Digitaler Hype Als die große Blase platzte

Digitaler Hype: Als die große Blase platzte Fotos
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Es gibt Glücksmomente, an die man später nicht gern zurückdenkt. Weil sie ungenutzt verflogen sind, weil man nicht zufrieden war mit diesem Glück, immer mehr wollte und am Ende mit nichts da stand. Die Geschichte des Dotcom-Booms ist eine moderne Version dieses Märchens: der Aufstieg vieler Menschen zu reichen Spekulanten - und ihr tiefer Fall. Von Hasnain Kazim

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Matthias Schrader ist eine Ausnahme. Auch er hatte Glück und verlor viel, aber er blickt ohne Emotionen auf die Zeit zurück, als er gemeinsam mit seinem damaligen Geschäftspartner Oliver Sinner die Internetagentur SinnerSchrader in Hamburg gründete. "Eines Tages, im März 2000, schauten wir auf den Ausdruck unseres Depots, und da stand: 200 Millionen Euro." Schrader lächelt. "Damals haben wir noch in D-Mark umgerechnet. Wir konnten das kaum glauben: Das waren fast 400 Millionen Mark."

Sinner ist vor ein paar Jahren, nach dem Crash, aus der Firma ausgestiegen, Schrader lenkt das 1996 gegründete Unternehmen - damals eine kleine Gesellschaft bürgerlichen Rechts - nun alleine von Hamburg aus. Die Internetagentur hat nicht nur den Crash überlebt, sie gehört jetzt wieder zu den erfolgreichen Firmen ihrer Branche, mit immerhin rund 140 Mitarbeitern. In Hochzeiten waren es mal 270.

Viel Innovation, meistens Schrott

Das Überleben ist auch eine Auszeichnung, denn fast nur sogenannte first mover haben es geschafft, auch nach der Internet- und Börsenkrise weiterzubestehen. "Das sind Firmen, die Pioniere ihres Fachs waren, zum Beispiel Amazon als Online-Buchhandel, Google und Yahoo als Suchmaschinen, eBay als Online-Auktionshaus oder, ein sehr junges Beispiel, Youtube als Videoportal", sagt der New Yorker Internetexperte Steve Baldwin. "Die meisten alten Internet-Unternehmen existieren nicht mehr. Das ist nun mal so in dieser Branche. Dotcom-Firmen sind wie Restaurants - die meisten überleben nicht lange. Das galt früher und das gilt auch heute."

Baldwin, Kritiker der Dotcom-Arbeitswelt und Mitautor des Buches mit dem drastischen Titel "Computersklaven - Reportagen aus der Ausbeuterfirma Internet" muss es wissen: Er betreibt seit elf Jahren, also noch vor dem Aufstieg des Internets zum Massenmedium, eine Seite, auf der er Online-Auftritte festhält, die es nicht mehr gibt. "Mein Ziel ist es, diese Angebote für die Nachwelt festzuhalten", sagt er. "Viele Internetseiten waren unglaublich innovativ und wunderbar spannend, aber die meisten waren doch, wenn man ehrlich ist, einfach nur Schrott." Trotzdem, kritisiert Baldwin, investierten Leute riesige Summen in diese Firmen und trugen dazu bei, dass der Aktienkurs - und damit der Firmenwert - in schwindlige Höhen stieg. "Es war klar, dass die Kurse früher oder später auf Normalmaß gestutzt werden."

Ansteckendes Börsenfieber

Kleinanleger, die die Börse gerade entdeckten, störten solche Hinweise nicht. Schließlich strichen Freunde und Nachbarn ansehnliche Gewinne innerhalb kürzester Zeit ein. Also schlug man alle Warnungen in den Wind, plünderte das Sparbuch und investierte das Geld eben in Dotcom-Firmen - das Börsenfieber war ansteckend. Mitarbeiter von Internetfirmen, denen klar war, dass ihr Unternehmen überbewertet war, willigten ein, wenig Festgehalt und dafür möglichst viele Aktien und Optionsscheine für ihre Arbeit zu bekommen. Die Anteile waren plötzlich Gold wert. Zwanzigjährige fuhren Cabrios, Dreißigjährige leisteten sich Penthouse-Appartements.

