man früher schwärmerisch über sie salbaderte. Doch selbst Tina Brown, die mit Boshaftigkeiten nicht spart und Diana die "Aufmerksamkeitsspanne einer Fruchtfliege" attestiert, kommt nicht umhin, das Madonnenhafte an Diana zärtlich zu verklären. Dianas Philanthropie, ihre emphatische Fähigkeit zum Mitleiden, zur Anteilnahme, seien einzigartig. Pures Gutmenschentum.

Das blitzsaubere, von Tragik umflorte Diana-Bild wird heute in erster Linie von ihren Söhnen William und Harry verwaltet. Die jungen Prinzen, jeder auf seine Weise mit dem Popstar-Potential der Mutter gesegnet, eröffneten den Diana-Gedenk-Marathon 2007 - am 1. Juli wäre sie 46 geworden, der 29. Juli war ihr Hochzeits-, der 31. August ihr Todestag - mit ausführlichen Fernsehinterviews. Ja, gaben die Prinzen Auskunft, sie dächten häufig an die Verstorbene, sie vermissten sie. Die Boulevard-Berichterstattung nach dem Gedenkkonzert kreist jedoch nicht um Dianas Kernprojekte wie Aids-Bekämpfung und Landminen-Ächtung, sondern um die Frage, ob William wieder mit Ex-Freundin Kate Middleton knutscht.

Die royale Seifenoper scheppert weiter.

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