Holocaust-Überlebender Die Suche nach Judenretter Helmut Kleinicke

Ein SS-Mann, so erinnert sich Josef Königsberg, bewahrte ihn 1942 vor der Deportation ins KZ. Seitdem treibt den heute 92-Jährigen eine Frage um: Was wurde aus seinem Retter? einestages hat die Familie aufgespürt.

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Josef Königsberg war schon eingeteilt an diesem Tag im Februar 1942. Eingeteilt für einen ziemlich sicheren Tod.

Königsberg war erst 17 Jahre alt, als SS-Mannschaften und Polizisten im jüdischen Ghetto der polnischen Stadt Chrzanów, etwa 40 Kilometer westlich von Krakau, wüteten. "Sie holten die Menschen aus ihren Wohnungen und trieben alle Juden auf den Marktplatz", erinnert sich der 92-Jährige. "Ehe ich mich versah, befand ich mich in der Menge der Gejagten."

Am Marktplatz seien die Juden in zwei Gruppen aufgeteilt worden. Königsberg kam in die Gruppe mit hauptsächlich jungen Menschen, die in den Osten oder in ein Konzentrationslager deportiert werden sollten, wie er vermutete.

"Lassen Sie ihn gehen!"

Dann eine überraschende Wendung: Nach einigen Stunden der Ungewissheit seien zwei SS-Männer in Begleitung des SS-Obersturmbannführers Helmut Kleinicke erschienen. "Als Herr Kleinicke mich sah, wandte er sich an seine Begleiter: 'Meine Herren, wie Sie wissen, bin ich Leiter des Kreisbauamtes. Dieser Mann hier gehört zu meinen besten Arbeitern. Ich kann ihn noch nicht entbehren. Lassen Sie ihn wieder gehen'."

Später kam Königsberg trotz der Rettung durch Helmut Kleinicke doch noch in mehrere Konzentrationslager - er überlebte den Krieg, wenn auch abgemagert bis auf die Knochen. Bis heute beschäftigen ihn diese paar Sekunden, die in Chrzanów womöglich über sein Schicksal entschieden. Er hat sie journalistisch verarbeitet und als Zeitzeuge auf einestages darüber geschrieben.

Eine Frage ließ ihn nie mehr los: Was war aus seinem Retter geworden?

Kennengelernt hatte er ihn in Chrzanów: Königsberg war Zwangsarbeiter auf einem Bauernhof und wurde im Sommer 1941 zu einer Villa beordert, die einer nun enteigneten jüdischen Familie gehört hatte. Königsberg sollte das stattliche Herrenhaus in der Beuthenerstraße 22 aufräumen; Kleinicke war die Villa von den deutschen Behörden zugeteilt worden. Über ein gemeinsames Hobby, Briefmarkensammeln, kamen die beiden ins Gespräch. Kleinicke war Königsberg wohlgesonnen und ließ ihn fortan regelmäßig die Villa säubern. Königsberg hoffte, dass ihm diese Verbindung einmal helfen könnte - und so kam es.

Historische Schnitzeljagd

Nach dem Krieg versuchte er, Kleinicke aufzuspüren - vergeblich. In seinem Zeitzeugenbericht schrieb er resigniert: "Vermutlich ist er an der Ostfront gefallen. Ob auch an seinen Händen Blut klebte oder ob er trotz seiner SS-Uniform Mensch geblieben war, wird die Welt wohl nie erfahren."

SPIEGEL ONLINE hat sich auf die Suche nach Helmut Kleinicke gemacht - und konnte am Ende die Familien des Retters und des Geretteten zusammenführen.

Es war eine historische Schnitzeljagd. Die wenigen Anhaltspunkte stammten fast alle aus dem Archiv der Deutschen Dienststelle (WASt) in Berlin, Rechtsnachfolger der 1939 errichteten "Wehrmachtauskunftstelle für Kriegerverluste und Kriegsgefangene" (WASt), die Informationen zu vermissten, verwundeten, gefangenen oder verstorbenen Wehrmachtssoldaten sammelte. Heute ist das Archiv eine wichtige Anlaufstelle für Angehörige, die mehr über das Schicksal ihrer im Krieg verschollenen Väter und Großväter erfahren wollen.

Eine Auskunft bei der WASt hatte das ZDF bereits im September 2015 beantragt, nachdem Josef Königsberg als Zeitzeuge in einer Dokumentation aufgetreten war. Doch die weitere Suche nach Angehörigen Kleinickes verlief ergebnislos.

Dabei passten die Daten im WASt zu Königsbergs Erinnerungen: Verzeichnet war im Aktenbestand ein Helmut Kleinicke, geboren am 19. November 1907 in Wildemann im Oberharz. Während des Zweiten Weltkrieges war als Heimatanschrift das oberschlesische Krenau genannt - jener Ort, der nach der deutschen Besatzungszeit wieder Chrzanów heißen würde. Auch die Adresse Beuthenerstraße deckt sich mit Königsbergs Angaben.

Der Geburtsort Wildemann ergab einen weiteren wichtigen Hinweis: Auf einer Ahnenforschungsseite im Internet erinnerte sich Kurt Puzicha, ein 1903 geborener Bergingenieur und Berufsschuldirektor aus Clausthal-Zellerfeld, an seine Zeit im "Dritten Reich". In einem Nebensatz erwähnt er beiläufig seinen "Schwager Helmut Kleinicke", der ihn bei einem Rechtsstreit geholfen habe: Puzicha war ab 1933 mehrmals mit Funktionären der NSDAP-Kreisleitung in Clausthal-Zellerfeld in Konflikt geraten und sogar kurzfristig inhaftiert worden.

