Die Flaschenpost Fernweh zum Anfassen

Wenn das Meer Postbote spielt, kann es mit der Zustellung dauern. Schiffbrüchige, Geheimdienste und Verliebte vertrauten jahrhundertelang dennoch auf die Flaschenpost. Bis heute treu geblieben ist ihr ein eher nüchterner Menschenschlag: Klimaforscher.

ullstein bild

Fernweh zum in-die-Hand-nehmen: Kaum ein anderes Ding kann selbst bei modernen Menschen so die Sehnsucht nach fremden Ländern wecken wie der Gedanke an einen schlichten Glaskolben mit Zettel drin und Korken drauf. Wer träumt beim Strandspaziergang nicht davon, dass ihm Wind und Wellen eine Flaschenpost vor die Füße spülen, darin der Notruf Schiffbrüchiger von einer einsamen Insel oder gar eine Piratenschatzkarte?

In der Deutschen Seewarte in Hamburg kleben in vier dicken schwarzen Büchern insgesamt 662 vergilbte Zetteln, die einst in Buddeln über die Weltmeere schwappten - die weltweit größte Flaschenpostbriefsammlung und eine Fundgrube an Kuriositäten und Anekdoten. Die längste Zeit unterwegs etwa war ein Brief, der am 19 März 1955 in Neuseeland angespült wurde. Diese Flaschenpost war 1903 von einer deutschen Südpol-Expedition bei Tasmanien ausgesetzt worden - erst 52 Jahre später kam sie an und hatte in dieser zeit bis zu zehn Mal die Welt umrundet. Die Seewarte heißt längst profan "Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie", aber in den dicken Alben hat sich ein wenig von der Seefahrerromantik von einst erhalten.

Dabei war die Flaschenpost eigentlich nie eine besonders romantische Sache, sondern schon sehr früh hauptsächlich im Dienst der Wissenschaft unterwegs. Ab 1887 gab die Hamburger Seewarte den Kapitänen der deutschen Handelsschiffe systematisch Vordrucke für Flaschenposten mit auf die Reise, die sie auf vorher bestimmten Längengradpositionen über Bord werfen sollten. Die Finder der Flasche wurden "ergebens ersucht", sie unter Angabe des Datums und des Fundorts an die Seewarte zurückzusenden. Das Ziel: die Vermessung der Meere.

Theoprast und die "Floating Drifter"

Die moderne Flaschenpost ist gut anderthalb Meter hoch, aus gelb lackiertem Aluminium und stromert zumeist in 2000 Metern unter dem Meeresspiegel herum.

Historisch gesehen ist ihre Aufgabe dieselbe, die verschlossene Tonkrüge erfüllten, die vor rund 2300 Jahren Theophrast, ein Schüler des Aristoteles ins Wasser bugsierte, nämlich Strömungsmessung mittels markiertem Treibgut.

Die modernen Nachfolger der altehrwürdigen Flaschenpost nennen sich "Floating Drifter". Ausgerüstet mit Mess- und Sendeinstrumenten sind weltweit rund 3300 dieser Geräte in den Ozeanen unterwegs. Die einzige Neuerung gegenüber den Glas- oder Tonbehältern von Anno dazumal ist die Entdeckung der Vertikalen: Mittels einer Schwimmblase sinken sie wie ein Fahrstuhl auf rund 2000 Meter Meerestiefe ab. Dazu sind sie nicht mehr nur passiv, sondern zeichnen neben der Tiefenströmung auch den Salzgehalt und die Temperatur des Wassers auf. Alle zehn Tage steigen die "Floats" wieder an die Oberfläche und senden ihre gesammelten Daten per Antenne über einen Satelliten nach Hause.

"Der weltweit freie Datenzugang hilft, ein flächendeckendes 3-D-Strömungsmodell der Ozeane bis in 2000 Meter Tiefe abzubilden", sagt Dr. Hartmut Heinrich, Forschungsleiter am Bundesamt. Ein Schwerpunkt seiner Forschung ist es, den nach ihm benannten "Heinrich-Ereignissen" auf die Spur zu kommen, dem Versiegen des Golfstroms durch die Klimaerwärmung. Durch das vermehrte Schmelzen der Gletscher und den Zufluss von Süßwasser können nämlich Meeresströmungen schlicht kollabieren - ohne Golfstrom aber stünde Europa eine rapide Abkühlung bevor, sozusagen eine Mini-Eiszeit. "Bereits seit Ende der Glazialperiode trat dieses Phänomen sechs Mal auf", fand Heinrich heraus, das letzte Mal vor rund 14.500 Jahren. Damals kühlte sich Europa für knapp 1000 Jahre um bis zu sieben Grad ab. "In heutigen Maßstäben wäre das so, als ob man Deutschland klimatisch an die Nordspitze Skandinaviens, an den Polarkreis, verfrachten würde", diagnostiziert Heinrich.

Königlicher Flaschenpost-Entkorker

Klima-Notrufe sind in der Geschichte der Flaschenpost ein neues Phänomen; in ihrer Hochzeit waren es eher Menschen, die dem Ozean Pullen mit handgeschriebenen Botschaften übergaben, um auf sich selbst aufmerksam zu machen. Die erste Flaschenpost der Neuzeit ist von Amerika-Entdecker Christoph Kolumbus überliefert. Der fürchtete, dass ein Orkan sein Schiff versenken und niemand je von seiner Entdeckung erfahren würde. Also schrieb er am 14. Februar 1493 einen Brief und warf ihn in einem abgedichteten Fass ins Meer. Kolumbus allerdings kam wider erwarten doch an, das Fass dagegen blieb verschollen.

