Die letzte "Titanic"-Überlebende Souvenirs vom Todesdampfer

Auf der "Titanic" sollte sie als Baby mit ihrer Familie nach Amerika auswandern, nun ist sie mit 97 Jahren die letzte Überlebende der "Titanic": Die Engländerin Millvina Dean lebt in einem Altersheim und muss nun ihre "Titanic"-Andenken verkaufen, um ihre Rechnungen zahlen zu können.

Man hielt den Luxusdampfer für unsinkbar, aber nicht für sehr lange. Auf seiner Jungfernfahrt rammte er einen Eisberg und sank.

Man hielt den Luxusdampfer für unsinkbar, aber nicht für sehr lange. Auf seiner Jungfernfahrt rammte er einen Eisberg und sank.


Millvina Dean war gerade neun Wochen alt, als sie vom Deck der sinkenden Luxusliners "Titanic" in ein Rettungsboot gehoben wurde. Sie war der jüngste Passagier an Bord des legendären Dampfers und ist nun, 97 Jahre später, der einzige noch lebende Mensch, der die sagenhafte Tragödie überstand.

Sie wohnt in einem Altersheim in der Nähe der englischen Küstenstadt Southampton, dem Heimathafen der "Titanic". Das kostet sie 3000 Pfund monatlich, eine große Summe für die ehemalige Sekretärin, die keine Kinder hat, von denen sie Unterstützung bekommen könnte. Darum versteigert Dean an diesem Samstag 17 Souvenirs aus ihrer persönlichen Titanic-Sammlung.

"Es sind die letzten Sachen, die sie verkaufen möchte", sagt Alan Aldrige vom Auktionshaus Henry Aldridge in der Kleinstadt Devizes. Die alte Dame hofft auf einen Erlös von über 30.000 Pfund - so viel wie bei ihrer ersten Auktion vor einem halben Jahr. Davon ließe sich das Altersheim ein weiteres knappes Jahr bezahlen.

Das "Baby von der 'Titanic'"

Danach ist sie auf die Wohltätigkeit der weltweiten Titanic-Fangemeinde angewiesen. Die geht in die Tausende - allein die "British Titanic Society" hat 5000 Mitglieder, die jährlich 12,50 Pfund Mitgliedsbeitrag zahlen. Die Gesellschaft hat Dean zur Ehrenpräsidentin ernannt und einen "Millvina-Fonds" eingerichtet. Sie sei eine "sehr besondere Lady", wirbt die Gesellschaft.

Dean ist sich bewusst, dass sie ihre Berühmtheit einem Zufall zu verdanken hat. "Wenn das Schiff nicht untergegangen wäre, wäre ich eine Amerikanerin mit einem gewöhnlichen amerikanischen Leben", sagte sie kürzlich einem BBC-Reporter. So aber ist sie eine Engländerin, deren Biografie im Zeichen jener schicksalhaften Reise von Southampton nach New York steht. Als "Baby von der Titanic" wurde sie international bekannt.

Ins Scheinwerferlicht geriet sie dabei erst recht spät: Es begann 1985, als das "Titanic"-Wrack im Nordatlantik auf dem Meeresboden gefunden wurde. Seither gibt sie Interviews und Autogramme, empfängt Besucher, redet vor Schulklassen, beantwortet Fanpost und besucht "Titanic"-Veranstaltungen. Anfang April war sie die Hauptattraktion beim Jahrestreffen der "British Titanic Society". Im Laufe der Jahre sind alle anderen Überlebenden der Katastrophe gestorben - zuletzt Barbara West Dainton aus Cornwall im Oktober 2007. Sie war das andere "Baby von der Titanic". Diesen Titel hält Dean nun allein.

Der Vater starb im eiskalten Nordatlantik

Unzählige Male hat sie ihre Geschichte erzählt, auch wenn sie selbst keine Erinnerung an die Reise hat. Die kleine Millvina war an jenem 10. April 1912 zusammen mit ihren Eltern und dem zweijährigen Bruder Bertram Vere auf die große Fahrt übers Meer gegangen. Sie reisten Dritter Klasse: Ihre Eltern Bertram und Georgetta Dean waren arme Auswanderer, wie so viele andere Passagiere auch. Ein Onkel Georgettas, der in Kansas City wohnte, hatte sie überzeugt, dass ihre Zukunft in Amerika liege. Der 27-jährige Bertram wollte in Kansas einen Tabakladen eröffnen. Er hatte Fahrkarten für ein anderes Schiff gekauft, aber wegen eines Kohlestreiks war die Kohle knapp und nur die "Titanic" konnte auslaufen - mit der jungen Familie an Bord.

Nach der Kollision mit dem Eisberg in der Nacht vom 14. auf den 15. April 1912 konnten Mutter und Kinder sich vom Schiff retten, weil der Vater sie rechtzeitig an Deck gebracht hatte. Bertram Dean selbst starb im eiskalten Wasser. Die Familie wurde nach New York gebracht und kehrte kurz darauf nach England zurück. Erst als Millvina acht Jahre alt war, erzählte ihr die Mutter von der Schiffskatastrophe.

Unter Deans Erinnerungsstücken, die am Samstag zum Verkauf stehen, ist ein alter Postsack von jenem Umzug. Aldridge schätzt seinen Wert auf 3000 Pfund. Auch die anderen Objekte, die Dean versteigert, stammen nicht von Bord der "Titanic" - daher die relativ geringen Summen. Für Fundstücke von Bord werden höhere Preise gezahlt. Ein Schlüssel des Stewards Edmund Stone für das E-Deck soll bei der Auktion 60.000 Pfund erbringen. Ein Brief des Leitenden Offiziers Henry Wilde, geschrieben auf "Titanic"-Briefpapier, wird auf 20.000 Pfund geschätzt. Drei Tage vor Abfahrt drückte Wilde darin seine Sorge aus, dass die Crew weit hinter dem Zeitplan liege: "Wir arbeiten Tag und Nacht".

"Andenken bunkern für das Jubiläumsjahr

Dass bis zuletzt gearbeitet wurde, bestätigt auch ein Brief des Parfüm-Industriellen Adolphe Saalfeld, der am Abfahrtstag in seiner Kabine in der Ersten Klasse schrieb: "Ich bin gerade eine Stunde auf diesem wundervollen Boot herumgelaufen. Meine Kabine gefällt mir sehr gut - es ist eine Art Wohnschlafzimmer und ziemlich groß. Ich bin der erste Mensch, der einen Brief an Bord schreibt. Sie sind noch dabei, letzte Hand an Bord anzulegen".

Millvina Dean hat keine Briefe, dafür versteigert sie Fotos von sich selbst - mit einer Widmung der letzten Überlebenden der Titanic. Sie wird die Nachricht von der Auktion auf dem Krankenbett empfangen. Sie hat eine Halsentzündung und kann daher auch keine Interviews geben. "Es geht ihr nicht gut", sagt Auktionator Aldrige. Doch er hofft, dass sie auch den 100. Jahrestag des Unglücks noch erleben wird.

Dann soll eine neue Welle der "Titanic"-Begeisterung um den Globus rollen, die sogar das "Titanic"-Jahr 1997 noch übertreffen könnte, als der Hollywood-Blockbuster mit Leonardo di Caprio und Kate Winslet die Welt eroberte. Schon jetzt bunkerten die Leute ihre Memorabilia für das Jubiläumsjahr, um sie dann meistbietend zu verkaufen, sagt Aldridge. "Das Interesse an der Titanic ist größer denn je."



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