Diddl-Maus Ein Monster feiert Geburtstag

Diddl-Maus: Ein Monster feiert Geburtstag Fotos

Hässlich, geschmacklos - tooootal süß! Seit 18 Jahren spaltet Comicfigur Diddl die Nation. Viele würden die Mäuseplage am liebsten ausrotten. Doch noch mehr Menschen vergöttern sie - und benutzen die mutierte Maus sogar als Botschafter für bizarre Liebesgrüße. Von

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Am 24. August 1990 entsprang aus der Hand des Nürnberger Grafikers Thomas Goletz ein Monster. Ein aufrecht stehendes, känguruartiges Geschöpf, mit Latzhose und großen, klobigen Füßen. Nicht ganz geöffnete Augen, wenige nach vorne gekämmte Haarsträhnen, lange Schnauze und nach oben gezogene Mundwinkel - so sah die Bestie aus, die in einem einmaligen Triumphzug Kinderzimmer rund um den Globus heimsuchen sollte.

Kurz darauf entwarf Goletz dreizehn Postkarten. Als Motiv diente das mittlerweile auf den Namen "Diddl" getaufte, abgewandelte Modell des Kängurus. Goletz schrumpfte das Geschöpf, rundete Füße und Ohren ab und verkürzte die Schnauze. Das Känguru wurde zur Spitzmaus. Was Goletz zu dem Zeitpunkt noch nicht wissen konnte: Diese bizarre Maus sollte der Ausgangspunkt für eine kometenhafte Grafikerkarriere sein.

Heute ist die Marke Diddl weit über die deutschen Landesgrenzen hinaus bekannt. Mehr als tausend verschiedene Artikel werden in 26 Ländern durch die Hamburger Depesche Vertrieb GmbH & Co. KG von der Spitzmaus und ihren unzähligen Freunden aus dem "Käsekuchenland" verkauft. Plüschtiere, Sammelbilder, Kalender, Schulranzen, PC-Spiele, Bettwäsche, Buntstifte, Badeschaum, Hörspiele, Süßigkeiten, Lippenbalsam - die Welt der Diddl-Maus ist riesig. Und überall: Keine Fußgängerzone, in der man nicht irgendwann gegen den obligatorischen Postkartenständer mit Grußbotschaften der Diddl-Maus stolpert.

Volljährig, aber von Reife nichts zu sehen

Mit Postkarten hat im übrigen auch alles angefangen: Die im Januar 1991 erstmals verkaufte 48-teilige Grußkartenserie, basierend auf Thomas Goletz' ursprünglichen Entwürfen, war das erste Produkt der Diddl-Reihe - und schlug sofort ein wie eine Bombe. Die zweifache Millionenauflage war im Nu verkauft, die Entscheidung, den Verkauf weiter voranzutreiben, neue Artikel zu entwerfen und der Diddl-Maus mit Diddlina ein weibliches Pendant zur Seite zu stellen, nur eine Formalie.

Dabei richtete sich die immer umfangreicher werdende Produktpalette zunehmend auch an Kinder vorpubertären Alters, insbesondere weiblichen Geschlechts: Mit rosa Poesiealben, Federmäppchen und Armbanduhren. Über das monatlich erscheinende Zentralorgan "Käseblatt", die interaktive Internet-Seite "Diddls Käsepäitsch" und die infantile Sprache mit zahlreichen albernen Wortschöpfungen und Verniedlichungen konnten die kindischen Liebhaber spielend eintauchen in die rosarote Phantasiewelt der Springmaus.

Die grenzüberschreitende Diddl-Epidemie nahm dabei in rasender Geschwindigkeit ein unglaubliches Ausmaß an. Knapp 700.000 aktive User zählen Diddls internationale Internet-Auftritte; das in drei Sprachen herausgegebene "Käseblatt" hat eine Auflage von 340.000 Exemplaren. Wenn Diddl einen Malwettbewerb ausruft, nehmen tausende von Kindern teil.

Debile Liebesgrüße aus dem Mäuseland

Doch die Diddl-Maus erreichte und erreicht auch immer ein älteres Publikum. Vor allem die Postkarten sind bei Erwachsenen der Renner - warum auch immer. Hier tritt der ganze Irrsinn der Mäusehysterie ungeschönt zutage: Denn obwohl auf den Grußkarten durchaus erwachsene Themen behandelt wurden - Beispielsweise die Liebe - blieben Ausdrucks- und Illustrationsweise der Karten sich immer treu. Welcher mündige Mensch aber lässt seinem Herzblatt Amors Grüße von einer anatomisch völlig entstellten Comicmaus überbringen, deren äußeres Erscheinungsbild einer versehentlichen Kreuzung aus Ratte und Elefant gleicht? Und zwar in grenzdebilem Kauderwelsch wie "Du machst mich so kribbelkrabbel-flitterflatter-lollileicht-verliebt"? Kaum zu glauben, aber die in jeder Hinsicht grellen Liebesbotschaften werden tausendfach verkauft.

Und der Wahnsinn nimmt kein Ende: Seit Ende 1998 erblickten 27 weitere Freunde und Verwandte Diddls das Tageslicht. Ob der "dreikäsehochfünfundfünfzig" große, chaotische "Professor Diddldaddl Blubberpeng" oder der gelb-rosa gestreifte, Bücher fressende Wurm "Merksmir Lettermampf" - bei den Geschöpfen war der Name Programm. Wo genau die Faszination der grotesken Kreaturen schlummert, bleibt nichtinfizierten wohl für immer verborgen: An ihrem Äußeren könnten sich die besten Schönheitschirurgen der Welt die Skalpelle stumpf schnippeln - und die Konversationen im Käsekuchenland über "plitscheplatscheplanschewunderbare Pling-Plang-Schrubb-Schrubb-Dosenbanjos" würden wohl sogar von den Teletubbies Spott ernten.

