Die Geschichte der Finanzkrisen Kaufen, kaufen, kaufen

Die Geschichte der Finanzkrisen: Kaufen, kaufen, kaufen Fotos
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Tulpenkrise, Asienkrise, Immobilienkrise: Börsencrashs gibt es in schöner Regelmäßigkeit. Wer genau hinschaut, kann Gemeinsamkeiten entdecken. Das gilt auch für die Anzeichen der Erholung. Von Lorenz Goslich

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André Kostolany hatte offenbar ein untrügliches Gespür. Als Ende der neunziger Jahre plötzlich jedermann Aktien der im Nasdaq und am Neuen Markt gehandelten jungen Internet-Unternehmen kaufen wollte, sagte der Börsenguru voraus, dass in diesem Geschäft bald "Blut fließen" werde.

In der aktuellen Finanzkrise erinnert sich Felix Schleicher oft an Kostolany. Schleicher, heute Partner im Value-Team Private Banking Gebhardbank AG, hat neun Jahre lang mit dem legendären Börsengenie zusammengearbeitet. Nachdem der alte Herr damals seine Skepsis geäußert hatte, stiegen die Kurse zunächst weiter. Man glaubte, den großen Kostolany endlich bei einer Fehlprognose erwischt zu haben. Im September 1999 starb Kostolany - ein halbes Jahr später bekam er recht: Die New-Economy-Blase platzte.

Das ist typisch für eine Finanzkrise, meint Schleicher: "Die meisten glauben, dass die Party immer so weitergeht." Der Mensch sei halt gierig, und "die Leute lernen nicht daraus". Tatsächlich scheint es einige Gemeinsamkeiten bei den spektakulären Finanzkrisen der vergangenen Jahrhunderte und Jahrzehnte zu geben. Zum Beispiel die: Im Vorfeld wurde oft wie verrückt gekauft. So war es schon beim ersten Zusammenbruch einer Börse im Jahr 1637: Als in Holland eine beträchtliche Nachfrage nach Tulpen vorausgesagt wurde, stürzten sich viele Anleger auf die betreffenden Zwiebeln. Die waren dann bald nicht mehr gefragt, die Preise fielen, der Crash war da.


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1929: In zwei Stunden elf Milliarden Dollar futsch

Finanzkrisen gab es seitdem immer wieder. Auffallend dabei seien "Selbstverstärkungseffekte", die immer größer würden, sagt Sönke Siemßen, der bei der Bayerischen Landesbank für die Anlagestrategie verantwortlich ist. Den Grund dafür meint er zu kennen: Immer mehr Anleger bevorzugen "kapitalgarantierte" Produkte - solche also, bei denen die Erhaltung des gesamten Kapitals oder zumindest eines wesentlichen Teils garantiert wird. Für die Anleger, die den Mut haben, auf Kapitalgarantien zu verzichten, steigen nach Siemßens Überzeugung in gleichem Maße die Chancen, mit antizyklischem Verhalten Geld zu verdienen. Mit anderen Worten: Wer gegen den Strom schwimmt, macht vielleicht den besseren Schnitt.

Bisher waren es fast immer Massenphänomene, die Börsenkrisen ausgelösten. Kaufen, kaufen, kaufen - nach dieser Devise handelten die Anleger zum Beispiel in den zwanziger Jahren. Von 1924 bis 1929 stiegen die Aktienkurse in den USA auf immer neue Höhen. Im September 1929 war der Dow-Jones-Index der wichtigsten US-Aktienwerte fast viermal so hoch wie fünf Jahre zuvor. Viele kauften in dieser Phase sogar Aktien auf Pump - nach dem Motto: Mit Kurssteigerungen ist viel mehr Geld zu verdienen, als für die Kreditrückzahlung benötigt wird. "Damals wurde gesagt, die Kurse können gar nicht fallen", weiß Schleicher. Von wegen. Am 24. Oktober 1929, der als "Schwarzer Donnerstag" traurige Berühmtheit erlangte, krachte alles zusammen wie ein Kartenhaus. Innerhalb von zwei Stunden waren elf Milliarden Dollar praktisch verschwunden. Die Weltwirtschaftskrise folgte, mit allen bekannten Auswirkungen. Hinzu kamen gravierende wirtschaftspolitische Fehler.

