Zwei Sowjet-Bürger in Amerika "Diese Pornografie erinnert an eine Fabrik"

Zwei Sowjet-Bürger in Amerika: "Diese Pornografie erinnert an eine Fabrik" Fotos
Die Andere Bibliothek, Berlin

Gehen zwei Russen nach Amerika: 1935 fuhren die beiden berühmtesten Satiriker der Sowjetunion durch die USA. Im Auftrag der "Prawda" besuchten sie Stripshows, wunderten sich, dass nicht alle in Wolkenkratzern lebten - und trafen den erstaunlich selbstkritischen Automobil-Mogul Henry Ford. Von

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Der Klassenfeind erschien plötzlich im Türrahmen. Alt, gebeugt und mit silbrigem Haar strahlte Henry Ford mit seinen 73 Jahren immer noch Tatkraft aus. Der ungekrönte König der amerikanischen Automobilwelt schüttelte 1935 zwei weitgereisten Gästen die Hand. Ilja Ilf und Jewgeni Petrow waren den weiten Weg aus der Sowjetunion bis nach Detroit gereist - unter anderem, um Henry Fords automobiles Königreich zu besichtigen.

Der oft als Ausbeuter der Arbeiterschaft gescholtene Ford überraschte die beiden Sowjetbürger mit erstaunlichen Ansichten. "Der Farmer produziert Getreide, und wir bauen Autos. Aber zwischen uns steht die Wall Street, stehen die Banken, die an unserer Arbeit verdienen, ohne selber etwas zu tun." Und noch mehr Kapitalismuskritik hörten Ilf und Petrow fast ungläubig aus Fords Mund. Ford, der während des Gesprächs zur Irritation aller Anwesenden seine Beine kaum stillhalten konnte, meinte über die Spekulanten in Manhattan: "Die können nur eins - mit Geld tricksen und jonglieren." Mit einer Mischung aus Bewunderung und Befremdung verließen Ilf und Petrow den Mann, der Amerika mobil gemacht hatte. Die beiden Satiriker brachen auf zu ihrem nächsten Ziel, denn sie befanden sich auf einem Roadtrip quer durch Amerika - natürlich in einem Ford.

Im Auftrag der "Wahrheit"

Als Ilf und Petrow 1935 den greisen Henry Ford trafen, waren sie nicht irgendwer, sondern echte Literaturstars. Berühmt gemacht hatte sie ein zweiteiliger Roman, dessen beiden Teile "Zwölf Stühle" und "Das goldene Kalb" 1928 und 1931 erschienen und satirisch das Leben in der Sowjetunion karikierten. Ilja Ilf, der 1897 als Iechiel Leib Fainsilberg in Odessa das Licht der Welt erblickt hatte, war gewissermaßen der geistige Zwilling des 1903 in der gleichen Stadt geborenen Jewgeni Petrowitsch Katajew. Als Duo "Ilf und Petrow" schrieben sie gemeinsam ihre Bücher.

Im September 1935 sandte sie das sowjetische Parteiblatt "Prawda" aus, Amerika zu erkunden. Der Diktator Stalin hatte anscheinend keine Einwände. Welche ideologischen Vorgaben der Reportageauftrag an die beiden Satiriker bei der Bereisung der kapitalistischen USA beinhaltete, ist nicht bekannt. Beide orientierten sich einfach strikt am Namen der Zeitung, die sie beauftragt hatte. "Prawda" bedeutet übersetzt "Wahrheit".

Ankunft in New York

Am 7. Oktober 1935 sichteten Ilf und Petrow Land. Oder besser gesagt: Wolkenkratzer, denn als erstes erschien die Skyline von New York im Blickfeld der beiden Sowjetbürger, als ihr Passagierdampfer Amerika erreichte. Die Begrüßung in der Neuen Welt fiel bescheiden aus, in der riesigen Abfertigungshalle nahm lediglich der Zollbeamte von ihnen Notiz. Wenig später aber kam Rummel auf, denn Ilfs und Petrows Bücher waren kurze Zeit vorher auch auf Englisch erschienen. Was die New Yorker aber noch mehr begeisterte: Die beiden Autoren hatten vor, ihr wunderbares Land zu durchqueren!

Zunächst aber mussten Ilf und Petrow im Moloch New York klarkommen. Die beiden besuchten den lichtdurchfluteten Broadway mit seinen Verlockungen, erfreuten sich am Saxofonspiel eines Obdachlosen. Und landeten schließlich in einem Nachtquartier der Heilsarmee, wo sie einen ersten Eindruck von der Kehrseite des amerikanischen Traums gewannen. Auch der Besuch einer Stripshow, zu der sie wohlmeinende Amerikaner mitgeschleppt hatten, hinterließ wenig Eindruck: "Diese Pornografie ist derart mechanisiert, dass sie schon an eine Fabrik erinnert."

