Die goldenen Jahre der Kaufhäuser Kathedralen des Kaufrauschs

Die goldenen Jahre der Kaufhäuser: Kathedralen des Kaufrauschs Fotos
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Vom Konsumtempel zum Pleitefall: Kaufhausketten wie Karstadt oder Hertie waren einst die glamourösen Symbole des Aufschwungs - bevor sie vom Wettbewerb überrumpelt wurden. SPIEGEL ONLINE lässt die großen Zeiten des Warenhauses aufleben und zeigt die schönsten Shopping-Schlösser von einst. Von

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Hinter dem langweiligen Namen verbarg sich eine Revolution. 1882 eröffnete Oscar Tietz in Gera das "Garn-, Knopf-, Posamentier-, Weiß- und Wollwarengeschäft Hermann Tietz" - benannt zu Ehren seines reichen Onkels Hermann, der ihm das Startkapital für eine ungewöhnliche Geschäftsidee gegeben hatte: Seine Textilien bot Oscar Tietz zu günstigen Preisen feil, doch dafür mussten ihm seine Kunden entgegenkommen - indem sie sofort bezahlten. Das war nicht üblich in einer Zeit, in der viele Menschen noch um den Preis feilschten oder mit Vorliebe anschreiben ließen.

Damals entstand ein neuartiges Geschäftsmodell: Tietz animierte seine Kunden mit niedrigen Festpreisen zur Barzahlung - und konnte dafür seine Ware billig und in Masse einkaufen. Bald erweiterte er sein Sortiment, aus dem kleinen Textilienladen wurde die Keimzelle einer gigantischen Erfolgsstory: Schon zur Jahrhundertwende besaßen Hermann und Oscar Tietz 15 Warenhäuser, 1927 übernahm die Firma Hermann Tietz das damals schon berühmte Kaufhaus des Westens (KaDeWe) und stieg zum größten Warenhauskonzern Europas auf. In vielen deutschen Städten entstanden pompöse Kaufhäuser mit lichtdurchfluteten Hallen, prächtigen Fassaden oder repräsentativen Türmchen - Prunkstücke der Architektur, geplant für die Ewigkeit, nachts märchenhaft beleuchtet. Der Name Hermann Tietz, später kurz Hertie, wurde zum Synonym für diese Tempel einer konsumfreudigen Moderne.

Ein Jahrhundert später ist Hertie wieder in aller Munde - diesmal als Symbol für das Ende einer Ära, für Krise und Verfall. Ende Juli 2008 meldete die Traditionskette Insolvenz an. Und mittlerweile wankt auch der Kaufhausriese Karstadt. Abertausende Arbeitsplätze sind in Gefahr, etlichen Filialen droht das Aus. Politiker warnen vor der Verödung der Innenstädte, Soziologen spekulieren über den baldigen Tod des Warenhauses an sich.

Das Kaufhaus als glitzernde Bühne

Zweifellos: Das 20. Jahrhundert war das Jahrhundert des Kaufhauses, jener "Kathedralen des Handels", wie sie der französische Schriftsteller Émile Zola pries, die das Konsumverhalten der Menschen der westlichen Welt revolutionierten - und es geht jetzt womöglich zu Ende. Namen wie Wronker, Jandorf, Wertheim, Schocken oder Horten kennen nur noch wenige, jetzt droht dieses Schicksal auch den letzten großen Kaufhausnamen Hertie und Karstadt.

Damals aber, vor dem Ersten Weltkrieg und auch noch danach, sprossen in deutschen Städten überall monumentale Warenhäuser aus dem Boden - wenngleich auch Jahrzehnte später als in den USA oder in Frankreich. Das Prinzip "Alles unter einem Dach" wurde zum Erfolgstrend, weil es die Logik einer uralten Einrichtung konsequent fortsetzte: Kaufhäuser waren im Grunde Marktplätze, die in die Vertikale wuchsen. Wichtiger noch war ein anderer Aspekt: Warenhäuser machten Luxusgüter auch für das aufstrebende Bürgertum bezahlbar. Der Konsum wurde demokratisiert: "Die vornehme Dame steht schwesterlich neben der kleinen Choristin, und keine wird vor der anderen bevorzugt", schrieb das "Berliner Tageblatt" 1907 bei der Eröffnung des KaDeWe überrascht.