"Ein liebenswerter Mensch"

Kurt Puzichas Frau hieß Ursula Kleinicke, geboren 1905 ebenfalls in Wildemann. Das konnte kaum ein Zufall sein, hinzu kam die geografische Nähe: Wildemann, der Geburtsort der Kleinickes, liegt nur wenige Kilometer entfernt von Clausthal-Zellerfeld, wo Kurt Putzicha ab 1922 Bergbauwissenschaften studiert hatte.

Hatte sich damals Ursula Kleinicke in den Studenten aus dem Nachbarort verliebt? War sie die Schwester von Helmut Kleinicke? Alles deutete daraufhin, dass der gesuchte Helmut Kleinicke verwandt war mit der Familie Puzicha.

Weitere Nachforschungen brachten Gewissheit: Ursula und ihr Mann Kurt Puzicha waren zwar längst verstorben, hatten jedoch vier Kinder, von denen zwei noch leben. Eine ihrer Töchter, Rosemarie Romahn, lebt heute in Berlin - und freute sich, als sie von der Suche nach ihrem Onkel Helmut hörte.

Die heute 85-Jährige beschreibt Helmut Kleinicke als "liebenswerten Menschen", als großgewachsenen Mann von "stattlicher Statur" mit hoher Stirn und zurückgekämmten, dunkelblonden Haaren. Das ähnelt der Beschreibung Königsbergs, auch andere Details passen. Etwa dass Helmut Kleinicke ausgebildeter Bauingenieur war und daher eine leitende Funktion im Bauamt Chrzanów gehabt haben könnte. Dass er frisch verheiratet war mit seiner Frau Cilly, als er 1941 seine neue Wohnung in Chrzanów bezog. Und dass er womöglich schon einmal einem Juden geholfen hatte.

Letzte Begegnung am Sterbebett

"Er hat einmal einen teuren Damenring geschenkt bekommen von einem Juden", erinnert sich Rosemarie Romahn. "Seine Frau Cilly hat diesen Ring getragen. Die Hintergründe kenne ich nicht, aber in der Familie hieß es immer, dass der Ring ein Geschenk aus Dankbarkeit war. Vielleicht hat er jemandem geholfen. Er selber hat mir darüber nie etwas erzählt."

Auch das Nachkriegsschicksal von Helmut Kleinicke ließ sich teilweise rekonstruieren. Kleinicke geriet kurz in britische Kriegsgefangenschaft und wurde im Juli 1945 entlassen. Seine Nichte Rosemarie traf ihn mitunter in Clausthal-Zellerfeld bei ihrer Familie.

"Das letzte Mal sah ich ihn 1961 in Recklinghausen im Krankenhaus am Sterbebett meiner krebskranken Mutter Ursula", erinnert sich Rosemarie Romahn. "Er ist damals heimlich gekommen. Seine Frau Cilly hatte offenbar etwas dagegen. Sie hat Unfrieden in die Familie gebracht."

Das erklärt, warum die Nichte nach 1961 keinen Kontakt mehr zu ihrem Onkel hatte, der inzwischen längst verstorben sein dürfte. Auch eine weitere Nichte sowie zwei Söhne aus zweiter Ehe von Kurt Puzicha wissen nicht mehr. Ebenso hat niemand Kontakt zur Tochter von Helmut und Cilly Kleinicke - die sicher mehr über Josef Königsbergs Retter erzählen könnte. Jutta Kleinicke heißt sie; ob sie noch lebt, ist unklar.

Eine andere Frage bleibt ebenfalls offen: Aus den WASt-Akten geht hervor, dass Helmut Kleinicke offenbar kein "SS-Obersturmbannführer" gewesen war, wie Königsberg schrieb. Es gebe "keine Hinweise" auf eine Mitgliedschaft in der SS, so die Behördenauskunft; in den "Dienstalterslisten" der Obersturmbannführer und Sturmbannführer der SS sei bis Ende 1944 "kein Namensträger 'Kleinicke' verzeichnet".

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Josef Königsberg schließt trotzdem eine Verwechslung aus. "Womöglich hat mich in diesem Punkt meine Erinnerung getäuscht. Ich war damals erst 17. Vielleicht habe ich die Uniformen falsch zugeordnet", sagt er. "Vielleicht trug er aber auch eine SA-Uniform, oder die Aktenbestände sind eben unvollständig." Das wiederum glaubt Rosemarie Romahn nicht. Ihr Onkel sei kein Mitglied der SS oder SA gewesen.

Eines hat die Suche nach Helmut Kleinicke aber jetzt schon bewirkt: Sie hat zwei hochbetagte Fremde, Überlebende des längst vergangenen Krieges, zusammengeführt. Vor zwei Monaten ist Josef Königsberg aus Essen zu Rosemarie Romahn nach Berlin gefahren.

"Es war eine sehr aufrührende Geschichte für mich, weil ich diese Geschichte von meinem Onkel ja zuvor gar nicht kannte", erzählt Rohman. "Die Sache beschäftigt mich immer noch."

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