Schockierende Dokus In krassen Bildern um die Welt

Es war eine Dokumentation, wie sie noch niemand gesehen hatte: 1962 kam "Mondo Cane" in die Kinos - ein grotesker Bilderrausch verstörender Szenen von der afrikanischen Wildnis bis zur Reeperbahn. Heute ist der Welterfolg von einst fast vergessen, dabei begründete er ein ganzes Genre.

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"Alle Szenen, die Sie in diesem Film sehen werden, sind aus dem wahren Leben gegriffen. Wenn sie schockieren, dann deshalb, weil die Welt oftmals schockierend ist."

Mit dieser Warnung beginnt der Film "Mondo Cane" von 1962. Sie kann als Rechtfertigung für das, was folgt verstanden werden - aber auch als verheißungsvolles Versprechen, dass die Zuschauer Zeugen eines ungeschönten Blicks auf die Welt werden. Der Film der italienischen Regisseure Gualtiero Jacopetti, Franco Prosperi und Paolo Cavara wurde von der Kritik verrissen - und dennoch zum Welterfolg. "Mondo Cane" (zu Deutsch etwa "Verfluchte Welt") begründete ein ganzes Genre und gab ihm seinen Namen: "Mondo" nennt man seither jene Unterart des Dokumentarfilms, die sich zum Ziel gesetzt hat, ihr Publikum zu erschüttern und mit Tabubrüchen zu konfrontieren. "Mondo Cane" zeigte allen, wie man das macht.

Begleitet von der Stimme eines zynischen Kommentators jagt in "Mondo Cane" eine bizarre Momentaufnahme die nächste. Nie bleibt die Kamera länger als wenige Minuten an einem Ort. Der Film ist eine voyeuristische Reisecollage, ein Kaleidoskop des Grotesken, ein Trip: Auf Stammeskrieger in Neu Guinea, die Schweine mit Knüppeln erschlagen, folgen Bilder von trauernden Besuchern eines Haustierfriedhofs in den USA. Im nächsten Moment sieht man angewidert zu, wie in einem chinesischen Restaurant Hunde verspeist werden, amüsiert sich danach über bunt eingefärbte Osterküken in Rom, nur um kurz darauf zu spüren, wie einem beim Anblick von gestopften Straßburger Gänsen das Lachen im Halse stecken bleibt.

Es sind italienische Kinder zu sehen, die aus religiöser Pflichterfüllung auf einem Friedhof Schädel und Knochen polieren. Und Anhänger eines "Cargo-Kults" - Bewohner der Südsee, die Flugzeuge als gottgesandt verehren und versuchen, sie mit selbst errichteten Landebahnen, Flugzeugattrappen und hölzernen Kontrolltürmen dazu zu bewegen, endlich auch bei ihnen zu landen. "Mondo Cane" ist ein wenig, als hätten seine Macher all die absurden, überdrehten und grausamen Spektakel, die man heute mit wenigen Klicks im Internet finden kann, auf eine Filmrolle gebannt.

YouTube 1962

"Wir wollten das Publikum in ein Wechselbad der Gefühle stürzen", erinnert sich Franco Prosperi in dem Film "The Godfathers Of Mondo". "Anti-Dokumentation" nannte er das damals. Anstatt erbauliche Naturaufnahmen zu zeigen oder darüber zu berichten, zu welchen Leistungen der Mensch in der Lage ist, ging es darum, seine Schattenseiten zu beleuchten. Eine davon war sein brutaler Umgang mit der Natur. Eine andere der bisweilen idiotische Umgang des Menschen mit sich selbst. So sind in der zweiten Hälfte des Films betrunkene Hamburger zu sehen, die sich auf der Reeperbahn prügeln, alberne Kunststücke vollführen oder orientierungslos durch den frühen Morgen wanken. Bilder, die 1962 skandalös waren, das damalige St. Pauli aus heutiger Sicht jedoch vergleichsweise gemütlich erscheinen lassen.

"Wir machten uns zu Nutze, dass die Menschen damals kaum Ahnung davon hatten, was in der Welt vor sich ging", sagt Prosperi. "Heute einen Film wie 'Mondo Cane' zu drehen, wäre sehr schwierig." Tatsächlich nahm die Kürze der Szenen und das Sprunghafte von "Mondo Cane" das Zappen durchs Fernsehprogramm und das Klicken von einem Youtube-Clip zum nächsten vorweg. Was im Internetzeitalter selbstverständlich ist - die Aneinanderreihung kurioser Bilddokumente aus aller Herren Länder, schaffte "Mondo Cane" bereits 1962. Mit einem einzigen Kinobesuch war die Welt kleiner geworden.

