Die Asche des Stararchitekten Bruno Schmitz Odyssee einer Urne

Im Kaiserreich entwarf Bruno Schmitz wuchtige Nationaldenkmäler. Der DDR war er zu reaktionär. Sie wollte ihn loswerden - und verscherbelte die Urne des einstigen Stararchitekten Mitte der Achtzigerjahre heimlich an die Bundesrepublik.

Klaus Taubert

Als der deutsche Kaiser Wilhelm II. 1917 die Asche des Geheimen Baurats Bruno Schmitz im von ihm geschaffenen Kyffhäuser-Denkmal im Harz beisetzen ließ, hätte wohl niemand geahnt, dass einmal ein anderer deutscher Staat diese sterblichen Überreste unter der Hand verkaufen würde. Von der heimlichen Odyssee der Urne sollte die Öffentlichkeit bis heute nichts erfahren.

Der Stararchitekt, am 21. November 1858 in Düsseldorf geboren, gehörte zu den bevorzugten Baumeistern des Kaisers. Er entwarf nicht nur das Völkerschlachtdenkmal in Leipzig, sondern auch die Monumente für Wilhelm I. am Deutschen Eck bei Koblenz und bei Porta Westfalica sowie den Bismarck-Turm in Unna. Er schuf monumentale Denkmäler in den USA, baute Villen, Theater, Brücken im In- und Ausland, prägte den Berliner "Bürohaus-Stil" maßgeblich mit und schuf das Deutsche Haus auf der Weltausstellung 1904 in St. Louis, USA.

Popularität durch Ehebruch-Skandal

Zwar entsprachen Schmitz' Bauwerke in späteren Jahren nicht mehr dem Zeit- und Kunstgeschmack. Ein Sittenskandal sicherte ihm jedoch große Popularität. Gegen seinen ehemaligen Freund, den Geheimen Legationsrat und Pressechef das Auswärtigen Amtes Otto Hammann, zog er in einer pikanten Angelegenheit öffentlich zu Felde, was die Berliner Presse genüsslich auswalzte.

Hammann hatte dem Architekten seine Ehefrau, die Sängerin Lucia Schmitz, ausgespannt. Der betrogene Gatte ging vor Gericht und machte eine Alimentierung seiner 1902 von ihm geschiedenen Frau und der gemeinsamen Töchter davon abhängig, dass die Sängerin bis zu einer neuerlichen Vermählung sexuell enthaltsam zu leben habe.

Mit willigen Helfern konnte Schmitz geradezu minutiös das Gegenteil beweisen. Die Ergebnisse seiner voyeuristischen Recherchen über das Liebesleben seiner Ex-Frau waren alsbald in einer Broschüre nachzulesen, die selbst das rhythmische Stöhnen seines ehemaligen Freundes nicht aussparte. Die Publikation wurde sofort nach ihrem Erscheinen verboten.

Bestattung im Rhein rechtlich nicht möglich

Schmitz verklagte den Nebenbuhler wegen Ehebruchs vor Gericht, zog im Prozess gegen den Legationsrat allerdings den Kürzeren und blieb auf den Kosten sitzen. Schwer angeschlagen starb der Architekturprofessor 1916 in Berlin im Alter von nur 57 Jahren. In seinem Vermächtnis hatte er verfügt, seine Asche möge dem Rhein übergeben werden.

Weil ein solcher Wunsch rechtlich nicht zu verwirklichen war, ließ Kaiser Wilhelm ihn im Kyffhäuser-Denkmal beisetzen. In der Turmhalle fand die Urne am 11. September 1917 in einer Sandsteinschatulle mit Deckel einen würdigen Platz. Sie stand auf einer mannshohen viereckigen Granit-Stele, die den Namen des Architekten trägt.

1924 kam eine weitere Urne hinzu, für die ein ebensolches Sandsteingefäß geschaffen wurde. Darin befindet sich die Asche von Prof. Dr. Alfred Westphal, der als Schriftführer des Deutschen Kriegerbundes dem Kaiser die Idee für das Denkmal am Kyffhäuser unterbreitet hatte. Der Standort war nach der alten Sage ausgewählt worden, der zufolge Stauferkaiser Friedrich I., genannt Barbarossa, seit Jahrhunderten in einer Höhle des Kyffhäuser-Berges schläft, um eines Tages wieder zu erwachen und sein Volk zu retten. Friedrich Rückert dichtete: "Er hat hinabgenommen des Reiches Herrlichkeit und wird einst wiederkommen mit ihr, zu seiner Zeit."