Gleichzeitig wurde der Einkauf zum Erlebnis stilisiert und das Kaufhaus zur Bühne für die glitzernde Präsentation der Artikel. Auf mehreren Etagen konnten die Menschen durch duftende und exotische Warenwelten flanieren. Hermann Tietz etwa kurbelte das Weihnachtsgeschäft in seinem Münchner Haus einmal mit echten Liliputanern als Attraktion an. Der spätere Reichskanzler Gustav Stresemann brachte im Jahr 1900 das Lebensgefühl seiner Generation auf den Punkt: "Wenn man heute in einer Familie hört: Wir gehen zu Wertheim, so heißt das nicht in erster Linie, wir brauchen irgend etwas besonders notwendig für unsere Wirtschaft, sondern man spricht von einem Ausfluge, den man etwa nach irgend einem schönen Orte der Umgebung macht."

Das ganze Arsenal der Verkaufspsychologie

Es waren die Kaufhäuser, die damals die Trends setzten, die Stadtgespräch waren. Shoppen wurde zum Zeitvertreib, der Kunde zum Voyeur. Auch wer sich Pariser Mode nicht leisten konnte, konnte trotzdem einfach mal gucken, was die Nachbarin für ihr neues Kleid bezahlt haben mochte. "Kein Kaufzwang. Umtausch gestattet!" stand auf Schildern: So zum Stauen und Gucken animiert, wurden sie dann doch zum Konsum verführt. Waren wurden nicht mehr lieblos in engen Krämerläden verscherbelt; mit den Kaufhäusern setzte sich das ganze Arsenal der modernen Verkaufspsychologie durch: Glanz, Glitzer, Beleuchtung, Plazierung, Sonderaktionen, Winter- und Sommerschlussverkauf, Rückgaberecht.

Die Warenhäuser waren nicht nur Orte des Konsums, sondern urbane Treffpunkte, Impulsgeber, Architektur-Ikonen und Touristenattraktionen. Wer die erste Rolltreppe Deutschlands bestaunen wollte, musste ab 1925 in die Kölner Tietz-Filiale kommen. Berühmte Architekten entwarfen Warentempel, etwa der Expressionist Erich Mendelsohn, der für den Zwickauer Schocken-Konzern hochmoderne Kaufhäuser in Stuttgart und Chemnitz entwarf.

Selbstbewusst formulierten die Macher der neuen Konsumwelten ihre Ansprüche: "Wat Lage ist, bestimme ick", soll der Kaufmann Adolf Jandorf gesagt haben, als man ihm vorwarf, sein Kaufhaus des Westens in Berlin zu weit außerhalb zu planen. Jandorf sollte Recht behalten. Die Warenhäuser wurden Orientierungspunkte inmitten der boomenden Metropolen: Jedermann wusste, wo welcher Luxustempel stand: "Tietz ist zwischen Jandorf und Wertheim", notierte etwa 1900 der geniale Feuilletonist Alfred Kerr, der damals für die Provinzzeitung seiner Heimatstadt Breslau Kolumnen aus der Hauptstadt verfertigte - "das Tietz" beschrieb er seinen Lesern als "gigantischen Glaskasten, welcher acht Hausnummern einnimmt".

Entwurzelung durch Kaufhäuser?

"Hier lag im vollen Glanz der Straße ein wahrer Bergsturz billiger Waren", beschrieb Émile Zola 1883 in seinem Roman "Das Paradies der Damen" das Kauferlebnis im Warenhaus. "Das Geschäft schien zu bersten und seinen Überfluss auf die Straße zu werfen." Seiner Protagonistin Denise, Verkäuferin in einem fiktiven Luxushaus, erschienen die alten Läden jedenfalls nur "muffig" und "bieder". Aber auch mit den neuen Magneten in den Städten konnten sich damals längst nicht alle Zeitgenossen anfreunden - die Kaufhäuser ruinierten viele alteingesessene Geschäfte, expandierten gefräßig auf Kosten des Einzelhandels.

Als 1929 die Weltwirtschaftskrise auch über Deutschland hinwegrollte, gerieten aber auch viele große Warenhäuser in Schwierigkeiten - die Konsumflaute bekamen sie, die auch viel Tand und Luxuswaren anboten, schnell zu spüren. Und kaum hatten sich die Konzerne halbwegs davon erholt, bekamen sie politischen Druck. Der Zorn der Nationalsozialisten hatte sich schon vor 1933 besonders gegen jüdisch geführte Unternehmen wie Tietz und Wertheim gerichtet.

Bald nach Hitlers Machtübername 1933 erließen die neuen Herren das "Gesetz zum Schutz des deutschen Einzelhandels". "Warenhäuser", so die populistische These der Nazis, trügen "zur Entwurzelung des Menschen bei". Das hinderte sie freilich nicht daran, die lukrativen Unternehmungen weiter zu betreiben, nachdem sie jüdischen Familien wie Tietz ihre Konzerne entrissen und die Geschäftsleitungen "arisiert" hatten.

