Die Rurtalsperre Untergang für die Auferstehung

Erst kam das Militär, dann das Wasser: In den fünfziger Jahren kämpften mehrere Orte in der Eifel verzweifelt um ihr Land. Doch was zunächst nach einer bitteren Niederlage aussah, entpuppte sich in den vergangenen Jahren als Glücksfall.

Ferdi Keuter/Archiv Siegbert Heup

Die Menschen von Pleushütte und Einruhr sind erbost, kampfbereit und dann doch entmutigt. Die Suche nach akzeptablen Lösungen für sie, bereitet sich schwierig. Das Wasser verschlingt ihr Hab und Gut. Die ältere Generation ist am meisten betroffen, ist doch der Krieg mit all seinen Schrecken gerade erst vorbei. Dann aber entsteht eine neue Heimat und ein blühendes Dorf am See.

Im Jahre 1938 wurde die Rurtalsperre eingeweiht. (Der Begriff Rur wird mit und ohne H geschrieben) Der Obersee war noch wesentlich kleiner und reichte nicht bis nach Einruhr/Pleushütte. Doch das sollte nicht mehr sehr lange so bleiben. 1952 wurde entschieden, dass der See aufgestockt werden sollte.

Geht Macht vor Recht?

Am Sonntag, den 06. April 1952 protestieren die Bürger in Einruhr und Pleushütte. Die Versammlung nimmt einen dramatischen Verlauf. Die Menschen sind sauer, weil viele Entscheidungen gefällt werden, ohne dass sie ein Mitspracherecht haben. "Die da oben" wohnen ja nicht in Einruhr oder Pleushütte. Geschlossen und solidarisch geht der Protest an die Adresse der anwesenden Vertreter vom Wasserverband und des Landtages. Der ehemalige Landrat, Herr Dr. Heinen, wandte seine ganze Überredungskunst auf, um die erregten Anwesenden für den bereits veröffentlichen Plan zu gewinnen. Heinen, der seine Rede mit "Liebe Landsleute" begann, gleichzeitig aber ein Enteignungsverfahren forderte, wurde als Lügner bezeichnet.

Die Bergriffe "Lump" und "Kapitalist" fielen ebenfalls. Die Volksseele kochte hoch und war nicht zu besänftigen. Abschließend wurde eine Resolution gefasst, in der der scharfe Protest der Bürger von Einruhr, Pleushütte, und Ruhrberg gegen die Aufstockung aufgezeichnet wurde. Fest steht zu diesem Zeitpunkt schon die Aufstockung des Stauraumes von derzeit 100 auf 200 Mill. cbm. Müssen es unbedingt 200 Mill. cbm sein? Wenn es bei 150 Mill. cbm bleiben könnte, bliebe die Seespitze 500 Meter unterhalb von Einruhr. Die Projekte wie Perlbach- und Olef-Talsperren stehen ja auch noch an, und das wesentlich in kleineren Dimensionen.

Schlechte Erfahrung in Wollseifen

Dann werden den Bürgern respektable Abfindungen versprochen. Das bringt die Versammelten ganz auf die Palme. Die Feststellung: Sie werden ja entschädigt, zieht nicht. Wollseifen, ein schönes Eifeldorf hat seinen Ursprung im 12. Jahrhundert. Die Bürger, die dem Truppenübungsplatz weichen mussten, haben bisher keine guten Erfahrungen gemacht mit den angekündigten Entschädigungen. Man solle erst dort eine vernünftige Lösung schaffen, dann könne man weiterreden. Um zu erkennen, wie schwer es die Landwirte von Wollseifen getroffen hat, hier noch einige Fakten: Im September 1946 wurde mehr als die Hälfte des besten Ackerlandes dem Truppenübungsplatz Vogelsang einverleibt. Es blieben nur die weniger ertragreichen Hanglagen übrig und dafür wollen die Landwirte einfach eine vernünftige Entschädigung.

Zu den Protestierenden gehören auch die Randgemeinden des Rursee, die einen Teil ihrer Ländereien und über 50 Häuser opfern sollen. Insgesamt sollen rund 1000 Morgen Felder, Wiesen und Wälder dem See zum Opfer fallen. Die stärksten Proteste gegen die Aufstockung kommen allerdings aus Einruhr. Hier verlieren die Menschen mit dem Verlust des Tales ihre ganze bisherige Existenz in der Landwirtschaft. Auch der Friedhof soll verlegt werden. Für den Aufkauf der Flächen, die dem See zum Opfer fallen sollen, sind 4,2 Millionen DM geplant. Dabei wird auch darauf hingewiesen, dass Einruhr später die Chance hat, der meistbesuchte Fremdenverkehrsort am See zu werden.