"Natürlich hatten wir anfangs das Gefühl, dass unsere kleine Firma mit 200 Millionen Euro Börsenwert überbewertet ist", sagt Schrader. "Aber kluge Banker haben uns erklärt, ein Aktienkurs sei auch eine Wette auf eine zukünftige Firmenentwicklung. Und von unserer Firma werde eben erwartet, dass sie sich rasant weiterentwickelt. Das war für uns eine nachvollziehbare Erklärung." Sinner und Schrader hielten sich an ihr Versprechen, die Aktien ihres Unternehmens mindestens ein Jahr lang zu halten. "Vorgeschrieben waren sechs Monate, in manchen Firmen haben sich die Leute nicht mal an diese Frist gehalten", sagt Schrader und lacht. "Ökonomisch war unser Verhalten völliger Quatsch. Aber wir hätten uns schlecht gefühlt, wenn wir diesen Vertrauensvorschuss genutzt hätten, Aktien zu verkaufen und zu Geld zu machen. Ganz abgesehen davon war ein Ende der positiven Entwicklung nicht abzusehen."

Die beiden Jungunternehmer konzentrierten sich auf ihr Kerngeschäft, anstatt wie viele andere plötzlich reich gewordene Firmen auf Einkaufstour zu gehen und andere Firmen zu übernehmen. "Das hat uns davor bewahrt, dass wir am Ende mit Schulden da standen", sagt Schrader. Den Börsengang, der der Agentur anfangs 25 Millionen Euro brachte, bereut er nicht. "Das war die richtige Entscheidung, sonst wären wir womöglich geschluckt worden", sagt er und spricht von einer "defensiven Maßnahme".

Völlig übertriebener Markt

Den Grundstein für den ersten Dotcom-Boom, heute mit dem Attribut Web 1.0 versehen, legte die Entwicklung von Software, die das Internet für jedermann zugänglich machte - 1994 kam der Browser Mosaic auf den Markt, der später durch den Netscape Navigator abgelöst wurde. Später entdeckte auch Microsoft das Internet und bot den Explorer an. "In den USA begann ein Wirtschaftswachstum, das bis zum Jahr 2000 anhielt", sagt Christian Kreiß, Wirtschaftshistoriker an der Hochschule für Wissenschaft und Technik im baden-württembergischen Aalen. "Das war vergleichbar mit den wirtschaftlichen Entwicklungen nach der Erfindung von anderen Schlüsseltechnologien wie dem Webstuhl, der Eisenbahn, der Elektrizität, des Autos, des Telefons." Immer sei das Angebot stärker gestiegen als die Nachfrage, trotzdem habe es massive Investitionen gegeben - bis die Blase geplatzt sei.

Die Dotcom-Blase, sagt Kreiß, sei aber nur eine halbe Blase gewesen. "Schließlich hat es zwischen 1994 und 2000 messbare Neuerungen gegeben: Die Welt wurde vernetzt und verkabelt, die Transportkosten für Informationen sanken drastisch, die Transportgeschwindigkeit stieg rasant. All das ist uns ja dauerhaft geblieben, übrigens genauso wie die Handy-Technologie und die Biotech-Branche." Spannend findet der Wirtschaftshistoriker auch, dass es, im Gegensatz zu früheren wirtschaftlichen Boom-Phasen, mit dem Sinken der Arbeitslosigkeit nicht zu einem Anstieg der Inflation kam. "Bisher war es in solchen Zeiten immer so, dass alle Menschen mehr Geld haben, dafür aber auch die Preise anziehen. Beim Dotcom-Boom war das nicht so - die Preise blieben stabil", sagt Kreiß. Der damalige Chef der US-Notenbank Alan Greenspan sprach deshalb von einer "new era".

Investmentbanker tanzten wie verrückt

Die neue Ära brachte absurde Entwicklungen mit sich. "Im Jahr 2000 war das Glasfasernetz nur zu fünf Prozent ausgelastet. Die Nachfrage stieg zwar jährlich um 100 Prozent, das Angebot jedoch um 1000 Prozent - ein völlig übertriebener Markt", sagt Kreiß. Firmen mit zehn Millionen Euro Umsatz und einer halben Million Euro Gewinn im Jahr wurden an den Börsen mit mehreren hundert Millionen Euro bewertet, manche Internetunternehmen wurden höher taxiert als große Industriekonzerne - "völlig idiotisch", findet Kreiß. "Selbst hoch gebildete Investmentbanker tanzten da wie verrückt auf dem Parkett."

Der Niedergang deutete sich früh an. "Ein erstes Beben war ja schon zur Jahrtausendwende spürbar, als alle damit rechneten, die Computer würden mit dem Jahr 2000 nicht zurecht kommen oder ein Virus würde alles zerstören", sagt Baldwin. "Da gaben Firmen Millionen aus, um ihre Systeme zu sichern, und trotzdem befürchteten viele Menschen, dass vielleicht Atomkraftwerke explodieren und die Zivilisation zusammenbricht."

Am Ende brachen nur die Börsenkurse ein. Ab März 2000 ging es abwärts. "Da muss jemand endlich angefangen haben nachzudenken", sagt Kreiß. Baldwin erinnert sich an einen Artikel im US-Investorenmagazin "Barron's", in dem davor gewarnt wurde, dass viele Dotcom-Firmen innerhalb von sechs bis zwölf Monaten pleite sein würden. "Das führte zu einem totalen Vertrauensverlust der Investoren", sagt Baldwin. "Sie zogen ihr Geld ab, die Kurse der Internetfirmen crashten, es war alles aus." Die Terroranschläge vom 11. September 2001 verstärkten eineinhalb Jahre später noch einmal die Abwärtsbewegung. Im Juni 2003 wurde das Segment Neuer Markt an der Deutschen Börse geschlossen. Die erste deutsche Volksaktie, die T-Aktie der Deutschen Telekom, brachte den Anlegern dicke Verluste.

Wenig Wetten auf die Zukunft

Kreiß sieht die heutige Entwicklung der Internet-Branche gelassen. "Die meisten Firmen, die unrentable arbeiteten oder Produkte anboten, die kein Mensch braucht, sind weg", sagt er. Baldwin, der Pessimist, sieht dagegen "wenige Unterschiede zwischen Web 1.0 und Web 2.0": "Man muss sich nur den Börsenwert von Google anschauen - mehr als 170 Milliarden Dollar. Da muss man sich schon fragen, ob das gerechtfertigt ist." Ansonsten seien die Bedingungen andere, zum Beispiel biete das Breitbandnetz Möglichkeiten, die es vor ein paar Jahren noch nicht gab.

Matthias Schrader blickt nach vorn, sieht die Chancen, die das Internet bietet, bereut nichts. Seine Firma macht Gewinne, es geht wieder aufwärts. Weil SinnerSchrader sich an der Übernahmerallye während des Booms nicht beteiligte, ist der Agentur auch nach dem Crash ein Finanzpolster geblieben. Die Marktbedingungen haben sich zudem verbessert. "Als die Blase platzte, hatte das Internet etwa fünf Millionen Nutzer in Deutschland", sagt Schrader. Heute seien es knapp 40 Millionen "Und an der Börse", sagt er, "gibt es heute weniger Wetten auf die Zukunft."

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André Lichte 26.10.2007
Ich saß drei Monate vor dem Platzen in einer Kölner Bank vor 3 Mitarbeitern und löste mein Portfolio auf. "Was? Aber sie arbeiten doch in der Branche...?" "Genau deshalb" Einfach nur Glück gehabt.
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