Die Toten des 17. Juni 1953 Abrechnung mit dem eigenen Volk

Die Toten des 17. Juni 1953: Abrechnung mit dem eigenen Volk Fotos
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Gewalt, Einschüchterung, Terror: Nur mit extremsten Mitteln gelang es der DDR-Staatsmacht im Juni 1953, den Volksaufstand niederzuschlagen. Tausende wurden inhaftiert, mehr als 50 Demonstranten starben. Doch die eigentliche Rache des SED-Apparats stand erst noch bevor. Von

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So viele Menschen hatte Ernst Jennrich noch nie auf den Straßen Magdeburgs angetroffen. Er wusste ja noch nicht einmal wie ein Streik aussieht. Und dann hieß es auch noch, vor der Haftanstalt Sudenburg und dem Polizeipräsidium würde geschossen. "Da hab ich zu meinem Sohn gesagt: 'Wir wollen da mal gucken'."

Es war der 17. Juni 1953, und in der DDR spielten sich auf einmal tumultartige, bis dahin völlig unvorstellbare Szenen ab, die so gar nicht in das Bild der straff durchorganisierten SED-Diktatur passten.

Als Ernst Jennrich mit seinem Sohn vor der Magdeburger Haftanstalt ankam, hatten die Demonstranten die Wachposten bereits entwaffnet, und Jennrich war plötzlich gefangen von der revolutionären Stimmung dieses Tages. Wenige Sekunden genügten, um das Leben des bis dahin unauffälligen Gärtners komplett aus der Bahn zu werfen: Der 42-Jährige entriss einem Halbwüchsigen einen Karabiner und gab damit zwei, wie er sagte, ungezielte Schüsse ab: einen in die Luft, den anderen auf die Mauer der Haftanstalt. Dann zerschlug er den Karabiner.

Er habe mit seiner Aktion die Waffe entladen und weiteres Unheil vermeiden wollen, erklärte Jennrich später dem Gericht. Alles Lüge, sagte die Staatsanwaltschaft. Er habe gezielt auf einen Volkspolizisten geschossen und ihn getötet. Von "Mordhetze gegen demokratische Einrichtungen und Organisationen" war die Rede.

Rache der Sieger

Bis Anfang Juli 1953 hatten Volkspolizei, Stasi und sowjetische Kommandos etwa 12.000 Menschen verhaftet, Jennrich war einer von ihnen. Sein Verhalten am 17. Juni bot der DDR Gelegenheit, zurückgewonnene Stärke zu beweisen: Die Stärke der vermeintlich unantastbaren SED-Diktatur, die vorübergehend ins Wanken geraten war. Im ganzen Land hatten Hunderttausende für Reformen, freie Wahlen, gerechte Löhne demonstriert - oder einfach ihrem generellen Unmut freien Lauf gelassen: Regierungsgebäude waren belagert, Gefängnisse gestürmt, Barrikaden errichtet worden. Die Staatsmacht hatte anfangs panisch und kopflos reagiert, in allen Großstädten den Ausnahmezustand verhängt und Hunderte Panzer geschickt. Steine flogen, Schüsse fielen: Es herrschte Anarchie in der DDR.

Doch so explosiv wie sich der Arbeiteraufstand entzündete hatte, so schnell brach er nach fünf Tagen unter dem massiven Einsatz von Polizei und Militär wieder zusammen. Der Sturz des Regimes blieb aus: Mitten im Kalten Krieg hatte es der Westen nicht wagen können, den Aufständischen zur Hilfe zu kommen. Nun begann die Rache der Sieger.

Archivbilder zeigen den Volksaufstand in der DDR: Klicken Sie auf das Bild, um das Video zu sehen

Im August 1953 wurde Ernst Jennrich zu einer lebenslangen Zuchthausstrafe verurteilt. Das Gericht hatte ihm den angeblich gezielten Schuss nicht nachweisen können. Und doch erschien der harte Richterspruch einigen hohen Funktionären noch zu mild. Justizministerin Hilde Benjamin hatte schon vor Prozessbeginn interne Anweisungen gegeben, welche Strafe sie erwartete - und in ihrem Sinne ging die Staatsanwaltschaft nun gegen das Urteil in Berufung.

Sechs Wochen später wurde Jennrich, der bis zum Schluss seine Unschuld beteuerte, in einem nur 15-minütigen Prozess von denselben Richtern wie beim ersten Prozess wegen Mordes zum Tode verurteilt. Einer der Schöffen legte daraufhin aus Gewissensgründen sein Amt nieder. Dem Gärtner Jennrich half dieser mutige Protest gegen die Willkürjustiz nichts: Am 20. März 1954 wurde er in Dresden enthauptet - Staatspräsident Wilhelm Pieck hatte sein Gnadengesuch abgelehnt.

