Die geheime Mission der "Nautilus" Wettrennen unter dem ewigen Eis

An Bord herrschte feierliche Stille: In 96 Stunden und nach 3400 Kilometern unterquerte am 5. August 1958 zum ersten Mal ein U-Boot den Nordpol. Die "Nautilus" hatte ihr Ziel erreicht - das Wettrüsten unter Wasser hatte gerade erst begonnen.

AP

Von Christopher J. Peter


Hundert Meter über den Köpfen der U-Boot-Fahrer knirschte seit Tagen das endlose Eis der Arktis. Die stählernen Wände der Nautilus reflektierten Schnulzen von Pat Boone aus einer Jukebox. Dann öffnet sich über den U-Boot-Fahrern die Wasserfläche. Langsam taucht die "USS Nautilus" auf. "Das Sehrohr zerteilt die Wasserfläche und helles Sonnenlicht strömte ins Glas", schilderte Kapitän William Anderson den Moment seines Triumphs.

Nur ein ganz schwaches Signal wurde am fünften August von einer US-Radiostation in Japan aufgefangen. Insgesamt eine Drei-Wort-Meldung: "Nautilus 90 Nord". Der Erfolgscode für eine jahrelang betriebene Geheimoperation der US-Marine. Erstmals unterquerte das erste nuklear betriebene U-Boot der USA den Nordpol und tauchte vor Grönland wieder auf.

Eine abenteuerliche Geheimmission im Zeichen des Kalten Krieges. Nach dem Sputnik-Schock ein Jahr zuvor, als die Sowjets erstmals einen Satelliten ins All schossen, wollte das US-Militär zumindest unter Wasser die Nase vorn haben. Auch strategisch galt es zu beweisen, dass sich die USA unbemerkt mit Atomwaffen bestückt bis an die sibirische Küste - den Hinterhof des Roten Reiches - heranpirschen konnten.

Werbung für Atomkraft

Die Ziele des damaligen Präsidenten Eisenhower waren mehrschichtig: An der Heimatfront galt es, einen stetig steigenden Verteidigungshaushalt zu rechtfertigen. Zudem wäre die Mission eine Werbetour für die Atomkraft. Die hatte es nötig: Bereits 1955 war Atomenergie in den USA nicht unumstritten. Meldungen über Tote durch die damals noch überirdisch durchgeführten Atomtests gingen durch die Medien. Auch die Nachricht eines radioaktiven Regenschauers über Chicago hielt die Nation in Atem und schürte das Misstrauen.

Die "Nautilus" sollte den Bedenken entgegensteuern. Die "United States Information Agency" hatte im Auftrag von Präsident Dwight D. Eisenhower eine Imagekampagne für die Segnungen des Atomzeitalters entworfen. An der Werbefront ganz vorne mit dabei: die Disney Studios. Zeitgleich mit dem Stapellauf der "Nautilus" kam Jules Vernes "Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer" in die Lichtspielhäuser. Ebenfalls aus den Disney-Studios stammte die Propaganda-Fernseh-Serie "Unser Freund das Atom" - mitfinanziert vom Atom-U-Bootbauer General Dynamics. Auch Familie Duck machte sich - wie in der Realität das US-Militär - in einem U-Boot auf den Weg zum Nordpol.

Die Konstruktion eines U-Bootes, angetrieben durch einen mit Uran befeuerten Reaktor, hatte der US-Kongress bereits im Juli 1951 genehmigt. Ein Projekt der höchsten Priorität. Im Sommer 1952 hatte Präsident Harry S. Truman an einer Zeremonie zum Baubeginn teil. Nach einer kurzen Konstruktionsphase und 18 Monaten Bauzeit wurde das Schiff 1954 von Mamie Eisenhower, der Ehefrau des nachfolgenden Präsidenten getauft.

Technisches Wunderwerk mit Luxusausstattung

Die Nautilus, das erste atomgetriebene Unterseeboot war ein technisches Wunderwerk seiner Zeit. Ein Meilenstein im Schiffbau: 97, 5 Meter lang, 8,5 Meter breit und 7,9 Meter hoch. Da die zwei Reaktoren weit weniger Platz beanspruchten als herkömmliche Dieselantriebe und zudem kein Stauraum für hunderte Tonnen Treibstoff benötigt wurden, geriet das Tauchboot regelrecht zu einem Luxusdampfer. Kein Vergleich zu den stickigen und engen schwimmenden Särgen des Zweiten Weltkriegs.

Ähnlich wie beim legendären Namenspaten, dem U-Boot "Nautilus" aus Jules Vernes phantastischem Roman "20.000 Meilen unter dem Meer", gab es vielerlei Annehmlichkeiten an Bord. In der stählernen Röhre herrschten konstante 22 Grad. An Bord gab es eine Bibliothek mit über 600 Bänden, einen Kinosaal, zwölf Kaffee-, Cola- und Eiscremeautomaten und eine Jukebox. Sogar Solarien waren für die Seeleute verfügbar, schließlich verbrachte die Besatzung viel Zeit in den lichtlosen Tiefen des Ozeans. Und: Das Rauchen an Bord war ausdrücklich gestattet, die "USS Nautilus" war mit modernste Luftfilteranlagen ausgestattet, die über chemische Prozesse aus dem Wasser Sauerstoff gewannen.