Auch darin liegt offenbar eine Gemeinsamkeit: Politische Entscheidungen wirken sich langfristig aus - vor und auch nach Krisen. In den siebziger Jahren zerfiel das 1944 eingeführte Bretton-Woods-System. Dieses internationale Währungssystem war eigentlich auf die Goldstützung des Dollars gegründet worden, 1971 jedoch gaben die USA die Goldeinlösegarantie auf - mit der Folge massiver Dollar-Abwertungen. An der Börse kam es daraufhin zu lang anhaltenden Kursstürzen - von Januar 1973 bis Dezember 1974. Zusätzlich verschärfte die Ölkrise das Dilemma. Auf die deutliche Verteuerung des für sie so wichtigen Rohstoffs waren die Industriestaaten nicht vorbereitet.


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Wie so oft kamen unterschiedliche Entwicklungen zusammen. 1973 stürzten wie aus heiterem Himmel die 50 populärsten Aktien der USA, die so genannten "Nifty Fifty", ab. Von Avon über Polaroid bis Xerox waren viele bekannte Namen dabei. Auch die Herstatt-Krise 1974 war eine Folge der Dollar-Abwertung. Die Kölner Privatbank Herstatt hatte auf steigende Dollar-Kurse vertraut und entsprechend spekuliert. Auch damals fehlte es nicht an Warnungen, so aus dem Risikomanagement der Bank. Doch die Bankchefs reagierten eher erheitert darauf. Als der Dollar-Kurs absackte, war das für die Herstatt-Bank der Anfang vom Ende.

1987: Rekordverlust an einem Tag

Mitte der achtziger Jahre gab es in den USA wieder eine Spekulationsblase. Von 1985 bis 1987 verdoppelte sich der Aktienindex fast - das Massenphänomen hatte wieder einmal zugeschlagen. Doch im Verlauf des Jahres 1987 zogen mehr und mehr düstere Wolken auf. In der zweiten Hälfte gaben die Kurse schrittweise deutlich nach, die Atmosphäre war angespannt. Der Dollar zeigte Schwächetendenzen, die USA kämpften mit einem wachsenden Defizit im Außenhandel. Am 19. Oktober 1987 kam es dann zum Crash: Der Dow-Jones-Index verlor 508 Punkte oder 22,6 Prozent. Das war der höchste Verlust an einem Tag in der Geschichte der amerikanischen Börse.

Euphorisch war die Stimmung zu Beginn der neunziger Jahre auch in Asien. Und auch hier das gleiche Spiel: Wirtschaftliches Wachstum, das die meisten dort so noch nie erlebt hatten, riss alle mit. Sie kauften, was das Zeug hielt. Die Asiaten wussten kaum, woher sie das Geld bekommen sollten, um den Motor immer weiter anzutreiben. Sie selbst trieben dabei immer weiter in die Verschuldung. Von Indonesien, den Philippinen und Malaysia über Südkorea und Singapur bis Taiwan und Thailand setzte sich die Welle fort. Die Kreditschraube zog an, Aktienkurse und Immobilienpreise stiegen rasant - bis plötzlich am 2. Juli 1997 die Luft raus war.

Zuerst brach in Thailand alles zusammen. Der Wechselkurs der Währung musste freigegeben werden, anschließend verlor sie kräftig an Wert, die internationalen Investoren zogen ihr Kapital ab. Nach und nach wurden die anderen asiatischen Länder von der Panik mit erfasst. 1998 griff die Krise auf Russland über, weitere Staaten erklärten ihre Zahlungsunfähigkeit. Für Erholung sorgten in diesem Fall der Internationale Währungsfonds und die Weltbank: Sie intervenierten, gewährten Milliardenkredite und leiteten damit eine Beruhigung ein.

März 2000: Kurssturz ins Bodenlose

Welche Blüten eine Spekulation treiben kann, das zeigte sich in der jüngeren Vergangenheit besonders an der New-Economy-Krise des Jahres 2000. Im Zuge der Internet-Euphorie wurden immer neue Unternehmen gegründet, die mit wilden Verheißungen antraten und die Welt schier "online" aus den Angeln heben wollten. Alte Werte schienen nichts mehr zu gelten. Wer als "dot.com" an die Börse wollte, wurde kaum noch nach Substanzen oder gar Gewinnerwartungen gefragt, Verluste wirkten schick. Und wieder das alte Lied: Kaufen, kaufen, kaufen. Die Kurse stiegen immer weiter - und viele Anleger erwarben immer noch Aktien, als immer neue Höhepunkte erreicht wurden. "Die Leute haben Aktien gekauft, obwohl die Kurse schon um 500 Prozent gestiegen waren", wundert sich Schleicher im Nachhinein: "Da gab es keinen Lerneffekt." Im März 2000 war der Spuk vorbei. Die Kurse stürzten ins Bodenlose.

