Die RAF-Jahre Leben mit der Meyer-Bahnhof-Bande

Die RAF-Jahre: Leben mit der Meyer-Bahnhof-Bande Fotos
Bundeskriminalamt

Der Baader-Meinhof-Film kommt in die Kinos - und konfrontiert die klammheimlichen Bewunderer von damals mit dem totalitären Innenleben der RAF. Auch Sabine Reichel fand Andreas Baader mal cool, bevor sie in den RAF-Terroristen derangierten Desperados erkannte, die die Träume einer ganzen Generation zertrümmerten.

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Ich erinnere mich, wie ich als junge Frau zum ersten Mal auf die Baader-Meinhof-Gruppe aufmerksam wurde. Es war 1968, als in zwei Kaufhäusern in Frankfurt Brandbomben hochgingen und ein Andreas Baader als Brandstifter verhaftet wurde.

Mein amerikanischer Freund Ed nannte die Truppe um Andreas Baader und Ulrike Meinhof unabsichtlich die "Meyer-Bahnhof-Gang". Ich fand die Sache mit dem Kaufhaus damals ziemlich tollkühn, hatte auch ein gewisses Verständnis für den Akt, denn ich sah durchaus einen Zusammenhang zwischen Profitgier, Konsumterror und Nichtfunktionierender Gesellschaft. Hier war clevere Symbolik und ein deutliches Statement, dem sich keiner entziehen konnte. Und da keiner im Kaufhaus verletzt wurde, weil das wohl auch nicht der Sinn war, sondern nur Sachschaden entstand, war ein bisschen Feuer unterm Hintern als Warnung durchaus im Rahmen des Akzeptablen.

Ich verlor das Thema dann aus den Augen, bis 1970 Baader gewaltsam von seinen Kumpeln aus dem Knast befreit und die "Rote Armee Fraktion" gegründet wurde. Auch hier gab es wieder ein sehr piratenhaftes Element, das man für einen Moment wegen seiner Dreistigkeit bewundern konnte. Das war doch wenigstens loyaler Gruppengeist, sogar aus dem Gefängnis befreiten sie ihre Leute, genauso wie es die Mafia tut.


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Weichei-Macho und Terroristen-Mutti

Allerdings fand ich den militaristischen Fantasienamen RAF sofort irritierend. Musste man als Nachkriegsdeutscher unbedingt das Wort "Armee" im Namen und ein Gewehr (in einem sechszackigen Stern) auf dem Emblem haben?

Ich schaute mir die ersten Fotos an, die es von der "Gruppe" gab: Andreas Baader sah nicht schlecht aus, ein bisschen zu wenig Haar und ein bisschen zu sehr unreifer Bubi und eitler Poseur mit Sonnenbrille, der versuchte, einen coolen Typen aus französischen oder amerikanischen Gangsterfilmen zu imitieren.

Ich las später, dass er ein Fan von "Asterix"-Comics und ein Weichei-Macho mit einem "brutalen Charme" und gewesen sein solle. Gudrun Ensslin, die Pastorentochter, war eine attraktive große Blondine mit einem Pferdegesicht, der üblichen glatten Ponyfrisur und einem netten, doch leicht brüchigen Lächeln, das sowohl Unsicherheit als auch jugendliches "Fuck-you!"-Bravado ausstrahlte. Nur Ulrike Meinhof sah durchweg mürrisch aus, so als wäre sie die strenge, pflichtbewusste, aber eben überbeschäftigte Terroristen-Mutti, die ihre infantil herumalbernde Brut in Schach hielt. Irgendjemand musste ja Disziplin anordnen; Terrorist zu sein ist ein ernster und gefährlicher Beruf.

vom verwöhnten Bürgerkind zum depressive Mörder

Ich lebte fast vier Jahre in einer ziemlich anarchistisch angehauchten Kommune bei Hamburg, und natürlich fragte man sich zwischendurch auch mal: "Könnte ich so was? Will ich mitmachen?" Jeder hat ja den kleinen Terroristen auch in sich. Die kleine Diktatur zu Hause, von manchen auch Ehe und Familie genannt, funktioniert auf privater Ebene auch mit Repressalien und Manipulationen so wie Liebesentzug oder autoritärem Benehmen.