Frühe "Fehler"

Das drakonische Urteil - 1991 wurde der Magdeburger posthum rehabilitiert - war auch Ausdruck der tiefen Verunsicherung, die der Aufstand bei den Regierenden hinterlassen hatte. Trotz der erfolgreichen Niederschlagung blieb der 17. Juni für die Herrschenden jahrzehntelang ein Trauma: "Ist es so, dass morgen der 17. Juni ausbricht?", fragte Stasi-Chef Erich Mielke noch Ende August 1989 besorgt einen hohen Funktionär. Wenig später brach die DDR tatsächlich zusammen.

Die Verunsicherung 36 Jahre zuvor hatte allerdings nicht erst am 17. Juni 1953 begonnen, sondern drei Monate zuvor - mit dem Tod Stalins, der mit einer Wirtschaftskrise in der DDR zusammenfiel. Mangelnde Versorgung und Nahrungsmittelengpässe ließen die Flüchtlingszahlen immer weiter hochschnellen: Allein im März 1953 flohen 31.000 DDR-Bürger in den Westen. Die SED reagierte mit einer drastischen Erhöhung der Arbeitsnormen um zehn Prozent: Für denselben Lohn sollte fortan deutlich schneller und härter gearbeitet werden, um die ambitionierten Produktionsziele zu erreichen.

Gleichzeitig diktierte die neue Führung in Moskau der DDR hastig eine Reformpolitik, die die SED am 11. Juni 1953 derart übereilt veröffentlichte, dass sie damit selbst hohe Funktionäre überraschte und schockierte. Denn erstmals gab die Partei öffentlich "Fehler" zu, die zu der massenhaften "Republikflucht" geführt hätten. Steuererhöhungen und Zwangskollektivierungen von Betrieben sollten deshalb zurückgenommen werden, der private Mittelstand gefördert und das allgemeine Lebensniveau erhöht werden.

Doch die Zugeständnisse verfehlten ihre Wirkung: Viele DDR-Bürger fühlten sich nun ermuntert, erstmals das laut zu sagen, was sie vorher nur insgeheim gedacht hatten: Der Staat hatte größtenteils versagt. Hunderte traten aus der SED aus, und schon bald kursierten die wildesten Gerüchte: Staatspräsident Wilhelm Pieck? Auf der Flucht in der Schweiz angeschossen und verstorben! SED-Chef Walter Ulbricht? In Moskau verhaftet! Nein, bereits tot - Selbstmord.

Die Abrechnung

Die Gerüchte bestätigten sich zwar nicht, boten aber den passenden Nährboden für Proteste, Kundgebungen und Streiks, die schon in den Tagen vor dem 17. Juni landesweit ausbrachen. Überall verlangten die Demonstranten von der SED, die verhasste Erhöhung der Arbeitsnormen wieder zurückzunehmen. Doch schnell schlug die Forderung in eine generelle Abrechnung mit dem Staat um.

In Ost-Berlin brachte ein Arbeiter am 16. Juni die brodelnde Stimmung auf den Punkt, als er Bergbauminister Fritz Selbmann vom Rednertisch stieß, ihn als "Lump und Verräter" beschimpfte - und dann der jubelnden Menge zurief: "Wir wollen frei sein. Unsere Demonstration richtet sich nicht nur gegen die Normen. Das hier ist eine Volkserhebung. Wir fordern freie und geheime Wahlen!"

Am nächsten Tag wurde der Generalstreik ausgerufen und machte aus bis dahin lokalen Protesten einen Flächenbrand. Die Staatsmacht wusste sich nur noch mit den Reflexen der Diktatur zu helfen: Gewalt, Einschüchterung, Terror. Auch die sowjetischen Truppen beteiligten sich maßgeblich daran. Moskau ordnete schon am 17. Juni an, 18 Aufrührer standrechtlich zu erschießen. Ob das Ziel erreicht wurde, ist bis heute unklar. Nachgewiesen sind fünf Erschießungen durch sowjetische Kommandos und zwei Hinrichtungen auf Grund ostdeutscher Gerichtsurteile. Daneben starben mindestens noch 50 weitere Demonstranten durch Schüsse, Schläge und Misshandlungen; die genauen Opferzahlen sind bis heute nicht eindeutig zu rekonstruieren.

"Die Flamme löschen"

Mit großen Aushängen informierten die Behörden über die Hinrichtungen. "Die Plakate an den Litfasssäulen hatten einschüchternde Wirkung", schrieb Wladimir S. Semjonow, damals höchster sowjetischer Diplomat in der DDR, stolz in seinen Erinnerungen. "Es gelang uns, die Flamme zu löschen, bevor sie sich ausbreitete."