Ein Hindernis für den Erfolg war das nie, im Gegenteil. 1985 wurde die Depesche Vertriebsgesellschaft mit drei Mitarbeitern in Hamburg gegründet. Mittlerweile ist das Unternehmen in Geesthacht angesiedelt und beschäftigt rund 350 Angestellte. Mit einem Umsatz in dreistelliger Millionenhöhe rangiert die Gesellschaft an Platz eins der örtlichen Gewerbesteuerzahler - noch vor dem Kernkraftwerk Krümmel.

Aus eigener Kraft an die Spitze

Fast schon beängstigend ist dabei der Umstand, dass sich die mutierte Maus ganz allein und aus eigener Kraft zu ihrem Ruhm aufgeschwungen hat. Denn anders als die meisten Comicwesen sind die Kreaturen aus dem Käsekuchenland nicht durch Fernsehen oder Comicbücher zu Ruhm gekommen, sondern über den direkten Verkauf im Einzelhandel. Die Maus kann es sich sogar leisten, auf jegliche Form von Werbung zu verzichten - und trotzdem macht sie anderen Helden Konkurrenz. Im Jahr 2005 wagte sie sogar den Sprung über den Atlantik nach Kalifornien, der Heimat von Mickey Mouse und Co.

Erfinder Thomas Goletz erklärt Diddls Erfolg im Interview mit dem "Käseblatt" eher nüchtern durch die "Vielzahl der Motive, Gruß-Botschaften, Geschichten und Interaktionen mit den Fans". Er sieht die Maus als ein "Wesen, mit dem sich Jung und Alt identifizieren können". Sicherlich hängt der Erfolg auch damit zusammen, dass viele Artikel in limitierten Auflagen erscheinen. Der begrenzte Verkaufszeitraum einzelner Artikel und die gut nummerierten Serien machen die Produkte zum idealen Sammel- und Tauschobjekt.

Goletz genießt seinen Ruhm übrigens im Stillen, außer eben jedem Interview im "Käseblatt" ist er öffentlich kaum in Erscheinung getreten. Fotos von ihm sind nicht aufzutreiben, auch sein Aufenthaltsort ist unbekannt. Von seinen Fans wird er jedoch in einem kleinen Dörfchen in Bayern vermutet. Dabei könnte er trotz allen Polemikpotentials seiner Schöpfung auf eine Tatsache unbestreitbar stolz sein: Die durchschnittliche Lebenserwartung einer Springmaus in freier Natur liegt bei sieben Jahren. Ein großer Teil der Bevölkerung hätte es wohl auch nicht bedauert, wenn sein Tier sich an die Richtwerte der Natur gehalten hätte. Doch davon ist Goletz' Nager weit entfernt. Dieses Jahr wird sie in Menschenjahren volljährig, in Mäusejahren ist sie bereits ein Methusalem. Ein baldiges Ende von Diddl ist trotzdem nicht in Sicht.

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insgesamt 3 Beiträge
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1.
Rid Cully, 24.08.2008
Nürnberger Grafiker ist falsch. Thomas Goletz stammt aus der Umgebung von Würzburg (Karlstadt?) oder direkt aus Würzburg und hat bis 2007 einige Jahre im Würzburger Stadtteil Rottenbauer gelebt. Das Dach des architektonisch sehr interessante Hauses - wohl von seiner Frau entworfen - war mit einer Diddl-Wetterfahne geschmückt. Leider machten etliche Eltern und Kinder die Erfahrung, dass der Zeichner nicht zugänglich für Autogrammwünsche seiner Fans ist - manche fühlten sich recht brüskiert. Goletz, der nachbarschaftlichen Infos leider nicht bei guten Gesundheit sein soll, lebt nach gleicher Quellenlage jetzt in oder bei Hamburg. Ein interessantes Detail: kürzlich erzählte ein Grafiker begeistert von Goletz früheren Cartoonzeichnungen und bedauerte, dass die "unsägliche" Maus hier ein für wertvolles Talent mit kommerziellem Erfolg verschüttet habe ...
2.
Martin Kenklies, 25.08.2008
Ich habe einen Tag nach "Galupy" (dem Perd) Geburtstag. Denn alle Wesen dieser Fabelwelt haben einen festen Geburtstag. Dies ermöglicht meiner Tochter sich meinen Geburtstag zu merken! Mag es für viel nur unsäglicher Kommerz sein, der Diddl und seine Welt erschaffen hat. Die Erfolgsgeschichte zeigt, dass geschicktes Marketing UND echtes Interesse der - meisst jungen und weiblichen - Kundschaft auch jenseits Globalplayer funktioniert. Daher möchte ich Diddl und seiner Familie in Geesthacht alles gute zum Geburtstag und weiterhin viel Erfolg wünschen.
3.
Caroline Kaiser, 23.09.2008
Galupy hat heute Geburtstag ! Diddl kann man auch als Erwachsene gut finden ! Schreibt nicht so schlecht über Diddl. In den Niederlanden ist er wesentlich beliebter als der Ministerpräsident.
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