Einruhr wird in die Enge getrieben

Die Bewohner der Region erfahren Einengung von zwei Seiten. Große Ländereien sind dem Camp Vogelsang zum Opfer gefallen. Im September 1946 beschlagnahmte die britische Armee über 40 Quadratkilometer Land rings um die Burg Vogelsang und errichteten hier einen Truppenübungsplatz. Die Bewohner des Ortes Wollseifen wurden evakuiert. Im Jahre 1950 wurde die belgische Armee Hausherr auf der "Training Area". So wurde wertvolles Ackerland mit Panzern durchpflügt und die Landwirte hatten das Nachsehen. Nun stehen weitere Flächen für die Aufstockung zur Disposition. Diese Einengung will man sich einfach nicht Protestlos gefallen lassen und kämpft mit allen legalen Mitteln.

Besonders froh ist der Autor darüber, Erlebnisse, des Zeitzeugen Kunibert Förster, in gekürzter Fassung wiederzugeben. Förster scheibt unter anderem: "An einem kalten Frühlingsmorgen in der Karwoche des Jahres 1957 stieg ich mit zweien meiner drei Schwestern auf die Ladefläche eines Lastzuges. Schlimm war der Abschied von den Menschen. Ich vergesse nie den Blick meines achtzigjährigen Großonkels, als wir losfuhren. Er wollte in seinem Alter nicht mehr mit umziehen und blieb in Einruhr. Den Abschied hat er nicht mehr lange überlebt.

Der Anhänger war mit Hausrat vollgestopft. Der Wind pfiff durch die Ritzen und wirbelte ab und zu einige Schneeflocken herein. Es herrschte typisches Aprilwetter, und wir froren trotz dicker Vermummung jämmerlich während der mehrstündigen Fahrt. Diese ging von Einruhr, dem kleinen Örtchen an der Rur in der Nordeifel nach Neuenhaus bei

Moitzfeld im Bergischen Land.

Es war eine Reise ohne Wiederkehr. Wir waren Opfer einer Talsperre geworden. Und das kam so: Im Jahre 1952 wurde das Baugesuch des Schmiedemeisters Herbert Schutt, der ein Wohnhaus mit Schmiedewerkstatt in der Nähe der alten Rurbrücke nach Pleushütte errichte, wollte abgelehnt. Auf Nachfragen stellte sich heraus dass der Wasserverband Schwammenauel die Aufstockung der Rurtalsperre Schwammenauel auf mehr als das doppelte Fassungsvermögen (ca. 200 Mio. Kubikmeter) plante.

Der See, der bisher mehrere Kilometer unterhalb Einruhr endete, würde das auf einer Anhöhe am Rand der Talaue liegende Dorf seitlich umschließen. Einige Häuser - auch das geplante Haus des Schmiedes - würden vom Wasser überspült werden. Der kleine Nachbarort Pleushütte würde sogar fast vollständig in den Fluten des Sees verschwinden.

Neben der Tatsache, dass Häuser den Fluten weichen mussten, erwies sich die Überflutung der besonders fetten Wiesen im Talgrund für die noch stark von der Landwirtschaft lebende Bevölkerung als bedrohlich.

Erschwert wurde die Situation dadurch, dass bereits kurz nach dem Krieg (September 1946) mehr als die Hälfte des besten Ackerlandes durch Beschlagnahme dem Truppenübungsplatz Vogelsang einverleibt wurde und dadurch nicht mehr nutzbar war. So blieben für die Bauern nur die kargen und schwer zu bearbeitenden Hanggrundstücke übrig. In ähnlicher Weise, allerdings mit weniger gravierenden Konsequenzen, waren auch die Orte Rurberg und Woffelsbach betroffen. Insgesamt wurden 35 Familien mit 131 Personen umgesiedelt, das mehr als ein Drittel der Gesamtbevölkerung. Das Bergische Land erkoren sieben Familien als ihre neue Heimat- ausnahmslos Landwirte.

Unser Umzug vollzog sich in zwei Etappen. Auf dem neuen Hof in Moitzfeld begannen wir im Spätsommer 1956 die Bewirtschaftung und führten die Arbeiten über den Winter in der Eifel weiter. Das bedeutete die Trennung der Familie für ein gutes halbes Jahr. Im Frühjahr 1957 verkauften wir dann unser Vieh in Einruhr und verließen endgültig unsere Heimat. Wir hatten ein neues Zuhause gefunden und haben unsere Entscheidung nie bereut.

Noch heute sind die Zugewanderten an ihren Namen zu erkennen. Denn die Namen Wollgarten und Hüpgen gab es bis dahin in der Gegen nicht."

Ende eines Ortes

Trotz des erbitterten Wiederstandes begannen im Jahre 1955 die Bauarbeiten am Paulushof Damm, der 1958 fertig wurde. Lange dachte man daran, den Ort Pleushütte mit einem Damm vor dem Wasser zu schützen, gab den Plan aber dann doch auf. 18 Häuser fielen dem Bagger zum Opfer. In Einruhr waren es immerhin noch drei. Viele konnten nur durch aufwendige Sicherung erhalten werden. Die alte Brücke wurde abgerissen und durch eine neue ersetzt.

In den fünfziger Jahren gab es fast keinen Fremdenverkehr mehr. Erst langsam konnte sich der neu entwickeln. Heute sind die seelischen Wunden, der Ärger und der Schmutz vergessen. Ein blühendes Eifeldorf mit allen Möglichkeiten des Tourismus ist entstanden im Monschauer Land. Gutbürgerliche Übernachtungsmöglichkeiten stehen ebenso zur Verfügung wie Hotels der gehobenen Kategorie. Die Schifffahrt auf dem See ist gut aufgestellt und lädt zu Auspflügen ein. Der Naturpark Nord Eifel bringt einen neuen Schub in die Touristik. Die alte Heimat ist im See teilweise verschwunden, aber neue schöne Möglichkeiten haben sich eröffnet. Unser ganzes Leben hat sich verändert. Nichts bleibt wie es war.

Quellenangabe:

Eifeler Nachrichten aus dem Jahr 1952: Archiv Klaus Hüpgen

Wenn Menschen ihre Heimat verlassen müssen; Jahrbuch "Das Monschauer Land", 1998, S. 108 bis 112; herausgegeben vom Geschichtsverein des Monschauer Landes: Kunibert Förster

Fotos: Archiv Siegbert Heup



insgesamt 4 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Kunibert Förster, 23.10.2008
1.
Stellungnahme Zum Bericht von Ferdinand Philipp Keuter über die Aufstockung der Rurtalsperre muß ich als Betroffener ein paar Unkorrektheiten bezüglich meiner Person korrigieren. Ferner bemängele ich, daß er die benutzten Quellen nicht angibt. 1)Ich habe nichts gegen die Verwendung von Informationen aus einschlägiger Literatur, die sollte dann aber auch angegeben werden. Die mir in dem Beitrag zugeschriebene Informationen stammen aus folgendem Bericht: - Kunibert Förster, Wenn Menschen ihre Heimat verlassen müssen; Jahrbuch "Das Monschauer Land" - 2008, S. 108 - 112; herausgegeben vom Geschichtsverein des Monschauer Landes; 2)In zwei Passagen im Beitrag sind mir Äußerungen in den Mund gelegt worden, die ich weder geschrieben noch gesagt habe. Dies gilt für die beiden folgenden Absätze: Von einem Autor, der in einem renommierten Blatt wie dem Spiegel schreibt, erwarte ich seriösen Journalismus, d. h. eine saubere Recherche und ein korrekte Wiedergabe der Fakten. Dies trifft hier leider nicht zu. Von Herrn Keuter fordere ich die Korrektur der entsprechenden Passagen. Kunibert Förster, Kürten
Ferdi Keuter, 24.10.2008
2.
>Stellungnahme Sehr geehrter Herr Kunibert Förster, ich werde mich sofort um diese Angelegenheit kümmern. Vorab sende ich Ihnen den Text, der von mir eingereicht wurde. Mit gleicher Post kontaktiere ich den Spiegel. Ich bin sehr daran interessiert, die Angelegenheit zu Ihrer Zufriedenheit zu klären. Mit freundlichen Grüßen Ferdi Keuter
Kunibert Förster, 24.10.2008
3.
Fehler in Stellungnahme - In meiner Stellungnahme ist mir leider ein Fehler unterlaufen. In der Literaturangabe muß es statt heißen: Kunibert Förster
Ferdi Keuter, 27.10.2008
4.
Bin ich doch froh, dass dies nicht nur mit passiert. Ferdi Keuter
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.