Die Frau des Terroristen "Ich bin kein Mensch, der andere töten kann"

Sie war die Ehefrau von "Carlos", einst meistgesuchter Terrorist der Welt. Jetzt arbeitet Magdalena Kopp mit Migrantenkindern in Ulm. Im Interview erklärt sie, warum sie dem Super-Terroristen verfiel: "Er versteht es meisterhaft, Menschen zu verführen und zu manipulieren."

DPA

SPIEGEL ONLINE: Frau Kopp, Sie beschreiben in Ihrem Buch "Die Terrorjahre - Mein Leben an der Seite von Carlos" Ihren Weg in den Terrorismus so, als seien Sie einfach hineingeschlittert.

Kopp: Auf der einen Seite bin ich hineingeschliddert, weil ich mich am Anfang nicht fragte: Wo führt das letztlich hin? Im Alltag stellte ich mir diese Frage nicht. Natürlich wusste ich um die möglichen Konsequenzen, dass ich im Knast laden könnte, aber die standen mir nicht immer real vor Augen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie das verdrängt?

Kopp: Bis ich tatsächlich 1982 in Paris im Knast saß, dachte ich: Es wird alles gut gehen.

SPIEGEL ONLINE: Sie fanden Carlos, den über lange Jahre meistgesuchten Terroristen der Welt, zunächst abstoßend und sagten sich, mit einem so brutalen Menschen wollten Sie nichts zu tun haben. Was fanden Sie dann später so faszinierend an ihm, dass Sie ihn schließlich 1986 in Damaskus heirateten?

Kopp: Er war ungeheuer charmant und freundlich. Er kümmerte sich um alles. Wenn Sie ihm gegenüberstehen, denken Sie wirklich nichts Böses. Er versteht es meisterhaft, Menschen zu verführen und manipulieren. Er ist intelligent und belesen, spricht fünf Sprachen und ist ein überzeugender, guter Redner. Er ist ein Mann mit einem Janusgesicht.

SPIEGEL ONLINE: Seine Geschichten, welche großartigen Verbindungen er zu Geheimdiensten habe, die ihn alle schützen würden, waren doch in vielem Lügen.

Kopp: Ja. Ich sehe ihn heute auch über weite Strecken als Hochstapler, der nichts durchschaut hat.

SPIEGEL ONLINE: Warum sind Sie als emanzipierte Frau aus Deutschland an so einen traditionellen Macho, zugleich ein richtiges Muttersöhnchen, geraten?

Kopp: Ich verstehe es heute auch nicht mehr, dass ich auf so einen Macho reinfallen konnte. Aber er hatte so eine überzeugende Art, Frauen klarzumachen, dass sie die Hälfte der Revolution sind.

SPIEGEL ONLINE: Wirkte der Luxus, den Carlos Ihnen ermöglichte - Champagner, Kaviar und Diplomatenempfänge - korrumpierend?

Kopp: Ja, das spielte auch eine Rolle. Mit Botschaftern, Geheimdienstchefs zusammenzukommen, das war eine fremde, aber interessante Welt.

SPIEGEL ONLINE: Wie kann man mit einem Mann zusammenleben, der ein mehrfacher Mörder ist?

Kopp: Das verdrängt man total. Sonst kommt man auf den Gedanken, der erschießt mich auch irgendwann. Das packt man ganz weit weg.

SPIEGEL ONLINE: Warum konnten sich junge Deutsche wie Sie, aber auch andere Mitglieder der "Revolutionären Zellen", mit antisemitischen Palästinensern liieren, die den Staat Israel zerstören wollen?

Kopp: Wir haben damals gedacht, die Palästinenser haben auch ein Lebensrecht. Sie wurden von den Israelis vertrieben und das hat damals niemanden interessiert. Deshalb fühlten wir uns mit ihnen solidarisch.

SPIEGEL ONLINE: Sie schreiben, dass Ihre Freunde Wilfried Böse und Brigitte Kuhlmann Antifaschisten waren, keinesfalls Antisemiten. Aber sie haben die jüdischen Passagiere in Entebbe von den nichtjüdischen Geiseln selektiert. Wie konnten angebliche Antifaschisten so etwas tun?

Kopp: Vielleicht haben die Ansichten der Palästinenser, mit denen sie gelebt haben, auf die Dauer auch auf sie abgefärbt.

SPIEGEL ONLINE: Warum sind Sie im Mai 1985, nach Ihrer Entlassung aus dem Knast in Paris, wieder zu Carlos zurückgekehrt? Er hatte immerhin, um Ihre Freilassung zu erzwingen, acht Anschläge gegen französische Ziele ausführen lassen, mit 20 Toten.

Kopp: Ich sah keine andere Möglichkeit. Ich hätte sonst keine ruhige Minute mehr gehabt. Aber ich bin aus dem Terrorismus ausgestiegen, habe ein Kind bekommen und mich zur Ruhe gesetzt.

SPIEGEL ONLINE: Was war in all diesen Jahren, bei all diesen Abenteuern, für Sie der schlimmste Moment?

Kopp: Als wir von den Syrern ausgewiesen wurden und eine Odyssee durch arabische Länder machten, die uns alle nicht aufnehmen wollten.

SPIEGEL ONLINE: Hatten Sie irgendwann Selbstmordgedanken?

Kopp: Nein, als Mutter haben Sie eine Verantwortung. Sie müssen einfach dableiben. Heute denke ich manchmal, ich hätte Carlos umbringen können, aber ich bin kein Mensch, der andere töten kann - selbst wenn es sich um Carlos handelt.

SPIEGEL ONLINE: Carlos sitzt seit August 1994 in Frankreich im Gefängnis. Haben Sie noch Kontakt zu ihm?

Kopp: Nein, aber unsere Tochter hat gerade von ihm zu ihrem 21. Geburtstag eine Glückwunschkarte bekommen.

Das Interview führte Michael Sontheimer

Erschienen auf SPIEGEL ONLINE am 29.08.2007



insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
Peter Moch, 08.08.2010
1.
Das Verhalten von Frau Kopp ist typisch deutsch: Erst wird fröhlich mitgemacht und am Ende stellt man sich als verführtes Opfer hin und wäscht die eigenen Hände in Unschuld. Pfui deibel!
Alfred Richter, 27.03.2014
2. immer schön rausreden
Wahnsinn…...Mitverantwortlich für den Tot so vieler Menschen (Zivilisten) zu sein und sich gleichzeitig als verführtes kleines Hascherl hinzustellen, mir wird schlecht. 1986 war Sie bereits 38 Jahre alt da sollte man eigentlich genau wissen was man tut. Ein glück für Sie dass unser Rechtsstaat denn Sie über Jahre hinweg bekämpft hat so milde mit Ihr umgeht. Carlos hätte dies als schwäche interpretiert.
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