Die wilden Sechziger Als der Beach Boy halbnackt in der Kirche orgelte

Die wilden Sechziger: Als der Beach Boy halbnackt in der Kirche orgelte Fotos
Gerhard Augustin

Sex, Drogen, Rock'n'Roll: Anfang der Sechziger braute sich in New York und Los Angeles ein kultureller Orkan zusammen, der die ganze Welt durcheinander wirbelte. Gerhard Augustin war mittendrin - und wurde Zeuge der Eskapaden von Little Richard, Ike Turner und Brian Wilson. Von

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Der Rock'n'Roll hat mein Leben verändert. Noch heute kann ich mich daran erinnern, wie ich beim Musikhören zum ersten Mal eine richtige Gänsehaut bekam und in meinem Kopf zum ersten Mal der Gedanke keimte, mein Leben später einmal mit Musik zu verbinden. Das war 1956 und ich war 15 Jahre alt. Im amerikanischen Soldatensender AFN Bremerhaven hörte ich Elvis Presleys Song "Don't be cruel". Das war es. Auf einmal hatte es mich gepackt. Irgendwo zwischen Nacken und Rücken spürte ich ein Frösteln. Von dem Moment an war ich musiksüchtig.

Wenn bei uns zu Hause das Radio angestellt wurde, dann war es Sonntagnachmittag und mein Vater hörte Operettenmusik oder Opernarien. Die "Tagesschau" und "Wetten dass...?" gab es damals noch nicht, dafür sendete Radio Bremen seine "Familie Meierdierks": den Samstagabend-Straßenfeger. Wegen dieser Familie Meierdierks durfte ich etwas länger aufbleiben. Auch ein Grammofon besaßen meine Eltern, aber das stand auf dem Dachboden und musste von Hand angekurbelt werden. Keiner konnte mir jemals erklären, woher dieses Wunderding mit dem riesigen Lautsprecher gekommen war. Es stand einfach auf dem Dachboden in einem Persil-Karton, und daneben lagen verstaubte Schellack-Platten von Richard Tauber, Zarah Leander und Ludwig van Beethoven. Aber mit dieser Musik konnte ich nichts anfangen. Ich wollte die Beats hören, die im Radio liefen.

Also baute ich mir ein Detektor-Radio, das nur mit Kopfhörern zu hören war. Danach gab es das erste große Radio, einen Volksempfänger - und dann, an Weihnachten 1956, stand unterm Weihnachtsbaum ein großer Nordmende-Radioapparat mit "magischem Auge" und UKW-Empfang. Musik in Stereo zu hören, das war eine ganz neue Welt. Meine Lieblingssongs waren "Singing the blues" von Guy Mitchell, "Love me tender" von Elvis Presley und "Just walking in the rain" von Johnny Ray.

Es war ein Rausch!

Tagsüber, wenn mein Vater bei der Arbeit war, erlaubte mir meine Mutter, meine Lieblingssendungen zu hören. Bald kannte ich alle Hitparadenpositionen auswendig und machte meine eigenen Hit-Prognosen, wodurch ich im Freundeskreis mit meinem Wissen Eindruck schinden konnte.

Dieses Wissen kam mir zugute, als ich für zwei Jahre nach Amerika ging: Anfang der Sechziger lebte ich für einige Zeit mit "Green Card" in New York, das damals in musikalischer Sicht ein Paradies war. Durch meine Kenntnisse der Rock- und Beatmusik fand ich mich in der dortigen Szene rasch zurecht. Zunächst lebte ich in der Bronx, dann im Künstlerviertel Greenwich Village. Dort lernte ich 1962 Ritchie Heavens und Bob Dylan kennen. Gemeinsam mit den Musikern Charly Chin (von Cat Mother and the Allnight Newsboys), Steve Turnage und Charles Kimbrough hauste ich in einer Wohngemeinschaft, zuerst in der Bedford Street, später in der 21st Street East.

Zehn Tage nach meiner Ankunft in New York hatte ich meinen ersten Job in dem Buchantiquariat "Stachert & Hafner" in der 11th Street. Von meinem ersten Lohn lebte ich eine Zeitlang recht gut und hatte so Zeit, die Stadt besser kennen zu lernen. Ich besuchte die Nachtkonzerte in der Townhall mit Nina Simone und Thelonious Monk, der seine Musik vor dem Publikum in einem Workshop auf der Bühne kreierte und die Zuschauer in den Kompositionsprozess mit einbezog: In eleganter Pose reichte Monks damalige Freundin, die Baronin Rothschild, die wenige Minuten zuvor notierten Noten an die Musiker auf der Bühne weiter und gab zu jedem Blatt eine charmante Bemerkung zum Besten. Es war großartig.

"Ah, Gerhard - the German!"

Öfter besuchte ich die Clubs "Village Gate" und "Village Vanguard", wo ich Miriam Makeba, Harry Belafonte, Miles Davis und den Komiker Bill Cosby kennen lernte. Cosby, den damals noch kaum jemand kannte, war erst kurz zuvor als Junglehrer aus Philadelphia nach New York gekommen. Nebenher bot er abends in der "Village Gate" eine "One man show", machte Furore, indem er auch die Intellektuellen und Weißen mit seinem "schwarzen Humor" ansprach und wurde bald zum "greatest comedien in town". Da sich mein Mitbewohner Charles Kimbrough auf dem Basketball-Court West 4th Street gegenüber dem Waverly Theatre mit Cosby angefreundet hatte, verbrachte ich viele freie Stunden mit den beiden.

Das Folklore-Trio Peter, Paul & Mary wiederum hing regelmäßig im "Café Figaro" an der Ecke Bleeker/McDougal Street herum. Ich machte abends meine Runde durch die Lokale in Greenwich Village: vom "Café Rienzi", dem späteren "Feenjon", zum "Café Wha" und zurück auf der Bleeker Street ins "Figaro". Das Village war mein Zuhause geworden - in einer Zeit des kulturellen Aufbruchs und des gesellschaftlichen Neubeginns -, und ich wurde ein Teil der Szene. Wenn ich in die Kneipen kam, hieß es: "Ah, Gerhard - the German!"

Meinen ersten Grass-Joint bekam ich vom Sohn des berühmten Jazz-Drummers Art Blakey, "Arti Junior", der vom Namen und Geld seines Vaters lebte und in der Village herumhing. Wir saßen regelmäßig im "Café Rienzi" zusammen: Charly Chin und Charles Kimbrough aus Brooklyn, Stewart Perrin aus der Bronx, Chris Davis aus Queens und Arti jr. aus Uptown Harlem, wo er bei seinen Eltern lebte. Eines Tages haute Arti mich und die Jungs an: "Hey come on, let's go and smoke some weed in my car around the corner!" Ich hatte bis dahin noch nie von Gras gehört, aber nachdem die Jungs meine Bedenken zerstreut hatten, folgte ich ihnen zu ihrem alten Studebaker, der in einer Nebenstraße der Thomson Street parkte. So bekam ich den ersten Joint meines Lebens in einem wunderschönen Luxusliner serviert. Arti erklärte mir genau, wie man's machen musste: inhalieren - tief einziehen - Luft anhalten - nach 90 Sekunden tief ausatmen. Nie werde ich diesen schimmernden türkisgrünen Straßenkreuzer vergessen.

Rock die Orgel!

Es war eine heiße Zeit, und später begegnete ich vielen weiteren Künstlern. Im Bolic Sound Studio von Ike Turner in Los Angeles erlebte ich regelrechte Orgien, und als Jimi Hendrix 1967 in New York sein zweites Album "Axis: Bold as Love" fertig gestellt hatte, war ich zufällig im MCA Office und wurde dort Zeuge, wie der Gitarrengott 50.000 Dollar in die Luft warf.

Eine ganz besondere Szene spiegelt diese vibrierende Zeit vielleicht am besten wieder: Ich war damals mit Brian Wilson befreundet, dem kreativen Kopf der Beach Boys. Wegen des warmen Wetters in Kalifornien pflegte Brian zu Hause barfuß und nur mit einem Nachthemd-ähnlichen T-Shirt bekleidet herumzulaufen. An einem schönen Tag im Jahr 1971 war ich bei ihm zu Besuch - und plötzlich kam er auf die Idee, unbedingt Orgel spielen zu müssen. Sofort. Nicht irgendeine Orgel, sondern das Instrument in der Kirche am Santa Monica Boulevard in Beverly Hills.

Also stiegen wir in Brians schwarz-beigen Mercedes 220 S Coupé Cabriolet: Ich fuhr, Brian räkelte sich in seinem Nachthemd auf dem weißen Ledersitzen neben mir. So kreuzten wir durch Hollywood Richtung Beverly Hills. Vor der Kirche ließ Brian mich anhalten, kletterte aus dem Wagen, schritt gemächlich in das Gotteshaus und setzte sich an die Orgel, wobei sein Hemd hochrutschte. So wurde ich Zeuge einer Szene, die ich niemals vergessen werde: Um 13 Uhr am helllichten Tage klimperte der Beach-Boys-Chef mit nacktem Arsch in einer Kirche ein Orgelkonzert von Bach.

Als der Küster die Musik hörte, kam er angerannt - und war vollkommen ergriffen: Er wusste gar nicht mehr, ob er Brian anbeten oder seinem Herrn danken sollte, der ihm diesen Virtuosen in seine Kirche geschickt hatte. Er starrte immer nur auf den halbnackten Mann an den Tasten. Als ich ihm sagte: "That's Brian Wilson from the Beach Boys!", stammelte er nur: "Oh my God! Oh my God!"

Es war eine unvergleichliche Zeit. Die Erinnerungen an diese Jahre halten mich noch heute jung.

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1.
Thomas Scherer 12.04.2008
1956 gab es noch kein Stereo-Radio. Stereo auf UKW kam erst sehr viel später. Versuchssendungen wurden Mitter der 60er ausgestrahlt und regelmäßige Stereoübertragung warm erst in den 70ern üblich.
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