Die Lust am Sehen

Die Kritik jedoch witterte Pornografie und die Verherrlichung von Gewalt. In Großbritannien wurden zwanzig Minuten des Films zensiert und geschnitten. Der Pornografie-Vorwurf war schon damals unhaltbar, und die Abbildung von Gewalt rechtfertigte Prosperi damit, dass sie Teil des Lebens sei.

Nicht von der Hand zu weisen ist hingegen der Einwand, der Film sei sensationsheischend. Wo andere Dokumentarfilmer nachhaken und versuchen, das Gesehene zu verstehen, genügte Jacopetti und seinen Kollegen das unerbittliche Hinschauen, das Gaffen. Es ist bezeichnend, dass "Mondo Cane" auch als Stummfilm funktionieren würde. Der Kommentar trägt kaum zum Verständnis bei, vermischt Fakten mit Halbwahrheiten und herablassenden Bemerkungen. Eine kritische Einordnung findet kaum statt, und die Zuschauer erhalten zu wenige Informationen, um diese Einordnung selber leisten zu können.

Jedoch war es gerade der staunende, sich seiner Schaulust nicht schämende Blick des Films, der das Publikum in die Kinos lockte. Es mag ihre Würde verletzen, wenn die Gesichter Sterbender in einem chinesischen Totenhaus in der Nahaufnahme gezeigt werden. Das Auge bleibt jedoch daran hängen, weil es so etwas noch nie gesehen hat. Zudem wird der Zuschauer mit der Ästhetik der Aufnahmen zusätzlich verführt. Denn der Bilderrausch von "Mondo Cane" ist wunderschön fotografiert und der Schnitt versteht es meisterhaft, Anknüpfungspunkte zwischen Aufnahmen aus unterschiedlichen Kulturkreisen zu finden.

Nicht ohne Grund erhielt "Mondo Cane" den David-di-Donatello-Preis, die bedeutendste Filmauszeichnung Italiens, und wurde für die Goldene Palme von Cannes vorgeschlagen. Von dem Song "More", der auf dem Titelthema von "Mondo Cane" basiert und 1963 mit einer Oscar-Nominierung bedacht wurde, existieren mehr als tausend Interpretationen - unter anderem von Judy Garland, Duke Ellington und Frank Sinatra.

Mehr Mondo!

Vielleicht hätte das "Mondo"-Genre nun seinen Weg in Richtung Mainstream antreten können. Doch es sollte ganz anders kommen. Nach dem Erfolg von "Mondo Cane" schoben die Macher einen zweiten Teil nach. Doch "Mondo Cane 2" bestand in erster Linie aus Szenen, die von den Dreharbeiten des ersten Teils übrig geblieben waren.

Authentischer dagegen fiel ihr Film "Africa Addio" von 1966 aus, der das Ende der Kolonialzeit in Ostafrika dokumentiert. Die Regisseure fanden einen Kontinent vor, der vielerorts drohte, in Anarchie zu versinken. Sie beobachteten Wilderer, die in Nationalparks Jagd auf Elefanten machten und fingen die Gräueltaten der Mau-Mau-Rebellion in Kenia ein. Der Film zeigt schonungslose Aufnahmen von Massengräbern und Hinrichtungen. Mehrfach riskierten die Italiener ihr eigenes Leben. Ihr Hubschrauber wurde von Aufständischen beschossen, und weil man sie für Engländer hielt, landeten sie beinahe selbst vor einem Erschießungskommando.

Im Rückblick bezeichneten Jacopetti und Prosperi "Africa Addio" als ihren besten Film. Was der jedoch nach sich zog, war furchtbar.

Denn während Jacopetti und Prosperi mit ihren Bildern versuchten, auf die Misstände in Afrika aufmerksam zu machen, nutzten andere Filmemacher den Kontinent als Bildlieferanten für immer grausamere, bisweilen rassistische Mondo-Filme. Die Brüder Angelo and Alfredo Castiglioni drehten in den sechtziger und siebziger Jahren Werke mit reißerischen Titeln wie "Secret Africa", "Africa Uncensored" und "Shocking Africa", in denen brutale Stammesriten gezeigt wurden, viele sterbende Menschen und viel nackte Haut.

