Die verrückten Mitford-Schwestern "Heil Hitler! Love, Bobo"

Verwandt mit Churchill, verliebt in den "Führer": Die britische Aristokratin Unity Mitford ging in die Geschichte ein - als Hitlers Groupie. Zusammen mit ihren fünf exzentrischen Schwestern genoss sie zwischen den Weltkriegen das frivole Leben der Upperclass und provozierte Skandale in ganz Europa.

Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz/Bayerische Staatsbibliothek / Heinrich Hoffmann

Von Peter Münder


Gleich sechs Töchter, und dann auch noch allesamt durchgeknallt - Lord Redesdale hatte es wirklich nicht ganz leicht mit seinem Nachwuchs. "Ich bin normal, meine Frau ist normal", soll der Edelmann aus uraltem englischen Geschlecht in einem schwachen Moment gestöhnt haben, "aber von unseren Töchtern ist eine verrückter als die andere." Sieben Söhne hatte der Lord sich eigentlich erhofft, doch seine Gattin gebar ihm nur einen, und der fiel 1945 als Soldat in Burma - es blieb ihm ein halbes Dutzend Mädchen.

Die Amazonenhorde allerdings wirbelte das Leben seiner Lordschaft wohl mehr durch, als es selbst zehn Jungs je gekonnt hätten. Mit einer explosiven Mischung aus tabulosem High-Society-Lebensstil und wilden politischen Extravaganzen schockierten die sechs Mitford-Schwestern in den dreißiger und vierziger Jahren ganz Großbritannien, ja ganz Europa. Verwandt und bekannt mit praktisch allen, die Macht und Geld, Rang und Namen hatten, nahmen sie sich immer, was sie wollten, ohne Rücksicht auf Kritik oder gar Konventionen.

Nancy, als älteste der Schwestern 1904 geboren, war die Geliebte eines engen Beraters von Charles De Gaulle und karikierte in erfolgreichen Romanen das Leben der britischen Upperclass. Pamela, die Zweitgeborene, ließ sich von einem Millionär scheiden und zog mit einer italienischen Springreiterin zusammen aufs Land, wo sie Geflügel züchtete. Diana, geboren 1910, machte erst Schlagzeilen durch ihre Traumhochzeit mit dem schriftstellernden Brauerei-Erben Bryan Walter Guinness und dann, indem sie diesen für den britischen Faschistenführer Sir Oswald Mosley sitzenließ.

Ein Sohn von Adolf Hitler?

Auch Unity Mitford, Schwester Nummer vier, war dem Faschismus verfallen, nur noch viel hemmungsloser als ihre Schwester Diana. Sie verguckte sich ausgerechnet in Adolf Hitler und erlangte in den Dreißigern notorische Berühmtheit als Groupie des "Führers". Noch Ende 2007 spekulierte die britische Presse wild über einen angeblichen unehelichen Sohn von Unity und Adolf, der unerkannt in Großbritannien lebe. Jessica, die zweitjüngste der Mitfords, zog es mit gleicher Leidenschaft zum anderen Extrem: Im zarten Alter von 19 Jahren zog sie 1936 mit ihrem Liebhaber in den Spanischen Bürgerkrieg und emigrierte 1939 als überzeugte Kommunistin nach Amerika.

Einigermaßen normal in dem exzentrischen Weiberhaufen entwickelte sich nur das Nesthäkchen Deborah, Jahrgang 1920 und heute die einzige noch lebende Mitford-Schwester. Seit 1941 war sie mit dem 2004 verstorbenen Herzog von Devonshire verheiratet, verwandelte den Familiensitz Chatsworth House in eine der größten Touristenattraktionen Großbritanniens und frönt ansonsten dem Gartenbau sowie der Tierzucht - ihr einziger Spleen ist eine tiefe Verehrung für Elvis Presley.

Zeitlebens hielten die sechs Schwestern Kontakt untereinander, fast täglich schrieben sie sich Briefe - allen Differenzen zum Trotz. Aus rund 12.000 dieser einzigartigen zeitgeschichtlichen Dokumente hat Dianas Schwiegertochter Charlotte Mosley Ende vergangenen Jahres rund 600 in dem Buch "The Mitfords: Letters Between Six Sisters" veröffentlicht. Über eine Zeitspanne von fast 80 Jahren spiegeln die Briefe eine der wohl ungewöhnlichsten Familiengeschichten und zugleich die große Weltpolitik des 20. Jahrhunderts wider. Sie gewähren Einblicke in die frivole Welt der englischen Upperclass in der politische Konflikte nur als Randphänomene eines "High Life" Platz hatten.

"Er sprach ausführlich über die Juden, das war lovely"

Die faszinierendste Gestalt aus dem quirligen Sextett ist bis heute zweifellos Unity Mitford. Schon als Teenager schwärmte die 1,80 Meter große Blondine, die mit zweitem Namen Valkyrie hieß, für Hitler und die Nazis. Ihre Briefe an die Schwestern unterschrieb sie gerne mit "Heil Hitler! Love, Bobo" (Bobo war ihr Spitzname). Und fast jede Erwähnung ihrer rund hundert Treffen mit dem "sweet" Führer wird mit Adjektiven wie "lovely" oder "wonderful" geschmückt. "Er sprach ausführlich über die Juden, das war lovely", heißt es etwa in einem Brief vom 23. Dezember 1935. Oder, am 8. Februar 1936: "Er sagte, mit der deutschen Armee und der englischen Navy könnten wir die Welt beherrschen. Ist das nicht wunderbar. Oh, wenn wir das haben könnten... With best love and Heil Hitler!"