Vor allem verzweifelten sie aber an den Tücken des amerikanischen Alltags. Lange Zeit saßen die beiden in ihrem Hotelzimmer im Dunkeln, weil sie den Lichtschalter nicht fanden. Erst viel später entdeckten sie die Kette, mittels der die Lampen anzustellen waren. Und noch ein größeres Problem tat sich auf: Keiner der beiden besaß einen Führerschein, ein gewichtiges Problem bei einem Roadtrip. Ein Fahrer musste her. Und zwar nicht irgendeiner: "Faktisch benötigen wir also ein ideales Wesen: eine Rose ohne Dornen, einen Engel ohne Flügel, im Grunde eine Mischung aus Reiseführer, Chauffeur, Dolmetscher und Altruist. Um sie zu züchten, wären wohl Jahrzehnte notwendig gewesen."

"Fahren Sie, fahren Sie nach Amerika!"

Doch wie es der Zufall will, stoßen die beiden tatsächlich auf einen solchen "Engel ohne Flügel". Rein äußerlich hatte der indes nur wenig mit einem Engel gemein. Mr. Adams war eher klein, füllig und nur noch spärlich behaart. Zusammen mit Mrs. Adams, die hierfür sogar ihr kleines Kind in Pflege gab, brachen die vier schließlich zu ihrer Reise quer durch Amerika auf, von Küste zu Küste und zurück, die eindringlichen Worte des Moskauer Korrespondenten der "New York Times" im Ohr: "Fahren Sie, fahren Sie nach Amerika!"

Sobald der mausgraue Ford am 8. November 1935 allerdings New York verließ, erlebten Ilf und Petrow eine Überraschung. New York ist nicht Amerika - die Amerikaner lebten keineswegs ausschließlich in Hochhäusern, sondern in weit kleineren Bauten. "Das eingeschossige Amerika" lautete später der Titel ihres Reisebuchs. Eine Beobachtung, die das Amerika-Bild der Leser daheim erschüttern sollte.

Akribisch schrieben Ilf und Petrow ihre Eindrücke auf, Ilf fotografierte zusätzlich mit seiner Leica. Unvoreingenommen unterhielten sich die beiden mit jedermann in einem Amerika, das immer noch unter den Folgen der Weltwirtschaftskrise litt. Sie trafen den Schriftsteller Ernest Hemingway, sprachen mit Arbeitslosen und den Underdogs der amerikanischen Gesellschaft.

Als die Reisegruppe einigen Navajo-Kindern in Arizona Schokolade schenken wollte, kam es zum Eklat. "Der Älteste, ein Junge von etwa sieben Jahren, der ebenfalls den Tränen nahe war, riss sich zusammen, ballte seine schmutzigen Fäustchen und starrte uns mit solcher Wut an, dass wir das Wigwam sofort verließen." Mr. Adams fasste das Verhältnis von Amerikanern und Indianern treffend zusammen: "Wofür sollten sie die Weißen auch lieben?"

"Naiv wie Kinder"

Angesichts solcher Erfahrungen waren die beiden Reporter hin und her gerissen. Sie liebten die amerikanischen Highways, bewunderten die allgegenwärtige Elektrizität und waren begeistert von San Francisco. "Naiv wie Kinder" wären die Amerikaner einerseits, eine "große Nation" andererseits. Nicht jeder Leser daheim las das Lob des amerikanischen Kapitalismus gerne. Bisweilen erhoben Leserbrief-Schreiber Protest. Die meisten jedoch waren von den Berichten in der "Prawda" begeistert. "Wenn Amerika sowjetisch wäre, dann wäre es das Paradies", schrieb ein Leser.

Die Reisebegeisterung Ilfs und Petrows ließ unterdessen stark nach. Sie hatten mittlerweile Amerika von Küste zu Küste durchquert, Wüsten gesehen, Berge erklommen und Höhlen erkundet. Tausende Meilen hatten sie dabei hinter sich gelassen. Schließlich wollten sie nur noch nach Hause.

Nur noch ein Ziel stand auf ihrer Liste: die Hauptstadt Washington. Hier im Herzen der amerikanischen Demokratie erlebten sie, wie sich der allmächtige Wirtschaftsmogul John Pierpoint Morgan Junior wegen angeblicher Vergehen einer Senatsbefragung stellen musste. Ilf und Petrow waren nicht beeindruckt und erwiesen sich als echte Kapitalismuskritiker: "Da sprach nicht Morgan, es sprachen seine Milliarden."

