Umstrittener Nervenarzt Der Mann mit dem Eispickel

In Minutenschnelle wollte der US-Mediziner Walter Freeman seine Patienten von Depressionen, Schizophrenie und anderen Erkrankungen heilen. Seine Instrumente: ein Eispickel und ein Hammer. Tausenden Patienten rammte er sein Werkzeug in die Augenhöhle - und entlastete damit die Staatskasse.

Corbis

Neugierig streckten die zahlreichen Zuschauer ihre Köpfe nach vorn. Schließlich sollten sie in wenigen Sekunden Zeuge eines medizinischen Eingriffs werden, der auch erfahrenen Ärzten, Pflegern und Krankenschwestern kalte Schauer den Rücken hinuntersandte. Im Mittelpunkt des Interesses stand an diesem 7. Juli 1949 im Western State Hospital im US-Bundesstaat Washington der Neurologe und Psychiater Walter Freeman. Gekleidet in einen weißen Kittel, der die Arme bis zu den Schultern freiließ, hob er gerade das Augenlid des vor ihm liegenden Patienten an und begann eine zentimeterlange Nadel, einem Eispickel nachempfunden, mit scharfer Spitze etwas oberhalb des Augapfels immer weiter in die Augenhöhle des Patienten zu schieben.

Erst als Freeman mit seiner Nadel auf den Schädelknochen stieß, stoppte er den Druck. Nun griff er zu dem bereitliegenden kleinen Hammer. Ein paar Schläge, und der dünne Knochen gab nach. Jetzt war Freeman mit seiner metallenen Nadel am Ziel: im Gehirn. Die gleiche Prozedur nahm er schließlich am anderen Auge vor. Er trieb das Metall weiter in die Hirnmasse vor, ließ Nadeln kreisen und ruckeln. Und zerstörte so das dortige Nervengewebe.

Der Eingriff dauerte nur wenige Minuten. "Transorbitale Lobotomie" nannte Freeman seine Methode, aus den altgriechischen Wörtern für "Lappen" und "Schneiden" zusammensetzt. Fast keine neurologische oder psychische Erkrankung, die der Arzt damit nicht zu heilen können glaubte: Depression, Schizophrenie, Psychosen, auch Alkoholismus. Doch die meisten seiner Patienten verdammte Freeman mit seinem Eingriff zu einem Leben in Apathie. Manche erwachten mit dem Verstand eines kleinen Kindes, viele waren ihrer Emotionen und Persönlichkeiten beraubt oder behindert, einige starben.

Die Geburtsstunde der Psychochirurgie

Am 14. November 1895 war der später als "Lobotomist" in den ganzen USA bekannte Walter Jackson Freeman in Philadelphia zur Welt gekommen. Der wenig sportliche und zutiefst schüchterne Freeman hatte nach der Schule die Eliteuniversität Yale besucht. Hier fiel Freeman zunächst als eher unmotivierter Student auf - bis er seine Leidenschaft entdeckte: die Medizin. Insbesondere die Erforschung des menschlichen Gehirns hatte es ihm angetan.

Als Neurologe fand Freeman eine Anstellung im angesehenen Saint Elizabeths Hospital in Washington D.C. Hier avancierte der wissbegierige junge Mediziner schnell zu einer Koryphäe. Die Patienten der Psychiatrie ließen ihn eine "eigenartige Mischung aus Furcht, Abscheu und Scham" fühlen, wie er einmal notierte. Interessiert war er an den Patienten "nicht auf einer persönlichen Ebene", wie er einräumte. "Stattdessen wollte ich alles über das Gehirn von Psychotikern lernen, was ich konnte."

Wirklich helfen konnten Freeman und seine Kollegen zu dieser Zeit aber nur den wenigsten Patienten. Die Therapien der damaligen Ärzte waren geradezu verzweifelt. Kranke wurden vorsätzlich mit Malaria infiziert, ihnen wurden Stromstöße verabreicht und Insulinschocks versetzt. Letztlich blieb den Ärzten in vielen Psychiatrien nichts anderes übrig, als die Menschen zu verwahren.

Die vermeintliche Lösung kam 1935 aus Europa. Hier bohrte der Neurologe Egas Moniz seinen psychisch kranken Patienten Löcher in den Schädel, um sie direkt am Gehirn zu heilen. "Leukotomie" nannte Moniz sein Verfahren, bei dem er die Nervenstränge der Patienten in der Region des Stirnlappens mittels eines scharfen Instruments zerschnitt. Angeblich ging es dem Großteil seiner 20 ersten menschlichen Versuchskaninchen nach dem Eingriff besser, behauptete Moniz. Die Psychochirurgie war damit geboren - und die Vorstellung, dass schwere psychische Erkrankungen mit einem einfachen "Schnippschnapp" zumindest teilweise behebbar wären. Als Freeman von Moniz‘ Arbeit erfuhr, war für ihn eines klar: Er würde der erste Psychochirurg der USA werden.

Betäubt mit Elektroschocks

Im September 1936 erwachte Alicia Hammatt im George Washington University Hospital. Auf diesen Moment hatte Walter Freeman gewartet. Gerade hatte er zusammen mit seinem Kollegen, dem Neurochirurgen James Watts, die 63-jährige Frau einer Leukotomie unterzogen. Neugierig untersuchte Freeman seine Patientin, bei der er fortgeschrittene Depressionen diagnostiziert hatte. Die Kniereflexe waren normal, die Pupillen ebenso. Die klare Aussprache und die Lesefähigkeit würden sich schon wieder einstellen. Ob sie noch wüsste, warum sie in der Vergangenheit große Ängste ausgestanden habe, fragte Freeman. "Ich scheine es vergessen zu haben", meinte Hammatt. "Es scheint jetzt auch nicht mehr wichtig zu sein." "Brillant", klopfte sich Freeman selbst angesichts seines Erfolgs auf die Schulter.

Weitere Operationen folgten. Auch als eine Tote zu beklagen war, ließ Freeman sich nicht bremsen. Noch schneller, besser und billiger allerdings wollte er die Menschen heilen - und entwickelte daher seine "transorbitale Lobotomie". Warum den Schädel öffnen, wenn das Gehirn auch mit weit weniger Aufwand durch die Augenhöhle erreichbar war?

Die erste Patientin war die 29-jährige Ellen Ionesco, der Freeman im Januar 1946 seinen Eispickel - es war wirklich ein Eispickel - ins Gehirn rammte. Betäubt wurde sie mittels Elektroschock. Die Frau litt unter manischen und depressiven Schüben, und in ihrer Verzweiflung hatte sich die Familie an Freeman gewandt. Ihre Tochter Angelene erinnerte sich später an den Eingriff bei ihrer Mutter: Ellens Augen "waren geschwollen und überall blau und schwarz. Ich habe meine Tante gefragt, wer sie verprügelt hat." Angelene war dennoch zufrieden, die Anfälle, die ihre Mutter bisweilen überkamen, waren vorbei. Auch kostengünstig war diese Art der Operation: Freeman hatte die Operation kurzerhand in seinem Büro vorgenommen. Hygiene war ihm ein Fremdwort, eine chirurgische Ausbildung besaß er ebenfalls nicht.

"Die Lobotomie wird sie nach Hause bringen"

Immer mehr Kliniken und Psychiatrien öffneten Freeman und seinem Eispickel trotzdem die Türen. Gerne und überall pries er seine "transorbitale Lobotomie" an. Für psychisch kranke Menschen und deren Angehörige bot Freeman Hoffnung. Er erfand den Werbespruch "Die Lobotomie wird sie nach Hause bringen" für die Patienten, die in Anstalten weggesperrt worden waren. Freeman hatte eine Vision: Überall im Land sollten psychisch Kranke in wenigen Minuten schlagartig gesunden, wenn ihnen nur ihr Arzt mit Eispickel und Hammer zu Leibe rückte. Eine Lobotomie in der Mittagspause schwebte Freeman vor - und er meinte es durchaus ernst.

In der Fachwelt waren Freemans Lobotomien höchst umstritten. Der angesehene Neurophysiologe John Farquhar Fulton schrieb 1947 an Freeman: "Was sind das für furchtbare Geschichten, dass Sie in ihrem Büro Lobotomien mit einem Eispickel vornehmen? Warum nehmen Sie keine Schrotflinte? Das ginge schneller!" Freeman indes ließ sich nicht beirren.

Als Egas Moniz 1949 den Nobelpreis erhielt, brach ein wahres Lobotomie-Fieber aus. Kurze Zeit später waren bereits Tausende Patienten lobotomisiert worden. Freeman, ausgerüstet mit seinen neuen eispickelähnlichen Nadeln, einem Hämmerchen und einem transportablen Elekrokrampfgerät - natürlich durfte auch eine Kamera nicht fehlen -, reiste mit seinem "Lobotomobil" kreuz und quer durch die USA. Bald war der Freeman geradezu ein Star, der von seinen Fans um Autogramme gebeten wurde. 1952 lobotomisierte er einmal 228 Menschen in zwölf Tagen - für einen Betrag von ungefähr 25 Dollar pro Eingriff. Vier von ihnen überlebten nicht. Freeman und der Staat West Virginia waren trotzdem zufrieden, 81 Patienten konnten entlassen werden. Und kosteten die Staatskasse keinen Cent mehr.

Eine "chemische Lobotomie"

Erst 1954 kam Walter Freemans Karriere ins Schlingern. Das erste Neuroleptikum "Thorazine" kam auf den Markt. Die "chemische Lobotomie", wie das Medikament beworben wurde, machte operative Eingriffe größtenteils unnötig. In den Psychiatrien wurden Kranke nun meist mit dem Mittel beruhigt. Walter Freeman zog nach Kalifornien um. Dort erlaubt man ihm in einer Klinik weiter zu operieren. Erst 1967 wurde Freeman endgültig das Handwerk gelegt, eine seiner Patientinnen war nach einer Lobotomie elendig gestorben.

Sein Ruf war zu dieser Zeit ohnehin schon endgültig ruiniert: Es war mittlerweile publik geworden, dass Freeman nicht davor zurückgeschreckt war, auch kleine Kinder zu lobotomisieren. Zudem hatten immer mehr Menschen von den oft katastrophalen Folgen des brutalen Eingriffs erfahren, dem Freeman insgesamt rund 3500 Menschen unterzogen haben soll.

Auch seine erste Eispickel-Patientin Ellen Ionesco konnte nach der Operation kein beschwerdefreies Leben führen. Sie litt in späteren Jahren unter Verfolgungswahn und Halluzinationen und führte Selbstgespräche. Doch als Walter Freeman 1972 starb, war er mit sich im Reinen. Er selbst hatte keinen einzigen Tag Zweifel an der segensbringenden Wirkung seiner Lobotomien gehegt.

Zum Weiterlesen:

Jack El-Hai: "The Lobotomist. A Maverick Medical Genius and His Tragic Quest to Rid the World of Mental Illness". John Wiley & Sons, Hoboken 2007, 368 Seiten.



insgesamt 20 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Wolfgang Weber, 04.03.2014
1.
Sadismus - das scheint mir, neben Gewinnstreben, die einzige Motivation dieses Herren gewesen zu sein. Ein eindrucksvolles Beispiel der Folgen derartiger "Operationen" liefert unter anderem der Film "Einer flog über das Kuckucksnest", mit Jack Nicholson in der Hauptrolle.
Roland Kaschek, 04.03.2014
2.
Sie wollen aber doch nicht etwa nahe legen, dass der Mann nicht strafrechtlich zur Verantwortung gezogen wurde, oder? Ebenso müssen doch wenigstens einige Politiker bzw. Funktionäre der Gesundheitsversorgung zur Verantwortung gezogen worden sein.
Jakob Matschke, 04.03.2014
3.
der etwas reisserische Artikel bringt nicht wirklich neues (siehe z.B.: http://www.nzz.ch/aktuell/startseite/die-lobotomie-wird-sie-nach-hause-bringen-1.5999787)
Timo Schöler, 04.03.2014
4.
Erwähnt wurde leider nicht, dass in den USA zu dieser Zeit auch geglaubt wurde, "Kommunismus" mit einer Lobotomie zu "heilen".
Jan Berger, 04.03.2014
5.
In den achtziger Jahren hat es in den Niedelranden auch eine rege Debatte gegeben bez. der Lobotomie. Der niederlaendische Professor Buijkhuizen, ein Kriminologe, behauptete, dass kriminelles Benehmen ihre Ursache fand im Gehirn. Also hat er fuer Lobotomie geworben. Er wurde kalt gestellt. Zum Glueck!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.