Richtig auf den Geschmack am Dritten Reich waren Unity und Diana gleich nach der "Machtergreifung" 1933 gekommen. Weil sie sich auf einer Londoner Party irritiert über die antisemitischen Exzesse in Deutschland erkundigt hatten, lud Ernst "Putzi" Hanfstengl - ein Freund von Churchills Sohn Randolph und außerdem Auslandspresseschef der NSDAP - die Ladys kurzerhand ein, sich vor Ort selbst ein Bild zu machen. So landeten die beiden attraktiven Aristokratinnen auf dem Nürnberger NSDAP-Parteitag - und ließen sich von den Massenaufmärschen und ritualisierten Machtdemonstrationen mitreißen. Fotos von damals zeigen die beiden Mitfords lachend mit ausgestrecktem Arm in Heil-Hitler-Pose - für die NS-Propaganda ein gefundenes Fressen.

Schon im Jahr darauf kehrte Unity zurück und schrieb sich in München in einer Sprachschule in der Nähe der NSDAP-Zentrale ein - sie wollte möglichst eloquent auftreten können, wenn sie denn dem "bedeutendsten Mann der Weltgeschichte" persönlich begegnen würde. In der "Hauptstadt der Bewegung" entwickelte sich Unity zur Stalkerin, unermüdlich folgte sie den Spuren des "Führers". Fast jeden Tag verbrachte die junge Britin in der von Hitler frequentierten Osteria Bavaria in der Schellingstraße in der Maxvorstadt, um den angehimmelten "Führer" abzupassen und kennenzulernen.

Nach zehn Monaten war sie am Ziel: Hitler sprach die Bewunderin an. Und der Tyrann war angetan - nicht nur von Unitys betörend blauäugiger Erscheinung, sondern auch von ihren ausgezeichneten Beziehungen zur englischen Oberschicht. Der "Führer" übernahm sogar die Rechnung.

Heimkehr mit einer Kugel im Kopf

Es war der Beginn einer überaus merkwürdigen Beziehung. Gemeinsam schwärmte das ungleiche Paar beim Tee von einer deutsch-britischen Weltherrschaft, während des "Führers" Freundin Eva Braun angesichts der optisch wie sozial überlegenen Konkurrentin in Depressionen versank. Hitler lud Unity nach Bayreuth ein und lieh ihr seinen Mercedes für Ausflugsfahrten; Unity wiederum stellte ihm ihre Eltern vor, als Lord und Lady Redesdale 1935 Deutschland besuchten. Als Schwester Diana 1936 den britischen Faschistenführer Oswald Mosley in Joseph Goebbels' Berliner Villa heiratete, war Hitler Ehrengast; Unity ihrerseits durfte neben dem "Führer" stehen, als dieser im März 1938 vom Balkon der Hofburg den "Anschluss" Österreichs verkündete.

Mit dem Kriegsausbruch 1939 jedoch nahm Unitys kindische Heldenverehrung eine tragische Wendung. Aus Mitleid mit "poor dear Hitler", der ihrer Meinung nach den Krieg gegen das Britische Empire kaum überstehen werde, schoss sie sich am 3. September 1939 auf einer Parkbank im Englischen Garten mit einer perlmuttbesetzten Pistole in den Mund. Sie überlebte den Suizidversuch schwerverletzt. Hitler höchstselbst besuchte Unity im Krankenhaus und ließ die Rekonvaleszentin in die neutrale Schweiz transportieren. Mit der Kugel im Kopf kehrte Unity 1940 als Pflegefall nach England zurück. Sie starb 1948.

Schwester Diana hielt auch nach der Kriegserklärung Großbritanniens an Deutschland an ihrer faschistischen Überzeugung fest (von der sie sich auch bis zu ihrem Tod 2003 nie eindeutig distanzierte) und sorgte damit für einen Dauerkonflikt in der Familie - nicht nur mit Jessica, der kommunistischen Außenseiterin. Es war Nancy, die erfolgreiche Autorin, die Diana 1940 bei den britischen Behörden als "äußerst gefährliche Person" anschwärzte. Für drei Jahre wurde Diana im Gefängnis Holloway interniert. Von Nancy erhielt sie freundliche Briefe in die Haftanstalt - dass ihre eigene Schwester sie verpfiffen hatte, ahnte sie nicht.



insgesamt 2 Beiträge
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Christoph Menningen, 19.09.2008
1.
Die englische Band The Indelicates hat ein wundervolles Lied über Unity Mitford geschrieben. Auf ihrer myspace-Seite kann man es hören: http://www.myspace.com/theindelicates
Martin Neusüß, 19.09.2008
2.
Die gewisse Exzentrik hat sich übrigens auch noch in die nächste Generation fortgesetzt, Unitys Neffe Max Mosley war auch gut für Schlag-Zeilen. Sehr idyllisch ist auch der Heimatort der Mitfords, Swinbrook/Oxfordshire. Die letzte überlebende Mitford-Schwester Deborah ist Eigentümerin des schön mit alten Familienfotos dekorierten Dorfpubs "The swan".
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