Am 12. Januar 1936 schließlich rollte der mausgraue Ford mit Ilf und Petrow an Bord wieder im Big Apple ein. Kurz darauf verließen sie per Schiff Amerika. Die letzten Worte Mr. Adams‘ lauteten: "Ich hoffe, Sie haben begriffen, was Amerika ist."

Zurück im Großen Terror

In der Sowjetunion hatte Stalin mittlerweile den Großen Terror entfesselt, dem Millionen angeblicher Abweichler zum Opfer fallen sollten. Ilfs und Petrows Reportagen über die USA erschienen trotzdem weiterhin in der "Prawda". 1937 erschienen sie sogar in Buchform. Ilja Ilf sollte das Erscheinen allerdings nicht mehr erleben, er starb bald nach seiner Rückkehr an Tuberkulose. Sein Freund und Partner Jewgeni Petrow überlebte ihn nur um wenige Jahre. Er starb 1942 als Kriegskorrespondent bei einem Flugzeugabsturz. Ihre Reiseerlebnisse werden dagegen bis heute gern gelesen und lassen viele Menschen vom amerikanischen Traum träumen.

Zum Weiterlesen:

Ilja Ilf und Jewgeni Petrow: "Das eingeschossige Amerika: Eine Reiseerzählung". Die Andere Bibliothek, Frankfurt am Main 2013, 2 Bände, 693 Seiten.

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1.
Siegfried Wittenburg 09.07.2013
Ach, welch ein Zufall! Neulich fiel mir ein Reportagebuch von Egon Erwin Kisch in die Hände mit dem Titel ?Paradies Amerika?, der durchaus ironisch gemeint war, denn Kisch war Mitglied der deutschen KPD. Eine Reise führte ihn 1928/29 durch die USA. Ich stutzte, als ich folgende geschriebene Passage entdeckte, in der es um ein geheimes Kontingent des Außenministeriums der Vereinigten Staaten von 100.000 Dollar geht: ?Die Summe wird zu dem Zweck benötigt, das Außenministerium in den Stand zu setzen, Vorgänge in anderen Nationen genau zu überwachen, so dass die Vereinigten Staaten jederzeit über alle Entwicklungen unterrichtet sind, die ihre Interessen berühren könnten.? Willkommen in 2013!
2.
Uwe Schwarz 09.07.2013
"Der Farmer produziert Getreide, und wir bauen Autos. Aber zwischen uns steht die Wall Street, stehen die Banken, die an unserer Arbeit verdienen, ohne selber etwas zu tun." Na toll, sind sie also auf den Judenhasser und Hitlerverehrer hereingefallen, der die ?Protokolle der Weisen von Zion? hatte drucken lassen. Und Marc von Lüpke hält das für Kapitalismuskritik, wenn einer von schaffendem und raffendem Kapital schwafelt.
3.
Günter Vrauer 09.07.2013
@Uwe Schwarz Herny Ford war durchaus ein Kapitalismuskritiker Er stand einige Zeit sogar unter dem Verdacht Kommunist zu sein. Seine Idee Autos am Fliessband zu bauen entsprang der Idee jedem Amerikaner also auch den unteren Einkommensschichten ein Automobil anbieten zu können. Bis dahin waren Auto nämlich teure Einzelanfertigungen
4.
Philipp Börker 10.07.2013
Die Idee mit den Autos für jeden Bürger ist genau so kommunistisch wie der National*sozialismus*, der bekanntlich Entsprechendes für den Deutschen anstrebte. Ich habe beim Lesen der Stelle auch sofort an Henry Fords bekannten Antisemitismus und seine Bewunderung für Hitler gedacht.
5.
René Marquardt 10.07.2013
Das im Wind schwingende Schild ist eine Reklame fuer das im Verlag "Viking Press" erschienene Buch "Boners" (Stilblueten und Irrtuemer) von Dr Seuss, und nicht etwa eine Botschaft der Unterdrueckung von der Bourgeoisie an die Arbeiterklasse. Sinngemaess, in der Sprache von 2013, steht da drauf "Im Ausland gilt 'Revolution' als Regierungsform, LOL." und ist ein Zitat aus "Boners". Soweit ist die Spiegel-Unterschrift richtig, und lagen die beiden falsch. Aber wie man beim Spiegel vom abgebildeten Text auf "Mit Revolution überlässt man dem Ausland die Regierung" kommt, ist mir leicht unklar.
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