80. Geburtstag von Donald Duck Ikone, unten ohne

Er ist der beliebteste Nichtsnutz der Welt: Seit 80 Jahren prägt Donald Duck Generationen von Kindern - mit seinem unermüdlichen Kampf gegen Kapitalisten, Diktatoren und Gustav Gans. Zeit, uns zu bedanken. Ein Liebesbrief an eine Ente.

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Lieber Donald,

Du warst nicht einmal 15 Jahre alt, und der Chemieriese BASF hieß noch "Badische Anilin- und Sodafabrik", da hast du der Welt gezeigt, was für ein Pfundskerl du bist: Tausende Tischtennisbälle hast du im Mai 1949 durch einen Schlauch in eine gesunkene Jacht gepumpt und sie so wieder auftauchen lassen. Bis heute ist deine Heldentat in einem Comic überliefert. Und damals beeindruckte sie offenbar sogar die hellen Köpfe des Chemikalienwerks in Ludwigshafen.

Denn 1964 barg das Unternehmen mit einem fast identischen Verfahren den im Hafen von Kuwait gesunkenen Frachter "Al Kuwait". Als der Konzern sich das Patent für den Coup sichern wollte, gab es allerdings eine Abfuhr, denn die Patenthüter standen dir bei: Sie erklärten nicht BASF zum Schöpfer der genialen Idee - sondern den berühmtesten Erpel der Welt. Dich, Donald Duck!

Seit deiner kühnen Idee sind nun 65 Jahre vergangen, doch an Witz und Vorbildcharakter hast du keine Schnabellänge verloren. Millionen Kinder sind mit dir aufgewachsen und alt geworden, du bist in Hunderten Filmen aufgetreten und zum Hollywood-Star geworden. Unzählige Heftchen mit deinen Lebensweisheiten ergatterte ich auf Flohmärkten, vergötterte dich in Tausenden Comic-Lesestunden, und nicht nur ich, nein, niemand würde dich heute noch nur für eine geschickt vermarktete Zeichnung halten. Du bist längst eine globale Identifikationsfigur. Ein Welterklärungsmodell mit Bürzel und Matrosenjacke. Kurzum: unsere Lieblingsente.

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Dabei waren deine ersten Gehversuche im Sommer 1934 alles andere als weltbewegend. In dem Disney-Trickfilm "The Wise Little Hen", der dich an jenem 9. Juni in den USA bekannt machte, hattest du nur eine bescheidene Nebenrolle - als fauler Wüterich. Doch schon mit drei Jahren begann deine Solokarriere in einer eigenen Cartoon-Serie: als Versager, als Pechvogel, als Nichtsnutz. Und deshalb als Held des Alltags, der dafür 2004 zu Recht einen Stern auf dem Hollywood Walk of Fame erhielt. Wahrscheinlich eine späte Genugtuung für dich nach den jahrelangen Anfeindungen.

Denn gerade wir Deutschen waren nicht immer nett zu dir. Ärzte, Pädagogen und Psychologen erklärten Comics in den Fünfzigerjahren zum gefährlichen "Opium der Kinderstube", zum Motor von Jugendverwahrlosung, zur Gefahr für Sitte und Anstand. Stöhn. Dabei warst du für mich seit meinem ersten Donald-Duck-Heft immer genau das Gegenteil: Du musstest gegen die Missgunst in Form von Nachbar Zorngiebel und gegen den Monopolkapitalismus von Onkel Dagobert kämpfen, der in seinen elf Oktillionen Talern badete und dich für sich arbeiten ließ. Seit den Vierzigerjahren hast du allein in den Comics des großen Zeichners Carl Barks mehr als hundert verschiedene Berufe ausprobiert - und dich dennoch nie aus dem Niedriglohnsektor hochgearbeitet.

Seufz.

Aber immerhin: Es ist dieser bemitleidenswert aussichtslose Kampf gegen alle Widerstände der Welt, der dich seit 1934 so sympathisch macht. Wie oft bin ich am Unglück verzweifelt, dass dich regelmäßig heimsuchte, wie oft habe ich mich nach eigenen Rückschlägen auf dem Schulhof und dem Bolzplatz mit dir solidarisiert. Während versnobte Proleten wie Gustav Gans sich sprechblasenverloren durch den Entenhausener Alltag faulenzten, hast du die Tragik deines Schicksals auf den Punkt gebracht: "Nichts als Wirtschaftswunder und Wirtschaftswundermänner, wohin man schaut! Trotzdem muss einer den Schmutz wegkehren, der dabei anfällt." Der Underduck Donald gegen die Auswüchse von Konsum und Kapitalismus: ein Kampf, den du nie gewinnen konntest.

Trotzdem hast du oft genug Mut bewiesen: Im Mai 1942 begann etwa dein Einsatz im Kampf gegen Hitler. Aufwendige Farbfilme zeigten in den Vereinigten Staaten, wie Donald Duck sich für die US-Army meldet ("Donald Gets Drafted"), wie ausgerechnet dieser verschuldete Tölpel zum Zahlen der Steuern in Kriegszeiten wirbt ("The Spirit of '43"), wie der Loser gegen den deutschen Nazi-Diktator Stimmung macht ("The Fuehrer's Face"): Millionen sahen zu, wie du im Traum den NS-Horror im "Nutzi Land" durchlebtest. Am Ende flog Hitler eine Tomate ins Gesicht, und du warst der Star der westlichen Demokratien.