Nun also die US-Immobilienkrise. In diesem Fall reichen die Ursachen weit zurück - bis hin zur massiven Deregulierung der Banken durch die Reagan-Regierung. Hinzu kamen Änderungen der Zentralbankpolitik. Die Hochzinspolitik in Verbindung mit den schwachen Ölpreisen hatte gerade die regionalen Banken zunächst zum Teil an den Rand des Konkurses getrieben. Dann sorgte die Niedrigzinspolitik der Jahre 2001 bis 2003 für billiges Geld. Damit wurden Immobilien für viele Amerikaner erschwinglich, die sich zuvor keine eigenen Häuser leisten konnten. "Den Menschen wurden Immobilien vielfach geradezu aufgedrängt", sagt Schleicher.

Kaufen, kaufen, kaufen: Diesmal waren also Häuser dran. Die Banken vergaben Kredite in kaum glaublichem Umfang - und zwar auch an solche Kreditnehmer, die über geringe oder überhaupt keine Sicherheiten verfügten. Experten sprechen von zweitklassigen Hypothekendarlehen, so genannten "Subprime Loans".

Aber auch diesmal nahte die Wende unweigerlich, und zwar Mitte 2004: Seit damals stiegen die Zinsen wieder. Immer mehr Kreditnehmer konnten die Rückzahlungen nicht mehr aufbringen, viele mussten ihre Immobilien schließlich verkaufen. Aber viele der unsicheren Kredite waren längst weiterveräußert worden - an Banken und Hedgefonds. Mitte 2007 mussten die ersten Fonds hohe Abschreibungen zugeben, und seitdem wurden immer mehr Finanzhäuser in den USA mit in den Abgrund gerissen.

Erholung

"Dass höhere Renditen auch immer mit höheren Risiken verbunden sind, das ist vielen nicht aufgefallen", wundert sich Schleicher. Im Zuge der Turbulenzen wurden auch die Aktienkurse mitgerissen. Für Siemßen ist das nicht erstaunlich: "Die Risikoaversion schlägt durch - das schlägt sich auch auf Aktien nieder." Zwei Gründe hält er für ausschlaggebend. Zum einen die Angst, dass die Gewinne stärker sinken könnten, wenn die Rezession voll zum Tragen kommt, zum anderen die Furcht vor höheren Refinanzierungskosten in der Rezession.

Die Erholung nach einer Krise wird nach Siemßens Meinung meist von zwei Kriterien getragen: Erstens muss allgemein erwartet werden, dass nun die meisten schlechten Nachrichten endlich bekannt sind und dass keine weiteren von ihnen mehr drohen. Und zweitens müssen ein paar positive Meldungen hinzukommen. "Ein oder zwei gute Nachrichten können schon die Spirale nach oben auslösen", glaubt Siemßen. Wenn zum Beispiel die Banken in einem Quartal nur noch Gewinnsteigerungen melden, löst sich eine Krise meist schnell auf. 1987 zum Beispiel gab es ein paar gute Unternehmensnachrichten - "und schwupp", erinnert sich Siemßen, "hat es gedreht".

Die Börse nimmt die Entwicklung in der Regel vorweg. Die Kurse fallen im Vorfeld einer Rezession, steigen aber bereits wieder in der Mitte der Rezession. "Zurzeit ist wahrscheinlich entscheidend, dass unglaubliche Leerverkaufspositionen am Aktienmarkt sind, vor allem in den USA", sagt Schleicher. "Leerverkäufe", im englischen Sprachgebrauch "Short Selling": Da verkauft jemand Aktien, die er überhaupt nicht besitzt, und rechnet damit, dass er sie irgendwann billiger wieder zurückkaufen kann. In den USA ist in dieser Hinsicht ein Rekordstand erreicht worden. Irgendwann, sagt Schleicher, müssen diese Papiere wieder gekauft werden - und dann würden die Kurse wieder steigen: "So kommt es zu einer Eigendynamik."

Was müsste aktuell geschehen, damit es zur Erholung kommt? "Im Wohnungsmarkt der USA müsste es eine Stabilisierung geben", sagt Siemßen: "Solange der Wohnungsmarkt aber immer weiter fällt, müssen die Banken auch immer mehr wertberichtigen."

Wie schnell es diesmal mit der Erholung geht, dürfte nicht zuletzt von der Persönlichkeit der Anleger abhängen. Auch da hält es Felix Schleicher mit dem Altmeister. "Kostolany sagte immer: Entscheidend ist, ob die Zittrigen oder die Hartgesottenen die Papiere halten", erinnert er sich. Je mehr von den "Hartgesottenen" nun wieder kaufen, umso schneller wird es nach seiner Überzeugung mit den Kursen wieder bergauf gehen.

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