Anzünden statt betreiben

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs lagen in den deutschen Städten auch die meisten großen Kaufhäuser in Schutt und Asche. Als mit dem Wirtschaftswunder auch ihr Wiederaufbau begann, verzichtete die neue Warenhausarchitektur auf Imponiergehabe, sondern setzte auf demonstrative Schlichtheit und Funktionalität. So entstanden vor allem in den sechziger und siebziger Jahren viele der monotonen Betonklötze, die in den Augen vieler Bürger bis heute die Innenstädte verschandeln.

Schlimmer noch: Manches Schmuckstück, das Krieg und Bombenhagel überstanden hatte, wurde dem Erdboden gleich gemacht - die Stadt Stuttgart etwa ließ 1960 Mendelsohns Kaufhaus Schocken abreißen, für eine Straßenverbreiterung. Bis heute empören sich viele Alteingesessene über diesen Frevel.

Obwohl die Zeit des Prunks und der riesigen Konsumtempeln vorbei war, blieb das Kaufhaus doch ein symbolträchtiger Ort. Als gebauter Ausdruck des Konsumkapitalismus wurde es auch zum Anschlagsziel für linke Revoluzzer - am 2. April 1968 versuchte ein gewisser Andreas Baader mit mehreren Komplizen, in Frankfurt den Kaufhof und das Warenhaus Schneider in Brand zu setzen, gemäß der Devise ihres Kumpels, des Anarchoaktivisten Fritz Teufel: "Es ist immer noch besser, ein Warenhaus anzuzünden, als ein Warenhaus zu betreiben."

08/15 statt Erlebniswelt

Der eigentliche Niedergang des Kaufhauses begann aber in den achtziger Jahren. "Die Grundidee des Kaufhauses wurde pervertiert", findet Eike Wenzel vom Kelkheimer Zukunftsinstitut. "Die Kaufhäuser müssen wieder zurück zu den Wurzeln." Früher hätten Kaufhäuser den letzten Schrei präsentiert, heute setzten sie oft "so sehr auf Masse, dass nur noch ein grauer Brei an Angeboten geblieben ist". Dabei wollen die Menschen heute mehr denn je einzigartig sein, so Wenzel und "nicht den Luxus zur Schau tragen, den sich jeder leisten kann". Das Kaufhaus sei aber oft keine Erlebniswelt mehr, sondern "bis zum Anschlag voll mit 08/15-Waren".

Trotz Internet-Shopping und Discounter-Boom glaubt Wenzel dennoch an eine Zukunft für die guten alten Warentempel: "Das Kaufhaus kann durchaus wieder zum Epizentrum der Stadt werden." Wenn es sich neu erfinden kann.

Und wenn es dafür nicht doch schon zu spät ist.

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1.
Ralf Bülow 08.06.2009
Zur nächtlichen Karstadtfiliale bringt www.berlin-hermannplatz.de/karstadt/ etwas mehr. Die wurde 1945 wenige Tage vor Kriegsende von der Waffen-SS, wie sagt man heute, rückgebaut.
2.
Dieter Storm 09.06.2009
Früher ging ich gern in Kaufhäuser, hauptsächlich um Kleidung zu kaufen. Jetzt ist mir das dort zu unübersichtlich. Ich möchte nicht stundenlang herumsuchen sondern ein bestimmtes Produkt an einer Stelle finden. Ich mag nicht eine Jeans Grösse 32/36 an zehn verschiedenen "Shops" suchen müssen. Dann kann ich gleich durch die kleinen Läden ziehen. Bei Haushaltswaren ist es das Gleiche, du suchst z.B. eine Knoblauchpresse. Nicht dass die alle in einem Regal wären, das wäre wohl zu langweilig. Es gibt sechs verschiedene Knoblauchpressen in sechs verschiedenen Regalen, weil nach Marken sortiert wird und nicht nach Produktkategorien. Das ist mir zu mühsam.
3.
Jürgen Kühnel 13.01.2011
Kaufhäuser sind tot, zumindest hier in München: Nur Ramsch, vollgestopft, Wühltische. Wenn ich aber gelegentlich ins KaDeWe komme, dann ist das ein klassisches Erlebnis "wie in alten Tagen". Hier macht es Spaß, durch die Abteilungen zu bummeln, zu schauen, zu erleben. Und auch Ausgefallenes zu kaufen, das es im normalen Kaufhaus heute schon lange nicht mehr gibt.
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