Die langweiligsten Filme der Welt Kino mit Gähn-Defekt

Die langweiligsten Filme der Welt: Kino mit Gähn-Defekt Fotos

Kein Ton, keine Handlung - dafür fast 10.000 Minuten Laufzeit: Bei manchen Filmen schlafen selbst den wackersten Cineasten die Füße ein. einestages präsentiert die lahmsten Kinoerlebnisse - vom kürzesten Leinwandschlafmittel bis zum längsten Film der Welt. Von

  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 23 Kommentare
    3.4 (50 Bewertungen)

Ein Raum. Eine Wand mit vier Fenstern. Dahinter, undeutlich, eine Straße. Zwei Männer tragen in Begleitung einer Frau einen Schrank in das Zimmer. Verkehrslärm.

Quietschende Bremsen, Lastermotoren. Dann flackert kurz das Bild. Eine Minute später betreten zwei Unbekannte den Raum. Sie stellen kurz das Radio an. Es läuft "Strawberry Fields Forever" von den Beatles. Das Bild färbt sich für ein paar Sekunden rot.

Das sind die ersten fünf Minuten des Films "Wavelength".

Dann beginnen die Farben des Bildes plötzlich zu wechseln. Blasses Rosa, düsteres Grün, grau, gelb, bläulich, orange… Ein Sinuston setzt ein. Wir warten. Wir betrachten die Farben, lauschen dem Ton, schauen in das leere Zimmer. Wir sind jetzt bei Minute 13. In einer Liebeskomödie hätten sich die beiden Hauptakteure bereits das erste Mal getroffen, bei einem Jean-Claude-van-Damme-Film wären schon ein halbes Dutzend Schurken zu Boden gegangen.

Spätestens jetzt merken wir, dass die Kameraeinstellung eigentlich ein endlos langsamer Zoom ist. Der Ton bleibt. Ein langgezogenes Brummen, das sich tief ins Ohr bohrt. 15 Minuten, und dieser durchdringende Ton hört einfach nicht auf. Aber die bunte Colorierung, das Flackern, ist weg. Der Raum ist wieder normalfarben.

16. Minute. Merkwürdige Klänge außerhalb des Bildes. Schüsse? Oder Schläge? Zerspringendes Glas? Ein Kampf? Wieder die Farben.

17. Minute. Eine Person kommt ins Bild, fällt, bleibt reglos liegen. Der Ton, der Zoom, die Farben, das Flackern, die Leiche. Dieser Ton. Er treibt einem Schwindel und Übelkeit in den Leib. "Wavelength" wird jetzt zu einer körperlichen Erfahrung. Bis zum Ende des Films wird dieser Klang sich zu einem alle Sinne betäubenden Fiepen hochgeschraubt haben. Noch 25 Minuten. 25 Minuten Zoom, 25 Minuten Flackern, Farben, Ton. 25 Minuten, in denen praktisch nichts passiert.

Wettlauf um den längsten Film

"Wavelength" ist eine dreiste Geduldsprobe. Erst ist der Film des britischen Experimentalfilmers Michael Snow langweilig, dann nervig und ab einer bestimmten Tonfrequenz grenzt er an Körperverletzung - bis man bereit ist, alle seine Erwartungen an das Medium Film für die Länge des Experiments über den Haufen zu werfen. Dann wird Snows Versuch in Langsamkeit von 1967 zum Meisterwerk, das in einem Atemzug mit Louis Bunuels Dadaismus-Klassiker "Ein andalusischer Hund" und Kenneth Angers Underground-Blaupause "Scorpio Rising" genannt werden kann.

Die Kritiker der New Yorker Zeitschrift "Village Voice" waren sogar so begeistert von "Wavelength", dass sie ihn in die Liste der 100 besten Filme des 20. Jahrhunderts aufgenommen haben. Das renommierte Kunstmagazin "Artforum" schrieb: Snows Schöpfung sei "wahrscheinlich der am strengsten komponierte Film, den es gibt". Und mit eben dieser gnadenlosen Einfachheit der Mittel erkundet "Wavelength" die Grenzen seines Mediums - die Dehnbarkeit von Zeit und Raum, die Wirkung von Klang und Handlung.

