Schock-Kinderliteratur Pädagogische Horrorshow

Kindsmord, Massaker, nukleare Mutanten: Gudrun Pausewang traumatisierte in den Achtzigern mit drastischen Büchern über Atomkrieg und Umweltverschmutzung eine ganze Schülergeneration. einestages erinnert an die grausigsten Schock-Romane, die uns damals um den Schlaf brachten und Lehrer entzückten.

Ravensburger Verlag

Von Judith Liere


"Ich sitze in meinem Dreck", sagte er. "Ich bin schon ganz wund. Sie hat mich saubergehalten und hat mir zu essen gebracht. Sie ist nicht mehr da. Kannst du dir nicht vorstellen, dass ich fort möchte aus diesem Elend? Das ist kein Leben mehr. Bitte!" Er griff wieder nach der Schlinge. Diesmal riss ich sie ihm nicht aus der Hand. Er bedankte sich und legte sie sich um den Hals. "Fertig", sagte er. "Du musst aber fest treten, hörst du?" Ich schluckte. Dann trat ich mit aller Gewalt gegen den Wagen, dass er fortschoss, und rannte davon. Erst am Ende des Parks schaute ich mich um. Da pendelte Andreas noch.

Dies ist keine Szene aus einem Horrorfilm, sondern die Schilderung aus einem der bekanntesten Jugendbücher Deutschlands: "Die letzten Kinder von Schewenborn". Der Roman begeisterte in den achtziger Jahren Deutschlehrer der ganzen Bundesrepublik - und bescherte Tausenden Schülern Alpträume. Eine ganze Generation wurde damals von Gudrun Pausewang und gleichgesinnten Autoren traumatisiert, die mit ihren für "pädagogisch wertvoll" befundenen Schocker-Büchern die Apokalypse in deutsche Kinderzimmer brachten.

Pausewangs Werke sind Horrorklopper ohne Trost und Happy End, dafür mit reichlich expliziten Schreckensszenen. Dennoch - oder gerade deshalb - wurden sie in vielen Schulen zur Pflichtlektüre. Denn sie versetzten die Schüler zwar in Angst und Schrecken, aber immerhin im Dienste der vermeintlich richtigen Sache.

Kindsmord und Mutationen

Die Autorin hatte ihren Roman mit dem düsteren Untertitel "...oder sieht so unsere Zukunft aus?" 1983 geschrieben, zur heißesten Zeit des Kalten Krieges. Die damals allgegenwärtige Angst vor einem Nuklearkrieg spiegelte sich überdeutlich in der Handlung wider: Die Geschichte malt das Leben in einer hessischen Kleinstadt nach einem Atombombenangriff in grausigen Details aus, von Schilderungen verstümmelter Verletzter bis zu Beschreibungen der überall herumliegenden Leichen. Erzählt wird die Handlung aus der Perspektive des Jungen Roland, dessen Freunde und Geschwister nach und nach an den Folgen des Angriffes sterben. Weil alle Überlebenden zu krank und geschwächt sind, um die Toten zu begraben, werden ihre Leichen nur noch mit Steinen bedeckt oder verbrannt.

Pausewang hatte sich merklich bemüht, das Endzeitszenario so grauenerregend wie möglich zu schildern. Die eingangs zitierte drastische Szene, in der Roland einem verletzten Jungen dabei hilft, sich zu erhängen, war dabei noch nicht einmal der schlimmste Schockmoment. Unvergesslich blieb den meisten Kindern, denen das Buch damals von pazifistischen Lehrern oder Eltern aufgenötigt worden war, vor allem die Szene, in der Rolands kleine Schwester geboren wird. Rolands Mutter stirbt bei der Geburt, das Baby selbst ist missgebildet: "Jessica Marta hatte keine Augen. Dort, wo sie hätten sein müssen, war nichts als Haut, gewöhnliche Haut. Nur eine Nase war da, und ein Mund, der an meiner Brust herumsuchte und saugen wollte." Der Vater tötet das Kind, weil er es für nicht lebensfähig hält: "Was ist wohl barmherziger – so oder so?"