Aber nicht nur das Leben von Schiffbrüchigen hing gelegentlich an einer Flaschenpost. Auch für deren Finder konnte es ans Eingemachte gehen: Mit der Todesstrafe bedrohte ihre Majestät Elisabeth I. von England im 16. Jahrhundert jeden Untertan, der eine Flaschenpost eigenmächtig öffnete - Elisabeths Geheimdienst nutzte nämlich die Meeresströmungen zur Übermittlung geheimer Nachrichten. Nur dem königlichen "Uncorker of Bottles" war es erlaubt, eine Flaschenpost zu öffnen - ein Amt, das erst zweihundert Jahre später abgeschafft wurde.

Für die wissenschaftliche Erforschung der Meeresströmungen wurde die Flaschenpost erstmals am 17. August 1786 im Golf von Biscaya eingesetzt. Der Franzose Bernhardin de Saint Pierre wollte den Geheimnissen des Golfstroms auf die Spur kommen und rief die Seefahrer dazu auf, leer getrunkenen Schnapsflaschen mit Zetteln über Breiten- und Längengrad zu füllen und gut verschlossen über Bord zu werfen. So kam es, dass ausgerechnet die Flaschenpost, dieser willenlose Spielball der Wellen und des Zufalls - eine steile Karriere als Instrument der exakten, empirischen Wissenschaften zuteil wurde.

"Wohlverkorkte Flasche im Strudel des Kielwassers"

In der Frühzeit der Ozeanografie wurde die Flaschenpost so zum Instrument der Strömungsmessung. In den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts führte die Frage, ob Flaschen mit dem Winde oder mit dem Strome treiben, in England zu heftigem Streit. In Hamburg war es der Lehrer Georg Ritter Balthasar von Neumayer, der das Wort "Flaschenpost" prägte und als Begründer der deutschen Flaschenpostforschung gelten kann.

Neumayer unterbreitete der Deutschen Seewarte den Vorschlag, seetechnische Daten mit Hilfe der gläsernen Kommunikationsmittel zu errechnen. Hinter all dem Bemühen um exakte Wissenschaft ließ sich aber auch bei von Neumayer nicht ein "eigenes Gefühl" verleugnen, das ihn überkam, wenn er "die wohlverkorkte Flasche im Strudel des Kielwassers herumwirbeln sieht, wenn man vom höchsten Punkt des Deckes aus ihr ängstlich mit dem Auge folgt, bis ihr schwarzer Hals hinter dem entfernten Wellenberge verschwindet. Ob sie wohl wieder gefunden, ob sie die ersehnte Nachricht zur Bereicherung der Wissenschaft verkünden wird?"

Rund 5000 Flaschen schickten die Hamburger bis 1936 auf die Reise. Die erste fiel 1864 bei Australien ins Meer und wurde drei Jahre später bei London aus dem Wasser gefischt. Einige schipperten bei rauer See Jahrzehnte über die Weltmeere, andere schafften bei guter Strömung bis zu 24 Seemeilen täglich. "Im Durchschnitt werden rund zehn Prozent aller Glasbehälter irgendwo an Land geschwemmt und gefunden" weiß die Ozeanographin Birgit Klein.

Plastikentchen im Taifun

Weitere Quellen der Erkenntnis über Meeresströmungen bieten ausgerechnet tausende quietschgelbe Plastikenten. Seit 1992 ein Taifun im Nordpazifik mehrere Container von Bord eines Frachters riss, treiben 28.800 Gummitiere der Marke "friendly floaties" auf den Ozeanen herum. Bereits im Jahr 2000 tauchten die Spaßvögel, die durch die Beringstraße ins Polarmeer trudelten, vor der Ostküste Amerikas auf. Mit dem Golfstrom surfte die bunte Truppe dann munter bis an die englische Küste.

Für genauere Messdaten sind die Schiffbrüchigen, aber widerstandfähigen Plastikvögel jedoch nicht geeignet. Deshalb setzen die Hamburger Meeresforscher seit 2007 jährlich rund 50 der hochmodernen "Floats" aus. Kurzfristig lassen sich die Strömungsdaten zur Erstellung von Seewetterberichten nutzen, der Vorhersagen für ein bis zwei Monate ermöglicht.

Doch das Ziel ist weiter gesteckt: Mit Hilfe eines erst vor einem Jahr für 33 Millionen Euro angeschafften neuen Supercomputers für das Hamburger Klimarechenzentrum soll jetzt auch der Datenstrom aus dem Meer in die Berechnung unserer Zukunft einfließen. Noch vor zwei Jahrzehnten konnte das Wetter gerade einmal ein bis zwei Tage vorhergesagt werden", erklärt Birgit Klein. Durch die "Flaschenpost-Floater" ist jetzt eine Prognose bis zu einem halben Jahr möglich." Langfristig ermöglichen die Meeresdaten auch Aussagen über die globale Erwärmung oder Abkühlung der Ozeane und der damit verbundenen Klimaveränderung für Europa.



zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.