Immer wieder tauchen Filme auf, die ihre Zuschauer mit seltsamen Konzepten konfrontieren. So gibt es einen, dessen Hauptdarsteller statt richtiger Dialoge nur Grunzlaute von sich geben, ein anderer wurde gar komplett ohne Bild gedreht. Dann sind da natürlich noch jene Werke, die sich so sehr in irren, kaum nachvollziehbaren Bilderwelten oder vollkommen abstrakten Konzepten suhlen, dass keiner mehr folgen kann - vielleicht nicht einmal die Regisseure selbst. Und seit den späten sechziger Jahren gibt es einen Wettstreit um die zweifelhafte Ehre, Regisseur des längsten Leinwanderlebnisses überhaupt zu sein. Und so viel steht fest: Verglichen mit dem derzeit Führenden wirken die dreieinhalb Stunden von "Vom Winde verweht" wie ein Blinzeln.

Viele dieser Filme sind auf den ersten Blick einfach nur ermüdend, manche praktisch nicht anschaubar und doch entpuppen sich erstaunlich viele von ihnen als Meisterwerke. einestages hat eine Galerie der langweiligsten Filme zusammengetragen, vom kürzesten Werk bis zum bis dato längsten Film - und sagt, warum sie doch nicht lahm sind:

Fotostrecke

21  Bilder
Die langweiligsten Filme der Welt: Kino mit Gähn-Defekt

Artikel bewerten
3.4 (50 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 23 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Franziska Kast, 31.05.2011
Also, gegen die Aufnahme der jeweils auf ihre Art wirklich großen Filme "Intolerance" und "Letztes Jahr in Marienbad" möchte ich ja leise protestieren. Diese Filme sind ebensowenig "langweilig" wie die Filme von Andrej Tarkowskij, sie setzen aber einen gewissen Willen voraus, sich mit ihnen zu beschäftigen. Da würden mir vorher noch einige Folterwerke des selbstverliebten Herrn Tykwer einfallen, auch wenn die nicht ganz so lang sind. Was ich aber als heißen Favoriten auf dieser Liste intensiv vermisse ist das 432 Minuten lange, "Satan's Tango" betitelte ungarische Grauen, das ich in meinen glorreichen Filmvorführer-Zeiten einer interessierten Zuschauerschaft von zwei Personen zu zeigen hatte. Dass diese nicht spontan verendet sind, wundert mich bis heute. Tarr wäre gerne Tarkowskij, aber außer einer vagen Namensähnlichkeit gibt es da wenig Berührungspunkte. Stundenlange Plansequenzen können sehr, sehr, sehr langweilig sein, wie Tarr eindrucksvoll zeigt. Müssen Sie aber nicht - wie Tarkowskij in "Opfer" ebenso eindrucksvoll demonstriert. Aber gut, ein Gábor Medvigy ist halt auch kein Sven Nykvist...
2.
Walter Bohnheimer, 31.05.2011
Ja, solche Interpreten wie Benjamin Maack braucht moderne Kunst. Dort etwas finden, wo eigentlich nichts ist. Also etwas in sich selbst finden. Aber ist das Kunst? Oder besser gefragt: Wer ist da der Künstler? Wenn ich wirklich unverblümt haargenau wissen möchte, wie monoton ein Gang durch die Wüste ist, gehe ich durch die Wüste und nicht ins Kino. Kunst ist für meine Begriffe das Vermögen, jemandem zu neuen Einsichten zu verhelfen, ohne ihn vor den Latz zu knallen, ohne alles von Adam bis Eva in Frage zu stellen. Wie Schopenhauer sagte: Man benutze gewöhnliche Worte und sage ungewöhnliche Dinge, nicht umgekehrt.
3.
Frank Frank, 31.05.2011
Wenn Maack Meilensteine des Kinos wie Kubricks "2001 Odyssee im Weltraum" und Camerons "Avatar" langweilig findet, was findet er dann *nicht* langweilig? Ich denke es ist eher das Medium Film, das ihn grundsätzlich langweilt nicht die einzelnen Filme selbst.
4.
Luca Nagel, 31.05.2011
Danke für diese Zusammenstellung.
5.
Peter Schmidt, 31.05.2011
Zitat von Frank Frank "Wenn Maack Meilensteine des Kinos wie Kubricks "2001 Odyssee im Weltraum" und Camerons "Avatar" langweilig findet, was findet er dann *nicht* langweilig?" Avatar ein Meilenstein des Kinos?! Ich bitte Sie! Avatar ist technisch vielleicht ein Meilenstein, in Bezug auf Animation, Rendering u. 3D-Effekt. Vom Plot her ist Avatar allerdings ein totlangweiliger 0815-Hollywood Kinderfilm. Sorry aber wer Avatar ernsthaft als geistigen und intelektuellen Meilenstein der Filmgeschichte sieht, sollte lieber bei Disney-Filmen bleiben ;-)
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH