Die Öfen von Auschwitz Ein Mann kramt in der unrühmlichen Familiengeschichte

Die Öfen von Auschwitz: Ein Mann kramt in der unrühmlichen Familiengeschichte Fotos
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Effizienz und geringer Brennstoffeinsatz - nach diesen Kriterien entwickelte das Unternehmen Topf&Söhne die Krematorien für die nationalsozialistischen Konzentrationslager. Hartmut Topf hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, die grauenerregende Geschichte seiner Familie ans Licht zu bringen.

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Irgendwann zogen Hausbesetzer auf das brachliegende Industriegelände, sie kümmerten sich wenigstens ein bisschen um die Erinnerung. Sie stellten provisorische Gedenktafeln auf, führten Besucher durch die fensterlosen und mit Graffiti übersäten Gebäude. Nun hat die Stadt Erfurt endlich versprochen, im ehemaligen Verwaltungsgebäude der Firma Topf&Söhne eine Gedenkstätte einzurichten. Wo dokumentiert wird, wie das Familienunternehmen während der Nazi-Zeit mit zynischem Ehrgeiz spezielle Leichen-Verbrennungsöfen für Konzentrationslager entwickelte, wie Mitarbeiter die Krematorien vor Ort installierten und ihre Funktionstüchtigkeit überprüften.

Hartmut Topf hat lange für diese Ausstellung gekämpft. Er ist jetzt 71, mit 16 musste er aus der DDR fliehen, weil er Mitschülern Westzeitungen in die Tasche gesteckt hatte. Er wurde Fernmeldemonteur, Techniker beim Fernsehen, schließlich Journalist. Er war verheiratet, bis bei seiner Frau und einem Freund "die große Liebe ausbrach", den Sohn zog er seitdem allein auf.

Hartmut Topf trägt eine blaue Windjacke, den ohrlangen Schopf hat er flüchtig nach hinten gekämmt, seine Augen blitzen. Wenn er Unmengen von vergilbten Fotos und Dokumenten vor sich ausbreitet, wird schnell klar: Die Vergangenheit seiner Familie hat ihn sein Leben lang nicht in Ruhe gelassen.

Fabrik von "Weltgeltung"

Er war 12 oder 13, als er im Kino erfuhr, mit welchem Erbe sein Name behaftet ist. Die Wochenschau lief: ein Bericht über die Konzentrationslager. Von Leichenbergen war die Rede, die Krematorien wurden gezeigt, in denen die ausgemergelten Körper im Akkord verbrannt wurden. Auf der Ofentür war plötzlich ein Firmenname zu sehen: "Topf". Er musste sofort an die Fabrik der Verwandten in Erfurt denken. Die von "Weltgeltung", wie man in der Familie immer stolz sagte.

Seit diesem Nachmittag versucht er, alles herausfinden. Fragen konnte er niemand: Einer der beiden Geschäftsführer, Ludwig Topf, hatte bei Kriegsende Selbstmord begangen. Der andere, Ernst-Wolfgang Topf, hatte sein Leben lang stur von den "unschuldigen Öfen" gesprochen, die missbraucht worden seien.

Also durchforstete Hartmut Topf die Literatur, sammelte bei der Verwandtschaft Fotos, Stammbäume, Geschäfts- und Liebesbriefe ein. 1999 entstand ein Förderkreis in Erfurt. Schließlich finanzierte die Kulturstaatsministerin ein Forschungsprojekt - die Ergebnisse sind jetzt in einer Ausstellung im Jüdischen Museum in Berlin zu sehen.

Sie bestätigt die entsetzliche Erkenntnis, die Hartmut Topf im Laufe der Jahre gewann: Nach dem Firmen-Motto "stets zu Diensten" wurden die Mitarbeiter von Topf&Söhne im Winter 1939 auf dem ganz normalen Geschäftsweg zu Handlangern der nationalsozialistischen Tötungsmaschinerie. Der Massenmord gehörte zum Unternehmensalltag.

Ein Krematorium wie eine Müllverbrennungsanlage

Im KZ Buchenwald war unter den Häftlingen eine Ruhrepidemie ausgebrochen. Die Massen an Toten konnten unmöglich wie bisher im Städtischen Krematorium Weimar entsorgt werden, befand die SS - also wandte sie sich an die Firma Topf&Söhne, Qualitätsbetrieb seit 1878, Marktführer im Bereich des Krematoriumbaus. Ein "fahrbarer Einäscherungsofen", der ähnlich funktionierte wie Verbrennungsöfen für Tierkadaver, wurde umgehend geliefert.

Die Geschäftsbeziehung festigte sich schnell. In der Ingenieursabteilung von Topf&Söhne machte man sich mit Beamtenfleiß daran, für den sprunghaft ansteigenden Bedarf der Tötungsfabriken immer effektivere Öfen zu konstruieren. Der größte hatte acht Brennkammern, in denen täglich 3000 Leichen verbrannt werden konnten. Zur Beschleunigung des Verfahrens empfahl die Betriebsanleitung, die Leichen während des Vorgangs zu bewegen. Schürhaken wurden mitgeliefert.