Als barmherziger hätten es vermutlich viele junge Leser, die damals unter ihren Bettdecken beteten, nicht im Schlaf durch einen Atombombenabwurf in radioaktive Mutanten verwandelt zu werden, empfunden, wenn ihr Deutschlehrer ihnen die Horrorlektüre erspart hätte. Pausewang hingegen entschuldigte sich in ihrem Nachwort sogar noch bei ihren jungen Lesern, nicht drastisch genug geworden zu sein: "Ich habe die Katastrophe und ihre Folgen hier glimpflicher und harmloser geschildert, als sie vermutlich in Wirklichkeit wäre. Denn ich musste jemanden überleben lassen können, der noch in der Lage ist, darüber zu berichten."

Massaker für die Umwelterziehung

Kritische Stimmen, ob so etwas Heranwachsenden zuzumuten sei, wurden schnell weggewischt: Die Welt ist grausam, und das müssen wir auch unseren Kindern vermitteln, damit sie sich dagegen engagieren, hieß es. So lobte etwa die "Zeit" im März 1983: "Pausewang wagt es, keine Konzessionen an die ängstlich propagierte beschränkte Aufnahme- und Verarbeitungsfähigkeit junger Leser zu machen. Ihr Thema gibt ihr Recht."

Auch die Autorin selbst wies ihre Kritiker zurecht: "Gerade jene Eltern, die ihre Töchter und Söhne vor einer solchen Lektüre bewahren wollen, sind meistens diejenigen, die mit meinem Buch nicht fertigwerden, weil sie die Rüstungsproblematik bisher verdrängt haben." Sie betonte, dass man Kindern keinen Gefallen tue, wenn man sich ständig bemühe, sie von Furcht und Elend fernzuhalten.

Ein Vorwurf, den man Pausewang beileibe nicht machen konnte: Vier Jahre nach den "Letzten Kindern von Schewenborn" schrieb sie einen neuen Schocker-Roman über die atomare Katastrophe, diesmal nicht ausgelöst durch Bomben, sondern durch ein Reaktorunglück: "Die Wolke".

Auch darin, so wirkte es, sollten sich die Schüler gefälligst möglichst detailreich mit Furcht und Elend auseinandersetzen: Von "achtzehntausend Toten" ist im Buch die Rede, "und jeden Tag werden es mehr". Ganz Mitteleuropa ist verstrahlt, die Menschen schlagen sich gegenseitig halb tot, um an Lebensmittel zu kommen. Wieder wurde den Schülern drastisch gezeigt: Wenn es darauf ankommt, ist sich jeder selbst der Nächste. So wurden in dem Buch direkt nach dem Reaktorunglück die Menschen in der innersten Sperrzone von Polizei und Militär in Schutzanzügen erschossen, weil sie "so verseucht gewesen" seien, "dass sie den anderen gefährlich geworden wären. Und es heißt, sie hätten sowieso keine Überlebenschance gehabt. Sie wären langsam und qualvoll verreckt."

"Das Kotzen hörte gar nicht mehr auf"

Wieder passte Pausewangs Horrorszenario perfekt in den Zeitgeist, nur dass es diesmal nicht den Kalten Krieg, sondern die allgegenwärtigen Umwelt-Schreckensmeldungen der achtziger Jahre aufgriff. "Unsere Gegenwart sind tote Flüsse, sterbende Wälder, verstrahlte Wiesen und vergiftetes Trinkwasser", schrieb "Die Zeit" in ihrer Rezension, "Gott sei Dank gibt es eine Vielzahl von Schriftstellern, die sich weigern, ihre Leser mit falscher Hoffnung zu bedienen".

