Die größten TV-Ausraster Amok auf der Mattscheibe

Die größten TV-Ausraster: Amok auf der Mattscheibe Fotos
WDR

Axt-Einsatz statt Argumente: Als Ton-Steine-Scherben-Manager Nikel Pallat sich in einer Talkshow 1971 von Kapitalisten umringt sah, griff er zum Beil. Der Wutausbruch im TV ist kein Einzelfall. Immer wieder sahen Promis vor der Kamera rot. Sie fluchten, prügelten - oder verspritzten ihre Muttermilch. Von

  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 7 Kommentare
    4.5 (18 Bewertungen)

Die Gäste der WDR-Talkshow "Ende offen" hingen am Abend des 3. Dezember 1971 tief in ihren Sesseln. Der Tisch vor ihnen war voller Notizzettel, Zigarettenstummel und leerer Flaschen. Seit über zwei Stunden hatten sie darüber diskutiert, wie kommerziell alternative deutsche Popmusik sein dürfe, die Diskussionsteilnehmer wurden allmählich träge. Nur einer blieb unermüdlich: Nikel Pallat, Manager der Protest-Rockband Ton Steine Scherben. Er redete im Stakkato auf sein Gegenüber, den Krautrock-Produzenten Rolf-Ulrich Kaiser ein. Denn Kaiser hatte kurz zuvor einen Vertrag mit dem mächtigen Musikverleger Peter Meisel abgeschlossen - laut Pallat "eine Kapitalistensau, ein Musikdieb höchsten Ranges, ein Pop-Gangster". Pallat schimpfte, Kaiser stelle sich damit "voll auf die Seite des Systems". Doch der schien nur halb zuzuhören.

Pallat geriet in Rage: Das Fernsehen erlaube sich zwar eine "scheißliberale" Sendung wie diese, sei aber selbst ein Unterdrückungsinstrument der Massengesellschaft: "Wenn überhaupt noch was passieren soll, muss man sich gegen den Unterdrücker stellen: Und deswegen mach' ich jetzt hier diesen Tisch mal kaputt." Er griff in die Innentasche seines Jacketts, zog ein Beil daraus hervor, sprang auf und begann, damit auf den Tisch einzuhacken, der sich als überraschend stabil entpuppte. Die Talkgäste wichen zurück. Pallat gab das Tischzerhacken auf, riss die Mikrofone aus den Stativen, stopfte sie sich in die Taschen und erklärte grimmig: "Die brauche ich für Leute, die in den Jugendstrafanstalten sitzen." Doch da hatten sich die ersten Gäste schon wieder unbeeindruckt an den malträtierten Tisch zurückgesetzt.

Sekunden später brach der WDR die Übertragung ab - kurz nachdem man aus dem Hintergrund noch einmal Kaisers Stimme hörte: "Morgen schreiben die Zeitungen, dass es ein gutes Happening war."

Der Produzent hatte offenbar sofort verstanden, was es bedeuten musste, dass Pallat überhaupt ein Beil zu seinem Fernsehauftritt mitgenommen hatte: Das ganze war eine Inszenierung, ein geplanter Skandal. Kaisers spöttischer Kommentar sollte sich als geradezu prophetisch erweisen: Mittlerweile haben Medienschaffende längst den Unterhaltungs- und Werbewert eines ordentlichen Ausrasters schätzen gelernt. Wie Nikel Pallat inszenieren sie ihre größten Skandale oft selbst - auch, wenn sie sich dazu benehmen müssen wie die Axt im Walde.

"Fuck you! Asshole! Shit!"

Kaum jemand beherrschte das so gut wie der Schauspieler Klaus Kinski, dessen Markenzeichen es wurde, bei seinen Fernsehauftritten regelmäßig über die Stränge zu schlagen: In der WDR-Talkshow "Je später der Abend", herrschte er 1977 einen kritisch zwischenfragenden Zuschauer an, er solle einfach "das Maul halten" und regte an, ihn raustragen zu lassen. 1985 hörte er in der "NDR Talk Show" nicht auf, hartnäckig Moderatorin Alida Gundlach nach ihrer Unterwäsche zu befragen. Und bei einem inzwischen legendären Interview im Park mit dem ZDF-Magazin "Drehscheibe" im November 1971 explodierte er förmlich: Nachdem die Interviewerin eine Denkpause Kinskis unterbrochen hatte, beschimpfte der sie als "stumpfsinnig" und "Analphabetin". "Hauen Sie mit Ihren Kameras ab, das interessiert mich einen Dreck!", fauchte er das Team an, schrie, es sei eine "Bande von Idioten" und zog von dannen.

Doch Kinskis Ruf als Enfant terrible führte keineswegs dazu, dass das Fernsehen ihn mied - im Gegenteil: Die Zuschauer ergötzten sich regelrecht an den Wutausbrüchen des Schauspielers - auch wenn niemand sich sein sicher konnte, ob diese wirklich echt waren oder Teil einer kalkulierten Selbstinszenierung. Die Gäste in Talkstudios lachten bald nur noch, wenn Kinski wieder einmal zu pöbeln begann, und viele Interviewer legten es förmlich darauf an, ihn mit Sticheleien zur Explosion zu bringen.

Etwa Sat.1-Moderator Armin Halle, der Kinski am 22. Oktober 1985 in seiner Sendung "APF Blick" begrüßte - und augenscheinlich um jeden Preis einen echten Kinski-Ausbruch in der Show erleben wollte. Erst spöttelte er über Kinskis "Karriere - wenn Sie je eine hatten". Im Gesicht des Schauspielers begann sich etwas zu regen, Halle setzte nach: "Warum haben Sie sich so unverschämt gegenüber unseren Kollegen in der NDR-Talkshow benommen?" Doch Kinski hatte genug. Er nahm das Mikro des Moderators, verabschiedete sich mit "Fuck you!" und ging - nicht ohne ihn noch ein paar mal mit "Asshole!" und "Shit!" anzuschreien.

Halle sagte nur: "Ja, das finde ich prima." Er hatte bekommen, was er wollte.

Late-Night-Talk mit Kettensäge

Armin Halles Arbeitgeber Sat.1 und dessen Konkurrenzsender läuteten damals gerade eine Revolution ein, die den Fernsehskandal zum Programm machte: Das Privatfernsehen, dass 1984 seine Premiere in der Bundesrepublik feierte, riss die Grenzen dessen ein, was man bisher im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zeigen durfte. Hugo Egon Balder präsentierte plötzlich blanke Busen in "Tutti Frutti", Moderator Dieter Moor zog in seiner Show "Canale Grande" auf Vox gleich selbst blank, und im RTL-Krawalltalk "Explosiv - der heiße Stuhl" wurden Holzhammer-Thesen wie "Männer sind hirnlos, unförmig und primitiv" meist nur kurz diskutiert - bevor die Teilnehmer sich nur noch anschrien und beleidigten.

Der Ausraster wurde zum Geschäftsprinzip und nirgendwo so ausgiebig bedient wie in den krawalligen "Daily Talks" der neunziger Jahre. Moderatoren wie Hans Meiser, Arabella Kiesbauer oder Bärbel Schäfer provozierten darin ihre Talkgäste regelmäßig so lange mit unerwarteten Vaterschaftstests und Seitensprunggeständnissen, bis die vor laufender Kamera ausrasteten.

Inzwischen wundert es keinen mehr, wenn Tom Cruise in einer Talkshow mit Oprah Winfrey wie wild geworden auf dem Sofa herumspringt, Komiker Tom Green den Bürotisch in seiner Late-Night-Show auf MTV mit einer Kettensäge zerteilt oder Ramona Drews im Schweizer Fernsehen ihre Muttermilch durchs Studio spritzen lässt. Würde Ton-Steine-Scherben-Manager Nikel Pallat heute noch einmal in einer Talkshow gegen das "Unterdrückungsinstrument" Fernsehen wettern - vermutlich würde ihm der Moderator selbst die Axt reichen.

Mehr Toleranz!

Den Tisch, den Bandmanager Pallat am Abend des 3. Dezember 1971 im Studio des WDR mit seinem Beil malträtierte, musste er übrigens nicht selbst bezahlen. Ein Fernsehzuschauer namens Hans Ruepp übernahm freiwillig die Kosten für Pallat - weil, so erklärte er zehn Tage nach der Sendung im SPIEGEL, "wir lernen müssen, Leute wie Pallat zu tolerieren".

Das haben die Fernsehzuschauer in den vergangenen 40 Jahren getan. Und gewöhnten sich an noch sehr vieles mehr: Striptease-Einlagen mit tätlichen Angriffen auf das Publikum, Spritzpistolenattacken auf Politiker oder Massenschlägereien im Parlamentssaal - einestages zeigt die größten Ausraster aus vier Jahrzehnten Fernsehgeschichte.

Artikel bewerten
4.5 (18 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 7 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
rainer Rusuntrutur, 02.12.2011
Dass Max Schradin von Kabel1 in diesem Artikel einen Platz verdient, ist beschämend. Was gibt es peinlicheres als einen gestellten "Ausraster"? Und das der nicht authentisch war, erkennt selbst ein taubstummer Sehgschädigter
2.
Markus Gröber, 02.12.2011
Lieber Spiegel, dass ihr diesen gefakten "Ausraster" auf 9live dazu genommen habt, ist nicht euer ernst oder? Das merkt doch ein Blinder mit Krückstock, dass es von vorne bis hinten gefaked ist. Nach dem Motto: Der Moderator kämpft für ihr Geld. Alles abgekaspert.
3.
Nikolai Schulz, 03.12.2011
Ton, Steine, Scherben waren schon immer anders ;-): http://www.memoro.org/de-de/Ton-Steine-Scherben_7863.html
4.
Dieter Rapeutin, 03.12.2011
Herr Spiegel, da kann ich mich meinen Vorrednern nur anschließen. Fake, faker, kabel 1. Schon etwas peinlich... Herr Schradin wird sich sicher bedanken, dass der Spiegel seine Laiendarbietung auch noch adelt... Im Übrigen verstehe ich nicht, warum der Perückengrapscher des Tarzan-Affen ein "Ausraster" sein soll. Wir sind hier doch nicht bei Pleiten, Pech und Pannen...
5.
Dani Grosskinsky, 04.12.2011
Man hätte den schönen Artikel mit 'Mehr Demokratie wagen' (http://www.youtube.com/watch?v=l5QLziJftAE) - Willy Brandt und den Diskussionen Kinskis (eigentlich Klaus Günter Karl Nakszynski) mit Walter Sachsa bzw. Werner Herzog (http://www.youtube.com/watch?v=75ADI9p2wHY&list=PLCFADCD7C8F741C31&index=2&feature=plpp_video) noch ein wenig abrunden können, die waren ziemlich einsame Klasse...
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH