Verrücktes Experiment Treffen sich drei Jesusse

Verrücktes Experiment: Treffen sich drei Jesusse Fotos
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Therapie mit Gottes Söhnen: 1959 wagte ein US-Psychologe ein ungewöhnliches Experiment. In einer psychiatrischen Anstalt brachte er drei Patienten zusammen, die sich für Jesus hielten. Zwei Jahre verbrachten die Männer miteinander - wussten aber sofort, warum die beiden anderen Schwindler waren. Von

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Im Jahr des Herrn 1663 lebte in Paris ein Mann namens Simon Morin, von dessen Schicksal viele Jahre später der große Philosoph Voltaire erzählt. Morin hatte Visionen und hielt sich für den Sohn Gottes. Sein Wahn galt als Ketzerei und er wurde ins Irrenhaus gesteckt. Dort wäre der Verwirrte wohl auch geblieben - hätte er dort nicht die Bekanntschaft eines anderen Patienten gemacht. Dieser hielt sich für Gott: "Simon Morin war so erschüttert vom Wahnsinn des Anderen", schreibt Voltaire, "dass er seinen eigenen anerkannte." Nach einer Weile jedoch fiel Morin in seinen alten Irrglauben zurück. Er wurde dafür auf dem Scheiterhaufen als Ketzer verbrannt.

Der US-Psychologe Milton Rokeach kannte diese Geschichte, als er sich in den späten fünfziger Jahren eine faszinierende Frage stellte: Was, wenn ich felsenfest weiß, wer ich bin - und mir plötzlich jemand begegnet, der ebenso felsenfest behauptet, ich zu sein? Wenn ich mich nun für Napoleon halte und mit einem zweiten Napoleon konfrontiert werde, müsste meine eingebildete Identität unter einem solchen Zusammenprall nicht zerbrechen? Und: Könnte dieser Wahn so vielleicht geheilt werden?

Rokeach entschloss sich, dieser Frage in einem Experiment nachzugehen. Der Psychologe suchte nach Menschen mit Identitätsstörungen. Er sah sich in verschiedenen Anstalten um und fand eine "Frau Gott", ein Schneewittchen - und mehrere Christusse, von denen gleich zwei im Ypsilanti State Hospital in Michigan lebten. Um aber nicht nur zwei Personen aufeinanderprallen zu lassen, sondern den Patienten auch die Möglichkeit zu geben, zu beobachten, wie sich die anderen über ihre Identität streiten, ließ Rokeach noch einen dritten Jesus dorthin verlegen. Nun konnte das bizarre Experiment beginnen.

Rokeach war sich bewusst, wie tief sein Experiment möglicherweise das Wesen der Probanden erschüttern würde. In seinem längst vergriffenen Buch "The Three Christs of Ypsilanti" schildert Rokeach, wie er einmal im Spiel jede seiner beiden Töchter mit vertauschten Namen ansprach, bis beide darauf bestanden, dass er das grausame Spiel beendete. Das "Spiel" des Vaters hatte die beiden Mädchen in ihren innersten Überzeugungen getroffen - dem Wissen darum, wer sie sind.

Die anderen? Sind Maschinen!

Am 1. Juli 1959 stellten sich die drei Männer in einem Besucherzimmer vor: "Ich heiße Joseph Cassel", sagte ein 58-Jähriger, "und ich bin Gott." Darauf meldete sich ein 70-Jähriger und stellte unbeeindruckt fest: "Ich heiße Clyde Benson. Ich wurde Gott." Zuletzt sagte ein 38-Jähriger, ohne seinen wahren Namen Leon Gabor zu gebrauchen: "Auf meiner Geburtsurkunde steht, dass ich der wiedergeborene Jesus Christus von Nazareth bin." Zwischen Gott und seinem Sohn machten alle drei Männer - theologisch korrekt, denn in der katholischen Kirche gilt Jesus als eins mit Gott - keinen Unterschied.

Doch Rokeach beließ es nicht bei Gesprächsrunden. Zwei Jahre lang ließ er die Patienten im gleichen Zimmer leben, gemeinsam Mahlzeiten einnehmen und zusammen Therapiesitzungen unternehmen. Sie sollten einander nicht einfach aus dem Weg gehen können.

Die Männer ließen sich davon nicht beirren. Jeder von ihnen hatte eine andere Begründung dafür parat, warum nur er selbst und nicht einer der anderen Christus sei. Cassel erklärte, seine Mitpatienten wären nicht wirklich am Leben und durch Maschinen ersetzt worden. Benson verdächtigte die beiden anderen, sich nur aus Prestige-Gründen aufspielen zu wollen. Die schlüssigste Begründung hatte allerdings Gabor parat: Der 38-Jährige stellte fest, die anderen könnten nicht Christus sein, weil sie ja Insassen einer psychiatrischen Anstalt seien. Er selbst verteilte eine Visitenkarte, auf der stand: "Dr. Domino dominorum et Rex rexarum, Simplis Christianus Puer Mentalis Doktor, Reinkarnation von Jesus Christus aus Nazareth".

Dr. Dung und die eingebildete Ehefrau

Bei den täglichen Treffen unter der Gesprächsleitung von Rokeach kam es nach ein paar Wochen zu den ersten handgreiflichen Auseinandersetzungen - etwa über die Frage, ob der erste Mensch ein Schwarzer gewesen sei oder nicht. Die Lage entspannte sich erst, als Rokeach die Gesprächsleitung seinen Patienten übergab. Sie redeten über alle möglichen Themen, klammerten aber ihre Identitäten wohlweislich aus. Wenn doch mal jemand darauf beharrte, Gott zu sein, wurde rasch über etwas anderes gesprochen. Der Wunsch, miteinander auszukommen, war offenbar stärker als der Drang, die eigene Identität vom anderen anerkannt zu wissen.

Nach einem halben Jahr glaubte Rokeach einen ersten Fortschritt beobachten zu können: Gabor hatte eine neue Visitenkarte, "Dr. Righteous Idealed Dung Sir Simplis Christianus Puer Mentalis Doktor". Von nun an wollte er sich mit Dr. Dung ansprechen lassen. Es stellte sich allerdings heraus, dass Gabor offenbar nur ständiger Zweifel an seiner eigentlichen Identität - Jesus - müde war und seine Ruhe haben wollte. Die konnte ihm der ehrgeizige Rokeach natürlich nicht gewähren.

Nachdem Gabor eine ebenfalls eingebildete Ehefrau erwähnte, schrieb ihm Rokeach Briefe, in denen die "Ehefrau" ihren Mann um Kleinigkeiten bat, etwa Geld mit den anderen Christussen zu teilen oder ein bestimmtes Lied zu singen. Rokeach wollte herausfinden, ob die eingebildete Frau möglicherweise dem Patienten helfen könnte, seine eingebildete Identität aufzugeben. Aber je drängender die Briefe wurden, je mehr sie an den Kern seiner Krankheit rührten, umso mehr distanzierte sich Gabor. Am Ende brach er den Kontakt zu seiner "Frau" ab.

Auch andere Einflüsse von außen stimmten seine Schützlinge nicht um. Als Rokeach ihnen einen Artikel aus der Lokalzeitung über ihren Fall vorlas, konnten sich alle drei mit den Protagonisten nicht identifizieren - und meinten, diese wären offensichtlich irre und gehörten in eine Anstalt.

Über zwei Jahre gelang es nicht, die "Christusse" von ihrer Überzeugung abzubringen. Am 15. August 1961 traf sich das Trio ein letztes Mal - danach brach Rokeach das Experiment ab, bei dem er unversehens zum vierten "Gott" geworden war. 1984 schrieb er, mit seinen Arbeiten über die Ursprünge menschlicher Werte und Überzeugungen längst zu einer Koryphäe seines Fachs geworden, über sein damaliges Experiment und seine Patienten: "Ich hatte kein Recht, auch nicht im Namen der Wissenschaft, Gott zu spielen und rund um die Uhr ihren Alltag zu stören." Die Söhne Gottes wurden niemals geheilt und blieben bis zu ihrem Lebensende in psychiatrischer Behandlung, wenn auch nicht durch Rokeach.

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1.
John Huddndiggn 04.11.2012
Waren die Betroffenen denn wirklich alle Katholiken? Wenn nicht, welchen Informationswert hat die Aussage des Autors: "Zwischen Gott und seinem Sohn machten alle drei Männer - theologisch korrekt, denn in der katholischen Kirche gilt Jesus als eins mit Gott - keinen Unterschied." Der Glaube an die Dreifaltigkeit, Trinität, der Einheit und wechselseitigen Immanenz zwischen Gott Vater und Sohn Jesus und Hlg. Geist ist Grundlage nahezu aller christlichen Konfessionen, nicht nur des Katholizismus, sondern insbesondere auch dem Protestantismus und seinen Ausformungen, mit Ausnahme der Unitarier.
2.
Peter Döring 04.11.2012
Der Ausgang der Geschichte ist keine große Überraschung. Setzt man Vertreter unterschiedlichen Glaubens zusammen und lässt sie miteinander diskutieren (was gelegentlich in Talkshows zu beobachten ist), dann verteidigt jeder seine eigenen Überzeugungen, ohne je versucht zu sein, durch die Ansichten der anderen am eigenen Glauben zu zweifeln. Jeder hat seinen eigenen Gott...bzw. Götter oder eine eigene Welterklärung. Logik hört offenbar beim Glauben auf, die Einsicht, dass sich die Glaubensüberzeugungen alle widersprechen und höchstens eine oder gar keine stimmen kann, steht im krassen Gegensatz zur felsenfesten Überzeugung dieser Glaubenden, dass nur sie im Besitz der ewigen Wahrheit sind. Diese Überzeugung vertreten Sie dann mit Inbrunst gegenüber allen anderen, ganze Staaten sind darauf aufgebaut. Gerade dieser Widerspruch, die sich widersprechende Vielfalt der Religionen, führt eben nicht zu dem geringsten Zweifel der Glaubenden an ihren Überzeugungen...ist DAS nicht verrückt, da die Vertreter doch auch wissen, dass sie sich alle widersprechen?
3.
Wolf Larsen 04.11.2012
Ja, ja, die plagiierende Zunft der Schreiberlinge. Ein auffallend ähnlicher Artikel erschien in der Ausgabe 12/03 der NZZ folio und ist unter folgendem Link einzusehen: http://www.nzzfolio.ch/www/d80bd71b-b264-4db4-afd0-277884b93470/showarticle/45cf8759-bfdc-4621-b00c-c1e48eebab29.aspx Starke Leistung, Herr Frank!
4.
Andreas Falk 04.11.2012
Der "echte" Jesus würde heute vermutlich ebenfalls in der Psychiatrie landen und könnte dann an solchen Experimenten teilnehmen. Natürlich könnte er im Gegensatz zu den anderen Teilnehmern seine Echtheit durch Zaubertricks à la Wasser-in-Wein-Verwandeln oder Lahme-und-Blinde-Wunderheilen beweisen....lol, lol....
5.
Peter Franzen 04.11.2012
http://www.lyricsondemand.com/onehitwonders/ifgodwasoneofuslyrics.html
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