Für die Tauchfahrt unter dem Nordpol schien alles bestens vorbereitet. Andere Nationen waren bei dem Versuch zuvor spektakulär gescheitert. 1931 hatte der britische Polarforscher Hubert Wilkins versucht, mit einem U-Boot, das ebenfalls "Nautilus" hieß, den Nordpol zu erreichen. Noch vor der Packeisgrenze allerdings hatte sein Schiff das erste Tiefenruder verloren. Zudem hatten sich nach nur wenigen Stunden Tauchfahrt durch die Atemluft dicke Eisschichten an den inneren Wänden des Schiffes gebildet. Nur wenig weiter war Jahrzehnte zuvor der legendäre norwegische Polarforscher Fridjof Nansen mit seiner "Fram" gekommen. Das Schiff war extra dafür konstruiert worden, sich im Packeis treiben zu lassen, da es durch Druck einfach angehoben wurde. In 35 Monaten war der Forscher bis auf rund 500 Kilometer an den Nordpol herangedriftet. Nur mit Glück überlebte die Besatzung.

Unerwartete Schwierigkeiten für die "Nautilus"

Wegen der realen Gefahr, trotz bester Vorbereitung mit der Polarfahrt der "Nautilus" zu scheitern, umhüllte der Schleier der Geheimhaltung den geplanten PR-Scoop der USA. Außer dem US-Präsidenten wussten nur wenige hochrangige Militärs von der Geheimexpedition. Die "Operation Sunshine" hätte ein Schlag ins Wasser werden können - schon zwei Mal war U-Boot Kapitän William T. Anderson vergeblich zum nördlichsten geografischen Punkt der Erde gestartet.

Der erste Versuch misslang bereits im August 1957. Bis auf 333 Kilometer schob sich das Unterwasserschiff, ausgerüstet mit einem neuartigen Echolot, das neben dem Meeresboden auch die Eisdecke abtastete, an den Nordpol heran. Dann spielte jedoch der Kreiselkompass verrückt. Immer heftiger schlug die Nadel in alle Richtungen aus. Aus Sorge, sich unter dem Eis zu verirren, kehrte Kapitän Anderson um.

Mit einem polartauglichen Kompass und einem Ersatzgerät ausgestattet steuerte Anderson im Juni 1958 erneut den Nordpol an. Dieses Mal über die Bering-Straße. 10 Meter, 25 Meter, immer weiter ragten Eisberge in die Tiefen herab, dann hob sich in der Meerenge zwischen Amerika und Asien plötzlich eine gewaltige Bodenwelle aus den Tiefen. Aus Angst, das U-Boot könnte zwischen Bodenwelle und Eis stecken bleiben, machte der Kommandant kehrt. "Wir hatten gelernt, dass das Eis ein Feind ist, den man respektieren muss", schrieb er in seinem 1959 erschienenen Buch "Nautilus 90 North".

"Operation Sunshine"

Die dritte Expedition startete am 23. Juli 1958 in Pearl Habor auf Hawaii - "Operation Sunshine". Mit 30 Knoten (57 Kilometern pro Stunde) pflügte das Atom-U-Boot durch den Pazifik Richtung Norden. Ein letztes Mal tauchte das Schiff mit seinen 116 Mann Besatzung auf - dann stieß es in die lichtlosen Tiefen der arktischen See. Scheinbar endlos glitt die "Nautilus" 130 Meter unter der Eisdecke dahin.

Immer wieder ragten sogenannte Quetschfalten, also nach unten gepresste Eismassen, mehrere Dutzend Meter in die Tiefe - wie ein auf dem Kopf stehendes kristallines Gebirge. Während sich die Mannschaft Hollywoodfilme ansah oder der Musikbox lauschte, zwängte sich das Schiff durch einen Wasserkorridor zwischen Eismassen und dem Meeresboden hindurch. Immer wieder tasteten Sonargeräte die Eisdecke und den Boden systematisch ab, um zu verhindern, dass das Schiff aufgeschlitzt wurde.

Eine Reise in eine bizarre und gefahrvolle Welt - wie im Roman von Jules Vernes. "Ich sah phantastische steile Klippen - ganze Unterwassergebirgszüge - sich Hunderte von Metern über den Grund des Ozeans erheben. Die Form dieser Unterwassergebirge erschien phantastisch gefaltet und grotesk wie die Krater auf dem Mond", schrieb Kapitän Anderson in seinem Reisebericht.

Wettrüsten unter den Wellen

Nach drei Tagen begann der Countdown zum Erfolg. Beim Wachwechsel am Abend bewegte sich das Schiff erstmals nördlich des 87. Breitengrades und unterbot damit den ein Jahr zuvor aufgestellten Rekord. Nur noch Stunden trennte die Mannschaft vom 90. Breitengrad, der kein Kreis mehr ist, sondern ein Punkt - der Nordpol.

Der Musikautomat verstummte wenige hundert Meter vor dem Ziel. "Eine feierliche Stille senkte sich auf das Boot herab. Es war nur noch das stete Stakkato unserer Sonargeräte zu hören, die unermüdlich den Meeresboden, das Eis und die vor uns liegenden finsteren Gewässer abtasteten", schilderte Anderson. "Ich warf einen Blick auf den Abstandsmesser und zählte laut für die Mannschaft mit: Acht...sechs...vier...drei...zwei, eins...Jetzt! 3. August 1958, Zeit: 23.15 Uhr. Für die Vereinigten Staaten und ihre Flotte: ein Hoch auf den Nordpol!"

Ein Erfolg, der erst Tage später die Weltöffentlichkeit erreichte und sogar die Sowjets überrumpelte. Die Spirale des Wettrüstens drehte sich daraufhin immer schneller. Im selben Sommer, in dem die USA mit der "Nautilus" den Nordpol erreichten, stellte auch die Sowjetunion ihr erstes atomar betriebenes Unterwasservehikel in Dienst. Der Beginn einer verhängnisvollen Militarisierung der Ozeane: Rund 500 atomar betriebene Schiffe und U-Boote wurden in der Folgezeit gebaut, an Bord rund 800 Reaktoren. Heute sollen noch rund 300 davon in Diensten stehen. Die "Nautilus" selber ist nicht mehr darunter. 1980 außer Dienst gestellt, dümpelt sie nach 500.000 zurückgelegten Seemeilen als Museumsschiff im US Navy Submarine Force Museum in Groton im US-Bundesstaat Connecticut vor sich hin.



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Julien Reitzenstein, 05.08.2008
1.
Sehr geehrter Herr Peter, Ihr Artikel gefällt mir sehr gut. Er ist nicht nur gut zu lesen, er macht auch anschaulich, dass "Welt-Ereignisse von gestern manchmal schon nach einem halben Menschenleben vergessen sein können. Allerdings habe ich eine Frage: Sie sprechen die Gewinnung von Sauerstoff aus Wasser mittels chemischer Prozesse an. Haben Sie hier eine nähere Erläuterung, wie das geschah? Dass Frau Eisenhower das Boot taufte wird richtig sein. Da "Ike" aber erst 1969 starb, wird sie an jenem Tag jedoch kaum Witwe, sondern allenfalls Strohwitwe gewesen sein... ;-) Beste Grüße, Julien Reitzenstein
Hermann Uricher, 05.08.2008
2.
Zur Frage der Gewinnung von Sauerstoff aus Wasser: Es wird sich um den einfachen Prozess der Elektrolyse gehandelt haben, bei dem mit Hilfe elektrischer Spannung (Strom ist auf einem U-Boot mit Atomreaktor ausreichend vorhanden) aus Wasser in gasförmiger Form Sauerstoff und Wasserstoff gewonnen werden kann. Der Wasserstoff ist in diesem Falle eher unerwünscht, da ja bei einer Nutzung (z.B. Verbrennung) wieder der Sauerstoff erforderlich wäre, der jedoch z.B. für die Sauerstoffversorgung der Besatzung erforderlich ist.
Kai Yamaguchi, 05.08.2008
3.
Waehrend die erste U-Boot-Fahrt unter dem Pol anschaulich geschildert wurde, laesst das Seitenhiebchen auf vorangegangene Polarforscher ein wenig an Recherche fehlen. Die kritisch erwaehnte Polarexpedition Fridtjof Nansens verlief tatsaechlich im Grunde wie geplant, bis auf dass man eben den Pol verfehlte. Das Schiff, die FRAM, ueberstand die Eisdrift vollkommen unbeschaedigt. Von der Besatzung ging kein einziger Mann verloren und der Arzt notierte zufrieden eine allgemeine Gewichtszunahme duch viel gutes Essen und wenig Bewegung. Das klingt nicht so sehr nach Glueck als nach guter Planung im Rahmen der damals technischen Moeglichkeiten - genau wie es 65 Jahre spaeter bei der USS Nautilus der Fall war.
Matthias Schiffke, 05.08.2008
4.
Schöner Artikel. Nur die Bauhöhe der Nautilus machte mich stutzig. Soll sie mit Turm flacher als breit gewesen sein (..."97, 5 Meter lang, 8,5 Meter breit und 7,9 Meter hoch..."? Im englischen Wikipedia Artikel ist von "Draft: 7.9 m (26 ft)" die Rede und "Draft" bezeichnet im nautischen Zusammenhang den Tiefgang. Anscheinend sind den Hochseekapitänen die Maße "untenrum" wichtiger.
Gary Jennejohn, 07.08.2008
5.
Ich war 1980 in Mare Island Naval Shipyard Mitglied des Decommissioning-Teams und ich kann Ihnen versichern, dass die Nautilus keine 2 Reaktoren hatte. Es gab im Schiff einfach keinen Platz dafür. Aber der Reaktorraum war ganz anders aufgebaut, als bei späteren Modellen, und wirklich interessant.
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