"Mahnmal reaktionärer Gesinnung"

Das 1896 eingeweihte 81 Meter hohe Denkmal entstand auf den Ruinen der mittelalterlichen Reichsburg Kyffhausen und steht im heutigen Thüringen. Im unteren Teil sitzt der in Stein gehauene alte Rotbart, darüber reitet weithin sichtbar Wilhelm I., monumental in Kupfer getrieben, stolz zu Pferde. Für ein paar Jahrzehnte war das Denkmal die letzte Ruhestätte seiner beiden Schöpfer.

Die SED-Führung interessierte sich nie besonders für das Bauwerk und wertete es als Kriegerdenkmal ab. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg sollte es sogar als "Mahnmal reaktionärer Gesinnung" weggesprengt werden, doch das wurde von der sowjetischen Militäradministration verhindert. Die später geplante Verschrottung des elf Meter hohen kupfernen Reiters wurde 1950 von Ministerpräsident Otto Grotewohl verboten.

In den sechziger Jahren schuf der Bildhauer Martin Wetzel ein fünfteiliges Bronzerelief über das Leben rund um den Kyffhäuser, das den kriegerischen Geist der Stätte durch die Idee von Frieden und Sozialismus veredeln sollte. Dafür musste allerdings der Innenraum umgestaltet werden. Für die Urnen von Schmitz und Westphal war kein Platz mehr, sie landeten in einem Kellerraum. Die Deckel der Sandsteinschatullen wurden entfernt und Blumen in die Gefäße gepflanzt. Die dazugehörigen Stelen lagen viele Jahre mit der Beschriftung nach unten irgendwo unter freiem Himmel.

Konspirative Übergabe auf dem Kulpenberg

Als die Nachfahren von Schmitz die Urne im Kyffhäuser-Denkmal vermissten, gelangte diese Mitte der Achtzigerjahre zusammen mit der Sandsteinschatulle aus dem Kellerverlies klammheimlich in die Bundesrepublik. In einem Pkw-Kombi wurden Schatulle und Urne in einer konspirativen Aktion abgeholt. Treffpunkt für die Übergabe durch Vertreter des Koko-Imperiums von Devisenbeschaffer Schalck-Golodkowski war der Fernsehturm auf dem nahegelegenen Kulpenberg. Wie viel Geld von woher geflossen ist, bleibt allerdings unklar.

Auf der Suche nach dem Verbleib der Urne wurde der Autor dieser Zeilen fündig. Um die DDR und das Kyffhäuser-Denkmal nicht zu brüskieren, war auf dem Nordfriedhof in Düsseldorf, der Geburtsstadt des Baumeisters, in aller Stille eine neue Stele in schmuckloser Umgebung aufgestellt worden. Auf dem Stein steht eine Widmung an den Schöpfer großer Bauwerke. Den Verwaltern des Kyffhäuser-Denkmals war zu dem Zeitpunkt noch nicht bekannt, wo die Urne abgeblieben war.

Die Urne von Alfred Westphal fristete unterdessen weiterhin ihr Kellerdasein in Bad Frankenhausen. Sein Enkel Klaus Heese aus München sorgte nach dem Untergang der DDR dafür, dass sie zum hundertsten Jahrestag der Grundsteinlegung 1992 wieder auf ihren alten Platz kam. Um den ursprünglichen Zustand wieder herzustellen, wurde die Sandsteinschatulle von Bruno Schmitz nachgebaut und als vermeintliches Behältnis für dessen Urne ebenfalls am alten Platz aufgestellt. Auch die beiden Stelen wurden ausfindig gemacht und wieder verwendet.

Schmitz' Asche offiziell noch im Harz

Bis heute schweigen sich alle Nachschlagewerke über die Odyssee der Urne des Architekten aus. Vielmehr entsteht der Anschein, als hätte die Asche beider Toter nie ihren alten Platz verlassen. Auch die Hundertjahrfeier 1996 mit bundespolitischer Prominenz war kein Anlass, die Täuschung öffentlich zu benennen.

Der ehemalige Leiter des Kyffhäuser-Denkmals, Ralf Rödger, erfuhr durch den Autor von dem Verbleib von Schmitz' Asche und regte vor seiner Pensionierung im Februar dieses Jahres an, die Urne würdevoll dorthin zurückzuführen, wo der Kaiser sie bestatten ließ. Darüber müssten sich nun die Stadt Düsseldorf, die Nachfahren des Architekten und der Kyffhäuser-Kreis als Eigentümer des Denkmals einigen. Das könnte bis zum 100. Todestag von Bruno Schmitz im Jahr 2016 geschehen. Zumal bis dahin auch die umfassenden Restaurierungsarbeiten an dem Denkmal, das jährlich von rund 170.000 Menschen besucht wird, abgeschlossen sein werden.

Mehr Zeitgeschichten von Klaus Taubert finden Sie auf der Webseite des Autoren.

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