Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Die Erfindung des Jetpack Als Draufgänger die Düse kriegten

Die Erfindung des Jetpack: Als Draufgänger die Düse kriegten Fotos
Getty Images

Es sollte das Mofa für die Lüfte werden. Mit einem Jetpack hob Harold Graham 1961 zum Erstflug ab - und ließ die Welt vom Verkehrsmittel der Zukunft träumen. Selbst James Bond düste mit dem Raketenrucksack los. Doch das visionäre Projekt scheiterte. Und der Flugpionier endete tragisch. Von Sven Stillich

Es ist ein kalter Novembertag im Jahr 2009. Die Gäste auf dem Flugfeld des Crossville Memorial Airport in Tennessee, USA wärmen ihre Hände in den Taschen. Dann dröhnen Motoren, Flugzeuge steigen in Formation auf. Es ist ihr letzter Gruß an einen Überflieger: an Harold Graham, den "Rocket Man" - an den ersten Menschen, der jemals mit einem Raketenrucksack vom Boden abgehoben ist, ohne Seil und ohne Sicherung. Auf dem Flugfeld steht sein altes Flugzeug, eine Piper Apache, Baujahr 1961. Ihre Räder sind blockiert, leblos steht sie da. Harold Graham ist tot. Am 22. Oktober 2009 hat er sich das Leben genommen.

Als Graham geboren wird, ist der Traum vom Raketenrucksack bereits in der Welt. Superheld Buck Rodgers fliegt über die Seiten des Science-Fiction-Heftchens "Amazing Stories", und in ihrer Phantasie fliegen die Leser mit ihm. Wie Vögel, oder besser: wie eine menschliche Rakete. Vielleicht wird jeder eines Tages so einen Rucksack haben!

Doch die Jahre vergehen, und das "Jetpack" lässt auf sich warten. Erst Ende des Zweiten Weltkriegs sollen die Nazis an einem Raketenrucksack gearbeitet haben. Der "Himmelstürmer" sollte Spezialkräfte Minenfelder oder Stacheldrahtzäune im Nu überwinden lassen. Angeblich hat die Wehrmacht das System zwar getestet, zum Einsatz kamen die "Fliegenden Sturmtruppen" jedoch nicht. Aber ein Prototyp des "Himmelstürmers" soll nach dem Krieg der US-Armee in die Hände gefallen sein.

Schützenhilfe vom deutschen Raketenfachmann

Die beginnt 1949 mit der Entwicklung ihres Rocket Packs. Der Spielfilm "King of the Rocket Men" läuft gerade in den Kinos, als der Erfinder Thomas Moore sich daran macht, einen Raketenrucksack zu entwickeln. Zur Seite steht ihm dabei der deutsche Techniker Wernher von Braun, der unter anderem die deutsche V2-Rakete im Zweiten Weltkrieg entwickelt hatte.

1952 ist es so weit: Moores Rucksack hebt für ein paar Sekunden ab ¿ doch bei weitem nicht lang genug, um militärisch zu etwas Nutze zu sein. Moore feilt weiter an der Idee. Jahre später trägt ihn der Rucksack etwas länger, bevor der Treibstoff ausgeht ¿ aber immer noch nicht lange genug: Die Army übergibt das Projekt an die Firma Bell Aerosystems. Dort leitet der Ingenieur Wendell F. Moore (nicht verwandt mit Thomas Moore) das Team, und er scheint endlich der richtige Mann zu sein. Er hat bereits am Flugzeug X-1 mitgearbeitet, mit dem Chuck Yeager die Schallmauer durchbrach.

Im Dezember 1958 kommt der große Tag: Moore schlüpft in einen Gummipanzer und legt die Hände an die Steuerknüppel unter seinen Achseln. Ein Techniker gibt Schub, und der Ingenieur fliegt ¿ am Seil gesichert zwar, aber er fliegt. Die Army ist zufrieden mit dem "Rocket Belt", Moore darf weiterforschen.