Zur Abschreckung war jedes Mittel recht. Der Furor des Staates traf selten die echten Rädelsführer. Sondern Menschen wie Alfred Diener, einen Schlosser, der am 17. Juni mit anderen Demonstranten in die SED-Kreisleitung in Jena eingedrungen war und dafür einen Tag später erschossen wurde. Systematisch machten die Behörden auch Jagd auf jene Häftlinge, die von den Aufständischen aus den erstürmten Gefängnissen entlassen worden waren. Von 1500 schafften es nur 63 in den Westen, der Rest wurde wieder kaserniert. Auf der anderen Seite versuchte die DDR seinen Bürgern auch Milde und Nachsicht zu suggerieren, indem sie Tausende der massenhaft Festgenommenen schnell wieder freiließ.

Repression, das merkte der Staat schnell, reichte allein nicht aus. Denn es galt ein Paradoxon zu erklären: Wie konnte es sein, dass Arbeiter und Bauern so massiv gegen einen Arbeiter- und Bauernstaat aufbegehrten? Es mussten also Schuldige von außen her. Der Staat fand sie in der Bundesrepublik, dem vermeintlichen noch durchgängig von Faschisten regierten ideologischen Feind. Schon bald deutete die DDR den Aufstand in einen aus dem kapitalistischen Westen gesteuerten "faschistischen Putschversuch" um. Das blieb die offizielle Lesart, die jedes Schulkind in der DDR lernte.

Nur: Beweise für diese breit angelegte Verschwörung waren nicht zu finden.

Dieser Mangel wurde im Juni 1954 vier Männern aus West-Berlin zum Verhängnis. Sie wurden allesamt entführt oder trickreich nach Ost-Berlin gelockt und dort festgenommen. Kurz vor dem ersten Jahrestag des Aufstandes wollte die DDR ihrer Bevölkerung einige Hintermänner der vermeintlich aus dem Westen gelenkten "Konterrevolution" präsentieren. In einem Schauprozess wurden die Männer zu Strafen zwischen fünf und 15 Jahren Zuchthaus verurteilt. Nur einer von ihnen, der Polizeikommissar Werner Mangelsdorf, war aktiv an einem Streik am 17. Juni beteiligt gewesen.

Ein echter Revolutionär war aber auch der in Ungnade gefallene Polizeikommissar sicher nicht - er hatte sogar in West-Berlin als Stasi-Informant gearbeitet.

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insgesamt 59 Beiträge
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    Seite 1    
1.
Michael Schmidt 17.06.2013
Und heutzutage hat man die Opfer vollständig rehabilitiert...einen Mann, der sogar lt. ihrem Artikel auf Menschen und Einrichtungen geschossen hat...Leute, die Menschenverletzt und getötet, die Gebäude in Brand gesteckt haben...ich möchte wissen, wie die heutige Staatsmacht vorgeht, wenn man einen Minister tätlich angreift und auf Polizisten schießt...
2.
lois figo 17.06.2013
Ich bin mir nciht sicher, dass wenn heute eine Gruppe der Arbeiter, die unzufrieden mit ihren letzten Tarifverhandlungen sind, durch die Strassen randalierend und Beamten tötend ziehen würde, dass die Bundesregierung tatenlos zugeschaut hätte. Diese "Kampf für Freiheit"-Stilisierung der faschistischen Elemente in der DDR ist einfach widerlich.
3.
bob hope 17.06.2013
>Ich bin mir nciht sicher, dass wenn heute eine Gruppe der Arbeiter, die unzufrieden mit ihren letzten Tarifverhandlungen sind, durch die Strassen randalierend und Beamten tötend ziehen würde, dass die Bundesregierung tatenlos zugeschaut hätte. Diese "Kampf für Freiheit"-Stilisierung der faschistischen Elemente in der DDR ist einfach widerlich. Widerlich ist allein Ihr Versuch, die Opfer dieser staatlichen Willkür und Verbrechen erneut ihrer Würde zu berauben - schämen Sie sich ! Ihr feiges Untertanentum ist verbal verbrecherisch !
4.
bob hope 17.06.2013
>Und heutzutage hat man die Opfer vollständig rehabilitiert...einen Mann, der sogar lt. ihrem Artikel auf Menschen und Einrichtungen geschossen hat...Leute, die Menschenverletzt und getötet, die Gebäude in Brand gesteckt haben...ich möchte wissen, wie die heutige Staatsmacht vorgeht, wenn man einen Minister tätlich angreift und auf Polizisten schießt... Der Rechtsstaat hat seine rechtsstaatlichen Mittel, sich und seine Bürger zu schützen - das ist der Unterschied zur Diktatur !
5.
Siegfried Wittenburg 17.06.2013
"...ich möchte wissen, wie die heutige Staatsmacht vorgeht..." "Diese `Kampf für Freiheit´-Stilisierung der faschistischen Elemente in der DDR ist einfach widerlich." Die o. a. Kommentare klingen etwa so: Auch eine Gesellschaft von Sklavenhaltern schafft sich ihre Gesetze und Regeln, so dass gegen jeden Verstoß mit Staatsgewalt reagiert werden kann. Die Sklaven sollen arbeiten und sich dem geltenden Recht fügen. Dann bleibt die Welt für die Sklavenhalter in Ordnung.
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