1942 entwarf ein Ingenieur sogar ohne jeden Auftrag einen vierstöckigen Massen-Verbrennungsofen. Einer riesigen Müllverbrennungsanlage gleich, sollten die Leichen wie am Fließband hineingeschoben werden und dann auf Schrägrosten herabrutschen. Es sei ihm völlig klar, schrieb der Ingenieur an die Geschäftsleitung, "dass ein solcher Ofen als reine Vernichtungsvorrichtung anzusehen ist, dass also die Begriffe Pietät, Aschetrennung sowie jegliche Gefühlsmomente vollständig ausgeschaltet werden müssen".

Wie Topf&Söhne die Aufträge der SS ohne Zögern annehmen konnte, fragt sich Hartmut Topf bis heute. Die Produktion für die Konzentrationslager machten gerade mal zwei Prozent des Gesamtumsatzes aus. Als Hartmut Topf seine Forschung begann, suchte er deshalb das Böse - skrupellose Geschäftemacher, 200-prozentige Nazis. "Aber das war gehobener Mittelstand. Ganz biedere Bürgersleute", ruft er, seine Stimme rutscht nach oben. Er klingt zum ersten Mal fassungslos.

Er zeigt ein Foto von 1938, ein Familienbild wie tausend andere: Menschen in schwarzen Mänteln und hochgeschlossenen Kleidern, aufgenommen bei einer Beerdigung. Mitten drin: Ernst-Wolfgang und Ludwig Topf. Dunkelhaarig, mit pausbäckigem Jungengesicht der eine, ein ruhiger Familienvater. Blond, mit markanten Gesichtszügen der andere - "ein Lebemann", sagt Hartmut Topf. Ludwig Topf habe sich für seine Feste immer die Damenkapelle aus dem Ort ins Haus kommen lassen.

In der Partei waren beide, aber Nazis? In der Bibliothek des "Lebemanns" soll ein ganzer Haufen verbotener Bücher gestanden haben, sagt Hartmut Topf. Mehrere Verfolgte des Regimes wurde in dem Betrieb geschützt. Wer soll das verstehen? Ein Mann jüdischer Herkunft habe in der Buchhaltung gearbeitet, "der musste die Rechnungen für die Öfen aufstellen, das muss man sich mal vorstellen", sagt Hartmut Topf. "Vielleicht war es dieses Denken: Wenn jemand das bei mir bestellt, und ich kann es produzieren, dann liefere ich das auch." Er klingt wenig überzeugt.

Dass irgendjemand im Unternehmen nichts über den Zweck der Produktion wusste, glauben weder Hartmut Topf noch die Macher der Ausstellung im Jüdischen Museum. Die Aufträge wurden ohne jede Geheimhaltung abgewickelt: In den Werkstätten wurden die Einzelteile hergestellt, in der Buchhaltung wurden sie in Rechnung gestellt. Monteure der Firma übernahmen die Aufbauarbeiten vor Ort, für den Test der neuen Entlüftungsanlage in der Gaskammern in Auschwitz wurden in Anwesenheit eines Ingenieurs 150 bis 300 Häftlinge getötet.

"Jetzt erzählst Du das schon wieder"

Hartmut Topf zieht ein Dokument nach dem anderen aus dem Haufen vor sich, er wirkt ein bisschen hektisch, zeigt dies und das, als könne er die Geschichte dadurch irgendwie loswerden. Doch auf die Frage, ob er unter der Vergangenheit seiner Familie gelitten habe, schüttelt er den Kopf. Die beiden Geschäftsführer von Topf&Söhne seien ja entfernte Verwandte gewesen, sagt er - Cousins seines Vaters. "Ein ganz eigener Familienzweig", wiederholt er. Warum hat er sich dann sein Leben lang mit ihnen beschäftigt? "Wenn ich so etwas weiß, fühle ich mich verpflichtet, es weiterzugeben."

Dann erzählt er, dass sein Vater Blockleiter war bei der NSDAP. Nach dem Krieg verschwand er eines Tages - er starb später im sowjetischen Sonderlager Sachsenhausen. Durch den "Diebstahl des Vaters" und dessen Vergangenheit sei er selbst ein "politischer Mensch" geworden, sagt Hartmut Topf. Einer, der erzählen muss. Vielleicht suchte er in den Unterlagen der Verwandtschaft auch Antworten, die er von seinem Vater nie fordern konnte. Warum so ein liebenswerter Mann mitgemacht hat "bei dem Drecksverein", habe er nie verstanden, sagt Topf. "Der konnte bei Kinderliedern Tränen in den Augen haben."

Viele in der inzwischen in alle Welt verstreuten Verwandtschaft betrachten sein Engagement mit Stirnrunzeln. Einmal saß er bei einer Cousine im Garten, ein Freund war zu Besuch, ein Jude aus Berlin. "Jetzt erzählst du das schon wieder", fuhr die Cousine ihn an, als Hartmut Topf von seiner Suche berichtete. Ihr war das unangenehm. Aber Hartmut Topf denkt nicht daran, die Geschichte von Topf&Söhne ruhen zu lassen. Er nutzt jedes Treffen der Verwandtschaft, um zu erzählen. "Ich trage denen die Geschichte einfach hinterher."

Erschienen auf SPIEGEL ONLINE am 18.07.2005

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Jens Habermann 21.09.2011
Die Kriegsgeneration ist ja dazu verdammt, mit ihrer Lebenslüge ("Davon wussten wir nichts" usw. usf. *gähn*) zu leben und ich hoffe, dass all die vielen Helfer des Holocaust dafür in der Hölle schmoren!
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