Die wahren PC-Erfinder Weltherrschaft verschlafen

Die wahren PC-Erfinder: Weltherrschaft verschlafen Fotos
PARC

Sie zeigten Bill Gates wo's lang geht: In den siebziger Jahren versammelte ein Fotokopiererhersteller geniale Tüftler in einer Denkfabrik in Kalifornien. Im Xerox Parc wurden Laserdrucker und Ethernet erfunden - und sogar der Computer, wie wir ihn heute kennen. Doch dann ging alles furchtbar schief. Von Sven Stillich

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Diese Geschichte handelt von Menschen, die alle Chancen hatten, sie aber nicht nutzen durften. Sie beginnt im Jahr 1970, dem Beginn einer Ära, die wir heute Informationszeitalter nennen und in der Computer den Takt unseres Alltags bestimmen.

Damals ist die Welt dagegen noch größtenteils analog. Es gibt Computer - doch die stehen beim Militär, in Firmen, Banken und Universitäten, sind wuchtig wie Schränke und so teuer wie ein Haus. Bedienen können sie nur Spezialisten, Techniker kümmern sich um ihre Wartung. Der Aufwand ist hoch, doch er rechnet sich: Die "Elektronenhirne" erledigen in wenigen Minuten, wofür Angestellte Stunden bräuchten.

Gebaut werden die mächtigen Rechner von riesigen Konzernen wie der "International Business Machines Corporation" (IBM), wo alle Angestellten Anzug und Krawatte tragen müssen. Computer sind eine ernste Angelegenheit, ihnen gehört die Zukunft im Büro und der Forschung - darin sind sich alle einig. Dass es einmal Rechner für private Zwecke geben könnte, kann sich kaum jemand vorstellen.

Der PC war nur ein wirrer Traum

Wer diesen Traum hegt, erntet Unverständnis. So wie Alan Kay, der 1970 einen wichtigen Termin hat: Sein Einstellungsgespräch bei einem Forschungsteam des Fotokopiererherstellers Xerox. "Was wird ihre wichtigste Errungenschaft hier sein?", wird er da gefragt, und er antwortet: "Der Personal Computer." "Was ist das?", kommt es zurück. Der Informatiker nimmt ein Notizbuch und klappt es auf: "Ein Rechner dieser Größe, mit einem Bildschirm, einer Tastatur und genug Power, um ihre Post zu speichern und ihre Musik, Bilder und Bücher." Sein Gegenüber kratzt sich am Kopf und murmelt: "Ja, klar." Alan Kay bekommt den Job dennoch - und gehört nun zur Xerox-Parc-Mannschaft, angesiedelt bei San Francisco, Tausende Kilometer vom Hauptquartier des Konzerns entfernt. Und die Geschichte nimmt ihren Lauf.

Xerox hatte das Palo Alto Research Center (Parc) im Juli desselben Jahres gegründet, um gerüstet zu sein für die digitale Zukunft, in der Büroangestellte an Monitoren arbeiten würden und nicht mehr nur auf Papier. Zudem befürchtet die Kopiererfirma zu dieser Zeit bereits, gegenüber den Japanern technologisch ins Hintertreffen zu geraten. Das Parc soll eine firmeneigene Denkfabrik werden, gefüllt mit den besten Technikern und Forschern.

Die machen sich gleich ans Werk, hocken in Gruppen auf Sitzsäcken zusammen und lassen ihrer Fantasie freien Lauf: "Es herrschte totale intellektuelle Freiheit", erinnert sich der ehemalige Parc-Mitarbeiter John Warnock, "jede Idee wurde als Herausforderung angesehen." "Wir waren alle enorm talentiert, jung und voller Energie", fügt sein Kollege Larry Tessler hinzu. "Das Management sagte nur: Legt los und erschafft die neue Welt, die wir nicht verstehen."

Das Krümelmonster ist der Durchbruch

Die erste Technologie, die am Parc entsteht, wird auch in der Konzernzentrale sofort verstanden: Es ist der erste Laserdrucker der Welt. Die zweite bahnbrechende Erfindung der Forscher ist das "Ethernet" - eine bis heute genutzte Technik, mit der sich mehrere Computer miteinander verbinden lassen. "Es funktioniert!" schreibt Robert Metcalfe 1973 begeistert in sein Forschungs-Logbuch.

Doch dieses Jahr wird noch eine größere Errungenschaft sehen: den Prototypen eines Computers, den selbst Laien mit ein paar Mausklicks bedienen können. "Xerox Alto" heißt er, und der Stolz auf die eigene Leistung ist groß im Team, als es sich am 10. April versammelt, um ihn zum ersten Mal in Aktion zu sehen. Alle starren auf den Bildschirm. Jemand schaltet ihn an. Der Rechner läuft. Sein Monitor zeigt ein Bild. Es ist das Krümelmonster aus der Sesamstraße. Und was auf den ersten Blick wie ein Scherz wirkt, ist in Wahrheit der Durchbruch: Da blinken keine seelenlosen Buchstaben auf dem Monitor - der Computerbildschirm zeigt eine Grafik an, die wirkt, als sei sie auf Papier gedruckt. Die Verbindung zwischen alter und neuer Bürowelt steht.

