Die Geburt Hollywoods Es werde Lichtspiel!

Die Geburt Hollywoods: Es werde Lichtspiel! Fotos
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Am Anfang war ein Acker: Die Pioniertage der US-Filmindustrie hatten mit Glanz und Glamour nichts zu tun. Kino lief in kleinen Guckautomaten, das Publikum war pures Proletariat. Und dass ein Kaff in Kalifornien zur Traumfabrik wurde, war dem Zufall zu verdanken - und Schlägertrupps in New York. Von Benjamin Maack

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Heute ist Hollywood die große Traumfabrik der westlichen Welt, die Geburtsstätte moderner Märchen und Mythen, der Inbegriff von Glamour. Als der Film erfunden wurde, war Hollywood kaum mehr als ein paar Äcker irgendwo im Süden Kaliforniens. Im Jahr 1900 lebten in Hollywood etwa 500 Menschen. An der ungepflasterten Hauptstraße reihten sich ein Postamt, ein Hotel, eine Zeitungsredaktion und zwei Krämerläden. Ein Kino gab es nicht - geschweige denn, dass in diesem Ort ein Film gedreht worden wäre. Die meisten Dorfbewohner hätten eine Filmkamera zu diesem Zeitpunkt wohl für eine gefährliche Geheimwaffe gehalten. Denn die Wiege des Kinos in den USA lag 4500 Kilometer östlich: in New York.

Doch auch in der Metropole am Hudson ging es wenig glamourös zu. Seit 1896 gab es dort die sogenannten Nickelodeons, zusammengesetzt aus "Nickel" - Fünfcentmünze - und "Odeion" - der griechischen Bezeichnung für ein überdachtes Theater. Doch das Publikum dieser ersten Lichtspielhäuser bestand mitnichten aus den Herren und Damen der besseren Gesellschaft, die in feiner Abendrobe die Theater am Broadway frequentierten. Es waren die Hafenarbeiter, Küchenhilfen und Schuhputzer, die bis zu 14 Stunden am Tag schufteten, um ein paar Dollar pro Woche zu verdienen. Für sie war das Theater ein unbezahlbares Abenteuer. Und selbst wenn sie das Geld hätten aufbringen können - die meisten waren Einwanderer aus Deutschland, Polen, China, Russland und Italien und hätten kaum ein Wort verstanden. Viele sprachen nur wenige Fetzen gebrochenes Englisch. Filme dagegen hatten keine Dialoge, die stummen Gesten der Darsteller waren eine universelle Sprache. So wurde das Kino für eine ganze Generation von Immigranten zur Fluchthilfe aus ihrem grauen Alltag.

Die Vorführungen, die aus mehreren kurzen Filmen bestanden, dauerten etwa 30 Minuten. Im Halbstundentakt wurden die Massen in stickige Räume geführt, in denen nicht mehr stand als ein Projektor, eine Leinwand und so viele Sitzgelegenheiten wie möglich. In diesen ersten Kinos ging es hoch her. Mütter stillten ihre schreienden Babys, Kinder streunten durch die Reihen, Arbeiter unterhielten sich lautstark, Zigarettenqualm raubte dem Raum die letzte Frischluft. In all dem Tohuwabohu versuchten sich heisere Ansager, Gehör zu verschaffen oder lärmten mit verschiedensten Gegenständen passend zur Handlung des Films. Und es sollte noch zehn Jahre dauern, bis ein findiger Nickelodeon-Betreiber das Spucken auf den Boden per Hinweisschild untersagte.

Ein Film geriet zu einem besonderen Spektakel. In ihm fährt ein Zug direkt auf die Zuschauer zu. Mehr passiert nicht. Aber die Menge war außer sich. Frauen fielen in Ohnmacht, Männer hechteten von ihren Sitzplätzen.

Zwei Sekunden, die die Welt verändern

Das Kino war ein riesiger Erfolg. Überall in Amerika eröffneten Geschäftsleute Nickelodeons. Dabei hielt der Erfinder der Filmkamera selbst seinen Filmapparat anfangs für eine Eintagsfliege. Thomas Alva Edison konnte sich nicht vorstellen, wie sich mit einem solchen Gerät Geld verdienen ließe - und daran maß der erfolgreichste Erfinder seiner Zeit die Nützlichkeit seiner Entwicklungen. Dass die Filmkamera trotzdem entstand, ist wohl nur einem Motto Edisons zu verdanken: "Jede Woche eine Erfindung, alle sechs Monate eine wichtige Erfindung." Immerhin gingen dem Unternehmer, der kurz zuvor New York elektrifiziert hatte, bei der Umsetzung seiner Geistesblitze mehr als hundert Mitarbeiter in seinen Labors zur Hand. Er konnte es sich also leisten, auch einmal etwas nicht so Wichtiges zu erschaffen. So war am 20. Mai 1891 der erste Film im Kasten: ein kaum zwei Sekunden dauernder Streifen namens "Dickson Greeting", auf dem der Ingenieur der ersten Edison-Kamera, William K. L. Dickson, einen Hut vor die Brust führte.