"Gesichter des Todes" und Co.

Zwar verbeugten sich in den Sechzigern sowohl der Filmemacher Russ Meyer mit "Mondo Topless", seiner Pseudodokumentation über die Striptease-Szene als auch John Waters mit dem Indiefilm "Mondo Trasho" vor dem Original aus dem Jahre 1962. Doch bereits in den Siebzigern war das Prinzip "Mondo" zum Stempel für schlecht gemachte Filme voller Sex, Gewalt und Rassismus verkommen.

Mit der Ankunft des Heimvideos in den Wohnzimmern schließlich verschwand das Mondo-Genre - immer häufiger auch treffend als "Shockumentary" bezeichnet - vollends im Untergrund. In den achtziger und neunziger Jahren wurden dutzende von billig produzierten Compilationvideos auf den Markt geworfen. Die sechsteilige Reihe "Gesichter des Todes" des Briten John Alan Schwartz traumatisierte mit mal authentischen, mal nachgestellten Aufnahmen vom menschlichen Ableben abertausende von Jugendlichen. Unfallopfer, Selbstmörder und Todeskandidaten wurden zu unfreiwilligen Darstellern in Filmen wie "Banned From Television" und "Faces of Gore". Der deutsche Uwe Schier sicherte sich die Namensrechte an dem Titel "Mondo Cane" und veröffentlichte seit 1992 mehrere Fortsetzungen, die jedoch lediglich aus Zusammenstellungen von Szenen aus anderen Shockvideos bestanden.

Mit ihrem Genre-Vater "Mondo Cane" haben all diese Filme wenig gemein. Denn während Jacopetti und Prosperi bis zu drei Jahre an einem Film gearbeitet hatten und um die Welt gereist waren, um ungesehene Bilder zu finden, zeigten die meisten der auf der Mondo-Welle mitschwimmenden Streifen nichts anderes als eine wahllose Abfolge immer brutalerer Aufnahmen. Jacopetti, der 2011 in Rom starb, hatte für seine Nachahmer zeitlebens nur Verachtung übrig: "Langeweile ist der Feind des Dokumentarfilms", schrieb er bereits 1966 in seinem Aufsatz "Überlegungen zum Dokumentarfilm". Und lässt sich "Mondo Cane" auch einiges vorwerfen - langweilig ist der Film bis heute nicht.



insgesamt 4 Beiträge
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Joachim Baum, 30.07.2012
1.
Natürlich habe ich Mondo Cane damals als Heranwachsender, gerade 18 jähriger, gesehen - ein bisschen sah man das ja auch als Mutprobe da hinein zugehen :-) Interessant allerdings sind meine nur spärlichen Erinnerungsfetzen daran, die kaum das im Artikel Beschriebene herbeirufen können. Was bis heute dennoch haften geblieben ist, waren die insektenverspeisenden Gourmets in New York, der mit blauer Farbe, Leintuch und sich darin wälzenden jungen Damen agierende Yves Klein sowie die wilde Farbattacke eines Tachisten (Georges Mathieu?) auf eine Leinwand. DER SPIEGEL hatte übrigens dazu damals auch eine Meinung :-): http://wissen.spiegel.de/wissen/image/show.html?did=45141758&aref=image035/0552/cqsp196239096-P2P-098.pdf&thumb=false
Gernot Kramper, 30.07.2012
2.
Danke für den Artikel Auch wenn man nicht den Sinn für diesen Mondo Film aufbringt, sollte man als Deutscher zumindest zwei Szenen kennen (Reeperbahn zum Thema Suff und Heidelberg zum Thema Nazi-Porn). Ebenfalls großartig das erste Fitnessstudio in Hollywood Unvergessen auch die oscargekrönte Filmmusik (youtube)
Bodo Kälberer, 31.07.2012
3.
"Mondo RTL2" fehlt noch in der Liste der überflüssigen Nachahmer ;-)
Lisa Langenberger, 31.07.2012
4.
Hier kann man sie übrigens direkt online schauen: http://dokumonster.de/sehen/5734-mondo-cane-deutsch/
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