Die Forscher im Xerox Parc ahnen: Es ist dieser PC, der Xerox den Weg in die Zukunft ebnen könnte - ein virtueller Schreibtisch für alle Angestellten. Sie entwickeln den "Alto" in den kommenden Jahren immer weiter und erfinden dabei alles, das heute selbstverständlich ist: Bildschirmfenster, Icons, Menüs und das Konzept, dass Texte und Bilder auf dem Monitor genau so abgebildet werden, wie sie später auf Papier erscheinen. "WYSIWYG" nennen sie das: "What you see is what you get". Jeder, der heute eine Textverarbeitung nutzt und die Schrift vergrößert oder Absätze einfügt, arbeitet mit dieser Erfindung aus dem Xerox Parc.

Niemand in der Chefetage verstand die Visionen der Forscher

Und das Team wächst weiter: Mit an Bord sind jetzt auch Mitarbeiter von Douglas Engelbarts nahe gelegenem Augmentation Research Center, an dem Jahre zuvor die Computermaus erfunden wurde. Am Parc findet sie nun ihre Erfüllung.

Alles scheint bereitet für ein Milliardengeschäft - doch die entscheidenden Leute im Hauptquartier von Xerox vergeben die Chance: "Keiner in New York verstand die Vision", erinnert sich John Warnock, "es schien dort niemand über die Zukunft des Büros nachgedacht zu haben. Die hatten keine Vorstellung davon, wie sie unsere Einfälle in Produkte umsetzen sollten."

Daran arbeiten andere, Kleinere, Schnellere. Der Hippie Steve Jobs verkauft in dieser Zeit seinen VW-Bus, um das Startkapital für seine Firma Apple zusammen zu bekommen. Der Studienabbrecher Bill Gates gründet Microsoft. Gerade erscheint der erste Heimcomputer auf dem Markt - als Bausatz für Elektronikbastler. 1977 wird der "Apple II" vorgestellt, der auf jeden Schreibtisch passt und sich prächtig verkauft - selbst ohne Fenster, Icons oder Maus. Doch die Konkurrenz legt nach: 1981 bringt IBM seinen ersten PC heraus, das Betriebsystem stammt von Microsoft. Auch Xerox stellt einen Computer vor, der auf dem "Alto" basiert - doch der Rechner ist zu teuer und verkauft sich nicht. Der PC macht das Rennen, immer mehr Klone überschwemmen den Markt. Der Absatz des "Apple II" bricht ein. Steve Jobs weiß: Etwas Neues muss her. Und was - das hat ihm ein Besuch im Parc verraten.

Eine Million Dollar als Eintrittsgeld

Denn schon zwei Jahre zuvor hatte sich Jobs mit seinem Team im Xerox Parc den "Alto" zeigen lassen. Als Eintrittsgeld durfte Xerox damals Apple-Aktien im Wert von einer Million Dollar kaufen. Die Parc-Mitarbeiterin Adele Goldberg, die den Gästen das System vorführen soll, weigert sich zunächst: "Wir geben unser Tafelsilber weg", sagt sie, doch ihr Chef weist sie an, die Demonstration durchzuführen. Sie dauert eineinhalb Stunden, und Steve Jobs ist entflammt: "Es war das Beste, das ich in meinem Leben gesehen hatte", erinnert er sich, "innerhalb von Minuten war mir klar, dass alle Computer einmal so arbeiten würden."

Auch das Parc-Team freut sich über den Zuspruch: "Diese Leute haben in einer Stunde mehr über die Auswirkungen unsere Arbeit begriffen, als jeder Xerox-Manager in all den Jahren", sagt Larry Tessler. Als Jobs ihn später fragt, ob er sich vorstellen könnte, bei Apple zu arbeiten, zögert er nicht. "Es gibt viele kluge Leute da draußen", sagt er zum Parc-Chef, "die werden uns bald so weit voraus sein, dass wir sie nie wieder einholen können." Sein Chef bittet ihn, die Namen zu nennen, er werde sie dann einstellen, doch Tessler antwortet: "Nein, so wird das nicht mehr laufen." Bei Apple steigt Tessler bis zum Chefwissenschaftler auf.

Kleine Jungs beim reichen Nachbarn

1984 ist es soweit. Am 24. Januar stellt Apple den "Macintosh" vor, den ersten Personal Computer mit Maus und einer grafischen Benutzeroberfläche für den Massenmarkt. Ein Computer für Jedermann, mit Fenstern und Icons, für 2.495 US-Dollar. Microsoft beginnt, "Windows" zu entwickeln - wobei sich auch Gates bei einem Besuch am Xerox Parc inspirieren ließ. Die neue Art, einen PC zu bedienen, tritt ihren Siegeszug an. Anfangs gewinnt Apple an Boden, später wird Steve Jobs von Bill Gates' Erfolg überrollt. Ende der Achtziger geht es vor Gericht: Apple verklagt Microsoft wegen Ideendiebstahls, woraufhin Xerox wiederum Apple verklagt. Sowohl Apple als auch Xerox verlieren den Prozess. "Wir sind doch beide wie Jungs, die einen reichen Nachbarn hatten, der immer die Tür aufgelassen hat", sagt Bill Gates später zu Steve Jobs.