Egal, ob es nur die Angst vor Waffen und Gewalt war, die mich von einer Karriere als Terroristin abgehalten hat. Ich wusste, dass bei dem Beruf Terrorist die Erfolgsrate niedrig und kein Happy End möglich war. Auch wenn die RAF das Gegenteil beweisen wollte.

Eine andere Frage wurde allerdings immer dringlicher, je mehr sich die Gewalttaten häuften. Warum wird man zum Terroristen? Die Parole der RAF war, dass man "aus dem Leiden die Kraft zum Kampf entwickeln muss". Nur, welches Leid konnte Bürgerkinder dieser verwöhnten jungen Nachkriegsgeneration - sicherlich belastet und oft belogen von den Eltern, aber doch eine Generation, der alle Türen offen standen, die alles kriegte, alles konnte, wenn sie wollte - in Fanatiker und depressive, morbide Mörder verwandeln?

Geiseln, Guns und Größenwahn

Aber das alles war am Anfang nicht so klar zu erkennen. Die einfältige Idee, dass Terrorismus altruistische Motive hat (und nicht eine seelische Störung bloßlegt) und dass Terroristen Gesellschaftskritiker sind, stieß offenbar in den Jahren auf keinen zu großen Widerstand bei verträumten Idealisten. Denn zu glauben, dass man einfach mit Geiseln, Guns und Größenwahn die Welt in die Knie zwingen und nach seinen Wünschen umarrangieren kann, verrät frühe narzisstische Verletzungen. Die wurden hier nach draußen transportiert und zeigten sich in Wut, Gewalt und Ersatzhandlungen.

Aber der Wunsch nach der Vernichtung anderer verrät außer Depression - oft die Kehrseite von Größenwahn - ohne Frage auch immer Machtlosigkeit und die Sehnsucht nach Selbstzerstörung. Das Chaos der Illegalität einer terroristischen Karriere täuschte den verkrüppelten Seelen der RAFler für Minuten wildbewegte Gefühle von Euphorie und Macht vor.

Irgendetwas aber stimmte nicht mit den selbsternannten Prinzen und Prinzessinnen des Proletariats, das war mir klar. Auch wenn ich immer noch eine gewisse Bindung zum Revolutionsgedanken und auch eine schüchterne Liebe zur Anarchie pflegte - ich begann zu ahnen, dass in der RAF politische Veränderungen mit Verbrechen und persönlicher Rage verwechselt wurden. Trotz all der Professionalität darin, ein gewisses, grandioses Gangstertum zu imitieren und zu projizieren, wurde immer deutlicher, dass die RAF ein Haufen von narzisstischen Amateuren war. Sie hätten gerne Che Guevaras Aura verströmt, wurden aber den Geruch drittklassiger Provinzakteure in einer konfusen Inszenierung nie los.

Die Polit-Plappereien der Größenwahn-Guerillas

Als Andreas Baader, Holger Meins, Jan-Carl Raspe, Gudrun Ensslin, Brigitte Mohnhaupt und Ulrike Meinhof 1972 festgenommen wurden, wollte in mir deshalb keine rechte Empörung hochkommen, so wie bei den Schüssen auf Rudi Dutschke oder bei Benno Ohnesorgs Tod 1967. Längst produzierten die Größenwahn-Guerillas mit jeder ihrer Botschaften und rätselhaften, nahezu pathologischen Polit-Plappereien bei mir Schaudern.

Ganz ehrlich, hatte Irgendjemand auch nur die leiseste Ahnung, worum es der RAF nach 1970 eigentlich wirklich ging? Als wenn ihre Taten nicht schlimm genug gewesen wäre, griffen sie auch nochzur Wort-Folter. Sie hätten wirklich niemanden umzubringen brauchen - eine halbe Stunde Gerede hätte jeden Gefangenen Religion und Vaterland verleugnen lassen, nur damit die RAFler mit dem Gequatsche aufgehört hätten.

Frau Meinhof wollte gar ein "Primat der Praxis", es gab "Revolutionäre Zellen", wo es vor Kader, Knarren und Namen wie "Kommando Ingrid Schubert" nur so wimmelte. Ach, wären bloß die dumpfen RAF-Schurken für spielerische Aktionen und ihren köstlichen Humor bekannt geworden, anstatt für düstere Gewalttätigkeit.

Dogma und Style

Kein Wunder, dass sich die Gesichter der RAF langsam den Inhalten anglichen. Die Unsinnlichkeit ihrer Taten, getrieben von bürokratischem Fanatismus statt hitziger Passion, und die eigene Misere wurden auch physisch sichtbar. Obwohl noch so jung, waren die Gesichter bald meist erloschene Masken, feindselig, dünnlippig, abgestumpft und bitter. Natürlich, niemand sieht auf Fahndungsfotos sexy oder glamourös aus, außerdem waren die burschikosen Damen der RAF irgendwann aktive Gegnerinnen der Kosmetikindustrie. Ohnehin gibt es ja zwischen Dogma und Style keine zwingende Verbindung.

Ich überlegte später, ob Ulrike vielleicht eine andere Person geworden wäre, wenn sie in der Sonne aufgewachsen wäre. Oder ob sie auf andere Gedanken gekommen wäre, wenn sie hier und da mal LSD eingeworfen oder einfach mehr mit ihren Kindern gelacht oder mehr Sex gehabt hätte. Hatte Gudrun Ensslin vielleicht nur Prozac gefehlt und Andreas Baader ein zärtlicher Vater, der ihm Fußballspielen beigebracht hätte?

Vielleicht hätten sie alle von ihrer fehlgeleiteten Odyssee lassen können, wenn sie lieber die RAR, die "Rote Armee Rockband" gegründet hätten. Oder spaßige Filme mit anarchistischen Ideen gesehen (vielleicht "Duck Soup" von den Marx Brothers), und nicht TV-Dokus von pompösen Märschen auf dem Roten Platz. Auch Popkultur ändert Menschen, indem sie sie eine andere Wahrnehmung lehrt, durch Kreativität und individuelle Ausdrucksmöglichkeiten. Humor statt Hass, Bücher statt Bomben, Gitarren statt Guns.

Zu fantasielos für das Märchenbuch

Eine Frage der jüngeren Generationen an die Zeitgenossen ist besonders quälend. Es ist dieselbe, die wir unseren Eltern gestellt haben und die genauso schwer zu beantworten ist: Wie habt ihr zulassen können, dass solche Typen wie die Baader-Meinhof-Bande die Bewegung an sich reißen und benutzen konnte? Denn es stimmt leider: Die RAF war ein Kind unserer Zeit, und wir haben das Klima, in dem sie gedieh, miterzeugt und Ideen verbreitet, die von den Terroristen der RAF genauso gekidnappt und gekillt wurden wie die Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Politik.

Eine notwendige und legitime Jugendrevolte wie die der nach Umsturz dürstenden Hippies und Möchtegern-Rebellen der sechziger Jahre eignete sich perfekt als Vehikel für den Selbstzweck der RAF. Und nicht alle merkten, was sich hinter dem bombastischen Anspruch als Weltverbesserer verbarg: Eine mörderische Polit-Pop-Polizei im Säuberungswahn, bestehend aus fanatischen Freaks mit Nazi-Ideen.

Und so wird das erbärmliche RAF-Epos letztendlich in keinem künftigen Märchenbuch vorkommen, weil es zu fantasielos und zu feige ist und jeden Edelmuts entbehrt. Der Stoff, aus dem Helden gemacht werden, hat eine schimmernde, feingewebte, haltbare Struktur - die RAF war ein Wegwerf-Putzlappen, der im Müll landete. Die Gesellschaft nachhaltig und positiv zu verändern, erfordert nicht nur Hass auf Unterdrücker, sondern auch Liebe. Liebe zum Menschen, Liebe zum Land, Liebe zur Natur, Liebe zur Gerechtigkeit.

Die RAF hätte eben doch eine Rockband werden sollen.


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1.
Paul Merkur, 25.09.2008
Der Stern war nich sechs- dondern fünfzackig. Ein sechseckiger Stern wär für eine Gruppe, die mit den Palästinensern symphatisierte, nicht wirklich passend gewesen.
2.
Werner von Schleiden, 26.09.2008
Wer den kommunistischen Roten Stern und den Davidstern nicht auseinanderhalten kann (oder nur ein Fall simpler Dyskalkulie?), der darf auch Andreas Baader für "cool" halten respektive gehalten haben oder der Mafia "piratenhafte Elemente" zuschreiben. Ein kleiner Kaufhausbrand bewegt sich dann immerhin noch "durchaus im Rahmen des Akzeptablen". Zum Glück aber, wie's im Artikel so schön heißt: "Ich verlor das Thema dann aus den Augen ..."
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