Superman am Nylonseil

Leidenschaftlich macht er sich daran, das System zu verfeinern. Alles scheint ihm zu glücken. Bis er beim zwanzigsten Test übermütig wird: Moore schwebt drei Meter über dem Boden und fühlt sich wie Superman. Und das will er allen zeigen. Er begibt sich in die Horizontale und streckt den Arm aus. Ist es ein Vogel? Ist es ein Flugzeug? Nein, es ist ein Fehler: Das Nylonseil, an dem Moore gesichert ist, verfängt sich in den heiß glühenden Düsen ¿ und schmilzt. Moore stürzt mit dem fast 60 Kilo schweren Raketenrucksack zu Boden und bricht sich die Kniescheibe. Er wird nie wieder fliegen.

Moore braucht nun einen Ersatz für sich selbst. Am besten jemanden, der keine Flugerfahrung hat. Das würde der Armeeführung beweisen, dass jeder seine Erfindung beherrschen kann. Da kommt Harold Graham ins Spiel, 26 Jahre alt, 1,87 Meter groß und Eishockeyspieler. Fit genug also und mit ausreichend wenig Ahnung vom Fliegen.

Graham bekommt den Job und übt fortan, so oft es geht, während Wendell den Rocket Belt weiterentwickelt. Noch ist dieser zu laut und zu heiß: Der Treibstoff auf Grahams Rücken verbrennt mit mehr als 750 Grad. Doch am 20. April 1961 ist es so weit: Eine Woche nach Juri Gagarins Flug ins Weltall absolviert Harold Graham auf dem Flughafen von Niagara Falls den ersten ungesicherten Raketenflug vor Publikum. Er düst mehr als 30 Meter weit. "Der Traum vom Fliegen mit den Vögeln ist wahr geworden", jubelt die Zeitung "Philadelphia Bulletin", vom "echten Buck Rogers" schreiben andere.

Punktlandung vor John F. Kennedy

Eine Woche später demonstriert Graham das System vor dem Pentagon, und im Oktober schließlich der Höhepunkt: Harold Graham steht auf einem Amphibienboot, startet seine Raketen und fliegt. Und fliegt. Und landet vor einem Mann, der sich freut wie ein kleines Kind. Es ist John F. Kennedy. Graham salutiert. Erst mehr als 40 Jahre später verrät er, dass er vergessen hatte, die Triebwerke zu entschärfen: "Wäre ich gestolpert, wären der Präsident und ich eine sehr enge Beziehung eingegangen."

Es ist die goldene Zeit des "Rocket Belt". Bell verbessert ihn immer weiter. James Bond fliegt damit im Film "Feuerball" durch die Luft. Gedoubelt wird Sean Connery von Bill Suitor, einem Kollegen von Graham. Die westliche Welt ist begeistert von der Technologie. "Adlergleich werden sich Menschen vom Boden erheben können", schwärmt der SPIEGEL 1969 und zitiert Bells Teamleiter: "Die militärischen und zivilen Anwendungsmöglichkeiten dieses Fluggeräts reichen so weit wie die Vorstellungskraft seiner Benutzer." Doch plötzlich stoppt die Armee die Forschungen. Zu schwer sei der Rucksack. Zu schwer zu kontrollieren. Ohne militärischen Nutzen.

Der Raketenrucksack wird zum Filmstar

An Faszination hat der Raketenrucksack nie verloren. 1984 düst Bill Suitor damit bei der Eröffnung der Olympischen Spiele in das Los Angeles Memorial Coliseum. Wer damals jung ist, sieht den Rucksack in den Fernsehserien "Ein Colt für alle Fälle" und dem "A-Team", 1991 bringt Disney den Film "The Rocketeer" ("Der Raketenmann") in die Kinos. Jede Generation hat ihren Buck Rogers ¿ doch einen Raketenrucksack zu Hause hat immer noch niemand.