Der Geist jedenfalls ist aus der Flasche, das Parc hat seine größte Zeit hinter sich. Das alte Team zerfällt, Alan Kay und andere gehen zu Apple oder Microsoft, John Warnock gründet seine eigene Firma Adobe, Robert Metcalfe die Netzwerkfirma 3com.

Xerox hat seine große Chance vertan. Ihre Ideen finden sich heute in jedem Rechner, aber auf keinem dieser Rechner steht ihr Name. "Sie hatten den größten Sieg der Computergeschichte vor Augen", sagt Steve Jobs, "sie hätten das IBM oder das Microsoft der Neunziger werden können und heute die Industrie dominieren. Aber sie wurden geschlagen" - von einem charismatischen Hippie mit einer Vision und einem Studienabbrecher, den der PC zu einem reichsten Menschen der Welt gemacht hat.


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1.
Michael Möller, 29.10.2008
Der Apple Macintosh war aber nicht Apples erster Versuch eines Rechners mit Grafischer Benutzeroberfläche, Maus etc. Vorher musste Apple mit dem Lisa auch erfahren, dass sich Computer für 10.000$ nicht verkaufen lassen, egal wie gut sie sind. Der Macintosh war also im Prinzip eine abgespeckte(z.B. viel weniger Hauptspeicher) und dadurch verbilligte Version.
2.
Anton Gruber, 29.10.2008
Der Artikel ist in einem wesentlichen Punkt falsch. Der erste PC von Apple mit graphischer Oberfläche war die Lisa und kam 1983 auf den Markt. Auch sie wurde ein wirtschaftlicher Mißerfolg. Erst das Nachfolgeprodukt McIntosh wurde ein Erfolg.
3.
Jan Milz, 29.10.2008
Das Nachfolgemodell des Altos war der Xerox Star, welcher die erste grafische Bedienoberfläche mit einer Schreibtisch-Metapher verfolgte, quasi die Geburt der direkt manipulativen Mensch-Computer-Interaktion. Metaphern als Analogien im Computer wie Ordner oder Papierkorb wurden in Palo Alto entwickelt. Das Research Center ist heute übrigens auch noch aktiv.
4.
Denny Richter, 30.10.2008
>Das Nachfolgemodell des Altos war der Xerox Star, welcher die erste grafische Bedienoberfläche mit einer Schreibtisch-Metapher verfolgte, quasi die Geburt der direkt manipulativen Mensch-Computer-Interaktion. Metaphern als Analogien im Computer wie Ordner oder Papierkorb wurden in Palo Alto entwickelt. >Das Research Center ist heute übrigens auch noch aktiv. Es stimmt, dass Xerox eine der ersten kommerziellen GUIs hatte und Apple sich viele Inspirationen von da geholt hat, doch die Desktopmethapher, wie wir sie heute kennen, ist erst durch Apple eingeführt worden. Drag und Drop von Dateien. Das Pulldown-Menü am oberen Bildschirmrand. Die Menüleiste. Die Art, wie wir mit der Maus Texte markieren. Der Papierkorb. Sich überlappende Fenser. All das ist erst mit dem Lisa bzw. dem Macintosh entstanden.
5.
Marcellus Buchheit, 01.11.2008
Die Geschichte von Xerox Parc is so vielfältig und faszinierend, dass man sie nur unzureichend in einem Artikel unterbringen kann. Wer mehr Details möchte, dem sei folgendes Buch empfohlen: * Michael Hiltzik: Daealers of Lightning - Xerox Parc and the Dawn of the Computer Age Wer in einem Forschungszentrum oder einer Universität eine bahnbrechende Idee realisiert hat und von allen belächelt wird, dem dürfte dieses Buch besonders hilfreich sein. Folgende zwei Bücher beschreiben anschaulich den Aufstieg von Xerox, ebenfalls sehr interessant für Liebhaber der Technikgeschichte: * David Owen: Copies in Second - Chester Carlson and the Birth of Xerox * Charles D. Ellis: Joe Wilson and the Creation of Xerox Wie von vielen guten Büchern gab es meines Wissens von allen dreien leider nie eine deutsche Übersetzung. Wer sich allgemein interessiert, wie es mit Apple, Microsoft, Lotus oder Adobe los ging, der sollte folgendes Buch lesen: Susan Lammers: Interviews With 19 Programmers Who Shaped the Computer Industry Dort stehen Interviews mit Andy Hertzfeld (einer der Väter des Macintosh), Bill Gates, John Warnock anderen, die anschaulich zeigen, wie man in den 70igern und Anfang der 80iger Jahren programmiert hat. John Warnock erläutert auch, was mit Postscript bei Xerox Parc schief ging. Das Buch gabs auch mal in Deutsch mit dem Titel "Faszination Programmieren", aber das dürfte noch schwerer zu bekommen sein als das englische Original.
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