Die irrsten Rekorde Jäger des Wahnwitzes

Die irrsten Rekorde: Jäger des Wahnwitzes Fotos
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Sie jonglieren mit Kettensägen, tippen 64 Bücher rückwärts ab oder baden in Klapperschlangen: Manche Menschen würden für ein paar Zeilen im Guinness-Buch der Rekorde alles tun. Die spektakulärsten Einträge in der Extremisten-Bibel liefern allerdings jene ab, die nie einen Rekord aufstellen wollten. Von Benjamin Maack

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Am Ende war er zu ausgezehrt, um noch um Hilfe zu rufen. Im April 1979 erlebte der Österreicher Andreas Mihavecz einen 18 Tage währenden Alptraum. Dabei hatte eigentlich alles ganz harmlos begonnen: Am 1. April jenen Jahres war der 18-Jährige von drei Gendarmeriebeamten irrtümlich wegen eines Verkehrdeliktes inhaftiert worden. Der junge Mann wurde in dem kleinen österreichischen Dorf Höchst am Bodensee in eine enge Arrestzelle im Keller des Reviers gesperrt - und dann einfach vergessen.

18 Tage und Nächte hoffte Mihavecz ohne Wasser und Nahrung auf seine Befreiung. Schließlich leckte er das Kondenswasser von den Wänden, um zu überleben. Am 19. April wurde Mihavecz schließlich gefunden. Zufällig. "Weil es aus der Zelle stank", wie einer der Polizeibeamten später bei der Gerichtsverhandlung zu Protokoll gab. Mit 25 Kilo Gewichtsverlust wurde der unschuldig Eingesperrte sofort ins Krankenhaus eingeliefert und kam knapp mit dem Leben davon.

In der Welt der "Guinness World Records" kann auch diese schier unfassbare Leidensgeschichte ein Superlativ sein. Zwischen Einträgen über das weltgrößte Furzkissensitzen, die meisten Valentinskarten an ein Meerschweinchen oder die längsten Fußnägel findet sich der unfassbare Vorfall im Guinness-Buch der Rekorde 2009 als Bestleistung für das "Längste Überleben ohne Nahrung und Wasser" in der Kategorie "Glück im Unglück". Manch einer könnte das makaber finden.

Ein kleiner Fetzen Ewigkeit

Doch blättert man das Kompendium der Extreme aufmerksam durch, stößt man auf viele Menschen, die freiwillig bereit sind, ihr Leben oder zumindest ihre Gesundheit zu riskieren: Der Brite Manjit Singh zog einen Linienbus 6,1 Meter weit - mit seinen Ohren. Aaron Gregg aus den USA jonglierte mit drei laufenden Kettensägen. Sein Landsmann Darren Taylor stürzte sich aus 10,7 Metern Höhe in das seichte Nass eines Planschbeckens.

Dabei erwarten die tollkühnen Rekordhalter keine Medaillen oder Pokale, keine Geld- oder Sachpreise, kein Leben als Popstar. Nur ein paar Zeilen im "Guinness World Records"-Buch, ein kleiner Fetzen Ewigkeit sozusagen. Trotzdem gehen wöchentlich fast tausend Vorschläge für Rekorde aus der ganzen Welt bei der Redaktion ein. "Die meisten werden sofort abgelehnt", erklärt Olaf Kuchenbecker, Redakteur der deutschen Ausgabe der Superlative-Sammlung. Die Rekorde müssen nicht nur messbar und beweisbar sein, sie müssen sich auch mit den moralischen Grundsätzen der Herausgeber vereinbaren lassen. Die fragwürdigen Rekordideen beginnen dabei mit dem Mästen des Haustiers, um als Besitzer der fettesten Katze der Welt in die Annalen einzugehen.

Und sie enden bei dem absurden Promotion-Gag des chinesischen Freizeitparks "Flying Dragon World", der eigentlich zu wahnsinnig ist, um wahr zu sein. Um einen der begehrten Plätze im Guinness-Buch zu ergattern, zogen die findigen Park-Manager alle Register: Für 99 Tage sperrten sie einen Mann, drei Frauen, ein dreijähriges Kind und ein Baby in ein Glashaus - zusammen mit 38.888 zum Teil giftigen Schlangen. Der Rekordversuch wurde zum Horror für die Eingesperrten. Nachdem sie bereits einige Male gebissen worden waren, baten sie darum, abzubrechen. Von wegen! Ihr Ansinnen wurde von der Leitung des Parks abgelehnt. Den begehrten Eintrag ins Guinness-Buch gab's trotzdem nicht. "Wir ermutigen Leute nicht, ihr Leben für Rekorde zu riskieren", kommentierten die Hüter des Grals der Spitzenleistungen die Wahnsinnsaktion.

Dreimal hingerichtet - und noch am Leben

Während viele Leute fast alles tun würden, um sich mit einer irrwitzigen Leistung in die Extremisten-Bibel einzuschreiben, sind es oft andere Geschichten, die den tiefsten Eindruck hinterlassen. Nämlich die Erlebnisse von Menschen, die nie darüber nachgedacht haben, ob sie gerade einen Rekord aufstellen.

Der Australier Joseph Samuel etwa hatte sicherlich anderes im Sinn, als er seine Bestleistung ablieferte. Der überführte Mörder war 1803 zum Tod durch den Strang verurteilt worden. Am 26. September sollte das Urteil in Sydney vollstreckt werden. Sollte. Denn beim ersten Versuch, den 22-Jährigen hinzurichten, riss das Seil. Und auch der zweite Versuch ging schief - der Strick hatte sich soweit gedehnt, dass der Verurteilte mit den Zehen den Boden berührte. Als dann bei Versuch Nummer drei auch noch das Ersatzseil riss, gaben die Henker auf. Samuel wurde begnadigt - und hält bis heute den Rekord in der Kategorie "Meiste Hinrichtungsversuche durch den Strang überlebt".

Ein weiterer Champion, der wohl nie in seinem Leben darüber nachgedacht hat, ob sein Handeln ihn berühmt machen könnte, ist Stephan Kovaltchuck. Als die Nazis in sein Dorf in der West Ukraine einfielen, versteckte sich der damals 18-Jährige auf dem Dachboden seines Elternhauses - und verließ ihn auch nach dem Ende des Krieges nicht mehr. Erst 1999 begab er sich, inzwischen 75-jährig, zurück in die Welt da draußen. Seine Schwester, die ihn 57 Jahre lang versorgt hatte, war gestorben. Warum er sein Versteck so lange nicht verlassen hatte, verriet der Greis niemandem.

Auch Michele Santinelia hat bis heute nicht erklärt, wie er auf die Idee für seinen Rekord kam. Bis heute hat der Italiener 64 Klassiker der Literaturgeschichte in ihrer jeweiligen Sprache abgetippt. Und zwar rückwärts, vom allerletzten Punkt bis zum ersten Initial. Darunter Homers "Odyssee", Shakespeares "Macbeth" und das "Ägyptische Totenbuch" - selbstverständlich in Hieroglyphen.

"Viele Leute haben das Bedürfnis, sich kreativ auszudrücken", sagt Olaf Kuchenbecker, "und sie denken wohl: Die Anerkennung, die ich brauche, kriege ich bei 'Guinness World Records'." Der Rekorde-Redakteur muss es wissen. Denn der 40-Jährige nimmt nicht nur seit 2000 Rekordversuche ab, die in Deutschland gestartet werden, er steht auch selber im Guinness-Buch: Mit seiner Country-Band "Kansas City" hält er die Bestmarke für die meisten Auftritte einer Band in zwölf Stunden.


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