Es war einer deiner seltenen politischen Auftritte. Denn eigentlich überlässt du den Part des Weltverbesserers ja lieber Micky Maus - und lässt deine eigene tollkühne Hälfte höchstens nachts zum Vorschein kommen: als Superheld mit dem Decknamen "Phantomias".

"Silly Symphony" - Frühes Donald Duck Video bei YouTube
So braust du seit 1969 im Superheldenkostüm nachts durch Entenhausen, um als Robin-Hood-Erpel in deinem knallroten 313er-Kleinwagen den Entrechteten beizustehen. Klammheimlich natürlich, niemand kennt die Identität hinter dem kühnen Retter. Umso mehr genoss ich es, bis spät in die Nacht heimlich deinen Abenteuern in meinen Comicheften zu folgen und dir innerlich zuzujubeln, weil dir permanent für deine Verhältnisse höchst Ungewöhnliches gelang: Du warst erfolgreich, mutig, sympathisch und gerecht. Dabei reicht den meisten Fans deine Rolle als alltäglicher Versager eigentlich aus - mehr noch: Das Interesse am liebenswerten Jedermann Donald hat längst akademische Dimensionen erreicht.

Denn schon in den Siebzigern formierte sich eine Bewegung, die dir noch näher aufs Federkleid rücken wollte: In der D.O.N.A.L.D., der "Deutschen Organisation der nichtkommerziellen Anhänger des lauteren Donaldismus", sammelt sich seitdem eine internationale Anhängerschar - vor allem in Nordeuropa und Deutschland. Durch das umtriebige Nachforschen dieser kühnen Wissenschaftler wissen wir nun fast alles über dich: Warum deine Zähne nur so selten zu sehen sind, ob du Sex hast, wo genau dein Haus in Entenhausen steht. Ich pubertierte bereits, als ich vom schrillen Treiben der Donaldisten erfuhr, und ich war ebenso elektrisiert wie sie. Denn wir wollen dich verstehen, lieber Donald - um uns selbst zu verstehen.

Leicht hast du uns das nicht gerade gemacht: Quasi nie erfährt man etwas über deine Herkunft, statt mit Frau und Kindern lebst du mit deinen Neffen Tick, Trick und Track zusammen - und selbst deine launische Freundin Daisy lässt du dir regelmäßig von Vetter Gustav Gans ausspannen.

Uff.

Und doch lieben wir dich. Denn auch an deinem 80. Geburtstag ist dein gealterter Bürzel noch voller Federn, die Matrosenmütze sitzt gewohnt galant, und die rote Fliege am blauen Jäckchen leuchtet keck wie eh und je. Weltbester Enterich, dazu und zu deinem Geburtstag ein herzliches klatsch, klatsch, klatsch!

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insgesamt 19 Beiträge
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Axel Sasse, 09.06.2014
1. Grobian Gans et. al
Die FAZ schreibt: "Diese Studie gehört in den Bücherschran eines jeden, der Grundlegendes über die Funtion der Ente im Spätkapitalismus erfahren möchte" Grobian Gans, "Die Ducks - Psychogramm einer Sippe", erschienen 1972, Rowohlt Verlag. " Mit äußerster Aribie widerlegt der Autor endich und schlüssig die bisher als gesichert betrachtete Thesem daß Dagobert Duck oder Daniel Düsentrieb den Sachzwängen und kryptofaschistischen Verhaltensnormen des herrschenden Systems ausreichenden Widerstand entgegensetzen."
Nick Klein, 09.06.2014
2. Cb
Carl Barks. Von dem stammte die Geschichte mit den Tischtennisballen. Und viele viele weitere tolle Geschichten, wunderbar übersetzt von Frau Dr. Erika Fuchs. Von der stammt übrigens der Spruch "Dem Ingenör ist nichts zu schwör".
Alexander Von Humboldt, 09.06.2014
3. Danke,
Dass sie auch meine lieblings Comicfigur mißbrauchen, um aus Ihr ein Kämpfer für die Linken zu machen... Ja man kann Gesellschaftskritik darein interpretieren, aber können wir nicht einfach ein Donald Duck so lassen wie er ist? Ein symphatischer Erpel, der ein Herz für alle hat, auch für seinen Monokapitalistischen Onkel. Schließlich hilft er ihm nicht nur einmal aus der Patsche. Woher kommt der unbedingte Wille bei den Linken in allem etwas politisches zu sehen, ob positiv oder negativ? Wer so sehr nach Bestätigung und Argumenten sucht, der weiß unterbewusst, dass seine Position angreifbar ist... Donald hat es nicht verdient als ihre propagandistische Galionsfigur herzuhalten. Er ist für alle da!
Lulu raickl, 09.06.2014
4.
wo genau steht denn da kritik. wenn man in alles, was ein wenig links scheint, sofort Kritik hineinlesen muss, um auf die vermeintliche destruktivitaet linken gedankenguts hinweisen zu wollen, ist das ein wenig dürftig
Axel Sasse, 09.06.2014
5. OKay @Alexander
Obwohl die Schrift von Grobian Gans vor mir liegt (Auflage 1984 127. - 133. Tausend), kann man dieses Wissen wohl nicht bei jedem voraussetzen. Es ist ein reales Buch: rororo Taschenbuch 1481 ISBN 349911481 x. Offenbar 1998 neu aufgelegt, ist laut amazon verfügbar. Oh Mann, ein Witz den man erklären muß - schade eigentlich
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