Die Ehre für die Erfindung des Films muss sich Edison dennoch mit verschiedenen Pionieren des Bewegtbilds teilen. Wohl aber kann sich der Amerikaner rühmen, das erste Filmstudio errichtet zu haben. Nun ja, genau genommen war dieses "Studio" eigentlich eher ein Schuppen, kaum größer als ein Fertiggartenhaus aus dem Baumarkt. Weil die Konstruktion so wenig Platz bot und zudem mit pechschwarzer Teerpappe verkleidet war, tauften Edisons Angestellte sie "Black Maria" - in Anlehnung an die engen, schwarz-gestrichenen Gefangenentransporter der Polizei. Die Filme mussten in der "Black Maria" gedreht werden, weil das erste Modell der Edisonschen Filmkamera so schwer und sperrig war, dass man es nur mit größter Mühe bewegen konnte.

Ohne Schauspieler, Schnitt und Drehbuch

Dabei hatten die ersten Zelluloidschnipsel, die Edisons Mitarbeiter in diesem Ministudio auf einer Bühne vor schwarzem Hintergrund drehten noch wenig gemein mit dem, was wir heute unter einem Film verstehen. Es gab keine Handlung, keine Schauspieler, keine Schnitte, kein Drehbuch. Gefilmt wurde, was Edisons Helfern in den Sinn kam: drei Schmiede (gespielt von Edisons Angestellten), die mit Hämmern auf einen Amboss einschlugen; ein Mädchen, das stumm wie der Film bis in die späten zwanziger Jahre nun einmal war, ein Lied sang, oder - schon etwas spektakulärer - ein Hahnenkampf. Keiner der Filme dauerte länger als ein oder zwei Minuten. Dennoch: Für die meisten Zuschauer waren diese wenigen Sekunden bewegtes Bild wie Zauberei.

Die Vorführungen hatten freilich so viel mit dem heutigen Kinoerlebnis zu tun wie der Zweisekünder "Dickson Greeting" mit dem Blockbuster "Avatar". Denn es gab noch keine Projektoren und auch keine Kinosäle. Stattdessen hatte Edison zur Vorführung seiner Werke das Kinetoskop ersonnen. In diesen Automaten warfen die Zuschauer fünf Cent ein und konnten dann durch ein Guckloch das wunderbare Kürzestkino bestaunen. Der erste Kinetoskop-Salon, in dem zehn dieser Automaten nebeneinander standen, eröffnete am 14. April 1894 am Broadway. Die New Yorker standen Schlange um einen Blick in die erstaunlichen Kästen zu erheischen.

An diesem Goldrausch wollten natürlich auch andere teilhaben. Und weil Edison sich anfangs kaum vorstellen konnte, dass das Phänomen Geld einbringen könnte, hatte er zwei Fehler gemacht (von denen einer später zur Wiedergeburt der Farmergemeinde Hollywood als Filmhauptstadt der Welt führen sollte): Zum einen entwickelte er seine Erfindung nicht zu Ende und hielt deshalb später entscheidende Patente an der neuen Erzählform nicht selbst. Zum anderen sparte er die 150 Dollar, die es gekostet hätte, sein Bewegtbild-Patent auch in Europa zu sichern. So wurden in den folgenden Jahren in Frankreich, Deutschland und England eifrig Nachbauten seiner Kamera produziert. In den USA begannen derweil immer mehr unabhängige Filmemacher, mit Edisons Erfindung zu drehen - und vor allem, Geld zu verdienen.

Die ersten Hits der Filmgeschichte

Dabei wurde schon lange, bevor es Spezialeffekte gab, eifrig getrickst. Anfänglich waren die Budgets für Aufnahmen äußerst gering. Selbst ein aufwendiger Film durfte nicht mehr als acht bis zehn Dollar kosten. Die Filmpioniere improvisierten. Galt es etwa Aufnahmen von den Niagarafällen zu drehen, lösten sie, anstatt nach Ontario zu reisen, einfach für fünf Cent eine Fahrkarte zu einem Wasserfall auf die andere Seite des Hudson River. Dieser wurde dann dem Publikum einfach als Niagarafall verkauft. Die Zuschauer waren dennoch zutiefst beeindruckt. Warum auch nicht. Niemand wusste, wie das Naturwunder an der amerikanisch-kanadischen Grenze wirklich aussah.

