Die ersten Jahre des "Dritten Reichs" Uniformen überall

Die ersten Jahre des "Dritten Reichs": Uniformen überall Fotos
Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz

Als die Nazis an die Macht kommen, ändert sich auch im kleinen Städtchen Arnswalde alles. Guenter Werk verliert seine jüdischen Spielkameraden und sein Kindermädchen, die Deutschland verlassen - dafür wird er jetzt darauf gedrillt, sterben für den Führer toll zu finden. Von

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Ein Volk unter der Peitsche des

modernen totalitären Staates

kann sich nicht verteidigen,

kann sich nicht empören.

Es ist Sklave in vollständigster,

absoluter, erschreckender Form.

Sklave in physischen,

moralischen, geistigen Betracht.

Curzio Malaparte, April 1951

30. Januar 1933. Es war dunkel, die Bahnhofstraße, Hauptstraße meiner kleinen Heimatstadt Arnswalde in der Neumark, die dann später Adolf-Hitler-Straße heißen sollte, war durch vereinzelte Gaslaternen nur spärlich beleuchtet. Im Schutze dieser Dunkelheit eine laut lärmende Gruppe von Männern. Ihre ständigen Schreie "Hitler verrecke" kann ich nicht vergessen. Vermutlich war auch der Mann darunter, der schon im nächsten Jahr ermordet wurde. Schon eineinhalb Jahre später war ich Mitglied des "Deutschen Jungvolks".

Unvergessen bleibt für mich das mit Säure geschändete, große steinerne Denkmal des sozialdemokratischen Reichskanzlers Friedrich Ebert. Glaube, Religion, evangelische Kirche, Konfirmandenunterricht und der Superintendent Gramlow, eine Persönlichkeit, mehrmals von der Gestapo verhaftet. Er kam immer wieder zurück.

Unvergessen auch: Gramlow hob die Hand zum "Deutschen Gruß", wie es damals üblich war - das alltäglich gequetschte "Heitler" aber kam nie über seine Lippen. Schon knapp sechs Jahre später sollte er ein echter Hirte seiner verlorenen Gemeinde in der "Festen Stadt Arnswalde" sein, eingekesselt von sowjetischen Streitkräften.

Eine letzte Postkarte aus Marseille

Wir wohnten in einem Mehrfamilienhaus, und mit uns eine jüdische Familie. Die beiden Buben waren in meinem Alter, Harro und Karl-Erich Rosenthal. Wir spielten oft zusammen, woher sollten politische Hintergedanken kommen? Die Eltern betrieben ein kleines Textilgeschäft.

Es kam wie von den Nazis geplant und von langer Hand vorbereitet. In Arnswalde stand seit eh und je eine jüdische Synagoge. In der "Reichskristallnacht" am 9. November 1938 wurde auch sie zu Asche. Der Exodus der Juden begann nach schlimmen Ausschreitungen. Fensterscheiben wurden eingeschlagen, Hetzplakate aufgehängt, SA-Posten davor.

So verließen Rosenthals eines Tages im Frühjahr 1939 Arnswalde und Deutschland - wie andere auch, etwa die sehr bekannte und reiche jüdische Familie Abrahamowsky. Im Nachlaß meiner verstorbenen Tante in Berlin fand ich eine Ansichtskarte, die ein Schiff zeigt, mit dem unser Kindermädchen Europa verließ, ein letzter Gruß aus Marseille, kurz vor der Abfahrt nach Fernost. Sie war viele Jahre bei uns gewesen. Nachfahren lebten bis vor wenigen Jahren noch in USA, und bis zum Schluss gab es eine freundschaftliche Verbindung.

Programmiert für den Heldentod

Mein Vater war als guter Schneidermeister bekannt. Ein jüdischer Kunde verkaufte ihm ein großes, oval eingerahmtes Hindenburg-Gemälde, einige sehr schön geschliffene Weinpokale und eine Box-Kamera. Damit hat er seine "Auswanderung" finanziert. Die Angst muss selbst in unserer kleinen Familie ständig präsent gewesen sein. Keine Anspielung, kein Wort, kein Hinweis auf die furchtbare Tragödie.

Uniformen - braune, schwarze, Jungvolk, BDM und HJ - wurden ein ständiger Anblick, besonders an Gedenktagen und den vielen Winterhilfswerk-Sammelaktionen mit klappernden Büchsen. Die HJ-Motor-Gefolgschaft mit einem Gefolgschaftsführer und eine HJ-Nachrichtenschar sorgten für vormilitärische Ausbildung mit Geländespielen. Es folgten militärische Übungen unter Aufsicht der Wehrmacht - mit Stahlhelm, Wehrmachtuniform und Gerät. Wir wurden programmiert für den Heldentod und nahmen es gelassen hin.

Ich erinnere mich an eine zweiwöchige HJ-Fahrt an den Rhein. Ein Gymnasist kam auf die Idee und lehrte uns, eine Gruppe von 14 Teilnehmern, enthusiastisch auf seinen Ausruf "memento" (gedenke) im Chor mit "mori" (des Todes) zu antworten. Er hatte womöglich als einziger eine Ahnung davon, was auf uns zukommen sollte. Das war übrigens im Juli 1939, kurz vor Ausbruch des Krieges.

(Gekürzter und leicht bearbeiteter Auszug aus dem Buch "Ich habe es erlebt". Das frühe 20. Jahrhundert in Zeitzeugenberichten, hrsg. v. Sandra Schneider, Frankfurt/M. 2005)

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