Das literarische Einschüchtern junger Leser, um sie zu kritischen Bürgern zu erziehen, war zu dieser Zeit pädagogisch voll en vogue, wie viele Schüler am eigenen Leib erfuhren. Geeignete Angstthemen gab es mehr als genug: Zur Aufarbeitung des Zweiten Weltkriegs standen Bücher über Flucht, Bomben und Vernichtung auf dem Stundenplan. In "Der gelbe Vogel" erzählte US-Autor Myron Levoy vom jüdischen Mädchen Naomi, das mitansehen muss, wie ihr Vater von den Nazis erschlagen wird, und das schwer traumatisiert in der Psychiatrie landet. Hans Peter Richter beschrieb in "Damals war es Friedrich”, wie ein jüdischer Junge in Berlin bei einem Bombenangriff stirbt, weil ihn die Nachbarn nicht in den Luftschutzkeller lassen wollen.

Später kamen Tagebücher von Drogenabhängigen dazu ("Wir Kinder vom Bahnhof Zoo", "Fragt mal Alice"), um die Gymnasiasten vom Heroin abzuhalten. Auch sie waren keineswegs zimperlich geschrieben. So schilderte etwa Christiane F. in ersterem Roman ihre Entzugsversuche: "Es war weißer Schaum, den ich auf den Teppich spuckte. Ich dachte, wie früher bei meiner Dogge, wenn sie Gras gefressen hatte. Das Husten und das Kotzen hörten gar nicht mehr auf."

Rebellion gegen die Eltern

In den Stadtbibliotheken standen bald Regale voll pädagogisch wertvoller Horrortrips. Der französische Kinderbuchautor Tomi Ungerer erklärte: "Man muss die Kinder traumatisieren, um ihnen eine Identität zu geben." Aber waren die drastisch-realistischen Darstellungen der Vergangenheit und der realitätsnahe Entwurf einer drohenden Apokalypse tatsächlich der richtige Weg, Kinder und Jugendliche zu engagierten Bürgern zu erziehen? Oder halfen diese Bücher nicht eher der Elterngeneration, ihre eigenen Alpträume und den Schrecken über ihre bisher gemachten Fehler zu verarbeiten - auf Kosten ihrer Kinder?

Immerhin: Irgendwann wurden diese Kinder groß, und irgendwie schafften sie es, ihre erzieherisch verordnete Traumatisierung zu überwinden. Sie rebellierten gegen das, was ihre Eltern ihnen vorgelebt hatten, aus Bürgersöhnen wurden Punks - und aus Hippietöchtern Investmentbankerinnen. Und so wurde am Ende doch noch etwas aus der Generation, die mit den Schreckensromanen über Umweltzerstörung und Atomkrieg eingeschüchtert worden war: Nämlich die unpolitische, hedonistische "Generation Golf". Florian Illies, der Autor des gleichnamigen Buches, hatte in seiner Grundschule im hessischen Schlitz übrigens Gudrun Pausewang als Lehrerin.



insgesamt 41 Beiträge
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Seite 1
An On, 28.02.2014
1.
Der einzige Traumatisierte scheint der Autor dieses Textes zu sein... Da wollte wohl jemand noch ein bisschen laenger in der heilen Welt seines Kinderzimmers bleiben.
Stephan Jansen, 28.02.2014
2.
Schock-Kinderliteratur??? War doch harmlos gegen Hänsel & Gretel, Rotkäppchen etc ....
Wilhelm Schürholz, 28.02.2014
3.
ekelhafte Schundliteratur!
Ralf Langen, 28.02.2014
4.
Danke für diesen Artikel. Es waren eben nicht Hänsel und Gretel, wie einer der Foristen schreibt, sondern ganz reale Gefahren dieser Zeit. Welchen Wert es hat, Kinder in dieser Form damit zu konfrontieren habe ich nie verstanden.
Holm Reuter, 28.02.2014
5.
Der Autor hat die Stimmung der Bücher gut getroffen. 5/8 habe ich selbst im Lauf meiner Schulzeit für den Unterricht lesen müssen. "Die Wolke" war dabei das erste und ich entsprechend am jüngsten. Hat es mir geschadet? Denke nicht. Hätte man sinnvolleres lesen können/sollen? Vermutlich schon. Aber gerade das Atom-Thema war damals halt sowas von "in", ging wohl leider nicht anders.
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