Bis die Handlung für den Film entdeckt wurde, sollte es sogar noch bis 1903 dauern. In diesem Jahr drehte der Edison-Angestellte Edwin S. Porter gleich zwei Hits, die das Kino revolutionieren sollten: "Life Of An American Fireman", ein Film über einen Feuerwehmann, der eine Frau und ein Kind aus einem brennenden Haus rettet, und kurz darauf "The Great Train Robbery", die Geschichte zweier Gauner, die einen Zug überfallen. Waren Filme vorher noch ein Spektakel kurzer Szenen von ein, manchmal zwei Minuten, dauerten seine beiden Werke jeweils zwölf Minuten, so viel wie damals auf eine Filmspule ging.

Das Publikum war begeistert, richtige Geschichten zu sehen. Nur einer war vergrämt: Edison ärgerte sich, dass er den immer größer werdenden Kuchen mit so vielen unabhängigen Filmemachern teilen sollte. Zwar hatte er bereits die MPPC, die Motion Picture Patents Company, gegründet und dadurch alle Unternehmen, die Filmpatente hielten, vereint. Dennoch gelang es ihm nicht, die anderen vom Drehen abzuhalten - sie ließen sich ihre Kameras einfach aus Europa liefern und produzierten in ihren Ministudios in New Yorker Dachgeschosswohnungen und heruntergekommenen Apartments jenseits des East River einen Film nach dem anderen.

Monopolisten mit Mafiamethoden

1908 hatten Edison und sein Patent-Trust schließlich genug. In diesem Jahr wurde ein Bankier namens Jeremiah J. Kennedy als neuer Chef des Trusts eingesetzt. Dieser zog umgehend andere Saiten auf. Er begann nach und nach, die unabhängigen Produktionsfirmen aufzukaufen. Doch es geschah noch etwas. Plötzlich statteten des Öfteren bullige Kerle den kleinen Studios während der Dreharbeiten unerwartete Besuche ab. Immer kam es dabei zu Handgemengen, oft zu Schlägereien, seltener fielen auch Schüsse. Mehr als blaue Flecken, gebrochene Nasen und Schauspieler, die verängstigt auf Nimmerwiedersehen vom Set flohen, gab es allerdings selten. Denn die Rowdys waren nicht auf die Angestellten aus. Stattdessen zerstörten sie die Kamera und das gedrehte Material. Eine Katastrophe! Denn die meisten kleinen Studios verfügten nur über einen Apparat. Die Polizei konnten sie auch nicht rufen, da sie sich mit ihrer Filmproduktion ohne Patentrechte selbst am Rande der Legalität bewegten. Manche hatten genug Rücklagen, um eine neue Kamera aus Europa zu ordern, viele gingen einfach pleite. Und bald war klar, dass New York kein sicherer Platz mehr für unabhängige Filmschaffende war.

Doch wohin sonst?

Für die Studios war vor allem eines wichtig: möglichst weit entfernt zu sein von Edison, seinem Patent-Trust und den Schlägertrupps. Am besten an einem Ort, den keiner kannte, der nicht leicht zu erreichen war. Und der nahe an der Grenze zu Mexiko lag, nur für den Fall, dass dennoch einmal die Anwälte der Motion Picture Patents Company auftauchen sollten. Wie man am Ende ausgerechnet auf Hollwood kam, ist nicht eindeutig belegt. Aber die vielen Sonnentage, durch die man Geld für die Beleuchtung der Sets sparte, dürften eine Rolle gespielt haben. Ebenso die Nähe von Bergen, Meer und weiten Ebenen, die aufregende Hintergründe für Filme boten.

Wenige Jahre nach dem Umzug nach Hollywood waren die unabhängigen Studios durch ihre Erfolge mächtig genug, um Edison und seinen Patentwächtern zu trotzen. Die Filmindustrie emanzipierte sich endgültig von den Möchtegern-Monopolisten. Und Hollywoods Einwohnerzahl wuchs: 1911 waren es 5000, 1914 bereits 12.000, 1919 dann 35.000 und 1923 sogar schon 130.000. Die großen Buchstaben am Hang der Hollywood Hills, die heute das Synonym für die Traumfabrik sind, sollten aber noch ein wenig auf sich warten lassen. Ebenso wie die ersten millionenschweren Filmstars - und die ersten Schauspieler und Regisseure, die an ihrem Ruhm zerbrachen.

Lesen Sie nächste Woche im zweiten Teil der "Geburt von Hollywood":

Der rasante Aufstieg von der Farmergemeinde zur Filmmetropole. Wie ein Regisseur aus der Filmstadt ein Babylon machte, wie einer der größten Komiker der Kinogeschichte zum Mörder wurde und ein anderer Filmstar seinen einsamen Tod in einer Gummizelle fand.

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