1992 wollen zwei Unternehmer das mit ihrer "American Rocket Belt Corporation" ändern: Thomas Stanley und Brad Barker machen sich daran, den RB-2000 zu bauen. Und erst einmal läuft auch alles glatt. Bill Suitor persönlich testet den Rucksack - und fliegt damit besser als mit den alten Bell-Modellen.

Doch dann wird es kriminell: Stanley beschuldigt Barker, Geld zu hinterziehen. Daraufhin attackiert dieser ihn mit einem Hammer. Stanley verklagt seinen Kompagnon und bekommt die Rechte an der Erfindung zugesprochen. Doch Barker und der RB-2000 sind verschwunden. Ein Jahr später entdeckt Stanley seinen ehemaligen Partner als Zuschauer bei einem Basketballspiel. Er entführt ihn, steckt ihn in eine Kiste und will aus ihm herauspressen, wo der Raketenrucksack versteckt ist. Nach acht Tagen gelingt Barker die Flucht. Stanley wird zu lebenslanger Haft verurteilt, später wird das Urteil auf acht Jahre gemindert. Der RB-2000 wird nie gefunden.

Mit dem Jetpack über den Ärmelkanal

Auch das Jetpack an sich ist seitdem in der Versenkung verschwunden. Es gibt zwar einige Firmen, die Raketenrucksäcke herstellen und sie auf Flugshows vorführen, und hin und wieder erinnert ein Weltrekord an die einst so hoffnungsvolle Technik ¿ der Schweizer Yves Rossy ist damit sogar über den Ärmelkanal geflogen ¿ aber richtig abgehoben ist der Rucksack nicht mehr. Im vergangenen Jahr kündigte eine Firma großspurig an, dass sie bald einen Vertrag über 500 Raketenrucksäcke schließen würden, passiert ist jedoch seitdem nichts. "We Were Promised Jetpacks" heißt eine aufstrebende Band aus Schottland, die bald durch Deutschland tourt.

Auch Harold Graham verschwindet aus dem Licht der Öffentlichkeit. Nur ein paar Jetpack-Fans nennen ihn "seine Eminenz" und feiern ihn in Internetforen. Statt mit dem Jetpack abzuheben, macht Graham seinen Pilotenschein und hält sich mit Charterflügen über Wasser. Er zieht sich zurück, aus Trotz ¿ oder weil er eben so ist: ein etwas grantiger alter Mann mit großer Vergangenheit. 2006 schreibt er einen kleinen Song, mit dem er ausdrückt, was er fühlt, "My Rocketbelt Daze".

"I am getting old and feeble now

and I cannot work no more

They put the old rocket belt away

No more demonstrations in front of JFK

No more flights at the U.S. Pentagon"

Nur Fliegen macht ihn noch glücklich. Sein Liebling ist seine Piper, 1961 gebaut, in dem Jahr, als er zum "Rocket Man" wurde. Doch dann wird er krank und fällt bei Eignungstests durch, die von der Luftfahrtbehörde verlangt werden. Schließlich wird ihm seine Fluglizenz entzogen.

Das ist zu viel für Graham. Am 21. Oktober 2009 schreibt er einen langen Brief an seine Söhne und eine kurze E-Mail an Bill Suitor: "Ich werde morgen vielleicht nicht mehr da sein, du liest es in den Zeitungen. Grüße, Hal". Am nächsten Tag macht er sich auf zum Büro der Behörde. Wortlos betritt er das Gebäude, nimmt eine Pistole aus einer Ledertasche und schießt sich in den Kopf. Die Nachricht von seinem Tod ist den meisten Zeitungen nicht einmal eine Zeile wert.

Artikel bewerten
4.5 (42 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Ralf Bülow, 08.03.2010
...noch zwei Internetseite für alle Raketenrucksackfans: www.rocketbelt.nl und www.tecaeromex.com - guten Flug!
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH