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Alltag in der DDR Wettklauen im Centrum-Warenhaus

Alltag in der DDR: Wettklauen im Centrum-Warenhaus Fotos
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Hübsche Mädchen himmelten Marko Schubert an, als er betont cool auf dem Schulhof rauchte. Ein teures Hobby. Also ging er in den Achtzigerjahren in Ostberliner Kaufhäusern regelmäßig auf Diebestour.

Ich war 14, als ich zu rauchen anfing. An jenem herrlichen Sommertag im Ostberliner Volkspark Friedrichshain bestand mein Ferienjob darin, gemächlich die Grünanlagen zu pflegen. Zwei hinreißend aussehende Kolleginnen legten sich in jeder Mittagspause spärlich bekleidet zum Sonnen aufs Dach des Geräteschuppens. In genussvollen Zügen bliesen sie kleine Rauchschwaden in den blauen Himmel. "Alte Juwel" kosteten 2,50, "Cabinet" 3,20 und "Club" vier Mark.

Ich wählte, wie so oft im Leben, die Mitte. Mit meiner ersten "Cabi" in der Hand kam ich tatsächlich mit den verführerischen Mädchen ins Gespräch. So begann mein neues Leben im Qualm der DDR. Schon bald brauchte ich eine Pappschachtel am Tag und deutlich mehr Geld.

Mit dem Altstoffwagen vor fremden Wohnungen nach leeren Schnapspullen und vergilbtem Papier zu betteln, war irgendwann einfach nicht mehr drin. Allein schon die Peinlichkeit, dass mich womöglich jemand aus der Schule dabei ertappen könnte, verbot diese Aktivität grundsätzlich. Die Hosentaschen-Durchsuch-Methode war zwar meistens von Erfolg gekrönt, da mein Vater wirklich überall Kleingeld hinterließ. Sie brachte aber nicht genug ein. Schlecht bezahlte Jobs waren nur in den Ferien möglich. Aber ich musste doch rauchen! Alle qualmten: Eltern, Lehrer, coole Kumpels und vor allem verführerische, leicht bekleidete Mädchen auf den Dächern meiner Stadt.

Lukrative Familieneinkäufe

In dieser Zeit traf es sich gut, dass ich nach der Schule Familieneinkäufe erledigen durfte. Mit den leeren, stinkenden Bierflaschen meines Vaters und einem kaum leserlichen Einkaufszettel meiner Mutter in die menschenüberfüllte Kaufhalle zu gehen, war eigentlich kein kindliches Vergnügen. Doch es lagen dafür fast immer 30 Mark in der Küche.

Zuerst beschiss ich Mutter beim Restgeld. Nur um ein paar Pfennige, aber immerhin. Doch eines Tages ließ ich eine Putzi-Zahnpastatube vor dem Bezahlen in meiner Jacke verschwinden. Diese kurze Bewegung brachte immerhin ein bisschen Geld zusätzlich bei der Abrechnung am Abend. Und schon bald gelangten allerhand kleine Artikel wie Nudossi-Becher, Bautzener Senf, Leberwürste, Marella-Margarine, Schmelzkäse, Puddingpulver und Blockschokolade ohne Bezahlung in eine meiner vielen Taschen.

Bereits nach einem halben Jahr schaffte ich es, sogar ganze Brote und Schnapsflaschen zu klauen. In meinen Glanzzeiten als kleiner Meisterdieb kaufte ich lediglich einen einzigen Artikel und ließ den Rest mitgehen: einen kompletten Familieneinkauf. Immer mehr Dinge wanderten in meine Jacke, die Beutel mit den Pfandflaschen, die Aktentasche oder den bunten Turnbeutel. Beim Bezahlen der Spreewälder Gurken oder des Kaviarbrotes konnte ich die Verkäuferin cool oder unschuldig anlächeln, während ich 25 Artikel an ihr vorbeischob.

Meiner Mutter sagte ich: "Hat 26,50 gekostet", und gab ihr 3,50 Mark zurück. Wenn sie die Preise aller Produkte zusammenrechnete, stimmte die Summe exakt, auch ohne Bon. Sie ermahnte mich lediglich, nicht so viele teure Dinge zu kaufen. Es müsste nicht immer die Delikatess-Leberwurst für Vater sein, und schon gar nicht ständig Halloren-Kugeln für sie selbst. Innerlich fühlte sie sich aber geschmeichelt und steckte mir heimlich zwei Mark extra für das Erledigen der Einkäufe zu.

Coolness auf dem Schulhof

Ich liebte meine Diebestouren in der "großen Klauhalle" am Leninplatz oder der "kleinen" an der Höchste Straße nicht, doch ich brauchte sie. Obwohl ich keine große Angst davor haben musste, erwischt zu werden, wechselte ich regelmäßig die beiden Hallen. Über Umwege versorgten mich die Konsumläden meiner Jugend also mit Geld für die lebensnotwendigen Zigaretten. Lässig legte ich mich in den Hofpausen der Schule zum Sonnen auf die Wiese und blies in genussvollen Zügen kleine Rauchschwaden in den blauen Himmel. Mädchen aus unteren Klassen sahen sich schüchtern nach mir um.

Geld spielte zu dieser Zeit keine Rolle für mich. Ich hatte den Schlüssel des "Alfclubs" und kassierte dort Eintritt. Alle Getränke, die ich da günstig verkaufte, waren von meinen Freunden vorher geklaut worden, sogar die Biere. Sie kassierten eine hohe Provision, und ich erzielte bösartige kapitalistische Gewinne mit hochprozentigen, volkseigen-produzierten Schnäpsen.

Wahrscheinlich lag es am Bier zu früher Stunde oder einfach nur an unserer Langeweile, dass wir eines Tages in unserer Stammkneipe spontan beschlossen, ins benachbarte Centrum-Warenhaus zum "Wettklauen" einzufallen. Regeln gab es nicht. Jeder von uns acht Jungs durfte stehlen, was ihm zwischen die Finger kam. Den Sieger würden wir dann per Abstimmung küren.

Die meisten aus der Gruppe erzielten große sportliche Klau-Erfolge. Didi kam mit blau-weißen Stoffidas, also weichen Sportschuhen mit Gummisohle, wieder. Tessi schleppte ein Kaffee-Service für sechs Personen an und der kleine Bommel einige Meter Auslegeware. Ich hatte vier Fahrbahnelemente der Autorennbahn "Prefo" gestohlen. Wir diskutierten kontrovers, wer nun der ultimative König des Jahres 1987 werden würde. Alle verteidigten ihr Ergebnis und rechneten Größe und Wert gegeneinander auf. Nur Torte fehlte noch, und wir fragten uns, ob er womöglich erwischt worden sei.

Der Berliner 750-Jahr-Jubiläumsbär

Plötzlich verstummten wir. Ein riesiger Braunbär kam langsam auf uns zugewackelt. Beim genauen Hinsehen erkannten wir, dass es kein Mensch in einem Tierkostüm war. Der fast zwei Meter große Stoffteddy hing mit den Füßen in der Luft und wurde von einer nicht zu erkennenden Person in unsere Richtung gewuchtet. Das ulkige Vieh hatte eine Schürze um den Bauch und eine goldene Krone auf dem Kopf - es handelte sich um die übergroße Stofftier-Version des Berliner 750-Jahr-Jubiläumsbären, die bis vor einigen Minuten noch an den Rolltreppen zur ersten Etage gestanden hatte.

Plötzlich kippte das Monster nach vorn um. Verschwitzt und mit einem breiten Lachen auf den Lippen kam Torte dahinter zum Vorschein. "Mächtig gewaltig, Egon!", brüllte Bommel in Anlehnung an die beliebten dänischen Olsenbanden-Filme.

Mein bester Freund hatte das Handwerk noch von mir gelernt und mich recht schnell übertrumpft. In den Kaufhallen füllte er sich die Einkaufswagen randvoll, spazierte damit in aller Seelenruhe an der Seite der Kassen vorbei und packte das geklaute Zeug am Ausgang lässig ein. Im Centrum-Warenhaus hatte er den XXL-Teddybär einfach angehoben und war damit wortlos herausmarschiert. Einfach so, bevor jemand anfing, sich darüber Gedanken zu machen.

In diesem Moment waren alle weiteren Diskussionen überflüssig. Wir wussten, wer an dem Tag gewonnen hatte. Die Anerkennungsrufe und Lobeshymnen wollten nicht verstummen. Keiner außer mir konnte sich erklären, wie Torte seine Beute unbemerkt aus dem Kaufhaus geschmuggelt hatte. Wir lachten Tränen, spielten mit unserem dicken, kuscheligen Teddy und tauften ihn Egon.

Doch wohin mit Egon?

Irgendwann jedoch merkten wir, dass eigentlich keiner das Riesenvieh haben wollte. Wir konnten den Bären ja nicht einfach zu Hause auf die Wohnzimmercouch setzen und sagen: "Den habe ich bei der Schul-Tombola gewonnen" oder: "Den hat die Oma geschickt." Außerdem hätte sich irgendjemand bestimmt früher oder später verquatscht.

Wir hatten also keine andere Wahl: Egon musste verschwinden. Aber wie? Nicht mal die drei vorbeilaufenden, etwa zehnjährigen Mädchen wollten ihn als Geschenk annehmen. Wir schleppten das Vieh schließlich zum Ostbahnhof auf Gleis 2 und setzten es in die S-Bahn in Richtung Straußberg. Gemeinsam standen wir auf dem Bahnsteig und winkten unserem kurzzeitigen Freund bei der Ausfahrt des Zuges traurig nach. Das dicke Ding ist bis heute verschollen geblieben.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Das reicht für ein paar Jahre gesiebter Luft
Heinz Breuer, 20.07.2014
Erschreckend, wie hier Kriminelle stolz aus ihrem Leben berichten. Ist ja längst verjährt. Bandendiebstahl (Wettklauen) reicht für ein paar Jahre gesiebter Luft und das ist gut so!
2. Schlapp gelacht
Kai Leder, 20.07.2014
Vielen Dank für diese Geschichte. Ich habe Tränen gelacht.
3. Was war er doch für ein Held.
Regina Horn, 20.07.2014
Aber er erwartet nicht, dass wir ihm das alles so abkaufen, oder? Nur EINE Frage - wie hat er beispielsweise die Leberwurst geklaut? So abgepackten Kram gabs damals nicht, nicht in Berlin und nicht "draußen, in der Republik".
4.
Matthias Mensch, 20.07.2014
Da scheint einer auch heute noch stolz auf seine Verbrecherkariere zu sein. Scheinbar wurde er nicht erwischt. Gewerbsmäßiger Diebstahl in besonders schwerem Fall, Hehlerei und Bildung einer kriminellen Vereinigung - das hätte hüben wie drüben einige Jahre Knast eingebracht. Schade eigentlich, dass das inzwischen verjährt ist.
5. Klauen ist nie cool!
Dirk Waltmann, 20.07.2014
Auch in der Mangelwirtschaft DDR war Diebstahl Unrecht. Und Klauen ist nie cool, schon gar nicht wegen ZIgaretten - denn auch Rauchen ist nicht cool. Was man als unreife, 14-jährige, unreife Göre so treibt, ist eine Sache - dies dann später als Erwachsener so unkommentiert stehen zu lassen, eine andere. Zum Glück dürften heutige Kids, die das als Ansporn oder Rechtfertigung Ihres eigenen Unsinns verstehen könnten, kaum Spiegel Online lesen - wenn sie denn überhaupt noch lesen...
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